Interview
Süddeutsche Zeitung, 05.01. 2007
Georg Ringsgwandl über Altern
"Ich bin mit meinem Körper überbeschäftigt"
In seinem früheren Leben war Georg Ringsgwandl Arzt, seit 1993 ernährt er sich und seine Familie mit seiner Kunst. Im Interview klagt er über untreues Bindegewebe.
Von Stefan Klein
Georg Ringsgwandl wurde 1948 in Bad Reichenhall geboren. Das erste Instrument, das er lernte, war die Zither. Seine ersten Auftritte hatte er bei den Kaffeekränzchen des örtlichen Konsumladens, die Gage bestand in Wiener Würstl und Limo. Später kam auch die Gitarre dazu. Als er 18-jährig im Sanatorium eine Lungentuberkulose auskurierte, schrieb Ringsgwandl erste Songs. Er studierte Medizin und arbeitete als Arzt.
In den 90er Jahren gab er seine medizinische Karriere zugunsten der Bühne auf. Ringsgwandl hat zahlreiche Platten gemacht, seine neue CD heißt „Der schärfste Gang“. Er hat auch verschiedene Theaterstücke geschrieben, sein letztes – „Der Prominentenball“ – wurde am Münchner Residenztheater gespielt. Georg Ringsgwandl ist mit vielen Preisen ausgezeichnet worden, zuletzt mit dem Bayerischen Kabarettpreis.
An der Tür des Hauses im Münchner Stadtteil Untersendling stehen viele Namen, den von Georg Ringsgwandl sucht man vergebens. Auch an der Etagentür kein Name. Erst nach dem Klopfen sind Schritte zu hören. Ringsgwandl sieht aus, als käme er aus dem Bett. Die Freude über den Besucher steht ihm ins Gesicht geschrieben, ungefähr: Kommen’s halt rein, wenn’s scho da san. Er brummt eine Frage, die man nicht versteht. Man sagt auf gut Glück ja und bekommt einen Tee.
SZ: Herr Dr. Ringsgwandl, wie gehts? Sie wirken ein bisschen matt.
Ringsgwandl: Na ja, wir sind mitten in einer Tournee, die Vorstellungen sind anstrengend, klar. Und dann hatt’ ich zwischendurch auch eine Erkältung abzuwettern.
SZ: Neulich bei Ihrem Auftritt in München, da ging es Ihnen hörbar nicht gut.
Ringsgwandl: Da hatt’ ich eine richtige Grippe. An sich wärs besser gewesen, im Bett zu bleiben.
SZ: Stattdessen haben Sie aus der Not eine Tugend gemacht und auf der Bühne über den diagnostischen Wert des Taschentuchs erzählt. Vielleicht können wir für unsere Leser die wichtigsten Punkte noch einmal durchgehen. Also, wenn’s gelb ist, das Tuch, handelt es sich um . . .
Ringsgwandl: Bronchitis.
SZ: Grau?
Ringsgwandl: Feinstaub.
SZ: Rot?
Ringsgwandl: Krebs. Wenn es hauptsächlich gelb ist mit roten Stippchen, ist es eine verkrebste Bronchitis. Ist es aber hauptsächlich rot mit ein bisschen gelb, ist es ein vereiterter Krebs.
SZ: Da erkennt man gleich den gelernten Arzt! Aber irgendwie bin ich etwas enttäuscht, hier auf der Heizung keines dieser Rotztücher ausgebreitet zu sehen. Angeblich ist das doch Ihr Geheimrezept zur Befeuchtung der Raumluft.
Ringsgwandl: Stimmt, aber im Moment habe ich die Schnupfenphase wieder hinter mir.
SZ: Fetischistinnen haben zur Zeit keine Chance, an ein Ringsgwandl-Schnupftuch zu kommen?
Ringsgwandl: Die Stalkerinnen, die würden sich auf die Schnupftücher stürzen wie nichts, auf die gebrauchten vor allem.
SZ: Wozu so ein Zipperlein doch gut ist.
Ringsgwandl: An sich habe ich keine Zipperlein. Ich bin zwar ein klappriger Hund, mager, asthenisch und mit einer chronisch schlechten Haltung – aber ich habe eine ausgesprochen robuste Physis, da muss ich meinen Körper loben.
SZ: Aber wie man aus Ihren Texten weiß, hat Ihr Bindegewebe jetzt auch schon seine losen Stellen!
