Interview

09.02.2001- www.donaukurier.de

... geführt von Uwe Ziegler, hier teilweise im RealAudio-Format

Fünf lange Jahre sind verstrichen seit seinem letzten Album. Georg Ringsgwandl hat nach ausgiebigen Touren quer durch den deutschsprachigen Raum und drei Musiktheaterstücken wieder ein Album veröffentlicht, erstmals im eigenen Label FXR (die Initialien seines 1995 verstorbenen Vaters Franz Xaver Ringsgwandl). Nach dem "Gaudibursch vom Hindukusch", einer recht schrägen und bisweilen auch holprigen Nummernrevue, ist die "Gache Wurzn" (Veröffentlichungstermin: 5. März) ein durchgängiger und in sich geschlossener Longplayer. DK-online-Redakteur Uwe Ziegler unterhielt sich mit dem 52-jährigen Multidilettanten (O-Ton Ringsgwandl).
"Keine vordergründigen Witzeleien" - Ringsgwandl zum neuen Album

Wodurch unterscheidet sich die Gache Wurzn (übersetzt: steiler Zahn) vom Gaudibursch?

Ringsgwandl: Der Gaudibursch war ein Eintopf: viele verschiedene Stile und musikalische Gattungen, dazwischen ein paar Moderationen. Auf der einen Seite witzig, auf der anderen auch unverdaulich. Vom künstlerischen Aspekt her ist es schöner, wenn alles aus einem Guss ist. Die Gache Wurzn hat eine einheitliche Ästhetik. Keine vordergründigen Witzeleien, keine kabarettistischen, wohlfeilen Scherze, sondern Texte, die meine Musiker akzeptierten. Die sind nämlich ein erbarmungsloses Publikum. Von den 40 Songs, die ich ursprünglich geschrieben habe, habe ich 30 weggeschmissen. Was sie mir alles um die Ohren gehauen haben: zu gestelzt, zu gewollt, zu verklemmt.

"Was zählt, ist allein der Groove" - Ringsgwandl zur Entstehung der Songs

Wie entstanden die Songs auf dem neuen Album?

Ringsgwandl: Hauptsächlich probten wir in einer Wohnküche in der Aberlestraße in München-Untersendling. Die Jungs fühlen sich in einem Studio einfach nicht wohl, da dürfen sie nicht rauchen, da ist es ihnen zu steril. Ich setzte mich hin und spielte meine Songs, die anderen stiegen dann entweder darauf ein oder sie unterbrachen mich, weil ihnen was nicht passte. Es gab kein Arrangement - was zählt, ist allein der Groove, und den haben sie sowieso drauf. Wir haben uns viel Zeit gelassen, bis die Songs durchgegoren und nicht mehr peinlich waren. Innerhalb von zwei Tagen haben wir die Gache Wurzn dann komplett in dieser Wohnküche eingespielt.

Nach der Gaudibursch-Combo - Ringsgwandl und seine Musiker

Wie kam der Kontakt zu deinen Musikern zustande?

Ringsgwandl: Als sich die Gaudibursch-Kombo 1998 trennte, musste ich binnen weniger Tage eine neue Band zusammentrommeln, weil die Tournee schon begonnen hatte. Mein langjähriger Gitarrist Nick Woodland hat dann auf die Schnelle zwei Freunde angebracht, mit denen er schon seit über 20 Jahren durch die Kneipen zieht: einen Bassisten und einen Schlagzeuger. Eigentlich zwei unmögliche Musiker. Skip (Herbert Thaller, d. Red.) ist das absolut Allerletzte unter den Schlagzeugern und mit Tak (Martin Thalhammer, d. Red.) wollte kein Mensch mehr zusammenspielen. Wir haben uns getroffen und einige Songs durchgespielt. Es klang gut, hatte von Anfang an einen lockeren und ungekünstelten Groove. Die beiden Musiker passten zu Nick und mir: Sie spielten nicht zuviel, droschen nicht wie narrisch, sondern musizierten einfach gut miteinander. Wir entwickelten einen schlichten, eigenen Sound. Die Fans haben diese verkommene Kapelle von Anfang an geliebt. Da wusste ich: das ist meine Band!

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"Die gediegenen Wohnviertel sind der Horror"- Ringsgwandl über reale Personen

In den elf Songs des neuen Albums geht es um die alltäglichen Probleme, die das Leben so mit sich bringt: Geldsorgen, das miese Wetter in Deutschland, Autounfälle, Suff. Handeln deine Songs, etwa der "Garten-Nazi", von realen Personen?

