Doping
gilt heute als moralisch schlecht. Wenn es nach der
gängigen Meinung ginge, dürften nur solche Sportler
antreten, die sich strikt natürlich ernähren. Ist das
nicht komisch? Zahnärzte, Lehrer, LKW Fahrer gehen
nicht ohne Kaffee an die Arbeit, kaum eine Krankenschwester,
die nicht zwischendurch eine raucht, aber der Marathonläufer
soll seine 42 Kilometer stocknüchtern durchtraben.
Man stiehlt sich mit diversen Süchten durch den Alltag und meint dennoch, die
Sportler müßten gesund leben. Sie sollen sich Tag für Tag stundenlang schinden,
Kreuzbänder und Sprunggelenke ruinieren, aber bitte kein Doping. Trotzdem genießt
jeder den Aufruhr, der inszeniert wird, wenn man einen "Dopingsünder" ertappt,
gerne und ausführlich im Fernsehen. Andererseits soll es jedes Jahr Rekorde hageln.
Ja wie denn? In der Wirtschaft wird getäuscht, in der Politik gelogen, im Privaten
getrickst, aber im Sport, da soll nur genehmigte Nahrung auf den Tisch. Manchmal
kommt es mir vor wie bei den Christen: Jeder sündigt vor sich hin, aber die Pfarrer
sollen so leben, wie es sich gehört.
Wahrhaftigkeit, liebe Mitbürger/Innen, Ehrlichkeit! Was wollen wir denn von den
Sportlern? Doch nicht die Hundertmeterzeit von vor dreiundzwanzig Jahren, wir
wollen Sensationen. Wie soll das aber gehen, wenn man den Athleten die Mittel
verbietet, die sie für Bestleistungen brauchen? Nehmen Sie die Formel 1. Die
ist nur interessant, wenn der neueste Ferrari mit der ausgekochtesten Motor-
und Fahrwerkelektronik am Start ist. Nur die Rennwägen haben eine Chance, die
auf allerhöchstem Stand getuned sind, d.h. technisch gedopt sind. Kein Mensch
würde zuschauen, wenn Schumacher und Häkkinen im Käfer und im Borgward von 1948 über
den Nürburgring hüstelten.
Und ob Schumacher jetzt nüchtern fährt oder vorher eine Spezialinfusion bekommen
hat, ist mir absolut egal. Mehr noch: es hat mir sogar egal zu sein, schließlich
bin nicht ich es, der am Wochenende sein Leben risikiert, sondern er. Er ist
volljährig und aufgeklärt, keiner braucht ihm sagen, daß es nicht um Krankengymnastik
geht, er ist ein freier Bürger und hat damit, wie der ADAC immer sagte, ein Recht
auf FREIE FAHRT.
Andrerseits bin ich kein Dogmatiker. Meinetwegen sollen Sportler ruhig unter
Kamillentee und Tofuschnitzel trainieren. Ich plädiere dann allerdings für eine
komplette Neustrukturierung des Leistungssports, und zwar in zwei Sparten: die
Natürliche und die Chemische.
Das heißt, daß es dann zum Beispiel im Rudersport zwei Achter mit Steuermann
gibt, einen Natürlichen und einen Chemischen. Dem ersten bestätigt ein Zertifikat
vom DNS (Deutscher NaturSportbund), daß sich jeder der acht Kämpen einwandfrei
ernährt hat, während der zweite Achter, der vom DCS (Deutscher ChemieSportbund),
aus Sportlern besteht, welche bei Training und Wettkampf einer mehr oder weniger
geschickt zusammengestellten Apotheke vertrauen.
Das wäre nicht nur fairer gegenüber den Sportlern, die mit der Schinderei ja
schließlich ihre Familien ernähren müssen, es wäre auch ein enormer Impuls für
die Wirtschaft. Ein Impuls, dessen Kraft man höchstens dann ermessen kann,
wenn man sich die Formel 1 oder den Fußball genauer unter die Lupe nimmt. Hier
hängt jeweils eine ganze Industrie dran. Genauer gesagt: die Industrie fördert
den Sport und der Sport fördert die Industrie. Von Zigaretten über Öl, Bekleidung,
Benzin, Milch und Bier bis zu Telefon und Computer stellt jeder Wettkampf für
den fernsehenden Verbraucher (und das sind die wesentlichen Teile der Bevölkerung)
eine Anregung zum Kauf und damit zur Ankurbelung des wirtschaftlichen Wachstums
dar, wie sie die Politik so schnell nicht leisten kann.
