Interview
Stuttgarter Zeitung, 06.07.05
Der Satiriker möchte in Ruhe gelassen werden
Georg Ringsgwandl, Musikkabarettist, ist wieder unterwegs
Georg Ringsgwandl ist vor kurzem mit dem Kleinkunstpreis Prix Pantheon ausgezeichnet worden. Der promovierte Kardiologe und praktizierende Musikkabarettist hat gerade sein neues Album "Alte Reißer" vorgelegt und tourt jetzt durchs Land. Michael Werner hat sich mit ihm über die Lage der Nation unterhalten.
Herr Ringsgwandl, eigentlich entspricht Ihre Biografie ja einem apokalyptischen Szenario: Der Arzt flüchtet aus dem Operationssaal und erzählt fortan den Patienten von der Bühne herunter, wie erbärmlich aussichtslos das Leben doch ist.
So ungewöhnlich ist mein Werdegang ja nicht: Vor kurzem lautete im "Deutschen Ärzteblatt" eine Überschrift "Friedrich Schiller - Arzt auf Abwegen". Das lasse ich mir rahmen und hänge es an die Wand. Es ist halt nicht jedem gegeben, dass er an dem Bankschalter, an den er mit 14 Jahren hingeboren wird, auch sein Ende erlebt. Außerdem gibt"s eh kaum einen Unterschied. Der Arzt schaut, dass er das Ableben etwas hinausschiebt und dass er die Schmerzen erträglich gestaltet, und ungefähr das macht der Bühnenunterhalter ja auch: Er möchte nicht, dass die Leute während der Vorstellung sterben, und er versucht, ihre Lebenszeit etwas erträglicher zu gestalten. Der Unterschied ist bloß, dass man es auf der Bühne mit Leuten im Publikum zu tun hat, die weit gehend selbsttätig in den Saal kommen und das Leben noch in gewissem Maße genießen können.
Verstehe ich Sie richtig - man kann das Leben genießen?
Jaja, freilich. Das ist meine einzige Grundüberzeugung, sonst müsste ich mir ja die Kugel geben. Natürlich ist es hoffnungslos und furchtbar, aber es gibt nur eine sozialverträgliche Weise, damit umzugehen: Man muss es mit Humor nehmen. Du kannst dich natürlich auch in eine dunkle Ecke setzen und Alkohol trinken, aber das führt zu nichts. Da hat man bloß am nächsten Tag einen dicken Kopf, schaut schlecht aus, und die Frauen wenden sich entsetzt ab.
Wenn die Möglichkeit besteht, das Leben zu genießen, weshalb herrscht dann in diesem Land Unzufriedenheit, selbst während im Gartenmarkt Torfmullzeit ist, wie Sie auf Ihrem letzten Album singen?
Ich frage mich auch, was die Leute eigentlich noch mehr wollen. Vielleicht ist der Mensch nur dann zufrieden, wenn er mit Glück dem Angriff des Säbelzahntigers entronnen ist. Vielleicht wär's deshalb auch besser, wenn man den Torfmull selbst aus einem geschützten Feuchtbiotop, wo drei Umweltschützer Wache halten, unter Lebensgefahr heraussticht. Gerade wenn man ab und zu ein Krankenhaus von innen gesehen hat, weiß man aber, dass es ein Privileg ist, wenn man ohne Zahnschmerzen bis zum Parkplatz gehen kann. Der Trübsinn ist keine Möglichkeit, das Leben zu packen, außer man möchte in die Hände der Psychotherapeuten und Psychiater fallen. Aber das ist ganz furchtbar.
Ihre Frau ist ja Psychotherapeutin . . .
. . . Darunter habe ich auch zu leiden . . .
. . . aber Sie halten anscheinend nichts von ihrem Beruf.
Meine tiefe Überzeugung ist, dass es die Psychotherapie nicht gibt. Ich denke, dass ein guter Freund den gleichen Dienst tut. Und eine Frau, die in ihrem Leben vierzig Männer durchgemacht hat, ist die beste Eheberaterin, viel eher als eine Diplompädagogin, die einen Kurs gemacht hat.
Was hält Ihre Frau von Ihrem Standpunkt?
Sie sagt, ich bin falsch sozialisiert, was natürlich auch stimmt: Ursprünglich war vom Schicksal geplant gewesen, dass ich in einem Fabrikantenhaushalt aufwachse, wo reichlich Vermögen vorhanden ist, Dienstboten und großbürgerliche Bildung. Dann hat es aber eine Fehlschaltung gegeben, und ich bin in eine Familie hineingeboren worden, wo ein kriegsgeschädigter Postbote vor sich hin gerödelt hat, um seine Familie zu ernähren. Ich bin falsch inkarniert worden.
Und trotzdem ist was geworden aus Ihnen.
Ich glaube ja auch nicht daran, dass das Glück darin besteht, dass man in einer so genannten intakten Umgebung lebt. Das ist eine Illusion. Ich lebe in einem Dorf, verstehst, mir san alle möglichen verschrobenen Naturen durtn, und das ist gerade das Interessante. Und ich würde keinem Gemeinwesen empfehlen, sich so zu ändern, dass ich damit zufrieden bin, weil dann wird"s wirklich herb.
Wie könnte sich denn ein Gemeinwesen ändern, damit Sie damit zufrieden sind?
Ich denke einfach, dass wir nur ein Zwanzigstel der Gesetze brauchen, die wir haben. Und ich will, dass jeder sich seinen Lebensunterhalt verdient, möglichst untraktiert durch Bürokratie. Das Geld, das ich verdiene, ist mein Geld, und wenn ich was verscheiß, dann ist es mein Versagen. Ansonsten will ich in Ruhe gelassen werden.
