1973,
der letzte Sommer vor dem Staatsexamen, und Christina
fährt mit Georg in den Süden. Sie hätte auch bei dem
revolutionären Mathematikstudenten bleiben können,
dem asketischen Kommunisten aus der persischen Fabrikantenfamilie,
aber der Kleinhäuslerssohn aus der bayerischen Provinz
hat den Kampf um die mollige dunkelhaarige Schönheit
aus der niedersächsischen Arztfamilie für sich entscheiden
können, vorübergehend wenigstens, für die nächsten
paar Wochen.
Sie reisen im Nachtzug von München nach Rom. Noch vor Kufstein vögeln sie im
Liegewagenabteil. In Rom erschrecken die deutschen Kinder über die levantinischen
Zustände und streiten über die beste Therapie für Italien, der Kleinhäuslersbub
ist für Strenge und die Arzttochter für Sozialismus. Aus jeder Bar und jedem
Strandkiosk erklingt Pazza Idea von Patti Bravo; so schön und so kitschig und
darin die ganze Sehnsucht nach einer kummerlosen Liebe, die zum Greifen nah vor
ihnen liegt, die ihnen aber immer wieder entweicht, weil sie über die Zukunft
der Weltpolitik streiten müssen. Zwei junge Leute, zueinander getrieben von
Gottes altem Hormonprogramm und auseinandergehalten von den Ungereimtheiten
der ideologischen
Mode.
In Ostia ißt Christina die erste reife Wassermelone ihres Lebens, aber keine
Minute nachdem die ersten Bissen unten sind, kommen sie mit konvulsivischem Würgen
wieder hoch, eine Nahrungsmittelallergie.
Sie übernachten in Rohbauten, im Pinienwald und am Strand, beglückt von den südlichen
Abenden, nachts gepiesackt von Moskitos und tags halb versengt von der Sonne.
Es stellt sich heraus, daß Christina die Hitze nicht verträgt, ein paar hundert
Meter Fußmarsch in der Mittagssonne und sie kollabiert. Also: keine Revolution
um die Mittagszeit, aber in der Pizzeria unter den Bäumen läuft immer noch fünfmal
die Stunde Pazza Idea und für drei Minuten gleiten die beiden dann wieder in
das Gefühl von gemeinsamem Glück, jeder für sich und ohne den leisesten Zweifel
daran, daß sie irgendwann die Widrigkeiten des Lebens meistern würden, sie sozialistisch
und er auf dem Weg des wertkonservativen Tüchtigen.
An einer Bucht der Amalfiküste kriechen sie spätabends am Strand in ihre Bundeswehrschlafsäcke.
Um drei Uhr morgens werden sie von zwei Italienern geweckt, der eine leuchtet
ihnen mit der Taschenlampe ins Gesicht und der andere hält ihnen die Pistole
an den Kopf.
Ein Lastwagenfahrer nimmt sie mit nach Sizilien. Hinter Taormina verjagt man
sie aus einem Dorf, sie finden eine billige Pension in Palermo und lieben sich
leidenschaftlich auf der Dachterrasse im fünften Stock, schauen in den südlichen
Sternenhimmel und hören von der Straße herauf Patti Bravos Pazza Idea, den Song
von der verrückten Idee, der strophenlang angenehm dahinplätschert und im Refrain
zu einer beglückenden Welle von Liebessehnsucht ansteigt und durch sie hindurchzieht.
Drei Minuten lang streiten sie nicht über die Zukunft der Welt.
Am nächsten Tag geht die Fähre nach Patras; Christina bringt der vom Obristenregime
gebeutelten Arbeiterklasse Griechenlands eine weltanschauliche Hilfslieferung.
Bevor sie aufs Schiff gehen, trinken sie noch einen Kaffee am Hafenkiosk von
Brindisi. Als Georg zahlt, läuft wieder Patti Bravo im Radio und er wundert sich über
die Melancholie, die ihn beschleicht. Der Abschied von Italien, denkt er. Vielleicht
war es aber auch schon die Vorahnung davon, daß er den Song dreißig Jahre lang
nicht mehr hören würde.
Georg Ringsgwandl |