Keine Angst! Jeder wird einen Nutzen haben, wenn man der Pharmazeutischen Industrie
und der Medizin bei der Optimierung des Sportlertunings endlich freie Hand gibt.
Das wird für den Normalbürger nämlich ebensolche Fortschritte bringen, wie sie
die Weltraumfahrt für unseren Alltag (Teflonpfannen!) und der Rennsport für den
normalen Autofahrer brachte (Spoiler, Breitreifen, Alufelgen).
Ich bin neugierig, welche Olympiade die höheren Einschaltquoten haben wird, die
Natürliche oder die Chemische. Jeder Mensch ist auf Hochleistung erpicht, nicht
nur der Leistungssportler. Keiner wohnt gern im versifften Haus an der lauten
Straße, jeder möchte die schönste Frau im schönsten Auto zum schickesten Haus
fahren. So funktioniert die Wirtschaft, und ohne Wirtschaft nichts Soziales.
Der neue Leistungssport wird den Arbeitsmarkt ganz enorm beschwingen: Neue biotechnologische
Fachkräfte werden ihr Brot damit verdienen, Sportler des DCS in Hochform zu bringen.
So wie der Junkie einen erfahrenen Drogenberater schätzt, wird der Spitzensportler
von einem qualifizierten Dopingberater profitieren. Nur eine Perspektive unter
vielen wäre ein Aufbaustudium, bei dem Mediziner, Apotheker und Ökotrophologen
lernen, wie man Anabolika so dosiert, daß, sagen wir, eine Schwimmerin zwar einerseits
Medaillen holt, andererseits aber so weiblich bleibt, daß sie nach Beendigung
der aktiven Laufbahn noch einen Mann und Kinder kriegen kann.
Vielleicht geht die Entwicklung auch dahin, daß die Mister Universum Wettbewerbe
aufgeteilt werden in Natürliche und Chemische. Dann gibt es Schauen mit Muskelmonstern
und andere Schauen mit leidlich normal aussehenden Männern. Erstere gesponsort
von einem Konzern für Tierzuchtpharmazie, letztere präsentiert von der Ortskrankenkasse.
Alles Phantasie zum jetzigen Zeitpunkt. Es wird jedenfalls Bewegung kommen in
die Antidopinggemeinde. Das bigotte Getue wird historisch als Marotte einer verwöhnten
Zivilisation abgelegt werden. Man wird belächeln, wie eine Gruppe von besserwisserischen
Scheinheiligen je glauben konnte, große Leistungen seien rein nüchtern zustande
zu bringen.
Kein Wikinger wäre je bei saukaltem, zugigem Wetter auf Eroberung gegangen, hätten
ihm nicht ein paar Humpen Met das Unternehmen rosiger erscheinen lassen,
als es sich später herausstellte.
Oder nehmen Sie die Kunst. Millionen Dollar werden für Bilder gezahlt, die ein
Maler schuf, der meist betrunken war, und keiner stößt sich daran. Oder steht
jemand bei der Frühjahrsauktion von Sotheby's in New York auf und sagt: Moment,
so gehts nicht, das Bild ist unter Cocain und Alkohol entstanden. Nein. Der Käufer
legt stocknüchtern das Geld hin und hofft, es in ein paar Jahren mit berauschendem
Gewinn wieder losschlagen zu können.
Auch Napoleon war kein Abstinenzler. Im Vietnamkrieg waren Drogen im Spiel und
von Afghanistan ist auch nichts besseres zu erwarten. Die Sportler aber sollen
sich nüchtern vom Zehnmeterbrett stürzen. Ich verstehe das Genörgle nicht. Keiner
schaut sich die Rolling Stones an und erwartet, daß sie ungedopt auf die Bühne
gehen.
Wir halten uns viel darauf zugute, eine freie Welt zu sein, freies Spiel der
Kräfte, Wettbewerb usw., warum wehren wir uns so gegen einen freien Sportmarkt?
Es würde einen Schub für den internationalen Wettbewerb geben, von dem wir heute
nur träumen können. Wenn z.B. bei der Chemisch-Leichtathletischen Weltmeisterschaft
jeweils in Gestalt eines Hundertmeterläufers die japanische gegen die deutsche
Pharmaindustrie antritt, wird selbst dem größten Schnarchhaken dämmern, was Globaler
Wettbewerb bedeutet.
