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Mord
im 26. Stock
Was ist der Münchner
Stadionskandal gegen den Bau eines Stadions? Gespräch
mit dem bayerischen Rocksänger, Theatermacher und
Kabarettisten Georg Ringsgwandl über die wahren Abgründe
des Alltags
DIE ZEIT
18.03.2004
Der
Herr Doktor spielt sich selbst. Georg Ringsgwandl
in seinem Stück "Promintentenball",
das jetzt in München uraufgeführt wird
Interview:
Peter Kümmel |
Die Zeit: |
Herr Ringsgwandl,
am 19. März wird im Münchner Residenztheater Ihre
Satire Prominentenball uraufgeführt. Sie behandelt
jene Verstrickung von Sport, Politik, Society und Ökonomie,
die jetzt im Münchner Stadionskandal offenbar wird.
Sind Sie überrascht, mit welch platten Tatsachen
die Wirklichkeit Ihre Theaterfantasie einholt? |
Ringsgwandl: |
Ich wär ja hirnamputiert,
wenn mich solche Tatsachen überraschen würden. Ein
Stadion mit 280 Millionen Euro Baukosten da
ist ganz klar, dass Korruption im Spiel sein muss.
Verrottung ist Teil des Spiels seit Tausenden von
Jahren. Wen solche Sachen überraschen, der hat Realitätsprobleme.
Was jetzt an Empörung zu hören ist, ist auch der
Aufschrei derer, die nicht kassiert haben. Dass sie
schreien, heißt nicht, dass sie unbestechlich wären.
Sie haben nur den Arsch so weit unten, dass sie für
Korruption in nennenswertem Ausmaß gar nicht infrage
kämen. Sie sind gar nicht bestechungswürdig. |
| Die Zeit: |
Sie reagieren
sehr abgeklärt. |
| Ringsgwandl: |
Wir in Bayern
sind durch die Straußens geprüft. Aber der Strauß hat
diesem Land auch stark genützt. Er hat potente Fabriken
angesiedelt, die den Leuten ein Auskommen gegeben
haben. Was nützt mir eine Niete, die ein korrekter
Typ ist? Die Gesellschaft ist halt eine Bestie: Wir
wollen alle gute Jobs, ein gutes Leben und dabei
sauber bleiben. Aber beides zusammen geht nicht. |
| Die Zeit: |
Wie würden
Sie den Karl-Heinz Wildmoser und seinen Sohn charakterisieren? |
| Ringsgwandl: |
Dass das
keine sind, die morgens ihren Lindenblütentee trinken,
war klar. Das sind barocke Typen, und sie werden
nicht die Einzigen sein, die kassiert haben. Das
Miss-verständnis ist: Die ökologisch-politisch korrekten
Hosenpisser würden uns nicht in eine bessere Welt
führen, die Trittins. Wenn ich sehe, wie leicht es
wäre, einen Maurer, einen Straßenbahnfahrer zu korrumpieren,
sagt mir das, Korruption ist Teil der menschlichen
Existenz. |
| Die Zeit: |
Das klingt,
als hielten Sie Korruption für ein sinnvolles Phänomen,
dem man freien Lauf lassen sollte? |
| Ringsgwandl: |
Natürlich
hat das Strafrecht seinen guten Sinn. Es ist notwendig,
um den Laden einigermaßen auf Kurs zu halten. Aber
mehr schafft es nicht. Der werfe den ersten Stein,
der ohne Fehl ist. Ihr im Norden Deutschlands liebt
ja die ökologisch-puritanische Weltanschauung I
glaub da net dran. |
| Die Zeit: |
Ist Ihnen
Karl-Heinz Wildmoser senior sympathisch? |
| Ringsgwandl: |
Ich sag über
ihn nicht: so eine Drecksau. Vielleicht hat der Mann
für diesen idiotischen Verein so viel geleistet,
dass 2,8 Millionen Euro, ob er davon wusste oder
nicht, ein billiger Preis wären. Auf die heuchlerische
Moralflughöhe der Bild-Zeitung, die eine Figur erst
umschmeichelt und sie dann fallen lässt, will ich
mich nicht herablassen. Oder nehmen Sie den Kanzler:
Dass der sich eventuell für andere Frauen interessiert,
wen wundert das? Der arbeitet jahraus, jahrein 16
Stunden am Tag, der muss einen unheimlichen Druck
haben, sonst hält er das nicht durch. Das ist natürlich
kein Firmling, der nie einer anderen Frau auf den
Busen
schaut. So einer hat Druck in allen Lebensbereichen. |
| Die Zeit: |
Ist die Aufregung
um den Stadionskandal für Sie reine Heuchelei? |
| Ringsgwandl: |
Heuchelei
beherrscht das Land. Der Stadionskandal ist eine
herrliche Ablenkung davon, dass im Irak und in Ruanda
und wer weiß noch wo täglich zig Leute auf übelste
Weise verrecken. Das halten wir ja nimmer aus, da
hinzugucken. Also suchen wir uns Scheinprobleme, über
die wir uns aufregen können. |
| Die Zeit: |
Sie trauen
dem Menschen schon noch Mitgefühl zu? Wenn er sich
ablenken muss, heißt das doch: Es gibt einen rührbaren
Kern, den er schützen will? |
| Ringsgwandl: |
Der Einzelmensch
ist so gut wie immer. Aber die Gesamtgesellschaft
ist nicht reformierbar. Die schlingert nur noch so
dahin. Bei Sabine Christiansen reden sie seit zwei
Jahren ausschließlich darüber, was geändert werden
müsste. Der Mensch ist eine träge Figur. Ohne Not
wird er nicht wach. |
| Die Zeit: |
Sie haben
lange als Kardiologe in Kliniken gearbeitet. Haben
Sie den diagnostizierenden, ernsten Blick des Arztes,
wenn Sie die Menschen betrachten? Oder den grausamen
Blick des Satirikers? |
| Ringsgwandl: |
Es ist der
Blick eines Menschen, der mitleidet. Mir geht es
um eine bestimmte Art von Tragikomik. Die verzweifelten
Anstrengungen der alternden TV-Stars zum Beispiel.
