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Deutschlandradio Kultur
26.04.2005 |
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"Politisches
Kabarett machen nur noch Dinosaurier" |
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Kabarettist
Georg Ringsgwandl erhält Satirepreis Prix
Pantheon 2005 |
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Moderator: Holger Hettinger |
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Der
bayrische Kabarettist Georg Ringsgwandl wurde
vom Bonner Pantheon-Theater mit dem Prix Pantheon
2005 ausgezeichnet. Solange Strauß noch
gelebt habe, habe politisches Kabarett seiner
Meinung nach eine Existenzberechtigung gehabt.
Der Komiker, der sich selbst als "fröhlichen
Anarchisten" bezeichnet, glaubt inzwischen
nicht mehr, dass eine der großen Parteien
besser sei als die andere.
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| Ringsgwandl: |
Die
althergebrachten Muster haben natürlich für den Kabarettisten
naturgemäß immer noch nicht so ganz gegolten.
Also der Kabarettist lebt davon, dass er aufgewachsen
ist in der alten Ordnung, womit er nicht zufrieden
ist, und dann meckert er daran rum, und das fasst
er in lustige Worte, so dass die Leute in den Saal
strömen. |
| Hettinger: |
Alte
Ordnung heißt, die Schwarzen, die Rechten sind böse,
die Linken, die Roten sind gut und die Grünen
sind die besseren Menschen? |
| Ringsgwandl: |
Die
Grünen
sind besser als die Roten und die Schwarzen zusammen. |
| Hettinger: |
Und
jetzt gerade erlebt man eine Zeit, wo die Galionsfigur
der Grünen vor einem Untersuchungsausschuss
steht, der live in alle Wohnzimmer übertragen
wird, und man merkt, hoppla, das ist ein Politiker
im Prinzip wie jeder andere auch, der laviert, der
taktiert, der rhetorisch geschliffen ist. Schlimm? |
| Ringsgwandl: |
Nein,
das ist Normalität. Das heißt aber nur, dass
es in Deutschland allmählich, nachdem Hitler überwunden
wurde, beziehungsweise nachdem die Amerikaner und
Russen den Hitler überwunden haben, und die
Deutschen ohne Hitler weiterleben dürfen, zu
demokratischen Verhältnissen kommt, das heißt,
die Parteien wechseln sich ab und geben sich die
Regierung der Reihe nach in die Hand. Man merkt,
dass alle Parteien ihren Pfusch bauen. Nicht, dass
Fischer viel blöder wäre, als der Kinkel
gewesen ist, oder umgekehrt, sondern das ist auch
einer, der Fehler macht. Die dilettieren, die haben
ihre Ideologien, ihre Glaubensbekenntnisse, Multikulti
und diesen ganzen Quatsch, und dann verpfuschen sie
irgendwas, versauen irgendwas, dann vertuschen sie
die Fehler. Das machen sie genauso, wie der Kohl
es gemacht hat. Der Kohl war in der Beziehung nicht
besser, sondern das war nur anders gewesen. |
| Hettinger: |
Sie
klingen sehr, ja, beruhigt und wenig erregt über diese
Zustände. |
| Ringsgwandl: |
Dass
dort immer nur gelogen wird, ist ja klar. Der Fischer
nicht, dass das so pfeift, der hat eine gute Art
zu lügen, der lügt anders, als der Kohl
damals gelogen hat, und die CDU, die diesen Untersuchungsausschuss
will, der ist ja auch nicht am Paradies oder an der
Frömmigkeit gelegen, sondern das ist Wahlkampf,
und der eine tritt dem anderen ans Schienbein, aber
man soll nicht glauben, wenn der Fischer kommt, dass
da irgendwie die Ehrlichkeit des Menschen ausbricht.
Es ist ein ganz ausgekochter Hund, sonst könnte
er sich im Außenministerium nicht so lange
halten. Aber was positiv an dieser ganzen Sache ist,
ist, dass so ein Untersuchungsausschuss, dass diese
Affäre überhaupt zu Stande kommt und in
der Öffentlichkeit diskutiert wird. Ich meine,
in der Ukraine kommt es gar nicht so weit, da wird
man vergiftet, bevor es soweit ist, und in Russland,
wenn du so etwas machst, dann erschießen sie
dich sofort. Insofern ist es ein Zeichen für
demokratische Normalität. |
| Hettinger: |
Demokratische
Normalität, die aber auch in vielerlei Hinsicht
etwas überdreht wird. Gerade die Kabarettistenszene
hat ja einen Großteil ihrer Legitimation daraus
bezogen, dass sie viele dieser Politikmuster überdreht,
ins Absurde, ins Groteske gesteigert. Jetzt haben
wir in vielerlei Hinsicht Verhältnisse, die
weit über das hinausgehen, was jemals auf einer
Kabarettbühne stattgefunden hätte. Sehen
Sie für sich noch eine Legitimation als Aufklärer? |
| Ringsgwandl: |
Ich
meine, die guten Kabarettisten, die Leute, die
wirklich
etwas erzählen, wie der Joseph Hader oder der
Gerhard Polt zum Beispiel, die haben das parteipolitische
Kabarett vor mindestens zehn Jahren schon verlassen.
