| Kölner
Stadtanzeiger,
05.01. 2007 |
"Ich
bin ja auch schizoid" |
Der
Komiker und Kabarettist Georg Ringsgwandl |
| Von
Marianne Kolarik |
| KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Ringsgwandl,
es scheint, als knüpften Sie mit Ihrer neuen CD
an Ihre ersten Programme an . . . |
| GEORG
RINGSGWANDL: Das stimmt schon. Auch die ersten Sachen
hatten eine starke Vitalität mit Rock'n'Roll-
und Funk-Elementen. Der Grund ist der, dass ich in
den letzten Jahren, als ich viel am Theater und mit
verschiedenen Bands gearbeitet habe, das Gefühl
hatte, das Ganze drifte in Richtung einer saturierten,
gutbürgerlichen Gediegenheit, eine Art von edler
Stagnation, die für mich der absolute Tod ist.
Da dachte ich mir, das kann so nicht weitergehen, das
wird mir einfach zu langweilig. Und dann habe ich mich
nach frischen Musikern umgesehen, munteren jungen Burschen,
die meine Ideen mit viel Energie aufgenommen haben.
Ich weiß, dass ein paar irritierende Sachen dabei
sind. Manche denken, dass man sich in meinem Alter
eher dem Rotary-Club oder dem Reinigen des Golfschlägers
zuwenden sollte. Aber damit kann ich leider nicht dienen. |
| Welche Songs meinen Sie? |
| RINGSGWANDL:
"Die Mörderfrau" zum Beispiel, die mir
angesichts von ein paar Vollweibern aus der Feder
gesprungen
ist. Ich habe bereits einige böse E-Mails von
Frauen bekommen, die sich nicht richtig wahrgenommen
fühlen. |
| In
"Vroni" besingen Sie eine attraktive Politesse in
der verkehrsberuhigten Zone, "ein Topmodell in Uniform"
- in Köln habe ich bislang vergeblich nach einer
"Überraschung von der Parkraumüberwachung"
Ausschau gehalten . . . |
| RINGSGWANDL:
Das ist die Verarbeitung eines Zorns, den man manchmal
hat, wenn eine von den unfreundlichen und hässlichen
Politessen daherkommt, wo man nur explodieren könnte.
Ich habe das einfach in Poesie verwandelt und mir
vorgestellt, dass der Inbegriff einer schönen,
charmanten Wahnsinnsfrau sich dazu herablässt,
mich aufzuschreiben. |
| Sie
haben einmal gesagt, Sie seien "falsch inkarniert"
worden, also in die falsche Familie geboren worden
und statt in einem reichen Fabrikanten-Haushalt als
Sohn eines kriegsgeschädigten Postboten aufgewachsen. |
| RINGSGWANDL:
Inzwischen weiß ich, dass das,
was ich in meiner Jugend mitbekommen habe, ein großer
Schatz ist, ein Reichtum an Erfahrungen und Eindrücken.
Das kann ich aber erst sagen, nachdem ich es überstanden
habe. Diese repressive katholische, reaktionäre
Atmosphäre hat den meisten Leuten das Rückgrat
gebrochen. Die meisten, in ähnlichen Verhältnissen
aufgewachsenen Menschen, sind gebrochen und laborieren
ihr Leben lang an den Schäden herum. Ich auch,
aber bei mir merkt man es nicht so. |
| Es
ist Ihnen sogar gelungen, als Künstler
daraus Honig zu ziehen. |
| RINGSGWANDL:
Mein Glück ist es, dass die Leute diese künstlerische
Verarbeitung gerne hören. Ich bin im Bad Reichenhaller
Ortsteil Staufenbrücke nicht so heimisch wie
diejenigen, die immer noch dort wohnen. Der Preis
dafür ist die Heimatlosigkeit. Der Vorteil ist,
dass ich überall leben könnte, in der Kölner
Südstadt oder in Königswinter, das ist
mir wurscht. |
| Wie sind denn die Reaktionen auf Ihre
Konzerte? |
| RINGSGWANDL:
In Berlin, Bremen und Hamburg hatten wir einen riesigen
Zulauf gehabt, in Bad Reichenhall wussten die Leute
gar nicht, worum es da geht. Die haben gesagt: "So
war das damals nicht gewesen" und dass sie gar nicht
wüssten, wovon die Rede ist. Das muss man akzeptieren.
