Pressearchiv 2000
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Statt Ohrwürmern Lebensweisheiten

Kaarst. Tresensongs und seelische Tiefdruckgebiete vermischten sich zu einer eigentümlichen Atmosphäre am Samstag Abend im Albert-Einstein-Forum: Georg Ringsgwandl war mit seinem Trio "Die Alten Giftler" nach Kaarst gekommen. Es sollte ein sehr hintergründiger, eher leiser, dafür aber umso skurriler Abend werden. Besondere Leckerbissen: Die Conferencen von Georg Ringsgwandl - sie wurden nicht selten zu tiefen Blicken in die Abgründe der menschlichen Seele.

Rudolf Barnholt

"Ich bin in Therapie." Georg Ringsgwandl, Kabarettist, Gitarrist, Sänger und Mediziner, wollte durch dieses Bekenntnis keine Narrenfreiheit für sich und die "Alten Giftler" beanspruchen, aber er machte deutlich, dass irgendwie die ganze Welt ein Therapiefall ist. Sein Programm war auf seltsame Weise melancholisch, immer wieder aber auch erfrischend witzig und unübertroffen schräg. Die Songs stammen von Dr. Ringsgwandls persönlicher Platte, dem Album "Staftsbruck", zu gut deutsch "Staufenbrücke".

Eine grenzenlose Trostlosigkeit machte sich breit, als sich der reichlich skurrile Typ über Dänemark als Urlaubsland ausließ - ein Land, wo man im Sommer einschneit, wo es nur sommersprossige Menschen mit sonnenempfindlicher Haut hin verschlägt, die ihre Depressionen lieben und den Alkohol dazu. Die Tristesse hat Tradition: "Früher sind sie als Wikinger rumgefahren, weil ihnen langweilig war." Die Konsequenz: "Künftig fahr ich wieder nach Mecklenburg-Vorpommern in Urlaub, da ist wenigstens was los." Was ist das für eine Welt, wo die Restmülltonne eingeschlossen und der Knoblauchpresse der TÜV-Segen verweigert wird?

Georg Ringsgwandl bezeichnete sich als "genetischen Sondermüll", ist aber nicht ohne Hoffnung, dass er irgendwann mal geklont wird. Seine Gesellschaftskritik fiel sehr subtil aus: So bezeichnet er es als "Niedergang für eine führende Industrienation", wenn sie sich abends mit Kai Pflaume ködern lässt. Mitunter schlug die Fantasie des stillen, aber schelmischen Musik-Kabarettisten Purzelbäume - heraus kamen Reime wie diese: "Im Gartenmarkt ist Torfmullzeit und trotzdem herrscht Unzufriedenheit" oder "Im Aldi-Markt sind Geflügelwochen und trotzdem haben sie nichts zu lachen". War früher nicht alles besser? Georg Ringsgwandl hatte da seine eigene Sichtweise: Mit seinen Fußproblemen habe er noch weit weniger gern zu Zeiten der Kreuzzüge leben wollen.

Und auch ein Flyer im Briefkasten kann sein sensibles Gemüt erfreuen: "Irgendwo lösen sie ein Teppichlager auf und geben mir Bescheid." Nach der Pause kündigte er "Rambazamba im weiteren Sinne" an und sang in trefflichen Versen von materiellem Überfluss bei gleichzeitigem Liebesdefizit, garnierte alles mit ein paar koketten Bewegungen aus der Hüfte heraus und sang ein Loblied auf die Hässlichkeit. Der Mann, den weder faule Zähne noch Orangenhaut stören, beschrieb mit spitzbübischem Lächeln die "Frau mit innerer Schönheit" als sein Klientel.

Vom Tiroler wusste er auf seine unnachahmliche, zum Zuhören verführende Art zu berichten, dass es für ihn ein Volkssport sei, "ein bisschen zu spielen, bevor er depressiv wird" - es folgte der Song vom "kleinen Unterhoserl". Georg Ringsgwandl und seine drei "Alten Giftler" boten alles andere als "Ohrwürmer" - trotzdem kamen sie mit ihrem unvergleichlichen Programm sehr gut beim anspruchsvollen Kaarster Publikum an - sehr zu Recht übrigens.

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Des Kardiologen Herzlichkeit

Kabarettist Georg Ringsgwandl begeistert rund 500 Besucher mit seinen Ansichten von Sozialkritik, Popmusik und Rehabilitierung

Was ist aus ihm geworden, dem vogelwilden Gaudiburschen vom Hindukusch, dem Trulla, Trulla in knallbunten Leggins vom Fuß der Zugspitze, dem bayerischen Musikclown in der Nachfolge Jango Edwards? Georg Ringsgwandl weiß es - ein nichtswürdiger Dilettant, ein Prediger, ein Lehrer am grausligen, unheimlichen Ort: der Kitzinger Alten Synagoge (eine adäquate Unterstützung wie die, die es für den Wiederaufbau der Synagoge gab, wünscht sich Ringsgwandl 60 Jahre früher). Alt ist auch das Programm, das Georg Ringsgwandl bei den 1. Kitzinger Comedy- und Kabarettwochen gibt: "Staffabruck" - seine vierte Platte - bildet das Lieder-Fundament.

