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Murnauer Tagblatt 4./5.
Dezember 2004 |
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"Aus
der Gattung der unberechenbaren Irren"
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Ein
Gespräch mit dem Seehauser Kabarettisten Georg
Ringsgwandl - Seit 20 Jahren auf der Bühne |
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Seehausen
- Rocksänger, Widerständler, Anarchist: Für Georg Ringsgwandl
gibt es viele Schubladen. Seit 20 Jahren steht der
56-Jährige aus Seehausen, der verheiratet und Vater
von drei Töchtern ist, auf der Bühne. Kaum vorstellbar,
dass der bayerische Anarcho, der als schwierig gilt, über
20 Jahre als Kardiologe in Krankenhäusern - auch
im Klinikum Garmisch-Partenkirchen - tätig war. Für
seine Kunst gab er diesen Beruf auf. Auf der Bühne
bekanntlich radikal und rabiat, ist Ringsgwandl privat
ganz anders. Zum vereinbarten Interviewtermin in
einem Murnauer Cafe kommt er mit dem Rad - und viel
guter Laune. |
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DAS INTERVIEW |
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Herr
Ringsgwandl, Sie sind eigentlich ein ganz netter
Mensch, nicht
so g'schert wie auf der Bühne. |
| Ringsgwandl: |
"Das
kommt darauf an. Ich gehöre zur Gattung der unberechenbaren
Irren. An einem normalen Tag bin ich ein relativ
netter Mensch. Aber es gibt auch Phasen, in denen
ich schwer zum Aushalten bin." |
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Heißt
das, dass Sie einen bestimmten Anspruch haben oder
zu ungeduldig mit sich und anderen sind? |
| Ringsgwandl: |
"Das
ist eine Schwäche von mir. Wenn ich arbeite, dann
arbeite ich blitzschnell und denke natürlich: Wenn
mir klar ist, wie das ausschauen soll, dann muss
es anderen auch klar sein. Das ruft dann gewisse
Reibungen hervor. Aber so cholerisch und jähzornig,
wie ich früher war, bin ich nicht mehr. Sonst hätte
ich nicht die ganzen Theaterstücke machen können." |
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Aber auch
da gab es genug Reibereien. |
| Ringsgwandl: |
"In
der freien Szene zu arbeiten, ist flotter und einfacher
als am Staatstheater. Ich habe inzwischen gelernt,
dass man mit so einem Apparat auf andere Art und
Weise umgehen muss. Ich bin selbst ein Bühnenmensch
und daher sehr impulsiv." |
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Sie
waren schon immer dieser punkige, anarchische
Bayer.
Irgendetwas scheint Ihnen doch grundsätzlich nicht
zu passen |
| Ringsgwandl: |
"Das
stimmt. Aber bayerischer Anarchist ist schubladisiert.
Was dahinter steckt, sind meine Allergie gegen Bürokratie
und meine Schwierigkeiten, mit größeren Institutionen
zusammenzuarbeiten. Ich habe ein Problem mit fauler
Bequemlichkeit, dass sich jemand hinter Paragrafen
verschanzt oder andere mit verlogenem Paragrafen-Quatsch
drangsaliert." |
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Woher
rührt diese Abneigung? |
| Ringsgwandl: |
"Vermutlich
wurde das in den 50er Jahren in mir programmiert.
Mein Vater kam schwerst verletzt aus dem Krieg zurück
und hat danach als Postbote gearbeitet. Meine Mutter
war Hausfrau und gelernte Verkäuferin. Ich bin in
Bad Reichenhall geboren und dort im Glasscherbenviertel
aufgewachsen. Mein Vater hat mich immer darauf hingewiesen,
dass die Gewerkschaften eine große Sicherheit für
die Menschen sind. Der hat die Weltwirtschaftskrise
1928, die Arbeitslosigkeit 1930 miterlebt, die wirklich
schlechten Zeiten. Als Student habe ich dann die
ganze linke Bewegung kennen gelernt. Da musste man
sich bei den Leuten bedanken, wenn sie gearbeitet
haben. In diesen 20 Jahren sind die ganzen Gesetze
geschaffen worden, unter denen wir heute leiden.
In dieser Zeit haben wir von einer unvorstellbaren
Verlogenheit gelebt, von den ideologischen Lügen:
die große Masse der Arbeiter und die reaktionären
Unternehmer. Aber ich schätze, das wird alles anders
werden. Der Staat spuckt nicht einfach das Geld aus
oder der Geldautomat. Die Amerikaner sind uns da
voraus. Da heißt es ganz nüchtern und mit aller Härte:
Du arbeitest was und verdienst Geld oder du arbeitest
nichts und verdienst kein Geld." |
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Wie
konnten Sie mit Ihrer Einstellung so lange in
Krankenhäusern
arbeiten? |
| Ringsgwandl: |
"Die
brauchen eine gewisse Hierarchie, das ist für den
Patienten wichtig. Aber es ist trotzdem nichts anderes
als eine Insel des Sozialismus." |
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Also
war die Bühne ein Ventil neben dem Arztberuf? |
| Ringsgwandl: |
"Ja,
wenn ich das alles im Krankenhaus gesagt hätte, dann
hätten sie mich schlagartig rausgeschmissen." |
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Nicht
jeder Mensch hat das Glück, so ein Doppelleben
führen zu können. |
| Ringsgwandl: |
Im
Prinzip schon. Jeder kann in einem Bauerntheater
auftreten.