Die ganzen alten Scharteken wenn man sie als öffentliche
Figuren sieht, sind sie vielleicht lächerlich. Wenn
man sie als Privatmenschen betrachtet, kämpfen sie
alle einen titanischen Kampf um lauter wichtige Sachen.
Es ist beschissen, wenn ein Hals zu wenig Haut hat
und sich nicht mehr bewegen kann. Da entstehen eine
Tragik und eine Komik, die einem das Hirn zerreißen.
In meinem Stück geht es auch um eine alternde Schauspielerin,
die das Angebot bekommt, eine Kommissarin zu spielen.
Alternde Schauspielerinnen werden immer TV-Kommissarin.
Der Krimi, in dem sie mitspielen soll, heißt Mord
im 26. Stock. Mit ihrem gelifteten Hals kann sie
aber nicht so weit hochschauen. Der Doktor gibt ihr
einen Tipp, und am
Ende heißt die Folge dann Mord im Hochparterre. |
| Die Zeit: |
Tun Ihnen
die Wildmosers leid? |
| Ringsgwandl: |
Nein. Mir
tut eine Frau in Afghanistan leid, die ansehen muss,
wie man ihrem Kind bei blankem Bewusstsein die Mandeln
herausreißt. Aber der Wildmoser ist schon okay. Das
ist ein Typ, der viel säuft und frisst, der es krachen
lässt. 1860 München braucht solche Typen, die fit
sind. Oder glauben Sie, so einen Posten kann einer
machen, der sich zum vegetarisch Grillen mit
Reinhard Mey und Trittin trifft? Ich würd mich jedenfalls eher vom Wildmoser
regieren lassen als vom Trittin. |
| Die Zeit: |
Was haben
Sie denn gegen Trittin? |
| Ringsgwandl: |
Das ist wirklich
eine gemeingefährliche Type, einer, der so tut, als
tue er der Menschheit dauernd was Gutes. Aber was
hat er denn Gutes gebracht? Die bizarre Gaudi mit
dem Dosenpfand. Was Typen wie Trittin oder Bsirske
die Gesellschaft gekostet haben dagegen ist
Wildmoser ein Waisenknabe. Außerdem: Für gewisse
Jobs braucht man Leute wie Wildmoser. Wer soll es
denn sonst machen? Ein Studienrat, der um die Mittagszeit Überlastungsprobleme
kriegt? Da brauchts einen gerissenen Typen.
Diese Typen wie der Piëch oder der Schrempp, der
in seinem grausamen Englisch mitteilt, dass man ein
paar tausend Leute freisetzen muss, die sind natürlich
furchtbar, aber anscheinend braucht man solche an
diesen Stellen. |
| Die Zeit: |
Ist satirische
Bühnenarbeit ein Mittel, sauber zu bleiben? Oder
sauber zu werden? |
| Ringsgwandl: |
Im Gegenteil das
ist ja ein Verführungsgewerbe mit allem, was dazugehört.
Auf der Bühne muss man diese Verrückten, die man
im normalen Leben sofort zur Tür hinausschmeißen
würde, zusammenhalten. Auf der Bühne haben die Unzurechnungsfähigen
eine wahnsinnige Klasse, eine Klasse, von der normale
Leute weit weg sind. Die Normalen bringen auf der
Bühne am wenigsten. |
| Die Zeit: |
Haben Sie
je überlegt, in den Arztberuf zurückzukehren? |
| Ringsgwandl: |
Letztes Jahr
hab ich drei Monate unentgeltlich als Doktor gearbeitet
in der Klinik eines befreundeten Arztes, einfach
um zu sehen, ob ich es noch kann. Ich hab die Arbeit
noch ganz gut hingekriegt. Aber ich kann mich nicht
mehr in die Hierarchie eingliedern. Ich krieg Mordgelüste,
wenn ich Diagnoseschlüssel in ein Computerprogramm
eintippen muss, das sich irgendwelche Bürokratenschweine
ausgedacht haben. Die Krankenhausbürokratie von heute das
ist der Gulag für mich, dagegen ist Kafka harmlos. |
| Die Zeit: |
Was sagt
Ihnen, bei aller Bitternis, Kants kategorischer Imperativ? |
| Ringsgwandl: |
Das ist schon
eine ungeheure Menschheitserrungenschaft. Es ist
absolut in Ordnung, dieses Bemühen, sich vorbildlich
zu verhalten. Man muss es zumindest versuchen. Alles
andere wäre noch viel schlimmer. Churchill hat ja
sinngemäß gesagt: Die Demokratie ist die beschissenste
aller Gesellschaftsformen abgesehen von all
den anderen, die bisher ausprobiert wurden. |