Das entspricht so ungefähr dem, was der Wirtschaftsflügel der FDP fordert.
Ja, warum nicht, sofern die noch Heteros aufnehmen. Ich bin ja mit zwanzig Jahren aus der katholischen Kirche ausgetreten, und ich plane nicht, einer weiteren Glaubensgemeinschaft beizutreten. Weder der rot-grünen Kirche noch der Stoiber-Kirche.
Haben Sie einen Angela-Merkel-Witz?
Keinen guten. Ich habe schon daran gelitten, dass Kohl Bundeskanzler geworden ist, der so wahnsinnig plump und bräsig und ungebildet ist. Der hat net Englisch kenna. Und dass die Merkel so eine glanzlose Frau ist, das betrübt mich etwas. Aber sie kann Russisch, das ist schon mal was wert. Sie muss die gleiche Chance haben, die man dem Schröder gegeben hat, denn wir sind eine Demokratie, und Demokratie heißt Mehrheitsdiktatur.
Wäre Deutschland eine Monarchie, was würde König Ringsgwandl ändern?
Als Erstes würde ich das Parlament von über sechshundert Leuten auf hundert reduzieren. Diese Leute würde ich zehn Jahre im Parlament sitzen lassen, damit man hinterher weiß, was sie verbockt haben. Jetzt hört diese Regierung mit hohen Pensionen nach sechs Jahren auf, obwohl sie kurz davor war, Deutschland auf den Punkt zu bringen.
Der nächste Schritt des Königs?
Die Landtage würde ich bloß noch alle drei Monate für einen Tag einberufen und wieder heimschicken. Diese Apparate blähen sich immer mehr auf, und sie schaffen sich immer mehr Arbeit. Inzwischen haben wir einen Zustand erreicht wie im ausgehenden Mittelalter mit den Raubrittern. Das Verhältnis zwischen Staat und Gesellschaft ist vollkommen aus dem Lot geraten: zu viele Gesetze!
Die von Ihnen geforderte Deregulierung kann aber dazu führen, dass Arbeitslose am Schluss gar nichts mehr haben.
Nein, ich bin nicht dafür, dass Leute plötzlich hungern müssen und dann nachts einen Kiosk überfallen, damit sie eine verrottete Semmel essen können. Unsere Gesellschaft ist so reich, dass sie für alle eine soziale Grundsicherung garantieren kann. Aber mit dem Ansteigen der Steuern und mit dieser Flut von Regulierungen ist die Zufriedenheit der Bevölkerung nicht größer geworden. Das Maß, in dem wir reglementiert werden, ist bloß noch für einen Enthirnten zu ertragen.
Ist denn diese Reglementierung nicht bloß ein Problem weniger Privilegierter? Die Arbeitslosen haben ganz andere Probleme.
Die würden gerne einen Job machen. Und ich könnte Leute in unserem Garten beschäftigen. Nur muss mir dann jemand erklären, was das Kilo Formulare, die ich vorher ausfüllen muss, zu bedeuten hat. Wenn ich das sehe, weiß ich, dass ich verarscht werde. Und wem nützt das? Einem riesigen Verwaltungsapparat, der stöhnt, dass er so viel zu tun hat. Dem Arbeitssuchenden nützt das nichts. Denn ich weigere mich absolut, für einen Aushilfsjob ein mehrseitiges Vertragswerk zu unterschreiben, das ich nicht verstehe.
Man könnte auch sagen: das dicke Vertragswerk hilft vielleicht zu verhindern . . .
. . . dass ich den Mann ausbeute? Das ist die Ansicht von Riester, Bsirske und Co. Die glauben, dass der Arbeitgeber eine Drecksau ist, die Leute ausbeutet. Nur haben wir nicht mehr den Manchester-Kapitalismus von 1780 oder 1820. Wir haben inzwischen eine aufgeklärte Welt mit einer wahnsinnigen Medienkontrolle. Sobald Aldi hässlich zu seinen Leuten ist, ist das in den Medien. Wenn ich doch Leute einstellen würde, sagen die vielleicht noch: Ich habe einen Schnupfen, und ich bleibe zu Hause oder solche Faxen!
Entschuldigung, was heißt denn hier Faxen? Wenn ich 39 Grad Fieber habe, muss ich mich dann Ihrer ärztlichen Ansicht nach trotzdem ins Büro schleppen?
Nein, müssen Sie nicht, wenn Sie beim Landratsamt Böblingen arbeiten. Aber können Sie sich vorstellen, was passiert, wenn ich vor einem Auftritt Schüttelfrost bekomme?
Dafür gibt es ja ärztliche Atteste.
Das würde ich nie tun. Wenn ich etwas nicht machen kann, will ich auch die Kohle nicht haben. Und wenn ich irgendwie auftreten kann, dann mach ich"s auch mit 39 Grad Fieber. Wenn niemand mehr zu meinen Konzerten kommt, bekomme ich keinen Cent Arbeitslosenunterstützung. Und wenn mir jemand sagt: Georg, dieses Geschäft ist mir zu tough, dann soll der einfach zum Müllrecycling Oberes Enztal gehen, was soll"s.
Im Gegensatz zu Ihnen hat der Mann auf dem Recyclinghof wahrscheinlich wenig Freude an der Arbeit.
Dann soll er doch was anderes machen.
Vielleicht kriegt er keinen anderen Job.
Es kann aber auch sein, dass er diesen Job interessant findet, das gibt's auch.
Stimmen Sie mir zu, dass es Menschen gibt, die ihren Job nur deshalb machen, damit sie ihre Miete zahlen und ihre Frau und die zwei Töchter versorgen können?
Ich zum Beispiel.