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Munich-Online
Kaum
ein anderer bayerischer Künstler hat in den vergangenen
20 Jahren wohl so viel Aufmerksamkeit erregt wie
der Autor, Sänger und Kabarettist Georg Ringsgwandl.
Seine nahezu enthemmten Bühnenauftritte, gespickt
mit provokativen Texten und verschrobener Musik,
lösten bei Kritikern und Zuschauern sowohl Irritation
als auch Begeisterung aus: Während die einen seine
Kunst als sinnleeres Kasperltheater verachteten,
sahen andere in ihn einen "Valentin des Rock'n
Roll", der mit genialer Eigenständigkeit Tabus
und Illusionen der Wohlstandsgesellschaft zu Leibe
rückt und diesen nichts anderes entgegensetzt
als seine eigene Verlorenheit und Konfusion.
Ringsgwandl, der 1948 in Bad Reichenhall geboren
wurde, ist bis heute seiner oberbayerischen Heimat
in einer beispiellosen Haßliebe verbunden, wovon
zahlreiche seiner stets in tiefstem Bayrisch dargebotenen Texte
Zeugnis ablegen. Über den Zither- und Posaunenunterricht entdeckte Ringsgwandl
bereits als Kind seine Vorliebe für die Musik. Sein Debüt als Kabarettist
und Sänger gab er Mitte der Siebziger Jahre auf Münchner Kleinkunstbühnen aufgrund
seines ungewöhnlichen Stils dauerte es jedoch relativ lange, bis er sich
in der nationalen Kunstszene etablierte. Spätestens sein drittes Album "Vogelwild" (1992)
machte ihn aber bis weit über die bayerischen Grenzen hinaus bekannt. Auch
Ringsgwandls ungewöhnliches Doppelleben trug zu seinem Ruf als einzigartiger
Kultfigur bei bis 1993 übte er nämlich neben seiner Tätigkeit als
Künstler den Beruf eines Oberarztes in Garmisch aus.
Ringsgwandl ließ sich nie auf eine bestimmte stilistische Richtung festlegen.
Seine Musik vereint Elemente der verschiedensten Richtungen bayerische
Volksmusik ist darin ebenso zu finden wie Rap, Dance oder Jazz. Auch seine
Texte handeln von den unterschiedlichsten Themen scheinbar banale
Alltagsszenen wechseln mit scheinbar ernsten Angelegenheiten aus Wissenschaft
oder Politik. Gerade die häufige Thematisierung des Todes weist Ringsgwandl
als ernsthaften Künstler aus, der beinahe existentalistisch seinem
Publikum die Absurdität hinter einem angeblich in gesicherten Bahnen verlaufenden
Alltagsleben immer wieder ins Bewußtsein ruft.
Ob "bairisches Genie" oder "deutscher
Bob Dylan", "verschrobener Kurvendenker" oder "rätselhaftes
Wesen aus Gitarre und Gift, Groll und Grazie":
Die Liste der Reime, die sich Kritiker auf Georg
Ringsgwandl machten, ist lang.
Jetzt
gibt es neue, eigene Reime von dem Rock-Anarcho
und ehemaligen
Oberarzt, der im oberbayerischen Murnau lebt. "Gache
Wurzn" heißt das aktuelle Programm,
mit dem Ringsgwandl und Musiker auch auf Tour
gehen. Magnus Reitinger sprach mit dem 52-Jährigen über
Erfolg und das wahre Leben, über Laptop und Lederhose. |
MO: |
Ringsgwandls
Blues wird immer entspannter, und in Ihren Texten
verstehen Sie eher, als dass Sie etwas vorwerfen.
Regt Sie nichts mehr auf? |
Ringsgwandl: |
Aufregen tut mich mehr
als je zuvor. Aber wir sind nicht mehr in den Siebzigern
und Achtzigern, wo die Kabarettisten und Liedermacher
den Leuten gezeigt haben, wie spießig sie sind und
wie's gehen muss. Diese Haltung ist vorbei, der Blick
der Menschen hat sich erweitert. Das heißt nicht,
dass die Welt besser ist aber die Leute wollen
die ganz einfachen Sprüche nicht mehr, es sei denn,
sie sind gerade in der Pubertät. Und dann habe ich
mich ja auch selber weiter entwickelt. Wenn ich vor
zehn Jahren mit grellen Leggings aus der Sportabteilung
durch die Gegend gefetzt bin, war das eine Reaktion
auf die damalige Zeit. Der Künstler muss einen Reim
finden auf die Zeit, in der er lebt. |
| MO: |
Weshalb interessieren
Sie dabei vor allem die Menschen am Rand? |
| Ringsgwandl: |
Die öffentliche
Propaganda ist Sieg und Erfolg, daran hängt unsere
Gesellschaft, so funktioniert unsere Wirtschaft.
