Interview
SWEX, 10.02.2001
"Die präzise Beschreibung der Vorgänge in einem Wohnblock"
Schweinfurt (10.2.2001) - Der "Schluckspecht" interessiert ihn ebenso, wie "Der unscheinbare Verkaufsvertreter" oder "Der Garten-Nazi". "Ich behandel keine großen Themen", sagt Georg Ringsgwandl, "Tod, Liebe und Verderben sind etwas für die Oper". Nicht von Ungefähr sind die oben erwähnten "Alltagsmenschen" Titeln seiner brandneuen CD "Gache Wurzn" entnommen. Denn das Leben von Otto-Normalverbraucher ist der Stoff, aus dem Georg Ringsgwandls Lieder sind: "Ich bemühe mich um eine präzise Beschreibung der Vorgänge in einem Wohnblock."

Wenn man ihm so gegenüber sitzt, im Schweinfurter Naturfreundehaus beispielsweise an einem Donnerstagabend, während er genussvoll türkische Rohkost verschlingt, nimmt man ihm gerne den "spinnerten Künstler" ab. Kaum aber den seriösen Akademiker, der bis 1993 in Garmisch-Partenkirchen als Oberarzt der Kardiologie fungierte und geradewegs auf dem Weg zum Chefarzt war. Quergedacht hat er wohl damals schon. Gesungen auch. Aber der Bruch mit dem alten, soliden Leben und der Sprung in das kalte Wasser des reinen, ungesicherten Künstlerdaseins war dann wie der Beginn eines neuen Lebens.

"Ich habe damals ein paar Typen in meiner Altersstufe sterben sehen", erinnert sich der heute 52-Jährige, "und wollte ganz einfach nochmal leben". Also widmete er sich fortan nur noch seiner damals ohnehin schon erfolgversprechenden Künstlerkarriere, als frecher Musikus (drei Schallplatten waren zu diesem Zeitpunkt bereits erschienen und auf dem Markt auch recht erfolgreich), Autor von Theaterstücken und nimmermüder Kritiker unserer Alltagskultur. Ein Schritt, der sich in der Rücksicht gelohnt zu haben scheint: "Ich bin zwar keiner, der sich zufrieden auf einen Stuhl setzt und zum fenster rausschaut, aber zufriedener als damals bin ich heute auf alle Fälle", sagt Ringsgwandl.

Seinen "Ausstieg" aus dem vorgezeichneten Karriereweg bezeichnet er als "optimistisches Signal" für Gleichaltrige, dass auch sie jederzeit die Chance haben, noch einmal neu zu beginnen. Und alles muss man dabei schließlich nicht über Bord werfen: Georg Ringsgwandl ist seit 17 jahren verheiratet, hat zwei schon ältere Töchter und lebt mit seiner Familie in einem beschaulichen, oberbayerischen Dorf. Mit Hunden, einer Katze und ganz normal mit Anschluss an die Dorfgemeinschaft. "Konstante Unstetheit" nennt er das und freut sich, dass seine Ehe und sein Familiendasein nicht "zum kotzen langweilig" sondern "turbulent" seien.

Dabei findet es Ringsgwandl schon "verdammt hart" für einen Mann "mit einem Stückchen Selbstachtung", auf dem Dorf zu leben. Deshalb hat er auch noch eine "Dependance", sprich Wohnung, in München. Obwohl die bayerische Landeshauptstadt in seinen Augen auch bloß ein "Kaff" ist: "Richtige Städte sehen aus wie Wien oder London", konstatiert der zum Philosophen gewandelte Mediziner, der zum Beispiel Schweinfurt für muffigste Provinz hält und daraus auch keinen Hehl macht.

Nun: Provinz muss bei ihm kein Schimpfwort sein, auch wenn es sich so anhört. Denn eigentlich klingt aus dem Mund von Georg Ringsgwandl fast alles abfällig. Kein Zweifel, er ist ein gnadenloser Zyniker. Immerhin aber einer mit Erfolg, der alleine im März, wenn seine neue Scheibe auf den Markt kommt, 24 Konzerte herunterspult, ohne mit der Wimper zu zucken. Wie steht es um die Gesundheit? "Ich rauche nicht, ich bin kein Säufer, ich arbeite höchstens etwas zuviel", sagt Ringsgwandl, der abgesehen von sichtbarer Nervosität einen fitten Eindruck macht. Und noch jede Menge Ideen im Kopf hat.

Der Erfolg seiner Theaterprojekte hat ihn zu weiteren "Großtaten" als Schreiberling motiviert. Im Moment entsteht eine zehn- bis 15-teilige Fernsehserie, die er am liebsten dem Bayerischen Rundfunk verkaufen würde ("..wäre halt das einfachste, der sitzt in München."). Und neu ist auch seine interessant gemachte Website (www.ringsgwandl.de), auf der es "Benzinspartipps und andere Verrücktheiten" (O-Ton Ringsgwandl) gibt und oft auch brandaktuelle Geistesblitze des Künstlers. Erst knapp 7.000 Besucher haben dort in drei Monaten vorbeigeschaut, aber mit der neuen CD wird auch diese so richtig promoted und das Internet als solches hält Ringsgwandl schon für ein Medium der Zukunft.

Dort - auf seiner Website - findet sich auch folgendes Ringsgwandl-Zitat: "Es gibt Künstler, die nicht besonders intelligent sind. Die straft Gott durch Schönheit." Es hat etwas autobiografisches. Schön ist er nicht...

Holger Laschka