Interview
 
Münchner Uni-Magazin MUM 02/01

"Hört nicht auf Leute, die die Klappe aufreißen!"

MUM:

Haben Sie gerne studiert?

Ringsgwandl:

Nur das erste Semester war hervorragend. Wir sind zwar in jede Medizinvorlesung gegangen, weil du im Medizinstudium einen klaren Zeitplan bekommst und deine Klausuren machen musst. Aber mein erstes Semester in Würzburg haben wir im wesentlichen damit verbracht, als Kleinstadtbuben die ,Großstadt’ kennenzulernen, keinen Abend zu Hause sein und viel zu saufen.
MUM: Wie ging es dann weiter?
Ringsgwandl: Dann haben wir uns bis zum Physikum durchgeschwindelt. Da habe ich zum ersten mal in meinem Leben gemerkt, was Arbeit ist und ein halbes Jahr durchgelernt. Seitdem vertrage ich keinen Alkohol mehr.
MUM: Warum haben Sie weiterstudiert, wenn es Ihnen eigentlich keinen Spass gemacht hat?
Ringsgwandl: Mich hat die Thematik an sich immer sehr interessiert. Außerdem komme ich aus einem Haushalt, wo der Vater Postbote war und meine Mutter Hausfrau, es gab also nichts zu erben. Ich musste etwas studieren, womit ich später Geld verdienen kann und dachte, Mediziner zu sein, ist ein guter Beruf. Das Medizinstudium kann seine harten Seiten haben, aber wenn man zurückblickt, dann weiß man, dass das die beste Zeit im Leben war.
MUM: Gab es auch eine Zeit, die Ihnen nicht gefallen hat?
Ringsgwandl: Als ich in Kiel meine klinischen Semester gemacht habe. Damals war die Zeit der K-Bewegungen und der ewigen Diskussionen. Ausgerechnet ein paar verrückte Kinder von Gynäkologen, Zahnärzten und Pfarrern wollten die Republik von Norden her aufrollen und die Revolution einführen. Was grausam gewesen ist, weil es ein Haufen von Arschlöchern war, die nur blöd dahergeredet haben. Das war nie meine Nummer, denn ich kam aus der Arbeiterschicht und wusste, dass da nichts zu erwarten ist.
MUM:: Wie ging es weiter?
Ringsgwandl: Die letzten zwei Jahre waren eine Qual, denn die Uni ist eine ewige Quasselbude gewesen. Das Schlimme ist, dass im Studium jeder daherkommen kann und irgendwelche Versprechungen macht, was aus ihm später einmal wird, echte Schreihälse.
MUM: Was ist die Erfahrung aus all Ihren Erlebnissen?
Ringsgwandl: Solange man sich eine gute Zeit machen kann, sollte man es tun. Eine weitere Erfahrung ist: Mache Dein Zeug und kümmere Dich nicht darum, was andere Leute sagen. Vor allem sollte man nicht auf Leute hören, die groß auftrumpfen und die Klappe aufreißen, ganz egal, ob es Professoren, Assistenten oder Kommilitonen sind. Viel wichtiger ist, dass man häufig gute Literatur liest und weiß, dass das Leben anders funktioniert. Denn von denen, die die Klappe aufreißen, schaffen es nur ein Prozent und die anderen werden die übelsten Spießer.
MUM: Sind Sie deshalb auch als Musiker tätig geworden?
Ringsgwandl: Damals habe ich es nur als Hobby angesehen, nebenbei Gitarre geschrubbt, bei Feten ein Lied gesungen und zwei, drei Lieder im Jahr geschrieben. Ich habe nicht ernsthaft daran gedacht, das später zum Beruf zu machen. Außerdem war ich mit dem Medizinstudium ausreichend beschäftigt und wollte schon Mediziner werden. Denn es ist ein Beruf, bei denen man etwas Substantielles lernt, handwerklich versiert sein und mit Menschen gut umgehen können muss.
MUM: Heute sind Sie aber nur noch Musiker.
Ringsgwandl: Mein Lebenslauf ist eine absolute Ausnahme. Was ich mache, macht vielleicht einer von 100.000 Medizinern. Und selbst ich, der im Musik- und Theaterbereich sein Geld verdient, hätte das nicht so machen können, wenn ich nicht studiert und acht Jahre lang an Universitätsinstituten gearbeitet hätte. Denn was Arbeit, Disziplin und Systematik des Denkens bedeutet, habe ich in den zwei Jahren als Assistent am Pharmakologischen Institut der Uni München gelernt – und in sechs Jahren Schufterei in Großhadern am Klinikum.
MUM: Was war so schlimm?
Ringsgwandl: Mein Chef war in Europa einer der besten und angesehensten in seinem Fach, aber von drakonischer Strenge. Wenn man abends um acht aus der Klinik ging, gab es den geflügelten Spruch, ob man denn einen freien Nachmittag hätte.... Aber in dieser Zeit habe ich Arbeitsdisziplin und vor allem Denkdisziplin gelernt. Das hat mir enorm geholfen.
MUM: Inwiefern profitieren Sie heute von diesen Erfahrungen?
Ringsgwandl: Das große Kapital eines Studiums besteht darin, dass man lernt, systematisch zu denken und zu arbeiten. Man soll also nicht auf diesen blöden Spruch hereinfallen, dass ein Studium Spass machen soll. Das Studium ist öde Lernerei. Der Beruf als Mediziner hat mir dagegen von Anfang an Spass gemacht.
 

Interview: Karnik Gregorian