Prosa
Der wo wirkt
Erschienen in der SZ, Wochenendbeilage vom 8./9.3.08

Was für eine enorme Leistung Christian Ude seit Jahren vollbringt, ist mir erst seit ein paar Wochen klar. Irgendwann im Winter hatte ich mich unter dem Einfluß von kostenlosem Alkohol dazu überreden lassen, auf einer ökologisch-sozial gestimmten Liste für den Gemeinderat meines Dorfes zu kandidieren. Es waren nur drei, vier Versammlungen, die ich zu überstehen hatte, aber das zeigte mir bereits, was für ein hartes Brot die Politik ist. Zuerst stellen sich die Kandidaten vor. Wenn das dritte Blumenkind aufsteht und von unserer Endmoräne aus die globale Erwärmung stoppen will, kriege ich schon den schnell einschießenden Fluchtreflex. Und kaum ist die Kandidatenvorstellung vorbei, erhebt sich ein alkoholisierter Frührentner und lallt in den Wirtshaussaal, die Gemeinde müsse am Strand unten einen Biergarten einrichten, damit man beim Bier den Sonnenuntergang betrachten kann. Schon da riß mir der Geduldsfaden. Für Alkoholiker, sagte ich, ohne mich auch nur um einen Hauch von Diplomatie zu bemühen, geht die Sonne immer unter, dazu braucht es keinen Biergarten. Nun haben die Säufer aber, auch wenn ihr Hirn betäubt ist, ein feines Gespür dafür, wer ein Herz für ihre Belange hat und wer nicht. Gerade die Süchtigen haben ein Recht darauf, in den demokratischen Gremien vertreten zu sein. Und so bestrafte man meinen arroganten Spruch, ich wurde nicht gewählt. Mein Ausflug in die Politik endete schon bevor es richtig losging, aber ich lernte DREI GROSSE LEKTIONEN. Erstens Demut vor der versammelten Intelligenz des Volkes, die immer größer ist als der noch so gescheite Kopf des Einzelnen, zweitens erwarb ich mir eine Ahnung von dem, was Männer wie Ude leisten und drittens, ich bin für die Politik gänzlich ungeeignet. Ich nehme es mir jedesmal fest vor, aber ich schaffe es nicht, in einer Sitzung länger als 15 Minuten ernst zu bleiben. Sobald der erste Eingeborene, -angeblich Akademiker-, aufsteht und zu reden anfängt, als habe man ihm aus dem Steuerorgan unter seiner Potschamperlfrisur den Denklappen entfernt, rutscht mir ein loser Spruch über die Amalgamplomben und niemand hört mehr auf meine Sachargumente.
Gepriesen sei Ude in der Höh‘ und Frieden den Knechten in den Bezirksausschüssen. Wenn ich mir vorstelle, was für eine unfaßbare Zahl von Sitzungen dieser Mann durchgestanden hat, schäme ich mich für jeden mäkeligen Gedanken, den mein verwöhntes Hirn je bezüglich der Polis München zu formen sich anschickte.

Man kann der rotgrünen Stadtverwaltung einiges vorhalten: Korruption im Baureferat, Kostenexplosion bei der Renovierung der Kammerspiele, hier ein Spezi-Intendant, der in ein paar Monaten das Volkstheater runterwirtschaftet, (nicht der jetzige, der kann‘s ja), die wunderliche Reihe von KulturreferentInnen, die Misere an den städtischen Kliniken, erstickende Bürokratie und rausgeworfene Gelder, andererseits: es sind Menschen am Werk und da geht halt öfter was daneben. Bei aller Skepsis aber, die CSU ist auch kein Trost.
Zur Wahl steht ja nicht der Beste aller Politiker, sondern der bestmögliche, der beste, der sich freiwillig meldet. Es ist so ähnlich wie Fernsehen: Man hat ein paar Kanäle zur Auswahl und sucht sich den aus, wo der Schmerz am geringsten ist. Seien wir also dankbar, daß Ude sich nochmal zur Verfügung stellt. Er könnte sich nämlich genausogut einen gemütlichen Lenz machen wie jener grüne Kommunalreferent, der sich nach zwei Amtsperioden mit Anfang Fünfzig und einer komfortablen Pension in die Toskana absetzte.