Was natürlich weiterhin gelten muß, ist: meine Leber gehört mir, also: kein Doping
ohne mein Wissen! Nicht daß jemand dem Dauerläufer die Zahnpasta heimlich mit
Aufputschmitteln versetzt. Der Sportler selbst muß die chemische Oberhoheit über
seinen Organismus behalten. Er informiert sich und tritt dann dem NSD oder dem
CSD bei, das bleibt seine ureigene Entscheidung. Es sei denn, er/sie/es ist minderjährig,
dann tun das die Eltern. Nun könnte man einwenden: was passiert mit den Turn-
und Schlittschuhkindern, die können sich doch nicht wehren, wenn ehrgeizige Eltern
sie beim DCS angemelden. Das ist richtig, andrerseits hat aber auch nie wer protestiert,
wenn hunderttausende von Kindern massiv mit Schokoriegeln, Zuckersäften und frittierten
Schweinohrwascheln gemästet werden, und das, ohne Sport. Im Gegenteil, mit vierzehn
sind sie schon so übergewichtig sind, daß sie es ihnen die Beine zu X-Haxen zusammendrückt
und sie ohne Pause keine hundert Meter mehr laufen können.
Heuchelei, wohin man schaut.
Ich weiß von Dopingfällen in der unteren Fußballkreisliga, und zwar Doping nach
dem Spiel. Dort wird Augustiner mit Schuß oder Erdinger Weiße mit Cola wird im Übermaß an
aktive Fußballer abgegeben und keiner hat was dagegen. Fälle, die immer wieder
vorkommen und kein Aufschrei in der Sportschau. Nie hat das eine Schlagzeile
der Bildzeitung geahndet. Dabei geht es hier um schwere Dopingfälle. Zum Teil
müssen die Sportler ihr Auto stehen lassen und zu Fuß heimgehen. All das bleibt
ungesühnt.
Ein Freund hat es letzthin so zusammengefaßt: Der Normalbürger mag mit Abstinenz
durchkommen, Große Leistungen aber gibt's nur mit Chemie. Kokain bei Freud, LSD
bei Andy Warhol, Wein bei Goethe, Morphin bei Trakl und Baudelaire. Auch heute
greifen Liedermacher und Fußballtrainer wieder zu leistungssteigernden Stoffen,
wenn es darum geht, dem Publikum Spitzenleistungen zu präsentieren.
Große Politik, heißt es, sei ohne chemische Zusätze garnicht denkbar. Willy Brandt
sei Säufer gewesen und auch Strauß habe ein Bier, wenn man es ihm anbot, nicht
immer ausgeschlagen.
Ein Politiker, der nach einem belastenden Arbeitstrinken auf dem Oktoberfest
starb, sagte mir kurz vor seinem Tod, es sei empörend, daß man von ihm verlange,
er solle stocknüchtern im Fernsehen sprechen, während Journalisten und Wähler
sich nicht einmal trauten, ohne Betablocker den Führerschein zu machen.
Vielleicht steckt hinter dem allgemeinen Antidopingfimmel auch nur schlechtes
Gewissen. Man flezt sich im Trainingsanzug vor den Fernseher und schaut saufend
und chipfressend zu, wie sich andere die Seele aus dem Leib rennen oder beim
Skispringen Kopf und Kragen riskieren. Insgeheim weiß aber selbst die verkommenste
Schnapsdrossel, daß die Athleten Karriere und Gelenkknorpel hingeben, um uns
einen kurzweiligen Abend zu bereiten. Dann schleicht sich das Gefühl ein, das
Opfer der Sportler ist mit der Rundfunkgebühr nicht fair entgolten, das mündet
in Schuldgefühle und derer versucht man sich zu entledigen, indem man laut schreit:
Doping ist ungesund, unsere armen Sportler usw... Mit anderen Worten: wenn sie
sich für uns schon das Genick brechen, dann wenigstens gesund.
Freilich kann es auch so ausgehen, daß auf lange Sicht die Naturburschen den
Chemikern überlegen sind. Vielleicht stellt ja sich heraus, daß zuviel Chemie
den Organismus über Gebühr beutelt, was bedeuten würde, daß Gottes ursprüngliches
Modell der durch den Menschen nachgebesserten Version am Ende doch überlegen
ist. Auch darauf bin ich gefaßt. Es geht ja, wie gesagt, um den freien Wettstreit
der Konzepten und das heißt letztlich Gewinnung einer höheren Erkenntnis. Lassen
wir uns darauf ein.
Georg Ringsgwandl |