Interview
  SZ Landkreisausgaben Wolfratshausen 14. Dezember 2004
 

„Aber jetzt halte ich ganz bewusst die Klappe“

 

Der Kabarettist über die Bundesregierung, über die Lifestyle-Probleme der 80-er Jahre und über einen Platz an der Sonne
Kaum ein Künstler hat die 80-er Jahre so genau beschrieben wie Georg Ringsgwandl. Der Musiker, Kabarettist, Schauspieler und Theaterregisseur gibt Konzerte, die mittlerweile Kultcharakter bekommen haben. Seine Vorstellungen sind schnell ausverkauft. Für das Konzert am Freitag, 17. Dezember, in der Geltinger Kulturbühne Hinterhalt gibt es auch längst keine Karten mehr. Die SZ sprach mit Georg Ringsgwandl über die luxuriösen 80-er Jahre, über die jetzige Regierung, über Weihnachten und über parteipolitische Bekenntnisse.

SZ:

Sie haben einige Theaterstücke und etliche Songs geschrieben. Zuletzt ein Bühnenstück für das Münchner Residenztheater. Fällt Ihnen das Schreiben eigentlich schwer?
Ringsgwandl: So einen Text wie den Theater-Monolog für Jörg Hube, das ist schwierig. Den kann ich nur zu Hause schreiben. An einem Dienstagmorgen, wenn es regnet.
SZ: Dienstagmorgen – sind Sie Frühaufsteher?
Ringsgwandl: Ja. Ich stehe um 6 Uhr auf, mache mir einen Kaffee und lege sofort los. Ich arbeite dann bis 10 Uhr. Danach kommt eigentlich nichts mehr Vernünftiges heraus.
SZ: „Prominentenball“ heißt das Stück, in dem sie selbst als Mannschaftsarzt des FC Bayern auftreten. Also als Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt. Auch Uschi Glas kommt vor. Und Lothar Matthäus. Haben sich diese Promis mal das Stück angesehen?
Ringsgwandl: Ich glaube nicht. Es ist ja auch nicht so, dass Uschi Glas vorkommt, sondern eine alternde Fernseh-Schauspielerin, die redlich um ihren Platz im Geschäft kämpft.
SZ: Wer sollte das denn sonst sein?
Ringsgwandl: Das könnte auch Hannelore Elsner sein oder Iris Berben oder wie die ganzen Damen so heißen.
SZ: Die Figur heißt Uschi und ist nicht Uschi Glas?
Ringsgwandl: Nein. Ihr Mann haut zum Beispiel mit einer 60-jährigen ab. Das ist ja vollkommen bizarr. Das gibt es doch gar nicht.
SZ: Könnte doch sein.
Ringsgwandl: Ich hab das noch nicht gelesen.
SZ: Gut, aber was ist mit den Bikini-Fotos, die auch im Stück vorkommen?
Ringsgwandl: Die Geschichte mit dem Bikini, das riecht natürlich nach Uschi Glas. Stimmt, das war einzigartig.
SZ: Also eine alternde Filmschauspielerin, über die sie sich lustig machen.
Ringsgwandl: Nein. Diese Leute sind ja nicht blöd. Man muss ihre Sorgen absolut ernst nehmen.
SZ: So ernst nehmen, bis es komisch wird.
Ringsgwandl: Zugegeben. Das ist der eigentliche Trick. Aber wenn man diese Leute kennen lernt, sieht man, dass sie nett sind. Meistens sogar besonders nett. Und jeder von denen kämpft um seinen Platz an der Sonne.
SZ: Das klingt, als würden Sie sich auch ganz gerne in der Promi- und Schickimicki-Szene aufhalten.
Ringsgwandl: Ich meide diese Welt, wo es geht. Da fehlt uns beiden nichts. Mir nicht und der Schickimicki-Szene auch nicht. Und ich werde in die Schickeria auch nicht eingeladen.
SZ: Warum?
Ringsgwandl: Ich bin kein massenverwertbarer Artikel. Es gibt Leute, die gerne sehen und hören, was ich mache. Aber das ist eine Minderheit.
SZ: Sie haben das Schumanns mit einem extra Lied bedacht – und Sie waren nie dort?
Ringsgwandl: Früher, da war ich in 15 Jahren drei Mal drin. Aber ich bin da nicht mit Gefolge rein, damit ich gesehen werde. Das ist mir zu blöd.
SZ: Das Schumanns ist Teil der 80-er Jahre-München-Welt. Sie haben diese Zeit sehr genau beschrieben.
Ringsgwandl: Die 80-er Jahre waren eine goldene Zeit. Es gab noch den eisernen Vorhang. Dahinter war eine vage, nicht ganz klare Idee von Sozialismus, und bei uns war alles dufte: Die Löhne sind jedes Jahr gestiegen. Wir haben in Saus und Braus gelebt. Wir waren eine Insel der ungestörten Glückseligen und Wohlhabenden. Wir hatten ja nur Lifestyle-Probleme.
SZ: Rückblickend – hatten Sie auch diese Luxus-Probleme?
Ringsgwandl: Ich habe damals soviel gearbeitet. Ich hatte Tag und Nacht einen weißen oder einen grünen OP-Kittel an. Und das von halb acht Uhr morgens bis zehn Uhr abends. Da war weder Geld noch Zeit für Lifestyle da.
SZ: Dafür haben Sie den Life-Style intensiv besungen.
