Die
Heimat ist dort, wo so geredet wird, wie einem der
Schnabel gewachsen ist. Und obwohl ich nicht in die
Reichenhaller Blaskapelle aufgenommen wurde, weil ich
Oberschüler war und bei den Ringern nicht in die zweite
Mannschaft kam, weil ich zu schwach war, freut es mich,
wenn ich beim Frühstück in einem abgelegenen Bed&Breakfast
im Wald im hintersten Maine, U.S.A., einen kennenlerne,
der Gschwendtner heißt und aus Hammerau kommt, was
fünf Kilometer saalachabwärts von Reichenhall, Ortsteil
Staufenbrücke, liegt, wo ich aufgewachsen bin. Wir
finden ein Dutzend Leute heraus, die wir beide kennen
und dann herrscht in diesem 5000 km entfernten Ort
mehr Heimat als in Reichenhall selbst. Dort kann es
mir nämlich passieren, daß ich durch die Innenstadt
gehe und feststellen muß, daß das alte Café Dreher
fehlt. Eine schamlose Bautafel kündigt ein Praxis-
und Geschäftsgebäude an und ein paar Meter weiter läuft
mir die seinerzeitige Schönheitskönigin des Karlsgymnasiums über
den Weg, der ich gram bin, weil sie sich die letzten
35 Jahre derartig hat gehen lassen.
Ich
bin kein schräger Vogel, der eine mehr oder weniger
kranke Haßliebe zu seiner Heimat hegt. Meine Heimat
ist im engeren Sinne das Grundstück Auenstraße Nr.
19 in Reichenhall-Staufenbrück, wo mein einäugiger
Vater am 15. November 1948 vormittags meine Nachgeburt
im Garten vergrub. Eine lädierte Heimat, denn das
klapprig gemütliche Nachkriegshäusl, wo es meine
23-jährige Mutter nach achtundvierzig Stunden Wehen
unter der Anleitung der Hebamme Kranawittvogl gerade
noch schaffte, mich herauszuquetschen, gibt es nicht
mehr. Inzwischen steht dort ein solider Neubau, den
meine Schwester mit Mann und Buben hinstellte, weil
auch sie irgendwie die Dämonen einer erstickenden
Kleinhäuslerjugend vertreiben mußte und mein Vater
ohnehin immer sagte, wenn er grantelnd durchs Haus
schlich, "reißt sie's weg, die Bruchhüttn, wenn
ich einmal nicht mehr bin, und baut's euch was Gescheites
hin!". Mein Vater, der Habenichts, liebte seine
Heimat. Er wanderte durchs Gebirge, ging als Arbeitsloser
zum Barras und kletterte alle einigermaßen machbaren
Routen des Berchtesgadener Landes. Später, als es
wegen der Kriegsverletzungen schwieriger wurde, nahm
er den Zeichenblock mit und malte Aquarelle.
Leider
kann ich die Berge nicht mehr ganz unbefangen genießen.
Seit Heino mit der dunklen Sonnenbrille und einer
Schar Frührentner in rotweißkarierten Hemden und
Bundhosen im Fernsehen singend die Alm heruntermarschiert,
(ja, marschiert) ist mir etwas verdorben. Alle heiligen
Zeiten kam ich gerne mal nach Hause. Wenn der Zug
von Traunstein Richtung Freilassing fuhr und die
ersten bekannten Berge auftauchten, stieg ein aufregendes,
warmes Gefühl in mir auf. Der freudige Empfang zuhause,
das speziell riechende Haus mit den Möbeln, die mein
Vater selbst gezimmert hatte, und während mir meine
Mutter zwei Paar Wiener warm machte, wollte jeder
als erster die letzten Neuigkeiten erzählen. Ein
warmer, einladender Ort, -für zwei Tage. Dann noch
ein paar Tage, die auszuhalten waren, und dann war
es wieder höchste Zeit zu verschwinden.
Je
weiter die Jugend in die Vergangenheit versinkt,
je weiter man von daheim weg ist und je garstiger
sich die Fremde darstellt, desto mehr verklärt sich
die Heimat. Der Heimat jammern ja die am meisten
nach, denen es daheim immer gut ging. Der Zahnarztsohn
aus der Villa auf dem Hügel mag Reichenhall in glänzender
Erinnerung haben. Für den Buben aus Aufham, den sie
nach der zehnten Klasse aus dem Gymnasium ekelten,
obwohl er das Zeug zu einem hervorragenden Naturwissenschaftler
gehabt hätte, ist die Optik sicher eine ganz andere.
