Interview
 

Gepflegte Balkan-Eleganz

Kein buntes Kasperl mehr: Georg Ringsgwandl kommt nach Tübingen

25 Januar 2002

TÜBINGEN. Am Samstag tritt der Ex-Oberarzt und ehemalige Rock-Kabarettist Georg Ringsgwandl in der Mensa Wilhelmstraße auf. Wer dann einen grellbunt geschmückten Paradiesvogel erwartet, wird enttäuscht. Ringsgwandl verweigert sich inzwischen dem Image des kleidungstechnischen Enfant terrible, trägt nun legere Vorruheständlerkleidung und singt vornehmlich über die "kleinen Leute".

Interview: Sandro Mattioli

Mattioli:

Herr Ringsgwandl, sie singen viel über Wirtshäuser. Gehen sie da gerne hin?

Ringsgwandl:

Ich kenn’ die Welt der Wirtshäuser und Kneipen natürlich, aber vorwiegend dadurch, dass ich durch meine Musiker ab und zu in die "Rheinpfalz" rein verschleppt werde, eine abgeschiffte Kneipe in München. An und für sich sind mir Wirtshäuser zu blöd. Ich gehe ab und zu rein, weil ich denke, das kann doch nicht wahr sein, was da so alles passiert, und ich staune, dass ein großer Teil von Leuten dort lange Zeit verbringt.
Ich halte das eine Stunde aus, dann peinigt mich der Schwachsinn, dann muss ich wieder verschwinden. Für manche Leute ist das ein Wohnzimmer. Das heißt, zu Hause ist es noch grausamer, da kann man sich mal vorstellen, was das für untere Lebensumstände sind. Und es ist ein Kommunikationsort, dem Fernseher im Wohnzimmer überlegen, das ist nämlich noch trostloser. Das strudelt so vor sich hin.
Mattioli: Was reizt sie an den kleinen Leuten? Früher wetterten sie auch gegen die Mächtigen.
Ringsgwandl: Man muss schon so nüchtern sein und sehen, dass die Zeiten sich ändern. Wenn jetzt einer nur rumläuft mit der 70er-Jahre-Kabarettisten-Attitüde, dann schaut er irgendwie alt aus. Die Leute sind ja nicht so blöd, einem das abzukaufen. Ein paar Ewiggestrige schimpfen immer noch gegen Großkopferte, gegen den Schily, den Beckstein und den Schröder und so. Es ist billiger, eine Anti-Haltung einzunehmen. Aber die Leute sind klug genug zu kapieren, dass das einfach nur ein Gag ist, weil sie ja Zeitung lesen, fernschauen und sich informieren. Die wissen, dass irgendwer die politischen Zusammenhänge regeln muss. Es ist ja nicht so, dass der schlaue Kabarettist eine Lösung anzubieten hätte, die die Leute besser überzeugt als das was die Politiker so machen.
Mattioli: Aber die Zeit von Neon-Leggings auf der Bühne ist damit ja noch nicht vorbei!
Ringsgwandl: Doch. Die ist durch, seit in diesen ganzen windigen Comedy-Serien alle möglichen Kasperl sich grell angezogen haben mit grobkarierten Jacken und so einen auf Blödel-Comedy gemacht haben. Da wusste ich: Stop, Ringsgwandl. Raus aus deinen Neon-Leggings. Weil es eine äußerliche Gegenhaltung ist, die jeder Depp machen kann. Ich hab die unbegabtesten Trottel in irgendwelchen grellen Klamotten rumlaufen sehen. Wenn dieses ganze Zeug beim Musikantenstadel oder bei "Sieben Tage, sieben Köpfe" und diesen ganzen Zumutungen auftaucht, dann müssen wir was anders machen. Deswegen bin ich jetzt auf eine gepflegte Balkan-Eleganz gegangen.
Mattioli: Schöner Ausdruck!
Ringsgwandl: Die hat einen ganz verschmitzten Charme. Die ist nicht mehr ganz so ordinär, direkt aufs G’sicht g’haut, aber die ist sehr viel pfiffiger und die ist schwierig zu kopieren.
Mattioli: Abschlussfrage: Wird Stoiber Kanzler?
Ringsgwandl: Nee, wird der Stoiber nicht. Der pokert rum, einmal sagt er so, einmal so. Der kann auch keinen vernünftigen Satz gerade durcherzählen. Der ist wirr im Kopf. In Bayern funktioniert’s ganz gut, weil sich da alle einig sind. Auf Bundesebene merkt man einfach, dass der Schröder den klareren Kopf hat, auch wenn man ihn nicht immer mögen muss. Aber der Schröder, der Schily und der Fischer haben wesentlich mehr Hirn im Kopf als die ganze CSU/CDU-Mannschaft zusammen. Das kapieren die Leute, auch wenn die Umfrage mal wackeln. Und in Bayern auf einem rein technischen Niveau alles ganz ordentlich läuft.