Interview
 

"Mein Hirn ist ein Radiowellen-Empfänger"

PNP, 06. 04. 2000

Georg Ringsgwandl & Band im Museumsdorf Tittling und beim Zeltfestival Landau

  Georg Ringsgwandl, kritischer Spaßmacher und Medizinmann aus Reichenhall, tritt am 7. April mit seiner Band im Museumsdorf Tittling auf. Die Veranstaltung findet im Rahmen der "6. Musik- und Kabaretttage Bayerischer Wald" statt. Ringsgwandl tritt auch am Donnerstag, 20. Juli beim Zeltfestival in Landau auf. Die PNP befragte Georg Ringsgwandl zu seinem aktuellen Programm.

PNP:

Was erwartet die Ringsgwandl-Fans bei Ihrem Auftritt in Tittling? Sind Überraschungen geplant?

Ringsgwandl:

Wir werden Songs von der neuen Platte spielen, an der ich zurzeit arbeite. Also Achtung: es gibt Weltpremieren in Tittling. Sollten die Leut` die neuen Lieder allerdings nicht mögen, werfe ich sie gleich wieder auf den Abfallhaufen der Jahrtausende. Als besondere Überraschung darf ich
Karten für beide Veranstaltungen bei allen PNP Geschäftsstellen und unter 0851/802 381.
schon mal den Durchflug der sprechenden Hühner verraten, sowie ein kleines medizinisches Experiment: Wiederbelebungsversuche bei scheintoten Musikern. Also, es wird zünftig, sauzünftig. Und im Rahmen einer Tischerlruck-Séance werde ich mit dem Mühlhias sprechen. Also, wer Fragen an seine Vorfahren hat, bitte melden.
PNP: Was bedeutet der Kontakt zum Publikum für Sie?
Ringsgwandl: Der Kontakt zum Publikum ist alles. Wenn`s daran fehlt, ist die ganze Gaudi für die Katz. Nichts Schlimmeres als Konzerte, wo jemand auf der Bühne eine Konserve aufmacht und sein Programm abspult - dann hol` ich mir lieber einen Tierfilm vom Videoverleih. Es gibt ein Menschenrecht auf amtliche Unterhaltung. Am größten ist die Gaudi, wenn es recht interaktiv wird, wenn Leute dazwischenrufen. Das sind die gesegneten Abende, an denen sich Narren und B'soffene zu Wort melden - zur Erleuchtung und Gaudi aller. Wenn es so ist, blickt "Er" mit Wohlgefallen auf die Gemeinde.
PNP: Seit 22 Jahren sind Sie auf diversen Kleinkunstbühnen zu sehen. Wie kommen Sie auf neue Ideen für Ihre Lieder und Geschichten?
Ringsgwandl: Moment! Ich klapperte zwar viele Kleinkunstbühnen ab, spielte aber auch in großen Arenen, in den Staatstheatern der Hochkultur und auf ehrfurchtsgebietenden Bierzeltpodien, wo mündige BürgerInnen zu Tausenden ihre Maßkrüge auf mich erhoben. An Ideen hat`s bei mir keinen Mangel, mein Hirn wird überschwemmt davon. Meine Birne ist eine Sondermülldeponie für Ideen. Das Problem ist eher, wie ich die besten heraussuche. Seit ich aber meinen jetzigen Psychiater habe, mit dem ich sehr zufrieden bin, komme ich damit ganz gut zurecht. Letztlich ist es einfach so, dass mir der Alltag die Ideen hinterher schmeißt. Ich kann ihnen oft gar nicht ausweichen.
PNP: Sie kritisieren, karikieren, entlarven. Sind Sie privat der Mensch, den Sie auf der Bühne abgeben?
Ringsgwandl: Privat bin ich nichts Besonderes. Am Morgen betätige ich mich als Wecker, anschließend als Küchenhilfe. Sobald das Frühstücksgeschirr weggeräumt und der Tisch sauber gewischt ist, beginnt meine Arbeit als Hausmeister und Hunde-Spazieren-Führer. Ich kehre vor dem Haus und radle mit den Kötern durch die umliegenden Wohnviertel. Nach einer Tasse Kaffee, die ich gerne bei einer der Therapeutinnen in unserer Nachbarschaft einnehme, binde ich mir die grüne Schürze um und mache mich beherzt an die Gartenarbeit.
PNP: Gibt es Kollegen, zu denen Sie gerne in Veranstaltungen gehen, von denen Sie sich anregen lassen?
Ringsgwandl: Gerne besuche ich Konzerte von Prince oder Helge Schneider. Andererseits, wenn möglich versäume ich auch keinen Musikantenstadl im Fernsehen. Was ich meide, sind Rockkonzerte, wo es laut und deppert von der Bühne herunterplärrt, wo die Besoffenen grölen und sich gegenseitig über die Schulter speien.
PNP: Auf wen zielt Ihre Kritik diesmal besonders ab?
Ringsgwandl: Jemand von meiner Sündenhaftigkeit darf sich nicht dazu versteigen, andere zu kritisieren. Vielmehr zeige ich an meiner eigenen Person die Tücken des Schicksals. Auch meine Turnschuhe stinken nach geraumer Zeit, als hätte unser Kater hineingeseicht. Auch mein Bindegewebe hat seine losen Stellen. Wie sollte ich da an anderen herummäkeln?
PNP: In der deutschen Gesellschaft lassen sich verschiedene Tendenzen beobachten. Reagieren Sie darauf?
Ringsgwandl: Ich bin ein gesamtgesellschaftliches Seismometer und meine Nadel schreibt die Songs. Mein Hirn ist ein Radiowellenempfänger und mein Maul der Lautsprecher, der die empfangenen Strahlen in Geschichten verwandelt. Ich bin ein soziologischer Komposthaufen. In meinen Songs ist die Gesellschaft verarbeitet wie die Sau in einer Wurst. Oder schöner gesagt: Genauso wie eine Mutter "Buidl" vom Mallorca-Urlaub macht, um die Schönheit von Familie und Strand für die Nachbarn daheim festzuhalten, genauso mache ich Songs als Bilder unseres Lebens. Mal zu dicht ran, mal zu weit weg und dann wieder aus der schrägen Perspektive. Mit anderen Worten: wenn ich auf die Bühne gehe, feiert der gebeutelte Bausparer ein turbulentes Hochamt.
 

Das Gespräch führte Gudrun Bergmann