Wenn über Heimat schwadroniert wird, wenn die Heimatliebe
in zumutungsreichen Bräuchen und lokalpatriotischem
Blöddahergerede ausbricht, dann vergißt man leicht,
daß es immer schon viele gab, denen die Heimat vergällt
wurde. Die Hugenotten zum Beispiel, die mit Frau
und Kindern über tausend strapaziöse Kilometer nach
Preußen flüchteten, weil die Kirche sie von ihren ärmlichen
Höfen im Salzburger Land vertrieb. Heimat kann grausam
sein. Während sich die Fürstbischöfe von Salzburg
mit ihren Mätressen im Schloß Mirabell vergnügten,
warfen sie einen armen Hund wegen einer Kleinigkeit
ins Gefängnis und verkauften ihn als Galeerensklaven
nach Venedig. So einer hatte dann gar keine Heimat
mehr. Es sei denn, man ist zynisch und behauptet,
die Holzbank, an die er für den Rest seines Lebens
im Gestank der Exkremente gekettet war, sei sein
neues Zuhause. Für so jemand gab es nur eine sichere
Heimat, und das war der Tod. Und weil es von den
Geplagten so viele gab, konnte sich die Kirche im
Süden so lange halten. Der Bevölkerung ging es dreckig,
ihre Verhältnisse waren aussichtslos und ihre einzige
Hoffnung war ein Paradies im Jenseits, und selbst
damit wurde gegeizt. Und so sortiert sich, wenns
um Heimat geht, die Bevölkerung: die Wohlsituierten
preisen die gute alte Zeit, geben sich konservativ
und werden ekelhaft, sobald ein Fremder auftaucht.
Schwelgerei in König Ludwig Märchenwelten sollte
nur Leuten erlaubt sein, deren Gegenwart so verzweifelt
ist, daß das Suhlen in der Kitschvergangenheit die
einzige Labsal für ihre Seele ist.
An
sich habe ich nichts gegen Lokalpatriotismus, es
fällt mir dafür bloß kein erfreuliches Beispiel ein.
Ich finde keine richtigen Gründe für den Lokalpatriotismus.
Allenfalls für Stolz auf die lokale Fußballmannschaft,
aber auch das nur solange es nicht nur ums Geschäft
geht. In Garmisch-Partenkirchen gibt es einen Trachtenverein,
der keine Zugereisten nimmt, sie nicht und auch ihre
in Garmisch geborenen Kinder nicht, erst deren Kinder.
Aber auch nur dann, wenn immer alle in Garmischer
Talkessel gelebt haben. Du magst dort Chefarzt sein
oder ein anderer Geschäftsmann, erst deine Enkelkinder
dürfen Trachtler werden, das nenne ich Lokalpatriotismus.
Jeder, der nicht zu heiß gebadet worden ist, weiß,
daß man gute und schlechte Erfahrungen mit der Gegend
macht, aus der man kommt. Als ich in die Oberschule
ging, kam es häufiger vor, daß mein Vater in der
Stadt einen alten Nazi auf offener Straße zur Rede
stellte und wegen dessen Gemeinheiten im 2. Weltkrieg
anbrüllte. Ein Haufen Leute lief zusammen und damals
schämte ich mich. Heute nicht mehr. Ich habe mittlerweile
verstanden, daß mein Vater als armer Hund, mehrfach
degradiert und schwer verletzt aus dem Krieg zurückgekommen
war, während die Generale in Ruhe und Hochnäsigkeit
komfortabel die Nachkriegsjahre verlebten.
Das
war meine Heimat, das schöne Bad Reichenhall, wo
die Saalach durchfließt, die ich in einem selbstgebauten
Holzkajak mit einem alten Leintuch am Mast flußaufwärts
segelte, hinter der Au, wo wir mit den Nachbarmädchen
Doktor gespielt hatten, wo wir meine zweijährige
Schwester 1952 gerade noch von einem Fremden wegzerren
konnten, der schon dabei war, sie mitzunehmen. Es
war viel Gesindel unterwegs nach dem Zweiten Weltkrieg.
Im staatlichen Kurbad Reichenhall war ein entnazifizierter
Nazi Direktor des Gymnasiums. Der Physiklehrer pries
im Unterricht die Vorzüge des Hitlerregimes, zog
ein dreizehnjähriges Mädchen wegen eines Rechenfehlers
bei den Schläfenhaaren aus der Bank, schleifte es
nach vorne und wischte mit ihren Haaren die Tafel
ab, und der Direktor tat nichts, weil der Physik-Nazi
zuviel über seine Vergangenheit wußte. Der Direktor
tat auch nichts gegen den Zeichenlehrer, der die
Unterrichtsstunden nebenan im Schwabenbräu verbrachte.
Dem Säufer war schlecht beizukommen, er hatte nämlich
zuhause einen Film aufbewahrt, der den Direktor bei
einer verfänglichen Rede im Dritten Reich zeigte.
Wie
soll man so eine Heimat lieben? Ich mag das Tal und
die Stadt, obwohl meine Eltern, die Verwandtschaft
und die Freunde dort lebten, und obwohl die Schule
so verkommen verlogen war und obwohl einen Ärzte
und Geschäftleute wie Dreck behandelten. Manche lieben
die Heimat wegen der schönen Landschaft und der edlen
Menschen. Ich halte es mit der Heimat wie mit meiner
Nase, ich hab sie mir nicht ausgesucht, aber ich
komme mit ihr zurecht.
Georg Ringsgwandl