Oder es gibt den Schützenverein, der ist auch ein
gutes Ventil: Wenn du deinen Chef dick hast, gehst
Du hin und ballerst auf die Scheiben. Auch beim Schuhplatteln
kann man Dampf ablassen." |
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Wie war
der Georg Ringsgwandl als Arzt? |
| Ringsgwandl: |
"Ich
war beliebt bei den Patienten, bei den Schwestern
an sich auch. Ich war ein Perfektionist, weil ich
eine sehr gute Ausbildung als Kardiologe genossen
habe. Ich habe meine Arbeit 20 Jahre enorm intensiv
und auf einem seriösen Niveau betrieben. Ich stand
kurz vor der Habilitation und hatte auch schon Angebote
für Chefarztstellen. Aber dann ist mir etwas anderes
dazwischen gekommen." |
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Was denn? |
| Ringsgwandl: |
"Ich
hab' nie gedacht, dass ich mein Künstlertum erfolgreich
betreiben könnte. Ich hatte ja nie wirklich Zeit
dafür. Ich musste drei Kinder versorgen und die Frauen
dazu. Die Songs, die ich 1986 auf eigene Kosten auf
Platten aufgenommen habe, wollte ich eigentlich nur
für meine Kinder und Enkelkinder erhalten. Das war
bei Trikont in München. Der Chef der Firma hat das
Ding ins Rollen gebracht. Dann hat's mich aus der
Kurve getragen. Plötzlich, so um das Jahr 1992, hat's
mich geschmissen. Dann ist mir als Arzt der Faden
gerissen, mir sind ein paar Sachen über die Leber
gekrochen und ich habe mit meinem Beruf als Krankenhausarzt
aufgehört. Das war für mich und für das Krankenhaus
eine angenehme Trennung." |
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Geht Ihnen
Ihr Beruf ab? |
| Ringsgwandl: |
"Die
Medizin als solche, der Umgang mit den Patienten
und der Arztberuf an sich, das hat mir natürlich
schon gefehlt." |
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Warum
sind Sie eigentlich immer verkleidet auf die Bühne
gegangen? Damit Sie von Ihren Patienten niemand
erkennt? |
| Ringsgwandl: |
"Nein.
Aber in den 80er Jahren herrschte in München die
Kleinkunst-Szene. Kabarettisten, ganz einheitlich
und bieder in Jeans und karierten Hemden, haben damals
pseudo-lustige Lieder gesungen. Da hatte ich mit
meiner Art keine Chance. Die "Biermösl Blosn" und
der Gerhard Polt haben sich für mich eingesetzt,
aber weder in der Lach- und Schießgesellschaft noch
im Hinterhof-Theater oder im Fraunhofer hab' ich
ums Verrecken einen Auftritt bekommen. Also bin ich
erstmal durchs Land getingelt, spielte in Jugendheimen
und so Zeug. Irgendwann bin ich draufgekommen, dass
diese ganze Szene eine ganz andere Axt braucht: Ich
hab' mir die grellste, die extremste Verkleidung
gesucht, die man sich nur denken kann. Ein, zwei
Jahre hat es gedauert, aber dann ist das durchgefegt
wie nix. Es war sozusagen eine Verzweiflungstat." |
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Ist das
politische Kabarett in Westdeutschland noch gefragt? |
| Ringsgwandl: |
"Wenn
ich diese ganze Abteilung schon höre - Richard Rogler,
die neue "Scheibenwischer"-Mannschaft und
der ganze Schmarrn. Das ist derartig reaktionär,
das will wirklich keiner mehr hören. Die meisten
Leute sind weitaus intelligenter als diese Kabarettisten.
Die ganzen Heilsbotschaften, die da verkündet werden
- damit geht das politische Kabarett den Bach runter.
Es wird etwas anderes kommen, was viel intelligenter
und pfiffiger ist. Die wirklich hörens- und lesenswerte
Kunst ist weder rechts noch links. Auch William Shakespear
war weder für das Proletariat noch für den König.
Ihm ist es um die menschlichen Grundprobleme gegangen." |
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Um was
geht es Ihnen? |
| Ringsgwandl: |
Wenn
ein Kommunalreferent in München nach acht gemütlichen
Dienstjahren mit 50 Jahren in Pension geht, dann
ist das ein Skandal (...) Und dieser Pensionär ist
von den Grünen. Die glauben, dass sie die besseren
Menschen sind." |
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Was sagen
Sie zur jungen Generation von heute? |
| Ringsgwandl: |
"Die
ist weder besser noch schlechter als wir damals.
Wir haben in einer Zeit gelebt, als es cool war,
links zu sein. Später sind die Grünen gekommen, da
waren wir alle gegen Franz Josef Strauß und für den
Umweltschutz. Damals war die Welt noch in Ordnung.
Es gab einen eisernen Vorhang - was dahinter war,
wollten wir nicht wissen. Die Löhne stiegen jedes
Jahr um sechs Prozent. Aber mit dieser gemütlichen
Zeit ist es Gottseidank vorbei. Die jungen Leute
haben ganz andere Probleme. Die können nicht mehr
sagen: Ich bin links und damit cool. Wenn du das
heute sagst, outest du dich als absoluter Vollidiot." |
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Das
Gespräch
führte Roswitha Diemer |