Was
für eine enorme Leistung Christian Ude seit Jahren
vollbringt, ist mir erst seit ein paar Wochen klar. Irgendwann
im Winter hatte ich mich unter dem Einfluß von
kostenlosem Alkohol dazu überreden lassen, auf einer ökologisch-sozial
gestimmten Liste für den Gemeinderat meines Dorfes
zu kandidieren. Es waren nur drei, vier Versammlungen,
die ich zu überstehen hatte, aber das zeigte mir
bereits, was für ein hartes Brot die Politik ist.
Zuerst stellen sich die Kandidaten vor. Wenn das dritte
Blumenkind aufsteht und von unserer Endmoräne aus
die globale Erwärmung stoppen will, kriege ich schon
den schnell einschießenden Fluchtreflex. Und kaum
ist die Kandidatenvorstellung vorbei, erhebt sich ein
alkoholisierter Frührentner und lallt in den Wirtshaussaal,
die Gemeinde müsse am Strand unten einen Biergarten
einrichten, damit man beim Bier den Sonnenuntergang betrachten
kann. Schon da riß mir der Geduldsfaden. Für
Alkoholiker, sagte ich, ohne mich auch nur um einen Hauch
von Diplomatie zu bemühen, geht die Sonne immer
unter, dazu braucht es keinen Biergarten. Nun haben die
Säufer aber, auch wenn ihr Hirn betäubt ist,
ein feines Gespür dafür, wer ein Herz für
ihre Belange hat und wer nicht. Gerade die Süchtigen
haben ein Recht darauf, in den demokratischen Gremien
vertreten zu sein. Und so bestrafte man meinen arroganten
Spruch, ich wurde nicht gewählt. Mein Ausflug in
die Politik endete schon bevor es richtig losging, aber
ich lernte DREI GROSSE LEKTIONEN. Erstens Demut vor der
versammelten Intelligenz des Volkes, die immer größer
ist als der noch so gescheite Kopf des Einzelnen, zweitens
erwarb ich mir eine Ahnung von dem, was Männer wie
Ude leisten und drittens, ich bin für die Politik
gänzlich ungeeignet. Ich nehme es mir jedesmal fest
vor, aber ich schaffe es nicht, in einer Sitzung länger
als 15 Minuten ernst zu bleiben. Sobald der erste Eingeborene,
-angeblich Akademiker-, aufsteht und zu reden anfängt,
als habe man ihm aus dem Steuerorgan unter seiner Potschamperlfrisur
den Denklappen entfernt, rutscht mir ein loser Spruch über
die Amalgamplomben und niemand hört mehr auf meine
Sachargumente.
Gepriesen sei Ude in der Höh‘ und Frieden den
Knechten in den Bezirksausschüssen. Wenn ich mir vorstelle,
was für eine unfaßbare Zahl von Sitzungen dieser
Mann durchgestanden hat, schäme ich mich für
jeden mäkeligen Gedanken, den mein verwöhntes
Hirn je bezüglich der Polis München zu formen
sich anschickte.
Man
kann der rotgrünen Stadtverwaltung einiges vorhalten:
Korruption im Baureferat, Kostenexplosion bei der Renovierung
der Kammerspiele, hier ein Spezi-Intendant, der in ein
paar Monaten das Volkstheater runterwirtschaftet, (nicht
der jetzige, der kann‘s ja), die wunderliche Reihe
von KulturreferentInnen, die Misere an den städtischen
Kliniken, erstickende Bürokratie und rausgeworfene
Gelder, andererseits: es sind Menschen am Werk und da geht
halt öfter was daneben. Bei aller Skepsis aber, die
CSU ist auch kein Trost.
Zur Wahl steht ja nicht der Beste aller Politiker, sondern
der bestmögliche, der beste, der sich freiwillig meldet.
Es ist so ähnlich wie Fernsehen: Man hat ein paar
Kanäle zur Auswahl und sucht sich den aus, wo der
Schmerz am geringsten ist. Seien wir also dankbar, daß Ude
sich nochmal zur Verfügung stellt. Er könnte
sich nämlich genausogut einen gemütlichen Lenz
machen wie jener grüne Kommunalreferent, der sich
nach zwei Amtsperioden mit Anfang Fünfzig und einer
komfortablen Pension in die Toskana absetzte.