Nun ist alt nicht schlecht, was reift, wird meist besser, und lange nicht gehörtes erfreut bisweilen - bei Ringsgwandl ohnehin. "Staffabruck" - 1993 aufgenommen - bietet dem Publikum einen "neuen", wenn auch schon bekannten Ringsgwandl, den biografischen Liedermacher: altbayerische Erinnerungen an die Oma ("a guate Haut"), an die guten Ratschläge des Vaters, an den Winter der Kindheit bei Bad Reichenhall. Mancher mag das konservativ nennen. Die Inhalte der Lieder jedenfalls zeugen von tiefen Wurzeln, von der Herzlichkeit des Kardiologen und der Intensität der Erfahrung des früheren Intensiv--Mediziners Ringsgwandl.

Biografische Lieder sind die eine Seite des Programms - beißender verbaler Spott die andere. Der Arzt Ringsgwandl nimmt Schulmedizin und alternative Heilmethoden gleichermaßen aufs Korn. Ob Schleimbeutel im Knie, Cashew-Nuß-Allergie in der Kieferhöhle oder Therapeutenflut, Schorsch Ringsgwandl gibt die adäquate Diagnose. Gleichsam in Laborform zieht er unter dem psycho-soziologischen Brennglas gewonnene, symptomatische Erkenntnisse über die eigene Nachbarschaft - wobei die freilich überall sitzt. Daß das arme Schweinfurt ("die Metapher für die rasante Talfahrt des heutigen Europa" - dort ist er am 12. Mai) in Kitzingen bei Ringsgwandl kräftig unter die Räder kommt, ist aus der alpinen Sicht des Berg-Poeten durchaus verständlich, aber verschmerzbar.

Musikalisch unterstützten Georg Ringsgwandl in Kitzingen die "Alten Giftler": Nick Woodland (Gitarre), Georg Maria Esser (Bass) und Skip Thaller (Perkussion). Dabei lieferte Woodland weit mehr als nur Unterstützung ab. Der Gitarrist verleiht dem musikalischen Teil des Ringsgwandl-Programms durch seine gefühlvollen Soli ein eigenes Gepräge.

Harald Korb

PNP vom 22. Juli 2000, Lokalteil Landau / Zeltfestival

Der Meister der schrill-skurillen Auftritte

Kabarettist Georg Ringsgwandl begeistert rund 500 Besucher mit seinen Ansichten von Sozialkritik, Popmusik und Rehabilitierung

Von Helmut Schwarzmeier 

Landau. Sämtliche Register hat Georg Ringsgwandl am Donnerstagabend beim Zeltfestival gezogen. Musikalisch unterstützt wurde er von den "alten Giftlern".

Es gibt Ärzte, die arbeiten mit Tupfer und Skalpell, andere wiederum stochern mit dem Bohrer in den Mündern anderer Leute herum. Diese "Tugenden" hat der Arzt Ringsgwandl schon längst auf anderen Gebieten ausgebaut. Scharf wie ein Skalpell schneidet er sich immer tiefer in sozialkritische Themen. Wenn man ihn so sieht, traut man ihm das alles auf den ersten Blick gar nicht zu. In Sachen Outfit ist er nicht vom Geschmack gesegnet. Ein Hut in Form eines Nachttopfes, ein soft- lila Jacket, gelbes Hemd, grün-gemusterter Binder, schwarze Hose, schwarze Schuhe mit goldenem Einsatz, in denen er barfuß steht - so betritt der Meister der schrill-skurilen Auftritte die Bühne.

Der Zuschauer meint auf den ersten Blick, ihn könne kein Wässerchen trüben. Doch das ändert sich schnell. Ringsgwandl erzählt von Peter Maffay, der mit seinen perversen Freunden aus den diversen einschlägigen Massagesalons die Gegend unsicher macht, belästigt einen Kameramann und klärt ihn darüber auf, dass das analoge Zeitalter längst vorbei ist. Beleidigt will Ringsgwandl wissen, warum der Mann keinen Film über den kleinen Mann oder Frau aus Niederbayern dreht. Dabei kann er bitterböse werden und macht nicht einmal vor sich selber halt. Als Ringsgwandl sich einmal verhaspelt, tippt er auf einen Defekt seiner körpereigenen Festplatte oder auf einen Hirntumor. Oder war doch der Tartar oder das Sushi schuld und er hat einen Fischbandwurmbefall im Gehirn?

Nach den Verbalattacken geht es musikalisch weiter mit Geschichten, die das Leben schreibt, unterlegt mit fetzigem Rockn`Roll, Blues, Reggae, Country- und Westerntönen oder mit gefühlvollen Liedern, bei denen ihm die Zuhörer seine Geschichten förmlich von den Lippen ablesen. Die Musik der Giftler macht den Kabarett-Abend perfekt.

