Untersendling.
Der
letzte Kampf der Aberlehexen |
Wenn
man die Lindwurmstraße stadtauswärts fährt, geht kurz
vor dem Sendlinger Berg links die Aberlestraße ab.
Bis in die Mitte der 90er Jahre herrschte hier ein
wenig wahrgenommener Krieg zwischen der neuen Zeit,
welche auf der linken Straßenseite schon eine Bastion
aus Betonwohnburg und Supermarkt errichtet hatte und
der langsamen, alten Zeit auf der rechten Seite. Hier
verteidigten zwei einschichtige Heldinnen zäh einen
Brückenkopf mit ländlich-häuslerischen Elementen. Es
waren graugesichtige Schwestern von unbestimmtem Alter,
die kaum mit jemandem sprachen. Eigensinnige
Endverzweigungen eines Stammbaums mit ländlichen Wurzeln,
aus dessen Geäst ihnen irgendwer nach dem Zweiten Weltkrieg
diese Baulücke vererbt hatte. Ihr brüchiges Häusl vom
Ende des
19. Jahrhunderts grenzte mit seiner Südfront unmittelbar
an den Gehsteig. Daneben stand eine schlichte Baracke,
in der ein stiller
Mechaniker Autos, Räder und Waschmaschinen reparierte.
Wer am Haus der Schwestern vorbeiging, nahm einen so
widerwärtigen Geruch wahr,
daß viele zunächst an einen Irrtum, eine Halluzination glaubten. Bei Westwind
zog dieses Aroma von verdorbenem Fleisch, ranziger Butter, faulendem Obst, Schweiß,
Moder, Fäulnis, Kot und Urin bis in die Lindwurmstraße, wo es der Fahrtwind der
Autos mit dem allgemeinen Dampf der Großstadt vermengte.
Die Aberlehexen oder Wielandmatzen, wie sie von frivolen Typen einer WG zwei
Häuser weiter genannt wurden, schätzten ihr Anwesen und wußten, daß es keinen
anderen Platz auf der Welt gab, wo zwei alte Mädchen ein bodenständiges Geschäft
auf so eigenwillige Art und Weise betreiben konnten. Am rückwärtigen Rand des
Grundstücks, das sich tief in die grünen Hinterhöfe erstreckte, standen in Hufeisenform
einfache Nachkriegsgaragen, die an Leute aus der Nachbarschaft vermietet waren.
Jedes Mal, wenn ein Autobesitzer die schiefe Gartentür öffnete und über den gewundenen
Kiesweg durch den Urwald aus Holler, Ahorn und Eschen zu seiner Garage stiefelte,
schob eine knotige Hand die zerschlissenen Fenstergardinen beiseite und ein runzeliges
Gesicht beobachtete mißtrauisch, ob der Fahrer nach dem Verlassen des Grundstücks
das Tor auch vorsichtig genug wieder schloß. Obwohl Garagen knapp waren in der
Gegend, kündigte immer wieder jemand. Nachts hörte man eine Horde Katzen wie
verlorene Kinder im Gebüsch schreien, und wer bei Mondlicht von einem Nachbarhaus
auf den Hinterhof blickte, sah huschende Schatten auf
dem Garagendach. Es war unheimlich, im Dunklen durch den lichtlosen Urwald zurück
zur Straße zu gehen.
Einmal am Tag, zwischen zehn und elf, unternahm eine der Hexen einen Ausfall
aus der Festung, überquerte die Straße und schlurfte auf der Suche nach Katzenfutter
durch den Coop. Wer sich auskannte im Viertel, ging jetzt nicht einkaufen, weil
der ganze Supermarkt elendig stank, solange sich eine von den Wielandweibern
drin aufhielt. Da half auch die neue Lüftungsanlage nicht, die zwischen zehn
und elf automatisch auf 10 gestellt wurde. Den Aberlehexen war das egal, um diese
Zeit hatten sie den Coop für sich.