Also auf dem parteipolitischen Kabarett fahren nur
noch ein paar Dinosaurier spazieren. Die Leute, die
im Kabarett wirklich etwas drauf haben, haben sich
schon längst von den parteipolitischen Geschichten
verabschiedet, weil sie wissen, dass das Problem
nicht rechts, links oder sonst wo liegt, sondern
darin, welche Marotten unsere Zivilisation so pflegt,
und dies ist in allen Parteien gleich lustig vorhanden. |
| Hettinger: |
Welchen
Weg haben Sie denn für sich gefunden? |
| Ringsgwandl: |
Wenn
ich jetzt sage, ich habe das politische Kabarett
auch
schon lange aufgegeben, dann klingt es eitel, aber
ich glaube seit langer Zeit nicht mehr, dass die
SPD besser ist als die CSU oder CDU. Also ich bin
ja mit 20 Jahren aus der katholischen Kirche ausgetreten,
und ich bin dann auch nie einer politischen Glaubenskirche
beigetreten. Also ich war auch nie bei Bürgerinitiativen,
Grünenbewegungen oder Feinstaubreligionen gewesen.
Ich bin ein fröhlicher Anarchist und glaube,
dass der Trittin genauso kriminell ist wie der Strauß kriminell
war, nur die Art der Kriminalität ist anders. |
| Hettinger: |
Der
Strauß war
aber doch eine Figur, an der man sich lustvoller
reiben konnte in seiner barocken Üppigkeit,
in seinem dampfenden Selbstbewusstsein als jetzt
so ein Knäckebrottyp wie Trittin, oder? |
| Ringsgwandl: |
Solange
der Strauß noch gelebt hat, hat das politische
Kabarett eine gewisse Existenzberechtigung, ein gewisses
Futter gehabt. Von den Marotten von Herrn Strauß haben
mehrere Kabarettisten ihre Einfamilienhäuser
finanziert. Das hat sich einfach inzwischen ad absurdum
geführt. |
| Hettinger: |
Also
rechts und links, alles irgendwo die gleiche Soße,
solange der Mechanismus der gleiche ist. Sie haben
eben Franz Josef Strauß angesprochen. Gerade
wird in Bayern der letzte Nachklang der Ära
Strauß entsorgt. Kultusministerin Monika Hohlmeier,
die Strauß-Tochter, hat sich ja quasi selbst
demontiert in einer Affäre, die in punkto Irrsinn
durchaus einem Kabarettisten entsprungen sein könnte.
Wie fühlen Sie sich da in dieser Götterdämmerung
eines großen Gegners? |
| Ringsgwandl: |
Bayern
ist ja nun mal ein ganz spezieller Zoo, weil in
Bayern
ist es so, dass es keine Opposition gibt. Da regiert
seit der vorletzten Eiszeit die CSU, und die CSU
ist inzwischen so wie die KPDSU am Ende der Sowjetunion,
das heißt eine riesige Partei, die praktisch
die Gesamtbevölkerung mehr oder weniger vertritt,
und innerhalb dieser Partei gibt es einen Sozialistenflügel,
einen harten rechten Flügel, einen Unternehmerflügel,
einen Angestellten- und einen Beamtenflügel,
und das vereint der Stoiber alles in seinen Mischkarten
drin. Unter anderen Umständen würde er
auch nie 70 Prozent der Stimmen bekommen. Dass sie
dann auch im Stande sind, einen kleinen Selbsttrainingsmechanismus
einzubauen, Hohlmeier entsorgen, ist natürlich
wirklich respektabel. Das ist aber eine Ausnahmesituation.
Es ist wirklich folkloristisch irgendwo. |
| Hettinger: |
Aber
eine Folklore, ein Strahlkraft, die weit über
die Landesgrenzen hinausreicht, wenn ich zum Beispiel
daran denke, dass der neue Papst ein Bayer ist. |
| Ringsgwandl: |
Na
ja, er kann ja schlecht irgendwo aus einem evangelischen
Gebiet kommen. Nordrhein-Westfalen oder Münster
wären auch möglich gewesen, da sind sie
auch sehr katholisch. Aber er ist ja ein Kosmopolit.
