Interview
Eßlinger Zeitung, 05.07.05
"Ich bin viel normaler als viele andere"
ESSLINGEN: Georg Ringsgwandl plaudert im EZ-Interview über Käuze, Konservative und Karrieren - Am 23. Juli zu Gast beim Burgfest der Dieselstraße
Er ist gelernter Kardiologe, doch den Arztkittel hat Georg Ringsgwandl längst an den berühmten Nagel gehängt. Inzwischen zieht er es vor, seine Mitmenschen mit den Mitteln der Kunst zu sezieren. Ringsgwandl ist ein Unikum im deutschen Musikzirkus: schrill, schräg und originell. Und vor allem hat er anders als viele seiner Kollegen auch etwas zu sagen. Am 23. Juli ist der "Karl Valentin des Rock 'n' Roll", der viele irritiert, von seinen Fans jedoch als Genie verehrt wird, beim Burgfest des Esslinger Kulturzentrums Dieselstraße zu Gast. Alexander Maier traf Ringsgwandl vorab zum Interview.
Journalisten scheinen einen unbändigen Drang zu verspüren, Ihnen irgendwelche Etiketten anzuheften: "der singende Oberarzt", "der bayerische Anarchist", "der schrille Entertainer". Wie würden Sie sich selber charakterisieren?
Ich mag ja schon ein bisschen irrsinnig sein, aber ich bin nicht derart von Eitelkeit geplagt, dass ich mich selbst in die Kabarett- oder Popgeschichte einordnen würde. Unter den Beschreibungen, die es über mich gibt, ist viel Richtiges dabei. Verrückt ist nur, dass ich mich selber ganz anders wahrnehme. Ich hab' früher tatsächlich geglaubt, dass ich ein Pop- oder Rockstar werde. Und dann habe ich die Kritiken gelesen und gemerkt, dass den Leuten vor allem das Schräge gefällt. Und wir hatten immer geglaubt, dass wir irrsinnig coole Rock-'n'-Roller sind. In Wahrheit bin ich der absolute Anti-Rockstar.
Das Musikgeschäft wird immer glatter und austauschbarer. Haben wirkliche Typen in einer Zeit, in der viele Bands in der Retorte der Plattenindustrie entstehen, überhaupt noch eine Chance?
Das ist doch die einzige Chance. Wenn es schon 20 Neo-Grunge-Bands gibt, ist man schlecht beraten, die 21. zu gründen. Ich hatte immer einen bestimmten Ausdruck und habe versucht, den so zu entwickeln, dass ich das, was ich meine, so rüberbringe, wie ich es empfinde. Herumzuposieren, weil man denkt, das wäre angesagt, ist der sicherste Weg in die Lächerlichkeit. Vielleicht ist es für 16-Jährige cool, auf der Bühne zu stehen und sich als Pearl Jam von Mettingen zu fühlen. Wenn man volljährig ist, sollte man schauen, dass man das, was man mitzuteilen hat, auch in eine poetisch verträgliche Form bringt.
Sind Sie immer nur Ihren eigenen Weg gegangen oder haben Sie auch Vorbilder?
Das darf ich eigentlich nicht verraten, weil es eine total unverträgliche Mixtur ist. Das geht von Johann Strauss und Richard Strauß über Abba, Bob Dylan, Rod Stewart, die Stones und die Beatles bis hin zu Drafi Deutscher, Queen, Prince und Tom Waits - eine bunte Mischung.
Sie sind in guter Gesellschaft . . .
Dass das meine Vorbilder sind, heißt noch lange nicht, dass ich mich mit ihnen vergleichen könnte. Aber wenn man lernen will, wie man Songs schreibt, tut man gut daran, sich eher an Dylan oder den Beatles zu orientieren als an einem deutschen Songschreiber, der versucht, andere Idioten nachzumachen, die Dylan nachmachen. Also: Lern' Englisch in deiner Waldorfschule und studiere Dylan selber.
Sind Sie im Grunde Ihres Herzens ein Konservativer?
Ein Journalist hat mir mal gesagt, ich sei ein Wertkonservativer. Das klang erst komisch, aber ich musste einsehen, dass er Recht hat. Ich bin Wertkonservativer, wenn man davon ausgeht, dass sich die entscheidenden Werte seit Platon, Sokrates und Aristoteles nicht wesentlich verändert haben. Die Menschen waren damals so intelligent wie wir. Und trotz Fernsehen sind die Grundprobleme dieselben: Eifersucht, Liebe, Mord, Raffgier, Triebhaftigkeit - alles dasselbe. Wenn wir uns manchmal etwas mehr an unsere menschlichen Werte erinnern würden, würde es anders aussehen auf der Welt.
Wie entstehen Ihre Songs?
Meistens ist irgendein Aufhänger da - eine Formulierung, ein Melodieelement, an die sich alles Weitere herankristallisiert. Mein letzter Songs ist in einer Übungspause entstanden. Mir waren in letzter Zeit viele nette Gebäude aufgefallen, die in meiner Umgebung gebaut wurden, und da ging mir ein Satz nicht mehr aus dem Kopf: "Reißt die Hütten weg . . ." Den hab' ich meiner Band mit so einem atonalen Schwebesound vorgesungen, und plötzlich schreien alle "Reißt die Hütten weg!". Dann haben wir in der nächsten Stunde so ein Hard-Funk-Teil zusammengezimmert. Dieses Missempfinden an manchen Baulichkeiten, mit denen wir heute beglückt werden, und an dem Glauben, dass die wohlgeordneten Verhältnisse so erstrebenswert wären, die wir uns selber in wirrer Weise verordnen, teilen viele.
Weshalb die schrille Verpackung?
Mir ist es wichtig, anders auszusehen als mein Publikum. Es ist in Ordnung, wenn junge Rockmusiker in denselben verbeulten Jeans auf der Bühne stehen wie ihre Fans und denen zurufen: "Hey, Leute, wir sind genau wie ihr." Dafür bin ich inzwischen einfach zu alt. Die Leute kommen nicht in meine Konzerte, weil sie einen erleben wollen, der so ist wie sie. Diese Verfremdung inszeniere ich bewusst, weil ich dadurch viele Inhalte ganz anders rüberbringen kann.
Mein Sohn findet mich manchmal ganz schön peinlich, obwohl ich mich nicht schminke und nicht wie ein Derwisch über die Bühne fege. Was sagen Ihre Kinder?
Kindern in einem bestimmten Alter sind Eltern immer irgendwie peinlich. Klar war auch ich meinen Kindern peinlich. Wenn der Vater Ringsgwandl heißt und so verrücktes Zeug macht wie ich, ist das für Kinder schon etwas schwierig - vor allem, wenn sie in der Schule dauernd darauf angesprochen werden. Aber inzwischen haben sie sich daran gewöhnt, dass ich bin, wie ich bin. Und wenn man sich anschaut, was heutzutage alles passiert, hab' ich den Eindruck, dass ich viel normaler bin als viele andere. Ein Arztkollege hat mich mal für verrückt erklärt. Anschließend hat er für 2,5 Millionen eine Ost-Immobilie gekauft und in den Sand gesetzt. Da frag' ich: Wer ist wahnsinnig?