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TAZ Bremen 17.12.2001
Diese
Nase ... gehört zu Georg Ringsgwandl, dem bekennenden
bayerischen Anarchisten und erfolgreichen Musicalproduzenten
mit Klampfe im Arm. Am Montag besingt er
die Erotik der Frauenputzkolonne Georg Ringsgwandl ist eine multi-ple Persönlichkeit.
Der gelernte Oberarzt verdient sein Geld als Anarchist, Komödiant, Clown und
Musiker, hat alle handelsüblichen Kleinkunstpreise im Regal stehen und gehört
zur aussterbenden Zunft schräger Vögel vom Schlage Karl Valentins, die in keine
Schublade passen. Zuletzt machte er als Punk-Musicalstar von sich reden. Derzeit
touren er und Band mit einem Bluesprogramm durchs Land. Im Interview erklärt
er, warum Sozialismus unsinnig ist, Frauen manche Bürde zu tragen haben und weshalb
er Mitleid mit dem Musicalstandort Bremen verspürt. |
TAZ: |
Herr Ringsgwandl,
Sie hatten kürzlich offensichtlich ein ungewöhnliches
Coming Out - Sie wissen nun, dass Sie Steffi Graf
sind. |
Ringsgwandl: |
(irritiert) Wie? Ich?
Steffi Graf? |
| TAZ: |
Nun, das
Cover Ihrer neuen CD lässt im Grunde keinen Zweifel
zu. |
| Ringsgwandl: |
Ach ne, das
ist unbewusst so gekommen. Letzte Woche hat mir plötzlich
jemand gesagt: "Hey, Du schaust ja auf dem Foto
aus wie die Steffi Graf", und im nachhinein
muss ich zugeben, dass das wirklich so ist. Aber
ich bin ein großer Verehrer der Steffi Graf. Sie
ist ja keine besonders schöne Frau ... |
| TAZ: |
... aber
sie hat ebenso wie Sie eine prächtige Nase |
| Ringsgwandl: |
Genau. Aber
als Mann kann man mit so einer Nase locker durchs
Leben gehen. Aber für eine Frau ist das eine Bürde.
Die Steffi hat ihr ganzes Leben lang nur geschuftet,
trainiert, musste immer nur verzichten. Und zu diesem
Unglück ist sie auch noch mit einem idiotischen Vater
geschlagen. Jetzt hat sie einen Haufen Geld und jeder
scharwenzelt vor ihr rum, und keiner traut sich so
richtig, ihr zu sagen, dass er sie hässlich findet.
Mit welch einer Würde sie all dies so durchgetragen
hat, das finde ich nett an ihr. |
| TAZ: |
Hat man Ihnen
auch schon gesagt, dass Ihre Nase hässlich ist? |
| Ringsgwandl: |
Dauernd.
Ich bin nur gehänselt worden. Erst mit 40 Jahren
habe ich mich damit anfreunden können, dass das Ding
zu mir gehört. |
| TAZ: |
Jetzt tragen
Sie sie mit Würde? |
| Ringsgwandl: |
Was bleibt
mir übrig? Etwas besseres kommt ja wohl nicht mehr. |
| TAZ: |
Auf Ihrer
neuen CD "Gache Wurzn" huldigen Sie dem
relaxten Leben rund um den Küchentisch mit einem
Glas Rotwein. Ist das der Hintergrund für Ihr Mitleid
mit dem Graf'schen Alltagsstress? |
| Ringsgwandl: |
Nein, das
täuscht. Mir ging es nicht darum, dass ich eine Reinhard-Mey-artige
Rotwein-Weißbrot-Käseidylle am Küchentisch aufkommen
lassen möchte. Wir haben halt die Platte in der Wohnküche
aufgenommen. Das ist mehr so passiert, weil wir keinen
anderen Übungsraum hatten. |
| TAZ: |
Aber die
Figuren in Ihren Liedern zeichnen sich nicht durch
Graf'schen Arbeitsethos aus. |
| Ringsgwandl: |
Schon, aber
die ziehen konsequent ihr Ding gegen alle Widrigkeiten
durch, sind insofern also keine Faulpelze oder so,
sondern huldigen schlicht einem anderen Lebensideal
mit aller Konsequenz. Darin liegt eine Qualität. |
| TAZ: |
Den
Ringsgwandl muss ich mir daheim also nicht nackig
mit Küchenschurz, ungewaschen und mit Bauchansatz
vorstellen, wie es in einem Lied heißt? |
| Ringsgwandl: |
Ne, das nicht.
Aber der Song macht darauf aufmerksam, dass sehr
viel Erotik in der ganz normalen Alltagsfrauenschaft
ist. Es gibt Putzkolonnen, die haben einfach eine
raue, lebensnahe Erotik. |
| TAZ: |
In einer
Liedzeile singen Sie laut Booklet von einem armen
Wirt, dessen Geschäfte schlecht laufen und der zu
allem Unglück auch noch Besuch vom Gesundheitsamt
bekommt. Ich verstehe nur ein Wort: Gesundheitsamt.
