Dr.
Georg Ringsgwandl im Gespräch beim SDR (Thomas
Thieringer)
SDR 1989 GR
wird vorgestellt als Kardiologe und Oberarzt
der Intensivstation im Krankenhaus von Garmisch-Partenkirchen,
zugleich aber als Musiker/Entertainer/Musikkabarettist
(wie die Umschreibungen für seinen zweiten
Beruf lauten), der sein Publikum beispielsweise
bei "LIVE IM SCHLACHTHOF" findet.
Anlass der Sendung - Anfang 1989 (?) - ist
die Auszeichnung mit dem deutschen Kleinkunstpreis
und die Vorstellung seines neuen Programms
TRULLA TRULLA (meines Erachtens stellt es eine
der gültigen Beschreibungen einer Epoche dar,
deren Ende sich abzeichnet, die aber nachhaltig
auf uns drücken wird - GR besingt und parodiert,
was an Wahnwitz, Wurstig-, Scheinheilig- und
Selbstherrlichkeiten in der Ära Kohl aufblühte...).
Zwischen den Abschnitten sind immer wieder
Kostproben aus TRULLA TRULLA eingespielt. Zum
Titel befragt, meint der Doktor, er drücke
natürlich keine analytische Überlegung aus,
sondern wecke Gefühlsassoziationen von Beknacktheit
und Aufgedrehtheit.
"... das Programm hat eher einen leicht verrückt-abgefahrenen, beknackten
touch und weniger die schlicht sozial-kämpferischen Attitüden. Aber was dem Ganzen
schon zugrunde liegt, ist eine - ja eine Liebe zu verschiedenen Erscheinungsformen
des Menschen mit seinen Abwegigkeiten und seinen Schrullen und Marotten. Sie
werden halt etwas ironisch hergenommen, was manche Leut' fälschlich als zynisch
bezeichnen. Das ist es aber nicht. Es liegt dem schon zugrunde, da muss ich einfach
drauf bestehen, eine Liebe zum Menschen in seinen möglichen Ausformungen. Das
ist, was mich interessiert und was mir Spaß macht.
Die einzelnen Titel entstehen aus verschiedenen Beobachtungen und Eindrücken,
aus vielen, vielen Erlebnissen, die man halt durchs Hirn durcharbeiten
lässt und irgendwann ausspuckt. Des iss dezidiert politisch, [folgt aber]
nicht irgendeine[r] programmatische[n] Absicht, die ich da synthetisiert
habe.
Das [eine gewisse inhaltliche Geschlossenheit] kommt [aber] dadurch zustande,
dass ich bei diesem Programm schon genauer gewusst hab, was ich will..."
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Thieringer: Lassen wir
Georg Ringsgwandl noch nachtragen, wie er denn
neben seinem ordentlichen Beruf des Mediziners
zum Entertainment gekommen ist.
"Die Musik hatte ich schon einige Zeit gemacht, mit 18, 19 Jahren, also
bevor ich zum Medizinstudieren angefangen hatte. Ich hatte da schon selbst Songs
geschrieben. Während des ganzen Studiums führte ich das auch weiter. Später arbeitete
ich eine Zeit lang nicht als Arzt. Ich legte mal für zwei Jahre eine Pause ein,
wo ich in Berlin war und in einer band spielte. [Und danach] habe ich das auch
immer weiterhin betrieben. Das hat halt allmählich etwas an Gestalt gewonnen,
und ich hab allmählich genauer gewusst, was ich kann, was ich nicht kann... und
was ich will; das merkt man auch erst etwas später, zumindest ich habs später
gemerkt.
Dass ich meinen medizinischen Beruf erlernt habe und dann ausgeübt habe,
das ist halt einfach auch so gelaufen. Das ist etwas, was ich [auch]
gerne mach, was mir [genauso] Spaß macht.
Die Gesellschaft liebt und hasst am Arztberuf diese seriöse PodeststeIlung,
die er hat, diese Rollenerwartung, die die meisten Leute haben, ganz
egal, ob es ganz naive Menschen sind, oder solche, die sich als fortschrittlich
empfinden. Diese Rollenerwartung, ja, die belastet mich natürlich einfach.