Er spricht zehn Sprachen, er kann Italienisch sehr
gut, ein normaler Bayer kann nicht mal Hochdeutsch,
das sehen Sie an mir, ich kann noch nicht mal Hochdeutsch,
ich versuche, mein Bayrisch so zu zivilisieren, dass
man mich in Deutschland versteht. Aber der neue Papst
lebt seit Jahren im Vatikan, es ist ein Vatikanfunktionär,
ein Kosmopolit, ein gebildeter Mann in diesen speziellen
Riten, die dort eben herrschen. |
| Hettinger: |
Aber kein
richtiger Bayer mehr, wenn ich so zwischen den Zeilen
lese? |
| Ringsgwandl: |
Nein, das
war noch nie ein richtiger Bayer gewesen. Es ist
ein ganz feinsinniger Topkardinal, der mit Bayern
relativ wenig am Hut hat. |
| Hettinger: |
Sie
haben lange Jahre als Kardiologe gearbeitet, sind
selbst
ausgebildeter Arzt. Hat diese Erfahrung als Mediziner
ein bisschen abgefärbt auf Ihr Dasein als Kabarettist?
Man stellt sich jetzt, im Klischee verhaftet, den
diagnostizierenden Blick vor, den Röntgenblick,
oder ist das alles Firlefanz? |
| Ringsgwandl: |
Das
ist, glaube ich, Quatsch. Was einen prägt, das sind
die Erfahrungen, die der Arzt macht. Der Arzt lebt
ja davon, dass er von kranken Leuten umgeben ist,
und denen im glücklichen Falle hilft. Bei der
Massierung und der Anhäufung von Elend, die
man im Laufe der Jahre sieht, wo man sozusagen jeden
Tag beobachten kann, wie das Schicksal mehr oder
weniger grob zuschlägt, da gewöhnt man
sich an diesen nüchternen Blick der Realität,
also man hat verschiedene Illusionen nicht, die andere
Leute haben. |
| Hettinger: |
Aber es
ist schon so, dass der Kabarettist Georg Ringsgwandl
wirkungsvoller therapieren kann als der Arzt Ringsgwandl? |
| Ringsgwandl: |
Das
ist ja die große Frage. Also der Arzt Ringsgwandl
hat einigen Leuten ganz gut geholfen. Als Kabarettist
kann ich einen Haufen Leute einen ganzen Abend bei
Laune halten, ob es ihnen am nächsten Tag hilft,
wenn der Chef sie herausfordernd anschaut und sagt:
Was ist mit den Umsatzzahlen, warum haben wir wieder
so wenig Telefon verkauft? Vielleicht hilft es am
nächsten Tag auch noch. |
| Hettinger: |
Aber
die schnöde Realität bricht immer wieder
ein, auch jenseits von Unterhaltung. Was erwarten
Sie
denn von der Zukunft? |
| Ringsgwandl: |
Ich
bin ganz zuversichtlich. Ich denke, dass eine junge
Generation
heranwächst, die diesen ganzen Sozialversorgungsutopismus,
den meine Generation so verbreitet hat, 32-Stunden-Woche
und jedes Jahr mehr verdienen, nicht mehr ernst nimmt,
dass der allmählich ausgekehrt wird und sich
ad absurdum führt. Es kommt eine junge Generation
nach, die sind ganz nüchtern und pragmatisch.
Die haben ihre eigenen Probleme, die ganze Osterweiterung,
das wird alles ein bisschen teuer, und die ganzen
Kriminellen aus dem Osten kommen rüber und brechen
unser Postamt auf. Aber insgesamt bin ich ganz zuversichtlich,
und sobald wir unseren ganzen illusionären Wohlfahrtsstaatsquatsch
etwas überwunden haben, wieder ein bisschen
normaler sind und jeder weiß, dass man Geld
fürs Arbeiten und nicht fürs spazieren
gehen kriegt, dann, denke ich, dass es ganz schön
wird. Das wird etwas nüchterner, und diese ganze
verlogene Sozialismuslyrik glaubt dann keiner mehr,
aber das ist dann wieder fröhliches Leben. |
| Hettinger: |
Welchen
Platz haben Kabarettisten in dieser schönen,
neuen, unsentimentalen Welt? |
| Ringsgwandl: |
Wenn
sie gut sind, werden sie schon einen Platz haben,
weil
sie sich durchsetzen müssen gegen Fernsehen,
Film und die ganzen gewaltigen elektronischen Medien.
Aber wenn sie gut sind und irgendwas zu sagen haben,
was die Leute berührt, was die Leute anspricht,
dann werden sie immer ihr Publikum haben. |
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