Ude ist ein Hochleistungsträger. Wenn er frühmorgens loslegt, ist der Schnauzer schon getrimmt und das Kopfhaar frisiert, dann pflügt er lächelnd durch einen Tag mit hunderten von Entscheidungen, hält von der Rosa Liste bis zu den raucherfreundlichen Wiesenwirten zig verschiedene Interessensgruppen bei Laune, streichelt im Hinausgehen einem betrübten Grünen über den Kopf, eilt zu einem Empfang, bei dem er 500 gestörten Künstlern ihre eminente Bedeutung für die Stadt München attestiert, geht daheim mit seinen Kindern noch die Hausaufgaben durch, hilft der Frau in der Küche und fällt fix und foxi aufs Futon. So ein Mann braucht keine Schlaftabletten.
Wer zwei Drittel der Stimmen holen will, muß sie alle haben, vom verstimmten Migranten über den unverschuldet Obdachlosen, den Fensterputzer am Vierzylinder, den gewissensreinen Lehrer, die Spießer in Ramersdorf, die Senioren in Kleinhadern bis zu den verzweifelten Geschäftsleuten in einem leerstehenden Bürogebäude am Mittleren Ring. 200 verschiedenen Untergruppen, die alle fest von der Bedeutung ihres Nanoproblems überzeugt sind, wollen das Gefühl haben: hier sind wir am Richtigen. Der OB einer Großstadt muß eine geschmackliche Schnittmenge wie der 3er BMW auf sich vereinigen. Das ist eine derartig immense Integrationsleistung, daß die 67% nur recht und billig sind.
Soweit wird es der Schmid von der CSU nie schaffen, schon allein deswegen, weil die Leute nie genau wissen, wen sie vor sich haben. Reden sie mit dem richtigen Schmid, oder ist es der Schmied Josef ? Der Schmidt Sepp oder der Beppi Schmitt, oder am End‘ gar eine Mischung aus allen Vieren? Auch sein Gesicht kann sich keiner merken. Es heißt, er habe sich schon selbst verwechselt und nach einer harten Nacht sein Gesicht im Spiegel als den Schmidt aus der Bettenabteilung vom Karstadt begrüßt. Den kann ich mir ums Verrecken nicht merken, sagen die Leut‘. Ausschauen tut er wie aus dem Sport Scheck Katalog, Model Nr. 37965 aus der Abteilung Beste Jahre/männlich der Bundesagentur für Angenehme Typen; ein Sky Dumont der Trachtenmodels sozusagen, der mit dem konfusen Plakat.
Nun kann er, ähnlich wie der Autor, für sein Äußeres so wenig wie für seinen Namen. Das Plakat aber ist eine Gemeinheit. War das eine Verschwörung des BVSW, des Bösen Verbandes Schlechter Werbegraphiker, oder ist das konfuse Machwerk Ausdruck des mentalen Zustands der Münchner CSU?
Ungleich pfiffiger die Kampagne von Rot-Grün. Wahlkampf, der nicht so ausschaut. Wahlkampf, wo wirkt, aber keiner merkt.
Jahr und Tag kommt nichts von den Stadtwerken außer der Rechnung. Aber kaum, daß es auf die Wahlen zugeht, schwupps, eine teuer aufgemachte, bunte SWM Broschüre im Briefkasten. Die Stadtwerke informieren..., aha.
Du schlägst die Zeitung auf und plötzlich eine Riesenfarbanzeige der SWM. Komisch. Unaufgefordert teilt man uns mit, wie ökologisch vorbildlich und dabei konkurrenzlos günstig Strom und Gas in München sind. Natürlich ist das keine SPD- oder Grünen-Reklame. Der OB lacht zwar aus jedem Bild, aber nicht als Wahlkämpfer, sondern in seiner Rolle als Stadtoberhaupt. Kostet einiges, diese PR, aber das sind Peanuts. Ein gewisser Haut-gout, aber so machen es alle, wenn sie am Hebel sitzen.