Ringsgwandl: Ja, das Bindegewebe verlässt uns im Laufe des Lebens. Es wird untreu. Aber Sie wissen ja, dass ich bei meinen Auftritten an meiner Person viele Marotten durchspiele, die so durch die Bevölkerung geistern. Zum Teil sind es natürlich Marotten, die ich selber auch habe, weil man ja letztens nichts wirklich darstellen kann, was man nicht wenigstens zum Teil in sich hat. Ich bin einer, der irgendwie mit seinem Körper überbeschäftigt ist . . .
SZ: ... und seine herunterhängenden Arschlappen beklagt.
Ringsgwandl: Nur, in Wirklichkeit sind es natürlich die vom Nachbarn.
SZ: Die Ihren werden auch nicht straffer mit dem Alter.
Ringsgwandl: Mein Arsch ist nicht mehr so, wie er mal gewesen ist. Aber es geht noch einigermaßen, und ich weiß ihn geschickt zu verbergen. Es ist nun mal so, ab 25 geht es abwärts. Dann nimmt man an der Alterslotterie teil.
SZ: Und ab 40, wenn ich Sie richtig verstanden haben, teilen sich die Männer in zwei Lager auf: Die einen, die sich aufgeben, und die anderen, die dagegen angehen. Zu welchem Lager gehören Sie?
Ringsgwandl: Ich gehöre zu dem Lager, das dem Alter jeden Quadratzentimeter abtrotzt, den es ihm abtrotzen kann.
SZ: Ein Guerillakrieger? Gegen das Altern?
Ringsgwandl: Ja, so ungefähr, wobei ich natürlich ein permissiver Guerillakämpfer bin, weil ich zwischendurch zuviel saufe, zu viel arbeite und auch zu spät ins Bett gehe.
SZ: Aber dafür haben Sie ja dann Ihre Bachblüten-Therapeutin.
Ringsgwandl: Nicht nur eine. Wenn man in Murnau, wo ich wohne, einmal über den Markt gegangen ist, ist man schon fünf Bachblüten-Therapeutinnen begegnet. In den wohlhabenden Regionen am Land draußen, da sind die Bachblüten-Therapeutinnen ubiquitär vorhanden. Zum Beispiel in der Straße, in der ich wohne: Sechs Häuser, fünf Therapeutinnen!
SZ: Und die haben Ihr Leben bereichert?
Ringsgwandl: Auf jeden Fall. Das ist meine tägliche Soap, meine Reality-Soap. Ich lausche den Weisheiten mit großem Interesse.
SZ: Und praktizieren Sie auch, was die Damen so empfehlen?
Ringsgwandl: Nein, ich hör nur zu. Vor ein paar Jahren habe ich mir mal den Arm gebrochen beim Schlittschuhfahren, das war wirklich beschissen, weil ich musste ein halbes Jahr lang alle Auftritte absagen. Es hat schweinsweh getan, es war geschwollen und hat so ausgeschaut, dass man dachte, das wird nie wieder. Und da hat meine Frau gesagt, schau, die Ursel, das ist eine Ärztin, die homöopathisch arbeitet, die Ursel hat Tropfen, da schwillt der Knochen ab, und das war praktisch der Schwurfall – glaubst du dran oder glaubst du nicht dran?
SZ: Und?
Ringsgwandl: Ich hab einen Augenblick gezögert, denn wenn man auch nur ein bisschen dran glaubt, dass es was hilft, würde man es ja nehmen. Aber dann habe ich gesagt: Vergiss es, das ist einfach Quatsch, ich bin doch nicht bescheuert. Meine Frau: Du wirst schon sehen, was du davon hast, du wirst schon sehen. Es ist dann ohne diese verdammten Tropfen abgeschwollen. Ich halte es mit dem „Namen der Rose“ und verlass’ mich auf die Ratio.
SZ: Es dürfte der Vernunft nicht leicht gefallen sein, sich bei Ihnen durchzusetzen, denn sie tragen ja eine schwere Erblast mit sich herum: Großvater jähzornig, Großonkel irrsinnig, Tante bei den Zeugen Jehovas.
Ringsgwandl: Da sieht man, dass die Bühne hilft, das Gesundheitssystem kostenmäßig zu entlasten, weil da einige Wahnsinnige Verwendung finden, die im normalen Alltag nicht zu integrieren wären, jedenfalls nicht ohne teure Medikamente.
SZ: Gilt nur für ein paar schwere Einzelfälle.