Ude ist ein Hochleistungsträger. Wenn er frühmorgens
loslegt, ist der Schnauzer schon getrimmt und das Kopfhaar
frisiert, dann pflügt er lächelnd durch einen
Tag mit hunderten von Entscheidungen, hält von der
Rosa Liste bis zu den raucherfreundlichen Wiesenwirten
zig verschiedene Interessensgruppen bei Laune, streichelt
im Hinausgehen einem betrübten Grünen über
den Kopf, eilt zu einem Empfang, bei dem er 500 gestörten
Künstlern ihre eminente Bedeutung für die Stadt
München attestiert, geht daheim mit seinen Kindern
noch die Hausaufgaben durch, hilft der Frau in der Küche
und fällt fix und foxi aufs Futon. So ein Mann braucht
keine Schlaftabletten.
Wer zwei Drittel der Stimmen holen will, muß sie
alle haben, vom verstimmten Migranten über den unverschuldet
Obdachlosen, den Fensterputzer am Vierzylinder, den gewissensreinen
Lehrer, die Spießer in Ramersdorf, die Senioren in
Kleinhadern bis zu den verzweifelten Geschäftsleuten
in einem leerstehenden Bürogebäude am Mittleren
Ring. 200 verschiedenen Untergruppen, die alle fest von
der Bedeutung ihres Nanoproblems überzeugt sind, wollen
das Gefühl haben: hier sind wir am Richtigen. Der
OB einer Großstadt muß eine geschmackliche
Schnittmenge wie der 3er BMW auf sich vereinigen. Das ist
eine derartig immense Integrationsleistung, daß die
67% nur recht und billig sind.
Soweit wird es der Schmid von der CSU nie schaffen, schon
allein deswegen, weil die Leute nie genau wissen, wen sie
vor sich haben. Reden sie mit dem richtigen Schmid, oder
ist es der Schmied Josef ? Der Schmidt Sepp oder der Beppi
Schmitt, oder am End‘ gar eine Mischung aus allen
Vieren? Auch sein Gesicht kann sich keiner merken. Es heißt,
er habe sich schon selbst verwechselt und nach einer harten
Nacht sein Gesicht im Spiegel als den Schmidt aus der Bettenabteilung
vom Karstadt begrüßt. Den kann ich mir ums Verrecken
nicht merken, sagen die Leut‘. Ausschauen tut er
wie aus dem Sport Scheck Katalog, Model Nr. 37965 aus der
Abteilung Beste Jahre/männlich der Bundesagentur für
Angenehme Typen; ein Sky Dumont der Trachtenmodels sozusagen,
der mit dem konfusen Plakat.
Nun kann er, ähnlich wie der Autor, für sein Äußeres
so wenig wie für seinen Namen. Das Plakat aber ist
eine Gemeinheit. War das eine Verschwörung des BVSW,
des Bösen Verbandes Schlechter Werbegraphiker, oder
ist das konfuse Machwerk Ausdruck des mentalen Zustands
der Münchner CSU?
Ungleich pfiffiger die Kampagne von Rot-Grün. Wahlkampf,
der nicht so ausschaut. Wahlkampf, wo wirkt, aber keiner
merkt.
Jahr und Tag kommt nichts von den Stadtwerken außer
der Rechnung. Aber kaum, daß es auf die Wahlen zugeht,
schwupps, eine teuer aufgemachte, bunte SWM Broschüre
im Briefkasten. Die Stadtwerke informieren..., aha.
Du schlägst die Zeitung auf und plötzlich eine
Riesenfarbanzeige der SWM. Komisch. Unaufgefordert teilt
man uns mit, wie ökologisch vorbildlich und dabei
konkurrenzlos günstig Strom und Gas in München
sind. Natürlich ist das keine SPD- oder Grünen-Reklame.
Der OB lacht zwar aus jedem Bild, aber nicht als Wahlkämpfer,
sondern in seiner Rolle als Stadtoberhaupt. Kostet einiges,
diese PR, aber das sind Peanuts. Ein gewisser Haut-gout,
aber so machen es alle, wenn sie am Hebel sitzen.
Ein Bautrupp hat die Alramstraße aufgerissen. Die
Chinesen im Nagelstudio kleben den schulschwänzenden
Hauptschülerinnen gerade Fingernägel an, mit
denen man 300 Delphine vergiften könnte. In der Tiefe
schweißt ein Monteur Rohre zusammen und hat ganz
andere Sorgen. Aus dem Laden für Gesunden Schlaf schaut
ein Sozialpädagoge im Elternfrei, und am Bauzaun hängt
ein in Plastik eingeschweißtes Din A4 Blatt (recycelbar,
eh klar). Es klärt den Fußgänger auf, worum
es hier geht. Die Fernwärme kommt ins Viertel und
wie das den Eisbären zugute kommt. Der Text ist eine
Spitzenleistung modernen Marketings. Die Studenten der
FHS für Multimedia und andere verdeckte Formen des
Erwachsenenmißbrauchs hatten einen Satz zu bilden,
in dem folgende Worte vorkommen: ressourcen/schonen/nachhaltig/wärme/umwelt/verträglich/CO2/neutral/energie/sparen/Kraft-Wärme-Kopplung/klima/freundlich/erneuerbar.
