Prosa
Über Jörg Hube - Der Strauß und der Bewährungshelfer

Als wir im Herbst '98 den “Ludwig“ probten und mir die Schauspieler davonliefen, dachte ich an Jörg Hube. Es hieß, er sei nicht verfügbar, hat sich beim Puntila den Knöchel verstaucht, probt in der Oper den Freischütz und schreibt am neuen Herzkasperl. Ich brauchte ihn aber dringend und da sagte er zu ohne einen Augenblick zu zögern. Mehr noch, er tat es zickenfrei, und das ist selten in diesem Gewerbe. Er sagte zu, obwohl er viel am Hut hatte und das Leiden seiner schwerkranken Mutter auf ihm lastete.

Dann allerdings: Hube bei den Proben. An sich kann er garnicht, weil ihn drei andere Projekte drücken, aber er kommt trotzdem, nur ein bißl später und dann sieht er aus wie einer, der sich gerade am nächstbesten Caritascontainer eingekleidet hat. Wie der Herr Schäbig von Beigehausen. Das braungrau gemusterte Jackett vom Wühlhaufen des Wochenmarktes Dingolfing Über taubenmausgraublauer Hose und diagonal karierten Socken undefinierbarer Farbgebung, was sage ich: Farbverirrung, Nichtfarbenversündigung, mißratene Unfärbigkeit fehlgekaufter Dys-Klamotten.

So hockt er sich mitten in die Szene auf einen Stuhl, grob störend in seiner trostlosen Zivilmontur (alle anderen längst im Probenkostüm), läßt das Gesicht fallen und fragt : „was, bei so einem Scheiß soll ich mitmachen?“ Dann liest er seinen Text so angewidert runter, daß sich die Seele des Autors vor Geniemangelscham windet. Oft geht es dann nicht anders als daß einer zum Metzger radelt und eine Brotzeit besorgt, Leberkäs und Brezen und damit ist die Probe gelaufen.

Fall B: keiner besorgt eine Brotzeit. Dann hockt er zusammengesunken da und bringt alle so runter, daß es nicht mehr tiefer geht, bis auf Bodenbrettlniveau. Aber kurz bevor alle davonlaufen, hört man ein leises Geräusch, ein feines Surren wie von einer anlaufenden Turbine: Der Griesgram Hube läuft warm. Dann brechen in einer Serie von Eruptionen Einfälle aus ihm hervor, von denen der Normale nicht einmal träumt, dann ist es für den Regisseur wie in einer guten Konditorei: die Auslage voller Torten, man braucht sich nur das beste aussuchen.

Bald danach: der posteruptive Hube, 85 Kilo pyknische Zerknirschung, Jörg wieder bieder, der seine grandiosen Ideen gleich wieder als pubertÄre Blödelein vergraben will, diese Goldkörner, Diamanten, diese edelste Ware will er dann in den Müll kippen und orakelt was von seriöser Arbeit und solidem Handwerk wie Staatsintendanten auf der Suche nach einem Alibi für ihre Einfallslosigkeit. Dann muß jemand den wahnsinnigen Hube vor dem kleinmütigen schützen. Nach so einer Probe möchte man ihm eine Luxusbrotzeit aufdrängen, doch häufig lehnt er ab. Der nähere Kontakt zu ihm ist kein leichter.

Einer, dem's nicht ums Geld geht

Nach einem anstrengenden Tag spielt er eine Theatervorstellung, setzt sich um Mitternacht in seinen verschissenen Polo und öttelt Hunderte von Kilometern durch die Gegend zu irgendeiner Verpflichtung, die er meint wahrnehmen zu müssen.

Er ist einer der paar besten Kabarettisten im deutschsprachigen Raum und der einzige, der damit nie Geld verdient hat, nie verdienen wollte. Wenn er wieder mal irgendwo am Arsch der Welt für zweitausend Mark den Herzkasperl gespielt hat, wo er doch leicht ein Mehrfaches dafür kriegen könnte, höre ich Gott vom Firmament herunterbrüllen: Jörg Hube, bei deinem Talent, bei deinem Können, warum fährst du nicht im Achtzylinder mit Chauffeur? Aber nein, Bescheidenheit heißt seine Freundin. Für ihn reicht es, nach der Vorstellung die Kammerspiele durch den Hintereingang zu verlassen und sich “in die Emmi“ hinein-zuhocken, wo ihn der Hund anbrunzt. Zu karger Atzung. Zum Verzweifeln. Vielleicht meint er - aufgrund irgendwelcher früh-kindlicher Traumata- keinen Luxus genießen zu dürfen. Vielleicht bedeutet ihm das nichts, vielleicht hat er andere Freuden, von denen wir nichts wissen, weiß Gott.