Ringsgwandl: Meistens schon. Beim „Garten-Nazi“ geht’s sogar um mehrere reale Personen. Um Leute, die mit der Handschere ihren Rasen trimmen, die mit den Nachbarn prozessieren, weil der Hund kläfft. Eine typische Population, nicht mehr Stadt und noch nicht Land, ein Vorstadtphänomen. Außen ist ihre Hütte kitschig verziert, innen gibt’s barockes Zeugs und drei scharfe Pistolen, und wenn’s Ärger ansteht, fuchteln sie damit rum. Da draußen zu wohnen ist relativ inspirationsfrei, die gediegenen Wohnviertel in Seehausen, in denen ich wohne, sind der Horror. Meine Frau arbeitet hier, die Kinder fühlen sich wohl und die Hunde haben Auslauf, aber ich bin froh, dass ich noch meine alte Bleibe in München hab.

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"Gute Texte haben eine tragikomische Mischung"- Ringsgwandl und sein Publikum

Nervt es dich, wenn die Zuschauer deine Songs falsch deuten und alles oder zumindest das Meiste von dir per se als witzig empfinden?

Ringsgwandl: Nein, weil ich nicht will, dass die Leute nur andächtig da sitzen wie bei einer Predigt. Gute Texte haben ja stets eine tragikomische Mischung. Wenn sich ein Song, der ein ernstes Thema behandelt, auch noch selbst zu ernst nimmt, wird’s unerträglich. Einige Musiker bekommen von ihrem eigenen Pathos eine Gänsehaut, dieses ganze Maffay-Glump zum Beispiel.

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"Eine komplett andere Welt"- Ringsgwandl über seinen Kollegen Konstantin Wecker

Einer, den du auf deiner Website ringsgwandl.de regelmäßig aufs Korn nimmst, ist Konstantin Wecker...

Ringsgwandl: Von seinen künstlerischen Fähigkeiten her ist er einer der wirklich Guten im deutschen Unterhaltungsgeschäft. Er ist ein guter Performer und hatte in all den Jahren immer Erfolg. Nur, für mich ist das eine komplett andere Welt. Der Wecker ist Neil Diamond und Julio Iglesias, ich mehr Prince und Bob Dylan. Ich liebe den trockenen Witz, der frei von Selbstmitleid ist und verabscheue das Pathos in hohem Maße. Wecker ist ein Freund des Pathos, des großen Gefühls und der operhaften Geste. Das hat genauso seine Berechtigung, er hat sogar ein wesentlich größeres Publikum als ich, aber es ist einfach nicht meine Welt.

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Hader, Polt und Zimmerschied - Ringsgwandl über Kollegen, die er schätzt

Welche Kollegen sind denn deine Welt?

Ringsgwandl: Ich kann mich hervorragend unterhalten bei Helge Schneider, mag Hader, Polt und Zimmerschied. Deren Programme schaue ich sogar mehrmals an. Was die aktuelle Musik angeht, gefallen mir Destiny’s Child ganz gut; junge, witzige Weiber aus New York mit harter Attitüde. "Mule Variations" von Tom Waits ist ein tolles Album, außerdem hör ich gern ein paar deutsche HipHop-Sachen wie Freundeskreis und Tocotronic.

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Ringsgwandl über Humor, wie er ihn schätzt:

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"Keine Starverehrer-Seite, sondern ein virtueller Stammtisch"- Ringsgwandl und das Internet

Auch in Sachen Internet gehst du mit der Zeit. Wie kam es zu deiner Website?

Ringsgwandl: Für Künstler wie mich, die nicht unter die Kategorie Mainstream fallen, weder auf MTV noch auf VIVA laufen und auch nicht die großen Budgets zur Verfügung haben, gibt’s außer kleinen Nischenradiosendern und Tageszeitungen niemand, die uns unterstützen. Da ist das Internet ein optimales Medium. Die ringsgwandl.de macht ein Fan von mir, ein junger Typ, der seit einem schweren Verkehrsunfall Frührentner ist und im Rollstuhl sitzt, ausgestattet mit demselben rauen Humor wie ich. Keine Starverehrer-Seite, sondern ein virtueller Stammtisch. Auch ich melde mich dort öfter mal zu Wort. Ansonsten nutze ich das Internet eher selten: ich schaue mir interessante neue Seiten an, nutze Routenplaner, Bahnauskunft und Amazon.

"Strafrechtsparagraphen gegen unfähige Architekten"- Ringsgwandl über das Stadttheater

Wann sehen wir dich wieder in Ingolstadt?

Ringsgwandl: Ingolstadt kommt nicht an uns vorbei. Wir spielen im gesamten deutschsprachigen Raum, nur nicht in Südafrika – das hat Heino bereits fest im Griff. In der Fronte fühl ich mich wohl, im Stadttheater weniger. Der Architekt hat’s gebaut und sich anschließend verzogen, damit er nicht geköpft wird. Das ist eine Lücke im Strafrecht: Es müsste einen Strafrechtsparagraphen geben, der unfähige Architekten bestraft.

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