Ringsgwandl: Das war natürlich ein gefundenes Fressen. Aber mit der Auflösung des Ostblocks ist die Welt kompliziert geworden. Gottseidank.
SZ: Und jetzt?
Ringsgwandl: Wir sind nicht mehr im Klassenkampf. Böse Unternehmer, böse CDU, gute SPD und Linke und Angestellte. In diesem Raster zu denken, ist vorbei. Auch wenn die Grünen immer noch davon leben, dass es gute Menschen gibt, die ihren Müll trennen, und schlechte, die die CSU wählen.
SZ: Ist nicht gerade die schlechte Zeit eine gute Zeit für den Kabarettisten?
Ringsgwandl: Wir leben ja nicht in einer schlechten Zeit. Die schlechten Zeiten sehen anders aus. Da muss man nur mal auf die Autobahn schauen.
SZ: Also sind die Zeiten fürs Kabarett eigentlich zu gut?
Ringsgwandl: Das Kabarett braucht wirklich kritische Verhältnisse. Die fehlen. Man kann sich zur Zeit Gerhard Polt anschauen oder Jörg Hube. Keiner von denen arbeitet mehr mit dem Schwarz-Weiß-Raster.
SZ: Auf dem CSU-Parteitag forderte Stoiber einen gesunden Patriotismus. Ist das nicht ein Weg zurück in dieses Raster?
Ringsgwandl: Das fordert Schröder auch, das fordern alle. Keiner weiß so genau, was Patriotismus ist, aber es klingt ganz gut.
SZ: Klingt es gut oder ist es gut?
Ringsgwandl: Es ist gut. Logisch. Man sollte mal nach London in den Tower. Das ist eine Stätte, in der sich seit 1000 Jahren abstruse Grausamkeiten aneinander reihen. Die Engländer sagen: Das ist unsere Geschichte. Die entschuldigen sich nicht. Genauso wenig wie sich die Franzosen für Napoleon entschuldigen.
SZ: Sie meinen, wir sollen genau so zu unserer Geschichte stehen?
Ringsgwandl: Das geht nur mit historischer Distanz.
SZ: Die wir noch nicht haben.
Ringsgwandl: Nicht, solange Leute leben, die den Weltkrieg miterlebt haben. Erst wenn auch meine Generation gestorben ist, die wir das von unseren Vätern gehört haben, dann gibt es diese Distanz.
SZ: Ist die Gesellschaft heute nicht eine andere?
Ringsgwandl: Die Opportunisten und Reaktionäre sind genauso vorhanden wie früher. Nur die Lebensbedingungen sind von hohem Wohlstand geprägt. Dadurch ist nicht so viel Platz für Radikalität.
SZ: Und wenn sich die Verhältnisse ändern?
Ringsgwandl: Dann braucht man nicht glauben, dass die Bestie nicht wieder ausbricht. Die Bestie ist unter einem dünnen Lack von Zivilisation versteckt. Die Leute werden sich zerfleischen.
SZ: Sie reden viel über Politik und sagen nicht, was Sie wählen.
Ringsgwandl: Hildebrandt hat ganz klar gesagt, dass er SPD-Mitglied ist. Das ist in Ordnung, aber eine andere Generation. Heute ist das mit der Politik nicht mehr so eindeutig.
SZ: Inwiefern?
Ringsgwandl: Im Augenblick ist nicht entschieden, ob Trittin nicht den Deutschen unendlich geschadet hat. Es ist nicht klar, ob Merz nicht besser ist für die Deutschen als Trittin. Ich weiß nur, dass Schröder ein besserer Kanzler ist als Stoiber.
SZ: Sagen Sie jetzt, was Sie wählen?
Ringsgwandl: Wenn es eine Krise gäbe, würde ich das ganz offensiv sagen. Aber jetzt halte ich ganz bewusst die Klappe, weil ich momentan niemandem mit gutem Gewissen etwas eindeutig empfehlen kann. Die jetzige Regierung ist eine absolute Katastrophe.
SZ: Vielleicht sollten Sie selbst in die Politik gehen?
Ringsgwandl: Wenn ich Politiker wäre – also das wäre das Schlimmste, was dem Land passieren könnte.
SZ: Warum?
Ringsgwandl: Ich bin ein romantischer Wertkonservativer. Außerdem würde ich die Umweltpolitik radikaler als Trittin machen und die Finanzpolitik strenger als Merz. Aber das ist eine illusionäre Nummer.
SZ: Also doch besser Kabarett. Am kommenden Freitag stellen sie ihr Weihnachtsprogramm in der Geltinger Kulturbühne Hinterhalt vor.
Ringsgwandl: Ich trete mit meiner Band auf. „Krampus Ringsgwandl“ heißt das Programm. Ein Krampusabend ohne Nikolaus. Eigentlich unweihnachtlich.
SZ: Weihnachten müsste für Sie der Inbegriff des Wahnsinns sein.
Ringsgwandl: Feste sind schon wichtig im Laufe des Jahres. Mit kleinen Kindern ist Weihnachten eine schöne Sache. Das den Kindern zu nehmen, wie es die Zeugen Jehovas machen, halte ich für ein Verbrechen. Aber das ist kein Fest für alte Leute. Wenn man zu zweit zusammen hockt, dann sollte man Weihnachten vermeiden.
SZ: Und vermeiden Sie Weihnachten?
Ringsgwandl: Meine beiden erwachsenen Töchter kommen und schmücken bei uns den Baum. Die verstehen da keinen Spaß.
  Interview: Christina Maria Berr