Die haben die Zeit ganz anders empfunden. Die Oberösterreicher
sehen das Salzkammergut auch anders als Thomas Bernhardt. |
| Inwieweit
trägt das Lied "Der Konsumverweigerer"
autobiografische Züge? |
| RINGSGWANDL:
Ich möchte das nicht im Detail ausführen,
weil Sie sich sonst einen Ast lachen. Nur: Meine
Frau und meine drei Töchter hindern mich daran,
die Verweigerung konsequent durchzuziehen. Ich kann
in dem irrsinnigen Wohlstandssystem hervorragend
leben, indem ich es ganz schlicht handhabe, und damit
das denkbar beste Leben führen. In Garmisch
gibt es einen Secondhandladen und irgendeinen Manager,
der dort sein Zeug abliefert und genau die Größe
hat, die mir passt. Von dem habe ich ein Armani-Jackett.
Auch was ich auf der Bühne trage, ist von dem. |
| Gibt
es auch Leute, die von Ringsgwandl sagen, er sei
"net ganz beinand"? |
| RINGSGWANDL:
Als ich einmal auf den Buckeln im Siebengebirge spazieren
ging, in der Nähe von Oberdollendorf, da saß einer
mit sechs Plastiktüten auf einer Bank und redete
so vor sich hin. Ich dachte noch, ob der vielleicht
mit dem Handy telefoniert? Der quatschte tatsächlich
mit sich selbst und sagte plötzlich einen ganz
hellsichtigen Satz zu mir, bevor er wieder abtauchte.
Ich bin ja auch eine schizoide Persönlichkeit.
Es ist ja ganz angenehm, wenn man sich ein bisschen
aufspalten kann und der Größenwahnsinnige
sich mit dem Konsumverweigerer unterhält. |
| Träumen
Sie manchmal insgeheim von einem Leben als Reihenhausbesitzer? |
| RINGSGWANDL:
Immer dann, wenn mir das ganze Showgeschäft wahnsinnig auf den Senkel geht,
dieses ganze Trara. Dann habe ich eine Sehnsucht nach
einer anonymen, gleichförmigen, regelmäßigen
Existenz. In einem Wohnblock wohnen und am Wochenende
fern schauen, wie ein Fisch, der in einem Schwarm mit
schwimmt. Aber dann bricht wieder der Größenwahnsinn
aus mir heraus, und ich will eine Villa mit einem Chauffeur
und dass ich am Morgen angekleidet werde von einem
Kammerdiener. [lacht laut] |
| In
"Wäsche versaun" geht es um die
immer größer gewordenen Löcher im sozialen
Netz . . . |
| RINGSGWANDL:
Der Song ist ein Befreiungsschlag, das Ergebnis von
diesem irrsinnig zähen Rumgedoktore
und Rumgejammere an diesem Sozialsystem - seit Jahren
geht nichts vorwärts noch rückwärts. |
| "Schenk
ma no an Wodka ei, de Welt is kompliziert" heißt es in einem Song - eine praktikable
Problemlösungsstrategie? |
| RINGSGWANDL:
Was uns fertig macht, dass man alles mitbekommt,
was an Katastrophen und Ungerechtigkeiten
passiert. Das ist weder zu verstehen noch zu ertragen.
Aber man muss aushalten, dass es irrsinnige Ungerechtigkeiten
gibt. Das war immer so: Als der Vesuv ausgebrochen
ist und Pompeji verschüttet hat, haben zur selben
Zeit am Bodensee die Pfahlbauern gemütlich Fische
eingesammelt. Dabei leben wir in der angenehmsten Phase
der Geschichte, ich wüsste nicht, mit welcher
ich tauschen möchte. |