Ringsgwandl: Im Grunde ist ja das Problem, dass zu viele Normale auf die Bühne gehen. Ich dagegen habe aufgrund der Verrücktheiten in meiner Verwandtschaft dieses Kapital. Dieser Wahn, der da herrscht, hat mir einen guten Mix mitgegeben, ich profitiere davon. Meine Tante, meine Großmutter und meine Cousine, die sind dem Sektenwahn verfallen, meine Schwester dagegen ist nicht so schlimm, die ist nur bei der Avon Beraterin.
SZ: Insgesamt aber alles ideale Voraussetzungen für eine Bühnenkarriere.
Ringsgwandl: Ich war zwanzig Jahre Arzt, aber in ein Krankenhaus, eine Behörde, bin ich nicht zu integrieren. Ich bin aufsässig gewesen. Ein alter Kollege, der Chefarzt geworden ist, sagt immer zu mir, du kannst nicht unter dem Joch gehen, das kannst du einfach nicht. Das kreidet der mir immer als Makel an. Und er hat recht: Ich kann nicht unter dem Joch gehen, ich hatte mein Joch-Soll mit 19 Jahren absolviert. Später kamen dann noch sechs Jahre Knechtschaft an der Klinik in Großhadern dazu, das reicht – und zwar fett.
SZ: Gibt’s denn auch echte Makel bei Ihnen? Echte Schwächen? Kennen Sie das Phänomen, dass Sie morgens aufwachen, einen Druck in der Brust spüren und denken: Oh, Herzinfarkt?
Ringsgwandl: Das hatte ich, als ich Medizin studierte. Man sitzt am Schreibtisch, lernt über den Lymphknotenkrebs und denkt, du lieber Gott, was ist da mit meinem Lymphknoten am Hals? Man lernt über Würmer, und schon juckt es einen im Bauch, man beschäftigt sich mit manifester Depression und denkt sich: Ja, die habe ich auch. Aber heute bin ich absolut frei davon.
SZ: Da haben Sie Glück. In Deutschland soll jeder Achte unter einer eingebildeten Krankheit leiden.
Ringsgwandl: Auf Kuba ist es wahrscheinlich wesentlich seltener, würd’ ich mal schätzen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass es das Problem von Südseeinsulanern ist. Aber bei uns ist das ja eine Industrie. Die Esoterik, die Astrologie, die Wunderheiler, diese ganzen Spezialwasser-Macher, die Wellness-Hotels – die leben ja doch alle davon.
SZ: Und Murnau ist ganz vorne mit dabei?
Ringsgwandl: Natürlich. Das ist eine Spielwiese für alle möglichen Arten von esoterischem Irrsinn. Ein indischer Guru hat sich da niedergelassen. Und die halbe Ortschaft war schon bei der Familienaufstellung. Da kann der Hellinger Vorträge halten, ohne dass die Polizei einschreitet. Die ganze Gegend da draußen ist verseucht mit diesem Unsinn. Überhaupt sind wir Deutsche – aufgrund unserer Kulturgeschichte – natürlich das ideale Volk für Hypochondrie.
SZ: Inwiefern?
Ringsgwandl: Da muss ich jetzt philosophisch extemporieren, sozusagen.
SZ: Kurz, bitte!
Ringsgwandl: Es ist die christliche Prägung. Wir sollten vollkommen sein, sind aber sündig und laden an jeder Ecke Schuld auf uns. Wir steigen ins Auto ein und sind schuld an der Erderwärmung. Wir essen eine Buttersemmel und haben zu viel Cholesterin in uns. Die Kantsche-preußische Prägung kommt dazu, ein Volk geplagt von unerfüllbaren Regeln. Dann die vielen Ängste, die durch die Gesellschaft eiern, wenn sie wohlhabender wird. Die Informationsflut tut ein übriges. Die Leute hören plötzlich vom Feinstaub . . .
SZ: . . . oder sehen ihn im Taschentuch . . .
Ringsgwandl: . . . dabei hat der normale Mensch keinen Schimmer, was das bedeutet. Aber es ist dann plötzlich das große Thema. Oder die Ozonwerte. Im Radio heißt es dann, Ozon, ganz gefährlich. Aber der Ozon ist seit Jahrhunderten da gewesen, und kein Schwanz hat sich darum gekümmert. Oder die Allergien. Überall Gefahren, nur die Lebenserwartung, die steigt.
SZ: Doch der Ringsgwandl ist immun, der scheißt sich, um ihn selber zu zitieren, einen Dreck?