Ob ihre Verschrobenheit auf böse Erlebnisse im Ersten oder Zweiten Weltkrieg
zurückzuführen war, wollte in der mehr praktisch veranlagten Nachkriegszeit keiner
wissen. Die Fenster des Hauses blieben jedenfalls immer geschlossen. Die im Erdgeschoß waren
längst blind und die im oberen Stock zerbrochen. Tauben flogen aus und ein und
verschissen den Boden, wo bereits ein paar tote Katzen lagen, manche verwesend,
andere schon mumifiziert. Irgendwann bewohnten die Schwestern nur noch ein Zimmer
im Erdgeschoß, eine Art Wohnküchenklokassenbüro, das sie nur selten verließen.
Abwechselnd erschien die Kleine oder die Große in der
Haustür, schaute skeptisch um sich, kratzte ihren vergrindeten Kopf, nahm den
Besen vom Haken und hatschte durch den Urwald zu den Garagen, kehrte den Hof
und sprach dabei mit den Katzen, die von den Dächern herunterraunzten.
Irgendwann schickten riefen mißgünstige Nachbarn das Ordnungsamt. Man schaffte
neun tote Katzen und drei Zentner Taubenkot weg, konnte die Aktion aber nicht
zu Ende führen, weil die Arbeiter trotz Mundschutz mit Würgereiz kämpften und
schließlich mit Kreislaufproblemen zusammenbrachen.
Die Schwestern führten einen Zweifrontenkrieg, gegen das übertriebene Sauberkeitsverständnis
der Außenwelt und gegen eine Armee von Geschäftemachern, die das selbstvergessen
vor sich hin muffelnde Anwesen schon längst umzingelt hatte und den Belagerungsring
Jahr um Jahr enger zog. Alle paar Wochen versuchte ein anderer Immobilienschlauberger
mit den Weibern ins Gespräch zu kommen. Aber schon wenn er die wacklige Tür zum
Holzverschlag vor dem Haus öffnete, rumpelte eine heraus und fluchte gotteslästerlich,
während ein infernalischer Gestank durch den Türspalt ins Freie strömte. Obwohl
die Raffgier der 80er Jahren zügellos war, gelang es nur einem einzigen, länger
als eine Viertelstunde im Hausinneren durchzuhalten. Anschließend fuhr er in
seinem Cabrio zwar zweimal aufrechtstehend nach Starnberg und zurück, hatte aber
immer noch einen so fürchterlichen Geruch an sich, daß ihn seine Frau abends
aus der Wohnung warf. Sie zwang ihn zum Entkleiden auf dem Hof, stopfte seine
Klamotten in einen Müllsack und schickte den Mann unter die Dusche. Der Anzug,
ein Modell von Gianfranco Ferré im Wert von 2900 Mark, den er immer anlegte,
wenn Geschäfte von über drei Millionen winkten, war nicht mehr zu retten. Er
stank auch noch, als er das Intensivmartinizing der Kingsgard Reinigung dreimal
durchlaufen hatte und gelangte schließlich über die Kleidersammlung, wo er nochmal
gereinigt wurde, an einen Träger, der im Sommer unter der Luitpoldbrücke wohnte,
und selbst dort fanden die Mitbewohner, er rieche zu streng.
Das Glück der Aberlehexen war, abgesehen von der Zuneigung, die ihnen die Katzen
entgegengebrachten, daß sie keine Verwandschaft mehr hatten.
Es gab zwar noch einen Neffen, aber der war ein lauterer Doktor und ging frei
von Gewinnsucht seinem medizinischen Tagewerk nach. Er ließ die Tanten in Frieden
und so rottete ihr Haus erhaben vor sich hin. Coop ging Pleite, schloß die Schwingtüren
und eröffnete drei Tage später wieder als HL Markt. Alle paar Jahre ein anderer
Name, doch die Aberlehexen blieben ihm treu.
Sie verbrauchten wenig Strom. Ihr einziges Elektrogerät war die 40 Watt Birne
am Küchenplafond, und auch die brannte nur, wenn es unbedingt sein mußte.
Die Front bekam den ersten Riß, als Mitte der achtziger Jahre die Große starb.
Geruchlich verdarb das nicht viel und so ließ die Schwester sie noch einige Tage
auf der Couch sitzen, bevor sie über die Straße humpelte und der Kassiererin
im HL sagte, geh, ruf bei der Stadt an.