Wieso tun sie sowas, auch noch in Norddeutschland? |
| Ringsgwandl: |
Im Norden
singe ich ja so, dass die Leute mich verstehen. Andererseits
- ich kann nicht anders. Mein Betriebssystem im Kopf
läuft bayerisch, ich denke bayerisch, da kann auch
aus mir nix anderes rauskommen als bayerisches. |
| TAZ: |
Für einen
so überzeugten Bayern stoßen Sie in der Heimatpresse
aber nicht immer auf Gegenliebe ... |
| Ringsgwandl: |
... nicht
immer, nein ... |
| TAZ: |
Die Presse
bescheinigt Ihnen, ein audiovisuelles Desaster zu
sein. Ihnen sei provozierende Geistlosigkeit eigen.
Ihre Stimme klinge, als würde man Ihnen die Nase
zuhalten. Und der Rezensent der Bayerischen Staatszeitung
schrieb, er musste in der Pause gehen, weil er Sie
nicht mehr ausgehalten hat. |
| Ringsgwandl: |
Moment mal,
das ist ein Kompliment. Die Bayerische Staatszeitung
ist so, wie man sie sich vorstellt: Affirmativ, geduckt
und im vorauseilenden Gehorsam geschrieben. |
| TAZ: |
Die anderen
Kritiker schreiben aber für andere Zeitungen. |
| Ringsgwandl: |
Ja Gott,
das ist halt keine mehr-heitsfähige Ästhetik. Wenn
man von allen gemocht werden will, muss man Sachen
machen wie Pur. Es gibt im Alpenland eine kleine,
feine, widerspenstige Anarchistentradition, der ich
mich verpflichtet fühle. Damit lebt man hier seit
Jahrhunderten. Mein Glück ist nur, dass heutzutage
die Todesstrafe abgeschafft ist. |
| TAZ: |
Auf der CD
findet sich eine Hommage an Chuck Berry, und auch
sonst bewegen Sie sich in den Musiktraditionen der
68er-Generation. Die Hip Hop-Jugend ist nicht gerade
Ihre Zielgruppe. |
| Ringsgwandl: |
Doch, die
interessiert mich schon. Aber wenn ich jetzt eine
Hip Hop-Platte machen würde, würde so mancher nicht
zu Unrecht denken: "Jetzt biedert sich der Opa
an." Also mache ich doch lieber simpel und einfach
das, was ich kann. Rockmusik ist die Stilistik, die
ich gut beherrsche ... |
| TAZ: |
... die sieben
bis neun Akkorde, die die Südwestpresse bei Ihnen
ausgemacht hat ... |
| Ringsgwandl: |
... genau. |
| TAZ: |
Ein bekennender
Rockmusiker, Widerständler und Anarchist - kursieren
schon belastende 68er-Ringsgwandl-Fotos in Bayern? |
| Ringsgwandl: |
Nein, ich
bin nie Teil der Studentenrevolte gewesen. Ich bin
in einem Arbeiterviertel aufgewachsen, mein Vater
war selbst Arbeiter, und ich wusste nie, wovon die
studentische Linke eigentlich spricht. Eine Zeit
lang musste ich deren ganzes Zeug auch lesen, weil
mich meine Freundin durch Beischlafsentzugserpressung
zum Besuch von Kapital- und Lenin-Einführungskursen
gezwungen hat. Gewirkt hat's nicht, ich hab' das
immer schon für Schwachsinn gehalten. Ich wusste
immer: Wer die Arbeiterschaft kennt, der weiß, dass
der Sozialismus für die nicht geschaffen ist. |
| TAZ: |
Zuletzt haben
Sie ein Punk-Musical über Ludwig II. gemacht. Wissen
Sie, dass Bremen auch ein Musical namens "Jekyll & Hyde" hat? |
| Ringsgwandl: |
Gehört habe
ich davon. |
| TAZ: |
Es hatte
1999 Premiere, genauso wie Ihr Ludwig II. Den Preis
für das beste Musical dieses Jahres haben aber nicht
Sie, sondern "Jekyll & Hyde" bekommen. |
| Ringsgwandl: |
Es sei denen
gegönnt. |
| TAZ: |
"Jekyll & Hyde" ist
trotzdem pleite. Sie auch? |
| Ringsgwandl: |
Im Gegenteil,
wir sind ein Gewinnunternehmen gewesen. |
| TAZ: |
In Bremen
wird schon ein Nachfolgestück gesucht. Im Gespräch
ist "Hair". |
| Ringsgwandl: |
Hair? Mensch,
das ist ja t o p m o d e r n. Da kann ich als erfolgreicher
Musicalmacher nur empfehlen, ganz auf die teuren
Schauspieler zu verzichten und gleich den Film zu
zeigen. Da braucht's nur noch einen Filmvorführer
- und los geht's. |
| TAZ: |
Sie sind
gleich ein paar Tage in Bremen. Wenn Sie wollen,
gebe ich Ihnen die Telefonnummer des Musicalbetreibers,
vielleicht hat Ludwig II. hier ja eine Chance. |
| Ringsgwandl: |
Also, mir
fehlt da die Chuzpe der Abzocker von Stella & Co.
Die gehen einfach zu den armen Finanzbeamten und
nehmen denen für Scheiße ein paar Millionen ab. Ich
hätte da ein schlechtes Gewissen, gerade in einer
Stadt wie Bremen mit den vielen Arbeitslosen. In
Monaco sähe das anders aus ... |
| TAZ: |
Vielen Dank
für Ihr Mitleid. |
| Ringsgwandl: |
Gern geschehen. |
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Fragen: Franco Zotta
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