Dann schaue ich aber meine Familie an, und da ist
das ganz anders: Ich sitze zwar in einem schönen
Wohnzimmer, aber meine Frau schaut nicht so aus
wie die Verona Feldbusch, meine Mutter hat Alzheimer,
und ich hab' nicht so viel Geld wie der Harald
Schmidt. Am Anfang schaut's immer so aus, dass
die Leute gesund und erotisch attraktiv sind und
sich nicht so rumstreiten. Aber dann triffst du
sie, und nach einer halben Stunde bröselt alles,
du erfährst, die Tochter hat Anorexie oder die
Mutter ist Alkoholikerin. Die perfekten Zustände
habe ich noch nie gefunden. Und da ist doch ein
großer Trost, ein göttlicher Friede drin, dass
es überall Schicksalsschläge gibt. Meine Platte
unterscheidet sich von Ricky Martin dadurch, dass
der normale Mensch eine Chance hat. Der Mediendampf
ist ja ganz schön, aber er deklassiert den normalen
Menschen zu einem Idioten. Das werde ich nicht ändern,
aber ich will's wenigstens anders machen. |
| MO: |
Dabei mangelt
es Ihnen ja nicht an Erfolg. |
| Ringsgwandl: |
Klar mangelt's.
Ich war noch nie in der Hitparade, ich bin zu wenig
im Fernsehen, hinter mir laufen zu wenige schöne
Frauen her. Wir haben doch alle immer zu wenig. |
| MO: |
Was haben die
Verlierer, was den Gewinnern fehlt? |
| Ringsgwandl: |
Die Frage ist,
wer das bessere Leben führt. Ich weiß nicht, ob
der Schrempp von Mercedes das beste Leben hat oder
doch eher ein Dachdecker in Uffing. |
| MO: |
Und Sie liegen
irgendwo zwischen dem Dachdecker und Schrempp? |
| Ringsgwandl: |
Ich strauchel'
irgendwo zwischen denen, genau. Wobei ich nicht
immer so beschissene Anzüge tragen muss wie der
Schrempp und gegenüber dem Dachdecker den Vorteil
habe, dass ich nicht in der Kälte aufs Dach muss. |
| MO: |
Haben Sie's
schon mal bereut, den Arztkittel - und die Sicherheit,
die er bietet abgelegt zu haben? |
| Ringsgwandl: |
Was ich an
den Nagel gehängt habe, war nicht der Arztberuf,
sondern die Oberarztstelle in Garmisch, und das
habe ich nie bereut. Ich arbeite zwar im Augenblick
nicht als Doktor, aber ich lese viel. Und wenn
ich demnächst mal Zeit habe, werde ich mich in
aller Stille in eine Klinik begeben und meine Kenntnisse
auffrischen. Es gibt wenige Sachen, die befriedigender
sind als die Medizin. Das Entspannende ist, dass
man da nicht immer an sich selbst denkt. Da geht
es um andere Leute anders als in der Popkultur. |
| MO: |
Was liegt Ihnen
näher: Hoffnung oder Verzweiflung? |
| Ringsgwandl: |
Die Hoffnung.
Wirklich. Verzweifelt war ich fast nie. Nur mal
kurz mit 18, als man mich mit schwerer Tbc ein
Dreivierteljahr ins Sanatorium geschickt hat. Aber
danach hat mich nichts mehr wirklich geschreckt. |
| MO: |
Laptop oder Lederhose? |
| Ringsgwandl: |
Beides
hat so eine bestimmte Idiotenhaftigkeit. Ich arbeite
natürlich am Laptop, aber ich mach' das nicht so öffentlich.
Mit Lederhose bin ich als Bub aufgewachsen, aber
als Kleinhäusler war mir der Trachtenverein verwehrt.
Auch die Blaskapelle wollte mich nicht haben, so
dass mir die Trachtenwelt quasi skeptisch gegenüber
stand. Eine schöne Welt bloß nicht meine. |
| MO: |
Hat
sich Bayerns Kultusministerin eigentlich schon mal
bei Ihnen bedankt, für Ihre Pflege der Mundart? |
| Ringsgwandl: |
Nein.
Klar, die Mundart lässt nach, selbst meine Kinder
reden Hochdeutsch. Aber ich glaube nicht, dass das
Bayerische ausstirbt. Es gibt zähe Dialekt-Reservate,
die Baustellen zum Beispiel. Dialekte werden bleiben,
weil die Menschen ein gewisses Misstrauen haben gegenüber
einer hochglanzpolierten Welt. Wenn man nach Amerika
schaut: Da lebt sogar die Popmusik aus dem Slang. |
| MO: |
"Gache
Wurzn" heißt Ihr neues Programm. Können Sie
einem Nicht-Bayern kurz erklären, was das ist? |
| Ringsgwandl: |
Nein.
Man kann's schon erklären, aber nicht kurz. Doch,
da fällt mir was ein: ein schlaues, respektloses
Weibsbild. Genau. |
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