Ringsgwandl: Ja, ich scheiß mir wirklich komplett einen Dreck. Ich rauche nicht, ich fress’ nicht zuviel, ich saufe nicht zu viel, na ja, manchmal saufe ich schon zu viel, aber ich hab noch meinen Führerschein.
SZ: Aber den Wechseljahren entkommen auch Sie nicht! Wussten Sie, dass sich ab dem 40. Lebensjahr der Testosteronspiegel jährlich um bis zu zwei Prozent verringert?
Ringsgwandl: Na, Gott sei Dank! Oder?
SZ: Merken Sie es schon?
Ringsgwandl: Das ist jetzt eine sehr intime Frage. Es gibt diese Männer, die einfach mit vierzig mehr oder weniger impotent sind. Und es gibt die anderen, die mit 72 immer noch hinter den Weibern her sind. Es sind enorme Schwankungen . . . und . . .
SZ: . . . dabei möchten Sie es belassen?
Ringsgwandl: Dabei sollten wir es belassen. Sonst gehen wir in die Dieter-Bohlen-Falle.
SZ: Es gibt noch andere Wechseljahrsymptome: Mattigkeit, Gefühlsschwankungen, Schweißausbrüche, und natürlich dieser merkwürdige Drang, sich Abend für Abend auf einer Bühne zu produzieren.
Ringsgwandl: Hab’ ich alle, diese Symptome, außer Schweißausbrüche. Die anderen hab’ ich alle. Gefühlsschwankungen, massiv.
SZ: Und dieser Drang, jeden Abend auf der Bühne stehen zu müssen?
Ringsgwandl: Nicht jeden Abend, aber regelmäßig. Einmal pro Woche, zweimal pro Woche, den Drang habe ich. Aber das fällt mehr unter Sucht.
SZ: Lassen Sie uns die Dinge doch mal zusammenfassen und dabei noch mal Ringsgwandl zitieren: Der gnadenlose Zahn des Greisenalters beißt an Ihnen?
Ringsgwandl: Ja, unübersehbar, logisch, freilich.
SZ: Und das irritiert Sie?
Ringsgwandl: Ja, das irritiert mich schon, sicher.
SZ: Wie wehren Sie sich?
Ringsgwandl: Ich geb’ mir Mühe, das mit Würde zu tragen. Ich weiß, der Tod steht draußen vor der Tür und sagt, he, Georg, wir haben irgendwann mal ein Date, du hast schon viel zu lange gelebt, hast einige überlebt.
SZ: Na na, so alt sind Sie auch wieder nicht.
Ringsgwandl: Ich weiß, dass ich 57 bin und dass ich bald 58 werde, wenn ich Glück habe. Und ich weiß auch, die einzige Chance, nicht 60 zu werden, besteht darin, vorher zu sterben. So schlicht ist das. Und das versuche ich mit einem größtmöglichen Maß an Würde zu machen. Soll ich mir einen Bart wachsen lassen wie die jungen Rockstars? Oder klamottenmäßig aufrüsten? Baseballkappe?
SZ: Bob Dylans Spruch also gilt nicht: Früher war ich so viel älter, jetzt bin ich jünger als damals?
Ringsgwandl: Sehr schön, wenn der Spruch wirklich wahr wäre. Den hat er geschrieben, als er jung war. Aber ich denke, dass es affektierter Quatsch wäre, sich so etwas anzuheften. Wenn einer mit 57 sagt, er fühlt sich wie dreißig, dann muss ich sagen: Oh, was ist das für eine Diagnose? Was ist mit dir passiert? Noch mal: Ich bin 57.
SZ: Und am Ende reicht dann ein gebrauchter Fichtensarg?
Ringsgwandl: Ja, reicht. Oder eine gebrauchte Urne. Oder eine uralte Vase. Eine Vase vom Flohmarkt.
SZ: Aber in Wahrheit denken Sie natürlich, dass Sie noch 100 Jahre leben. Und dass Sie mindestens noch fünfzig davon auf der Bühne herumturnen werden.
Ringsgwandl: Nein, 80 Jahre reichen, mit und ohne Bühne, und dann wär’s schön, wenn mir einer ohne Vorwarnung von hinten auf den Kopf haut. Mein Vater ist mit 81 gestorben, plötzlich, so wie er es sich gewünscht hat. Und da hatte er recht, es war an der Zeit. Irgendwann sollte man seine Parzelle räumen für die Jungen.