Ein Bautrupp hat die Alramstraße aufgerissen. Die Chinesen im Nagelstudio kleben den schulschwänzenden Hauptschülerinnen gerade Fingernägel an, mit denen man 300 Delphine vergiften könnte. In der Tiefe schweißt ein Monteur Rohre zusammen und hat ganz andere Sorgen. Aus dem Laden für Gesunden Schlaf schaut ein Sozialpädagoge im Elternfrei, und am Bauzaun hängt ein in Plastik eingeschweißtes Din A4 Blatt (recycelbar, eh klar). Es klärt den Fußgänger auf, worum es hier geht. Die Fernwärme kommt ins Viertel und wie das den Eisbären zugute kommt. Der Text ist eine Spitzenleistung modernen Marketings. Die Studenten der FHS für Multimedia und andere verdeckte Formen des Erwachsenenmißbrauchs hatten einen Satz zu bilden, in dem folgende Worte vorkommen: ressourcen/schonen/nachhaltig/wärme/umwelt/verträglich/CO2/neutral/energie/sparen/Kraft-Wärme-Kopplung/klima/freundlich/erneuerbar. Formuliere den Satz so, daß ihn keiner versteht, aber ein gutes Gefühl aufkommt. Tippe den Text in deinen PC und importiere ein Bild mit verantwortungsvoll blickenden Politikern vor einem Windpark (du kannst sie auch in den Windpark hineinkopieren, man soll es nur nicht sehen). Jetzt verfügst du über eine Text-Bild-Datei, mithilfe derer du Ökofondsanteile und/oder modische Politik verkaufen kannst. Gratuliere. Prüfung bestanden. Wenn du zum Arbeitsamt gehst, darfst du als Berufsbezeichnung Bachelor in Umweltmarketing angeben.
Rätsel Kommunalwahl, diskontinuierlicher Raum, Schwarzes Loch Wählergehirn.
Früher dachte ich immer, Professor Falter, Parteienforscher, geht‘s noch? Wer braucht denn sowas? Aber wer weiß schon, warum die Leute den Politiker A, B oder C wählen und warum überhaupt noch wer ins Wahllokal stiefelt. Wissen wir, mit wem wir es zu tun haben? Was hat er schon verbrochen? Was stellt er demnächst an? Oder wird ein Gefühl gewählt, ein Image?
Warum wählen die Münchner mit Zweidrittelmehrheit einen SPD Bürgermeister, obwohl die Stadt umzingelt ist von einem Staat unter absoluter CSU Herrschaft?
Das durchsanierte München ist ja keine linke Stadt, aber es gibt hier einen SPD Mann, der christlich soziale Politik offenbar besser beherrscht als die CSU. Hier hat die SPD die Mitte übernommen, während sich die CSU in die karstigen Höhlen Korruptiens zurückgezogen hat. Ein Ministerialbeamter sagte mir letztes Jahr, der Ude, das ist unser Mann, bloß schad, daß er bei der falschen Partei ist. Auch Beckstein sagt: der gude Ude.
Wie konnte es soweit kommen? Als Strauß starb, hinterließ er ein Land, das der CSU gehörte, und in der CSU hatte er, ähnlich wie seinerzeit Herodes, alle Nachkommen, die ihm gefährlich werden konnten, getötet. Nicht im physischen Sinne, sondern politisch vernichtet. Übrig blieb ein Heer von Leuten, die darin geübt waren, unter dem Großen Vorsitzenden das Tagesgeschäft zu verwalten, und wiederum darunter wuselte eine Kaste von besonders enthirnten Kameraden, die heillosen Mönche des Ordens der Unbefangenen Hedonisten. Sie glaubten, es sei damit getan, sich kriminelle Geschäfte zuzuschanzen, um möglichst noch vor dem 40. Lebensjahres ausgesorgt zu haben. Im Volksmund sagt man dafür: der kann vielleicht einer alten Frau einen falschen Schwammerlplatz zeigen, aber ansonsten ist nichts los bei dem. Im Münchner Süden müßte es heißen: der kann vielleicht einem Zahnarzt drei wertlose Grundstücke verticken, oder einer dementen Rentnerin ihre Stimme abkaufen, aber sonst: nichts los mit dem Knaben. Neuerdings gilt auch noch: der kann vielleicht einem alten Mann vor den Türken Angst machen...
Nicht leicht für den Schmid Josef. Jedesmal, wenn er ans Rednerpult tritt, steigen hinter ihm die Dämonen der Münchner CSU Geschichte auf, eine Ahnenreihe gerichtsbekannter Krimineller wie Kiesl, Bletschacher (Käseschachteläffäre), Niklas und Max Strauß (windige Geschäfte), und tanzen im dunstgeschwängerten Äther des Bierzeltes die Wahlfälscheraffäre starring Haedke, Graber und Baretti, ein gerichtsbekannter Krattlerbackofen ohne Selbstreinigung.
Wird noch eine Zeit dauern, bis der böse Zauber verflogen ist. Vielleicht hilft ja der neue Bischof. Das ist fast noch schöner als der Schäfflertanz im Rathausturm: der Bürgermeister ist SPD und der Bischof heißt Marx. Gut gemacht, Ude!

Georg Ringsgwandl