Formuliere den Satz so, daß ihn keiner versteht,
aber ein gutes Gefühl aufkommt. Tippe den Text in
deinen PC und importiere ein Bild mit verantwortungsvoll
blickenden Politikern vor einem Windpark (du kannst sie
auch in den Windpark hineinkopieren, man soll es nur nicht
sehen). Jetzt verfügst du über eine Text-Bild-Datei,
mithilfe derer du Ökofondsanteile und/oder modische
Politik verkaufen kannst. Gratuliere. Prüfung bestanden.
Wenn du zum Arbeitsamt gehst, darfst du als Berufsbezeichnung
Bachelor in Umweltmarketing angeben.
Rätsel Kommunalwahl, diskontinuierlicher Raum, Schwarzes
Loch Wählergehirn.
Früher dachte ich immer, Professor Falter, Parteienforscher,
geht‘s noch? Wer braucht denn sowas? Aber wer weiß schon,
warum die Leute den Politiker A, B oder C wählen und
warum überhaupt noch wer ins Wahllokal stiefelt. Wissen
wir, mit wem wir es zu tun haben? Was hat er schon verbrochen?
Was stellt er demnächst an? Oder wird ein Gefühl
gewählt, ein Image?
Warum wählen die Münchner mit Zweidrittelmehrheit
einen SPD Bürgermeister, obwohl die Stadt umzingelt
ist von einem Staat unter absoluter CSU Herrschaft?
Das durchsanierte München ist ja keine linke Stadt,
aber es gibt hier einen SPD Mann, der christlich soziale
Politik offenbar besser beherrscht als die CSU. Hier hat
die SPD die Mitte übernommen, während sich die
CSU in die karstigen Höhlen Korruptiens zurückgezogen
hat. Ein Ministerialbeamter sagte mir letztes Jahr, der
Ude, das ist unser Mann, bloß schad, daß er
bei der falschen Partei ist. Auch Beckstein sagt: der gude
Ude.
Wie konnte es soweit kommen? Als Strauß starb, hinterließ er
ein Land, das der CSU gehörte, und in der CSU hatte
er, ähnlich wie seinerzeit Herodes, alle Nachkommen,
die ihm gefährlich werden konnten, getötet. Nicht
im physischen Sinne, sondern politisch vernichtet. Übrig
blieb ein Heer von Leuten, die darin geübt waren,
unter dem Großen Vorsitzenden das Tagesgeschäft
zu verwalten, und wiederum darunter wuselte eine Kaste
von besonders enthirnten Kameraden, die heillosen Mönche
des Ordens der Unbefangenen Hedonisten. Sie glaubten, es
sei damit getan, sich kriminelle Geschäfte zuzuschanzen,
um möglichst noch vor dem 40. Lebensjahres ausgesorgt
zu haben. Im Volksmund sagt man dafür: der kann vielleicht
einer alten Frau einen falschen Schwammerlplatz zeigen,
aber ansonsten ist nichts los bei dem. Im Münchner
Süden müßte es heißen: der kann vielleicht
einem Zahnarzt drei wertlose Grundstücke verticken,
oder einer dementen Rentnerin ihre Stimme abkaufen, aber
sonst: nichts los mit dem Knaben. Neuerdings gilt auch
noch: der kann vielleicht einem alten Mann vor den Türken
Angst machen...
Nicht leicht für den Schmid Josef. Jedesmal, wenn
er ans Rednerpult tritt, steigen hinter ihm die Dämonen
der Münchner CSU Geschichte auf, eine Ahnenreihe gerichtsbekannter
Krimineller wie Kiesl, Bletschacher (Käseschachteläffäre),
Niklas und Max Strauß (windige Geschäfte), und
tanzen im dunstgeschwängerten Äther des Bierzeltes
die Wahlfälscheraffäre starring Haedke, Graber
und Baretti, ein gerichtsbekannter Krattlerbackofen ohne
Selbstreinigung.
Wird noch eine Zeit dauern, bis der böse Zauber verflogen
ist. Vielleicht hilft ja der neue Bischof. Das ist fast
noch schöner als der Schäfflertanz im Rathausturm:
der Bürgermeister ist SPD und der Bischof heißt
Marx. Gut gemacht, Ude!
Georg Ringsgwandl