Das ist ein Problem, das ich mit mir so herumschleppe.
In dem, was ich da vorhin gesagt habe, liegt das Bedauern, dass
der mündige
Patient nicht in der Weise eingetreten ist, wie man ihn sich Anfang der
70er Jahre so gewünscht hat und wie man ihn gefordert hat. Das ist so:
der mündige Patient ist eine sehr seltene Erscheinung, und wenn er auftritt,
muss ich sagen, freu ich mich. Es gibt viele Ärzte, die mit dem mündigen
Patienten nichts anfangen können; des san ganz schwierige Probleme."
Thieringer: Warum macht
sich einer wie der Dr. Georg Ringsgwandl am Abend
zum Narren? Unterläuft er die Seriösität, die man
von einem wie ihm erwartet? Lässt er da Luft ab
von den harten Anforderungen auf der Intensivstation?
"Also, es ist kein Ventil, des iss es sicher nicht. Das weiß ich inzwischen.
Wenn es so wäre, dann wäre es ja einfach ein reines Hobby. Eine etablierte, wohl
geschätzte, in der Gesellschaft verankerte Vorstellung ist die vom Arzt, der
am Tag halt seinen Beruf ausübt, der am Abend dann Kammermusik macht, damit er
aufgrund der schwierigen Entscheidungen im Lauf des Tages sich am Abend etwas
erholen kann in der Schönheit der Kammermusik. Das ist natürlich eine sehr beschaulich
schöne Vorstellung. Das ist nicht jedem gegeben; mir war's zum Beispiel nicht
gegeben.
Das ist ein Punkt, der mich wirklich immer ärgert an diesen Fragen: »Warum
auf der einen Seite Arzt, auf der anderen Musik und entertainment?« Man
stellt diese Frage aus der Grundvoraussetzung heraus, dass es normal
ist, dass der Mensch eindimensional ist. Das heißt, nur wenn man davon
ausgeht, dass der Mensch eindimensional zu sein hat dann kann man anschließend
sagen: »ja wie gibts denn das, dass der sowohl das als auch das macht
?«.
Das findet man aber nur dann erstaunlich, wenn man selbst glaubt, dass
halt einfach ein Lagerarbeiter ein Lagerarbeiter ist; wenn er irgendetwas
anderes macht, dann ist er im Kopf krank. Ja?
Diese Eindimensionalität, die uns im Laufe einer geschichtlichen Entwicklung
sozusagen auferlegt worden ist, die haben wir inzwischen als so normal
angenommen, dass es uns wundert, wenn beispielsweise ein Polizist in
der Freizeit -was weiß ich - in einer Trachtenkapelle spielt. Aber es
ist doch das komplett Normale, dass der Mensch in der Vielfalt, die er
hat - wenn er einigermaßen intakt ist - , sich nicht erschöpft in der
Fähigkeit als Polizist oder als Bankbeamter oder als Briefbote oder als
Lokomotivführer. Zumindestens, wenn er nicht total verhunzt ist, hat
er doch mehr Facetten, als diese kleine spezialisierte Tätigkeit zu übernehmen,
die er halt im Laufe der Geschichte sich geholt hat. Er hat mehr Seiten!
Ich zitiere immer diesen Spuch von Bukowski, der zwar sehr grob ist ...
also Bukowski sagt: "Die meisten Menschen werden als Genies geboren
und sterben als Arschlöcher." Was er damit meint, ich sehe es bei
meinen Kindern: Sie malen, sie zeichnen, sie springen umeinander;
sie singen einfach, wenn sie sich wohlfühlen, ein erfundenes Lied einfach
in den Raum hinein, was irgendwie vollkommen verhaut ist. Sie haben ein
buntes Spektrum von Äußerungsformen, und das wird ihnen im Laufe des
Lebens abtrainiert, bis sie mit fünfundreißig Jahren aufgehen in einer
Konstruktionstätigkeit, beispielsweise, dass sie irgendwie in einem Autowerk
am rechten hinteren Türschloss konstruieren, und in der Freizeit nehmen
sie dann komplett konfektioniert dieses Vergnügungsangebot wahr, dass
sie zum Beispiel an den nächsten See fahrn mit'm Surfbrettl und diese
ganzen Modeklamotten anhaben, die man dazu kaufen muss. Und dann wenn
der Mensch so ist, dann ist seine Mutter damit zufrieden, dann ist sein
Chef damit zufrieden und er selber ist damit zufrieden, und er findet
damit auch noch eine Frau, die das ganz irrsinnig dufte findet, weil
er so ausschaut, wie das im Modeheftl drinsteht, dass er ausschauen muss.
