Interview
 

Georg Ringsgwandl

"Der predigende Popmusiker ist mir ein Graus"

www.klappeauf.de Das Kulturmagazin für die Region Karlsruhe März 2001

Seit Johann Georg Ringswandl in den späten 70er Jahren auf den Münchner Bühnen als schräger Punk-Kabarettist auftauchte, verwurstet der bayerische Doktor der Medizin die Perversitäten des Lebens ganz aus der Perspektive der kleinen Leute. In schrillen Kostümen, glitzernder Aufmachung, überdreht schlaksigem Gehüpfe und lautstarker, schillernder Musik verpackte Ringsgwandl lange Zeit seine Musik, bis er Mitte der 90er Jahre im stark autobiographischen Solo "Staffabruck" auf der Bühne alleine mit seiner Gitarre leisere und nachdenklichere Töne anschlug. Das brachte ihm die Ehre ein, plötzlich als der deutsche Bob Dylan zu gelten. Dieser Ruf könnte sich mit seinem neuen Album "Gache Wurzn" noch verstärken, denn nachdem Ringsgwandl mit Riesenerfolg die Rockoperette "Tankstelle der Verdammten" und die Punkoper über "Ludwig II." herausbrachte, rüstete er auch bei seiner Band kräftig ab. In einer verkommenen Küche in Untersendling trafen sich vier Musiker und schrammelten weitgehend akustisch die Songs, die der Doktor mitgebracht hatte, auf‘s Band. Für die Klappe Auf unterhielt sich Johannes Frisch mit Ringsgwandl, der sein neues Album im März im Karlsruher Tollhaus vorstellt.

JF:

Früher hat der laut rockende Doktor auf‘s drastischste die bösen Folgen des Rauchens verkündet, sorgt er sich jetzt um die empfindlichen Ohren seiner Fans oder warum setzt er mittlerweile auf leisere Klänge und schier akustische Musik?

Ringsgwandl:

In der gängigen Rockmusik liegt für mich viel Blödheit. Wenn heutzutage gutausgebildete Musiker mit viel Elektronik und Effekten aufgepumpt die ganze Zeit einfache Riffs herunterdreschen, hat das etwas unmusikalisches und blödes. Ich habe mich bemüht, mich von allem Bombast zu befreien und einen rein menschlichen, akustischen Ton zu treffen. Für diese Musik ist das ein großer Vorteil, nicht im Studio aufnehmen zu müssen, denn die Musiker spielen dort automatisch ganz anders, nicht so frisch und unverkrampft, wie an dem vertrauten Ort, wo wir schon vor zwei Jahren die ersten gemeinsamen Stücke eingeprobt haben.
JF: Vom Gurkenkönig zur Gachen Wurzn, schrill-bunte bis skurrile Aufmachung spielte bei Ringsgwandl meist eine Rolle, woher kommt die Lust an der Verkleidung?
Ringsgwandl: Ich meine, dass die Leute das reguläre, öde Rockkonzert nicht verdient haben. In einem Land, in dem der Dieselmotor und der Düsenjäger erfunden wurde, muss man es dem Publikum nicht zumuten, dass ein Musiker in irgendeiner Kluft auf die Bühne geht und es drei Stunden lang mit Songs vollballert. Ich hab es auf der Bühne gerne ein bisschen unterhaltsam, deshalb mach ich das. Sonst denken die Leute noch, sie seien im Peter-Maffay-Konzert, und dann wird es wirklich erbarmungslos.
JF: Wie fühlst Du Dich in der Rolle der Gache Wurzn? Entdeckst Du das Weibliche im Mann?
Ringsgwandl: Das haben andere schon vor drei oder vier Tausend Jahren getan. Der normale Popmusiker würde sich jetzt in die Brust werfen, und eine Geschichte erzählen, dass er das jetzt gerade entdeckt habe und so weiter. Das ist mir verwehrt. Der predigende Popmusiker ist mir ein Graus. Michel Houellebecq hat schon recht, wenn er sagt, dass es heutzutage kaum etwas lächerlicheres gebe als den Popstar. Der verdient ein Heidengeld, ist raffgierieg und eitel. Die Leute aber schimpfen auf den Bankdirektor, der nur ein Bruchteil vom Popmusiker verdient. Ich prangere das an, dass sich die Popmusik selbst zu ernst nimmt.
JF: Ein Kritiker sah nach Staffabruck in Ringsgwandl den deutschen Bob Dylan? Was ist da für Dich dran, wie wohl fühlst Du Dich in dessen Nähe?
Ringsgwandl: Man kann sich ja kaum wohler fühlen. Wenn's allerdings ins Religiöse geht, sag ich "Stop Bob!" Wenn er predigt, ist es unerträglich, aber beim übrigen Teil seines Werkes wundert man sich nur, was das heute nach über 30 Jahren noch für eine Kraft hat. Das kann man von der ersten Howard-Carpendale-Schallplatte nicht gerade behaupten.
JF: Countrymusik galt in Deutschland lange allenfalls als die Musik der Trucker und eher reaktionär. Dein aktuelles Album versprüht nun einen kräftigen Touch amerikanischer Landstraßenromantik. Wie geht das zusammen?
Ringsgwandl: Ich werde nun sicherlich nicht der große Trucker-Star werden, da sind zu viele textliche Notbremsen eingebaut. Aber die Countrymusik ist einer der musikalischen Grundstile, die immer währende Attraktivität genießen. Ihre Stärke ist, dass die Country-Musik keinen ausschließt, die Alten und die Hässlichen ebenso nicht, wie die Jungen, die Ungebildeten oder die Modischen. Die Countrymusik umschließt sie alle.
JF: In Deinen Liedern, sagst Du, sei die Gesellschaft verarbeitet wie die Sau in der Wurst. Was hat sich in der Gesellschaft in den vergangenen Jahren für Dich vor allem zum Besseren entwickelt, was besonders ist schlimmer geworden?
Ringsgwandl: Positiver ist vor allem, dass die Leute misstrauischer geworden sind und sich nicht mehr so leicht verkohlen lassen. Der denkende Teil der Gesellschaft kan mit Moden und Versprechungen der Wirtschaft oder der Politik lockerer umgehen. Das Weinangebot im Supermarkt ist reichhaltiger als früher und die Zahnmediziner sind viel besser geworden. Schlechter geworden ist, dass der allgemein verbreitete Wohlstand zu einer gewissen resignativen Trägheit und Indifferenz geführt hat. In vielen Bereichen ist zumindest meine Generation weniger sensibel als früher.