Er hat hervorragende Film- und Fernsehrollen gespielt und nie welche, für die er sich schämen müßte. Er ist nicht der, der überall dabei sein muß. Er kann damit leben, nicht ständig in der Zeitung zu sein und meidet die Welt des Schicken und Erfolgreichen. Ein Uneitler, der darüber lachen kann, wenn eine gestolperte alte Frau, der er wieder auf die Beine hilft, zu ihm sagt: “Eahna kenn i doch vom Fernsehn, san Sie net der Herr Polt?“

Er läßt es nicht heraushängen, was er kann und was er schon geleistet hat.

Choleriker und Betriebspsychologe

Er kann tobsüchtig werden. Wenn ihm zur falschen Zeit was querkommt, fängt er an zu brüllen. Dann verdammt der entfesselte Kohlhaas des süddeutschen Theaters die bösen Mächte da oben in einem derart barock geistigen Amok, daß alles ringsum in Deckung geht. Aber nie sah ich ihn auf einen Untergeordneten losgehen. Er ist einer der letzten praktizierenden Sozialdemokraten, ein Mann von makellosem Ethos. Keiner, der sich vordrängt. Ein Mann mit hochent-wickeltem Gehör für falschen Zungenschlag.

Man hört immer wieder, er sei als Direktor das beste gewesen, was der Falckenberg-schule in langen Jahren passiert ist. Das könnte ich gut verstehen. Es hat mir viel geholfen, wenn er Schauspielstudenten eine schwierige Stelle erklärte. Sie respektieren ihn als einen, der das Theater von der Pike auf gelernt hat, der Schauspielerei und Regie kennt. Der viel weiß und es selbst beherrscht.

Auf den Verlaß ist

Knöchelzerrung, Kehlkopfentzündung, Grippe, wenig geschlafen, aber er geht auf die Bühne. Kein Prinz Neyn zu Zickenstein-Jeyn auf der Erbse, er macht die Vorstellung. Die ersten Momente noch gebeugt vom draußigen Leben, aber dann explodierend in Kraftakten, daß das Haus bebt. Ich frage mich oft, wie er es anstellt. lch glaube, er ist Professor in angewandter Bühnenpsycholo-gie, oder geheimer Träger des schwarzen Gürtels in der Zen Kunst der Schauspielerei.

Obendrein singt er ganz passabel und ist sich für keine noch so abgedrehte Choreographie zu schade.

Von welchem Schauspieler kriegen Sie alle möglichen Dialekte plus Franz Josef Strauß, Bismarck und Kultusminister Maier, die verhärmte Hausfrau, den Bauchredner und die kokette Dame? Das alles kurz nacheinander und zwar nicht als Klamauk, sondern als lebende, anrührende Menschen? Wer kann, wenn das Licht ausgeht, den Saal aus dem Stegreif eine Stunde lang bei Laune halten? Wer kraxelt den zwanzig Meter hohen Pylon eines Zirkuszelts hinauf, in Rock und Stöckelschuhen und ohne Sicherung? Von wem kriegen Sie das?

Ich meine, es punktet positiv auf dem Coolometer für die Kammerspiele, einen Mann wie Hube lange Zeit gepflegt zu haben. Aber was sage ich, er braucht keine Reklame. Jeder, der ihn einmal gesehen hat, weiß, daß man sich die Karten für seine Vorstellungen blind kaufen kann. Egal was er tut, es hat immer Qualität. Als Theateraußenseiter fragt man sich ja hin und wieder, warum wird so einer nicht Intendant? Aber er ist halt keiner der intrigiert, kein Taktierer, keiner, der herumwieselt und den Mächtigen die Schuhe putzt. Und so kriegt jeder kreativ Schwindsüchtige ein eigenes Haus, aber der Hube fährt immer noch mit dem Polo herum.

Georg Ringsgwandl

Veröffentlicht in der Süddeutschen Zeitung, November 1999