Das ist der Punkt, der vielleicht jemanden irritiert bei dem, was ich
so mache. Aber ich wehre mich deswegen dagegen, weil ich weiß, das aus
dieser Frage die Erwartung und das Verständnis spricht, es müsste so
sein, dass der Mensch halt einfach diese Eindimensionalität hat, diese
eingstampfte.
Es ist natürlich eine enorme Belastung; des wär ja ein Krampf, wenn ich
leugnen würde, dass das extrem viel Arbeit ist, das Ganze. Es ist nunmal
so: Es gibt Leute, die arbeiten lieber mehr; es gibt Leute, die arbeiten
lieber weniger. Ich habe immer schon viel gearbeitet. Ich such mir einfach
soviel aus, dass ich ausreichend beschäftigt bin. Das ist so meine persönliche
Neigung.
Auf der einen Seite ist es eine doppelte Belastung. Man darf aber nicht
vergessen auf der anderen Seite, dass die Tätigkeit als Doktor für mich
ganz wichtige Seiten hat. Es ist nicht nur so, dass man unter einem Joch
geht, sondern es gibt einem sehr viel. Natürlich machen die Musik und
die Vorstellungen Spaß. Die Tätigkeit als Doktor ist aber sehr interessant;
man nimmt ja nicht nur das Geld mit, das man da verdient. Zumindest mir
macht es Spaß; man hat ja mit Menschen zu tun, man erlebt alle möglichen
Situationen. Es ist jeden Tag anders. Man stapelt ja nicht irgendwelche
x-beliebigen Aktenvorgänge von rechts nach links.
Die Musik, die Vorstellungen, die ich mach', die würden anders aussehen,
wenn ich in irgendeiner Land- WG gelebt hätte in den letzten 15 Jahren
und irgendwie meine ökologische Lebensweise kultiviert hätte. Oder wenn
ich irgendwo auf die Baghwan-Masche abgefahren wäre oder [auf] transzendentale
Meditation. Ich hab halt einfach die letzten 15 Jahre gewerkelt, gearbeitet.
Ja? Dadurch hat das Programm ein paar herbe Ecken, dadurch hat es nicht
diesen süßlichen touch, den Liedermacher haben, die im wesentlichen mit
ihrer eigenen Psychologie beschäftigt waren. Meine eigene Psychologie
interessiert mich herzlich wenig. Verstehst? Das interessiert die Leut'
auch nicht. Und das ist auch letztendlich unwichtig.
Diese Art und Weise, wie ich es mache, zeigt bestimmte Einflüsse; man
nimmt [im Arztberuf] doch viel mit. Dieser Beruf gestattet es einem nicht,
sich aus den harten Rahmenbedingungen des Alltags zu entfernen..."
In der hier niedergeschriebenen Radiosendung wurden anscheinend
Zusammenschnitte von GRs Äußerungen mit dazumontierten Fragestellungen gesendet (ersichtlich
aus Absätzen mit Leerzeilen dazwischen). Wiedergegebene Textblöcke sind
inhaltlich nicht gekürzt; allerdings habe ich in der Niederschrift an
wenigen Stellen den Satzbau umgestellt, ein paarmal Verben oder Zeiten
variiert. Geglättet ist der Dialekt. Zwischen ihm und einer Akademikerausdrucksweise
wechselts - da ist GR nicht festgelegt. Dem Tonband ist natürlich noch
mehr Interessantes zu entnehmen, wie z.B. der Gesprächsfluss übergeht
von schnellen, entschiedenen Aussagen zur abwägenden Entwicklung von
Gedanken. R.Schmidt/Bubenheim 3_04 |