Jetzt atmete die Kleine auf und genoß das Mehr an Bewegungsfreiheit. Mit einem
Mal stand es ihr frei, die Straße vom Stuhl oder vom Sofa aus zu beobachten.
Manche hatten gehofft, sie würde die Einsamkeit nicht aushalten und ins Heim
gehen. Das roch sie aber und wurde noch mißtrauischer. Selbst die Garagenmieter,
denen sie am Monatsersten das Geld in bar abknöpfte, wurden angeraunzt, als seien
sie Störenfriede.
Ein Nachbar, den die Wildnis ärgerte, versuchte, ihr via Verwahrlosung Unzurechnungsfähigkeit
anzuhängen. Als der Beamte vom Ordnungsamt anklopfte, gab sie ihm jedoch klar
zu verstehen, daß es immer noch ihr Sach sei, und da führe sie den Haushalt so
wie's ihr taugt. Sie konnte nicht verhindern, daß Männer einer Kammerjägerfirma
ins Haus eindrangen, diesmal mit Gasmasken, und eine Tonne Unrat Richtung Großlappen
entführten, trotzdem war es ihr noch einmal gelungen, die Stellung zu halten.
Ein paar Jahre später holte die Städtische Bestattung aber auch sie. Der Mechaniker
nebenan mußte raus, die Mieter verloren ihre Garagen, und was an Katzen greifbar
war, kam ins Tierheim.
Ein paar Jahre ruhte das Grundstück. Ratten, Marder, Katzen und Vögel übernahmen
das Gebüsch mit der Selbstverständlichkeit eines Stammes, der seit Jahrtausenden
hier siedelt.
Dann kamen Bagger und Planierraupen und hoben eine riesige Baugrube aus, an deren
Seiten die Schotterschichten ein letztes Mal die Erdzeitalter des Isartals zeigten,
und dann wurden Spundwände in die Tiefe gestoßen, mit einer so ungeheuren Kraft,
daß in der Nachbarschaft die Fensterscheiben klirrten und der Deckenputz, dem
die Bombenangriffe des Zweiten Weltkrieges nichts hatten anhaben können, in langen
Rissen aufsprang.
Wo früher die Aberlehexen hausten, leben jetzt ein Softwareentwickler mit einer
hessischen Freundin, ein Astrologe, ein Apotheker und ein Schauspieler, Angestellte
von BMW und Siemens, Leiterinnen von Gleichstellungsstellen und anderes buntes
Volk. Im Großen und Ganzen gefällt es ihnen, erzählen aber nach der dritten Halbe, öfter
von einem modrigen Geruch zu erwachen, während draußen jemand schimpfend und
stöhnend durchs Gebäude humpelt. Gleichzeitig schlichen dann räudige Katzen über
die Terrassen und schrieen schlimmer als Kinder mit Mittelohrentzündung. Einige
versuchen zwar, die Katzen druch Füttern umzustimmen, aber alles, was sie bekommen,
sind Bisse und Kratzwunden, die wochenlang nicht verheilen und unangenehm riechen.
Die Läden im Haus kommen und gehen, angelockt von der erhofften Kaufkraft der
Untersendlinger und vertrieben von den erbarmungslosen Mieten. Was bleibt, ist
die Bäckerei Schweiger. Jeder, der länger hier wohnt, schätzt sie. Ringsherum
lauern die Filialbackhyänen und wollen dem kleinen Laden an die Gurgel, die Bäckerei
Schweiger aber trotzt den Marketingstrategen mit besseren Semmeln und überlegenem
Gebäck. Hier wird vernünftiges Brot gebacken. Der eilige Kunde findet im Regal
das Nötigste an Milch, Butter, Marmelade und Kaffee, wird freundlich bedient
und spart sich die Expedition durch den Supermarkt.
Die Aberlestraße hat alles, was man braucht, bayerische Obst- und griechische
Gemüsetandler, Italiener, Getränkemarkt, Juwelier, Polsterer Klavier- und Piercingladen,
gebeutelte Randgruppenvertreter auf den Bänken der Grünanlage. Die Kirchenglocken
auf dem Sendlinger Berg erinnern an Gott und vierzig Meter tiefer sorgen die
Politessen für Parkdisziplin.
Georg
Ringsgwandl |
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