|
Modearzt
in Nöten
Süddeutsche
Zeitung, 19. März 2004 Prominentenball:
Georg Ringsgwandl mit einem neuen Stück am
Residenztheater Der
Kabarettist, Schauspieler und ehemalige Oberarzt
Georg Ringsgwandl hat nach Die Verdammten
der Tankstelle und Ludwig II. Die
volle Wahrheit ein neues Stück geschrieben: Prominentenball heißt
es und hat heute um 19.30 Uhr im Residenztheater
Premiere. Ringsgwandl, Jörg Hube, Irm Hermann
und Christoph Marti spielen die Hauptrollen.
Der Verdacht liegt nahe, es könne sich dabei
um Satire handeln. Interview:
Franz Kotteder |
SZ: |
Das
Stück hieß ursprünglich Schönheit,
Sport und Geldverkehr. Zumindest die letzten
beiden Begriffe sind ja momentan recht aktuell, warum
haben Sie den Titel geändert? |
Ringsgwandl: |
Ach,
der hatte so was Abgefucktes, so was Kaltes. Es ist
auch nicht wirklich das Thema des Stücks. Darum
gehts auch, aber nicht nur. |
| SZ: |
Worum
gehts denn? |
| Ringsgwandl: |
Es
handelt davon, wie ein Flüchtlingspaar
die Münchner Schickeria über den Tisch zieht. Das ist
die Geschichte in einem Satz. |
| SZ: |
Aha. |
| Ringsgwandl: |
Und das Ganze dann aufgeblasen auf zwei
Stunden (lacht). |
| SZ: |
Wer
kommt denn vor aus der Münchner Schickeria? |
| Ringsgwandl: |
Es
gibt keine spezifischen München-Bezüge.
Es gibt einen Modearzt und eine alternde Fernsehschauspielerin,
einen Fußballstar, die Frau vom Doktor, die hat so
eine Boutique in einer Prachtstraße, und einen Gastronomiekönig.
In diese Gesellschaft schwindelt sich ein libanesischer
Flüchtling ein, der in einem feinen Hotel als Etagenkellner
arbeitet. Der verbündet sich mit der Sprechstundenhilfe
des Modearztes. Sie verlieben sich und ziehen dann
die ganze Society über den Tisch. |
| SZ: |
Eine
Komödie also. |
| Ringsgwandl: |
Gar
nicht! Normalerweise lachen wir aufgeschlossenen
Intellektuellen uns einen Ast über solche Figuren,
weil das, was die machen, natürlich unter unserem geistigen
Niveau ist. Aber in diesem Stück nehmen wir die Sorgen,
die diese Menschen haben, einmal absolut ernst. Das
ist das Prinzip des Stücks. |
| SZ: |
Es
gibt keinerlei Übertreibungen? |
| Ringsgwandl: |
Überhaupt nicht! Das wird alles ernst
genommen. Der Fußballer zum Beispiel, der hat ja wirklich
Probleme. Er ist dauernd verletzt, der Trainer sitzt
ihm im Nacken, die Frau daheim wird immer anspruchsvoller,
und die Weiber gehen ihm im Kopf herum das ist
doch alles schwierig, nicht? Das sind alles Titanenkämpfe,
die da stattfinden. Den Fußballer spielt der Jörg Hube,
der hat zwar so einen gewissen fränkischen Akzent,
weil er als Kind in Nürnberg aufgewachsen ist. Aber
das ist nicht so schlimm, es hat ja mehrere große Fußballer
gegeben, die einen leichten fränkischen Einschlag hatten. |
| SZ: |
Welche Sorgen hat die Prominenz? |
| Ringsgwandl: |
Die
berühmte Fernsehschauspielerin zum
Beispiel, Uschi Stahl heißt die im Stück... |
| SZ: |
Schwer zu erkennen, wer da gemeint ist. |
| Ringsgwandl: |
Klar
ist das schwer zu erkennen! Die hat natürlich Züge von der Hannelore Elsner, von der
Senta Berger oder der Iris Berben. Da laufen ja mehrere
von diesen Kalibern rum. Die spielen jetzt alle Kommissarinnen,
diese alten Galeonen. Aber bei uns sieht man die Tragik
so einer Frau, die in allen wichtigen Fernsehserien
gespielt hat und jetzt älter wird, aber trotzdem die
Kommissarin spielen muss in irgend so einer Serie,
während die anderen alten Weiber auch diese guten Rollen
haben wollen. Dann lässt sie sich hier liften und dort
liften, und dann wird der Hals zu eng. Dann schimpft
sie den Doktor, und der kann das nicht auf sich sitzen
lassen, der bangt ja auch um sein Klientel. Der muss
schauen, dass er ein Stardoktor bleibt. Er will ja
nicht irgendeine Praxis in Gröbenzell, sondern er will
das ganz große Rad drehen. In der Fußgängerzone, an
der allerteuersten Ecke. Und seine Frau möchte auch
eine schicke Boutique und nicht einen x-beliebigen
Second Hand Shop im Gewerbegebiet. Da hat der Arzt
natürlich lieber Fußballer und Fernsehstars als Kunden
als irgendein altes Weib aus Giesing mit offenen Krampfadern.. |
| SZ: |
Und was spielen Sie? |
| Ringsgwandl: |
Die
Rolle, die übrig geblieben ist, den
Arzt. Da tue ich mir relativ leicht, weil ich das ja
eine Zeitlang wirklich gemacht habe und mit Spritzen
und solchen Dingen ganz gut umgehen kann. Mei, der
Modearzt hat vielleicht ein bisschen eine komische
Frisur. Aber das macht nix, es gibt ja Modeärzte, die
eine komische Frisur haben. Ist fürs Image nicht verkehrt. |
| SZ: |
Der Libanese passt jetzt nicht in diese
Reihe. |
| Ringsgwandl: |
Ja, aber das ist ein wichtiger Typ. Diese
Gesellschaft, die vor sich hinfeiert, in den Spiegel
schaut und sich eitel putzt, die braucht eine gewisses
Gegengewicht, sonst ist es nicht zum Aushalten. Sonst
stirbt diese ganze Prominenz ja irgendwann am Sinnlosigkeitsinfarkt.
Diese Gesellschaft braucht gelegentlich eine Blutauffrischung,
so einen Zustrom von einer hungrigen Meute. |
| SZ: |
Sie haben auch die Musik geschrieben? |
| Ringsgwandl: |
Die
Musik ist ganz zurückhaltend. Ein
reduziertes Schlagzeug, Kontrabass, Gitarre, Klavier.
Kein RocknRoll, kein Disco wie beim Ludwig,
sondern eine feine, reduzierte Musik mit verschiedenen
popmusikalischen Varianten. Auch die Choreografie ist
reduziert. Beim Ludwig haben
wir mehr so Hopsereien gemacht, hier basierts mehr auf dem Schauspielerischen. |
| SZ: |
Dann kann ja nichts schief gehen. |
| Ringsgwandl: |
Doch,
schon! Die Figuren des Stücks kämpfen
ja alle einen
respektablen Kampf gegen die Abschüssigkeit. Und wenn die Größe
des Kampfes
wirklich erhaben wird, dann ist die gefährliche Nähe zur Lächerlichkeit
gegeben.
Da besteht dann schon die Gefahr, dass es auch lustig wird. |