Theater
1995: Die Ländlerqueen sieht Morgenrot
Akteure: Die Ländler-Queen und der TV- Intendanten Dr. Franz. Dr. Franz, ein ehemaliger Theaterkritiker und gescheiterter Kulturdezernent, ist der Direktor eines Fernsehsenders, der einem imaginären Medienimperium Kirch-Bertelsmann gehört. Zu ihm kommt eines Tages Margret, die Ländler-Queen, und sie will eine neue Volksmusik- Show moderieren. Dr. Franz erkennt die Chance, für seinen Sender den absoluten Maria-Hellwig-Overkill zu produzieren, und gemeinsam gehen sie nun daran, die ultimative Folkloresendung zu entwerfen.

Premiere der Kurzoperette am 10. Dezember 1995 am Kölner Schauspiel, am 29. Dezember noch einmal an der Oper. Für die Aufführungen 1997 in München hat Ringsgwandl das Stück und die Musik in weiten Teilen umgeschrieben, zudem ist das Operettchen mit eineinhalb Stunden Spieldauer gut doppelt so lang wie die Kölner Fassung.

MZ 04.02.1997:
Operette mit Hollarodijö
Georg Ringsgwandls "Ländler Queen" in München

"Juhuuuuu!" konnte man da nur geschmerzt antworten, wenn die schöne bayerische Musi schräg und schwer und lastend durch das Münchner Zerwirkungsgewölbe dröhnte. Der historische Raum paßte als Spielort der neuen Studioproduktion des Gärtnerplatztheaters perfekt, denn die Herren, um die es geht, residieren gerne so feudal in einem traditionsreichen, stilvollen Raum , ein paar dezente Hinweise auf die eigene Bedeutung - hier ein paar "Goldene Schallplatten", ein gigantischer Chefsessel und ein überdimensionierter Schreibtisch. Genauso hat Peter Jeremias die Szene bestückt.

Und daß zu diesem Schreibtisch vorne eine goldgelbe Treppe emporführt, signalisierte ironisch parallel zu dem herzig und vor Waldesstimmung triefenden Raumeck mit der klassisch aufgemotzten Stubn-Musi, worum es geht: "Um ein gaaanz ächtes Bavarian Casting", wo der Schreibtisch dann zum Laufsteg wird. Schon vor etlichen Monaten hat ja ein Fernseh-"Tatort" aus München die rabiaten Machenschaften des gar nicht so gemütlichen Volksmusik-Geschäfts entlarvt.

Der mal clowneske, mal abgründig-anarchische, mal poetisch-chaotische Kabarettist Georg Ringsgwandl hat sein in Köln uraufgeführtes "Operettchen" überarbeitet; die nun einstündige Parodie "Die Ländlerqueen sieht Morgenrot" zeigt, wie ein "Dr. Franz", ein Konzentrat der Medien-Bosse Siegel - Kofler - Thoma - undundund, nach einer Dekoration für seine Werbeblöcke sucht: Einer "Humpftrarara" und Tümelei.

Fred Silla traf diese Mischung aus selbstgefälliger Nulldiät, "Niete in Loden-Mode", aus albinohafter Blässe und gierig geschmackloser Geldmacherei ganz präzise und so tat denn dieser "Engerling Im Edelholzbüro" "Gutes mit möglichst viel Gewinn". Das folgende Hin und Her, die verkrampfte Suche nach "Neuem" - das dann ein pervertiertes "Altes" wird - besaß mal Wortwitz, mal Derbheit, mal auch noch gespreizte Unbeholfenheit, aber ingesamt gutes Timing.

Tristan Schick am Klavier ließ seine sechs Instrumentalsolisten die Spannweite von Schlager der dreißiger Jahre über Gershwin hin zu allem Schmuh und Schmäh zwischen Ländler, Polka, Zwiefachen oder Czardas schmunzelnd ausmusizieren. Gisela Ehrensperger verkörperte und singschauspielerte die Margot, dieses tiefdekolletierte Kraftmilchpaket einer bayerischen "Haßmilchfirma" so herrlich direkt, daß Ringsgwandls visionärer Alptraum mehr als wahrscheinlich wurde: Demnächst mit Griff in den Schritt und eindeutigem Genuggele an Melkmaschinenmikrofonen die "Super-Sado-Maso-Volksmusikshow" - und das nur hundert Meter vom Hofbräuhaus enfernt! Juhuuuu!

Wolf-Dieter Peter