Georg Ringsgwandl macht es schon längst nichts mehr aus, dass sein englischer Gitarrist seit der Zeit, als sich BMW in England unbeliebt gemacht hat, nur noch im Sitzen spielt. Er steht höchstens auf, wenn es zum VIP- Zelt in die Pause geht.

"Dieser Journalist gehört abgewatscht" - Georg Ringsgwandl ist mit der Berichterstattung einer großen Münchner Tageszeitung, nicht ganz zufrieden. Denn Feuilleton versteht der Kabarettist nicht, Politik ist ihm Wurst, und wenn ein Krieg ausbricht, merkt er es sowieso. Wenn er jedoch den Sportteil liest, steigt bei ihm der Adrenalinspiegel weit über das erträgliche Maß hinaus. Die Phantasie von Ringsgwandl ist mannigfaltig, grenzenlos und reicht hin bis zum Strafdengeln auf einem Bauernhof. Was ihn derzeit jedoch mehr beschäftigt, ist, einen neuen Markt für sich zu eröffnen. Ringsgwandl will die Frauen für sich gewinnen, die mehr durch innere, als durch äußere Werte glänzen. Schönheit ist also relativ, da können auch T- Shirts-tragende, mit alten Jogging-Hosen ausgestattete Damen in einem ganz anderen Licht erscheinen.

Selbst mit dem Landtagsabgeordneten Wallner hat er Erbarmen und ist für dessen Rehabilitierung. Vielleicht deswegen, weil Ringsgwandl bereits an die nette Tierhomöopathin denkt, die bei Schwellungen aller Art helfen kann.

Geholfen hat Georg Ringsgwandl denjenigen unter den knapp 500 Zuschauern, die etwas missgelaunt gekommen waren: Sie verließen am Ende eines ansprechenden Kabarettabends das Zirkuszelt bestens gelaunt.

Starnberger neueste Nachrichten von Montag, 28.02.2000:

Der Songpoet des Absurden

Gauting ist hingerissen: Georg Ringsgwandl überrascht mit neuen, nachdenklichen Liedern

Nein, es waren weder die drei Tenöre noch die Edelkicker des FC Bayern, die am Samstagabend den Verkehr in Gauting zum Erliegen brachten. Den Autokorso hatte ein auf den ersten Blick eher unscheinbarer Typ mit schlampigem Hut, rotem Sweatshirt und braunem Second-Hand-Sakko provoziert. Einer, der einst als Anarcho Rocker durch die Lande tingelte und sich als Kabarettist und Liedermacher längst etabliert hat: Georg Ringsgwandl, der bayerische Barde, hatte halb Gauting in die Turnhalle nach Gauting gelockt. Halb Gauting? Jawohl: vom achtjährigen Buben bis hin zur Fraktion der Frühpensionäre war, wie der ehemalige Mediziner Ringsgwandl sagen würde, die gesamte Population repräsentiert.

Begnadeter Geschichtenerzähler

Ringsgwandl ist ein begnadeter Geschichtenerzähler - nicht nur in seinen Songtexten, sondern auch in den unvermeidbaren, ausufernden Monologen zwischen den Liedern. Der Mann redet dermaßen komisches, manchmal auch verworrenes Zeug, dass meist schon nach dem ersten Satz Gelächter ausbricht und am Ende des Konzerts drei Stunden wie im Flug vergangen sind. Seine Stimme hat dabei etwas Exaltiertes, Grelles, manchmal aber auch Zärtliches. In Gauting standen dem Künstler zwei Musiker zur Seite, die ihn bei seinen Country-, Rock- und Folknummern unterstützen, ohne ihm die Schau zu stehlen: Der Engländer Nick Woodland an der Bluesgitarre und der exzellente Bassist Georg Esser.
Ringsgwandl hat seit seiner letzten CD "Der Gaudibursch vom Hindukusch" viele neue Stücke geschrieben. Lieder über die Internet-Generation, das Schönheitsideal im neuen Jahrtausend und über den Wunsch berühmt zu sein. Keiner kann so tiefschürfende Überlegungen über das Schicksal eines verschrumpelten Kondoms am Wegesrand anstellen wie der Songpoet aus Garmisch ("armes kleines Unterhoserl"). Keiner, der medizinische Probleme wie Raucherhusten, Zahnstein, Fußpilz oder die Triebhaftigkeit beim Mann besser erkannt hätte.
Ringsgwandl ist aber nicht nur ein Interpret des Absurden, sondern zudem ein scharfsinniger Kritiker des deutschen Spießers – die "kleinen Pisser" haben es ihm besonders angetan. Nachdenkliches über seine Jugend ("Mei Oma", "Des warn noch Winter") ergänzen das Programm.

Gaudi-Seminar

Ein wenig glich das Publikum in der Turnhalle dem eines wissenschaftlichen Kongresses. Vielleicht, weil die inzwischen leicht angegrauten Ringsgwandlologen in der Mehrheit waren. Eine Gruppe, die jedesmal in Verzückung geriet, wenn der Meister einen der alten Songs über die Reichen, Schönen und Bescheuerten spielte. Vielleicht aber auch, weil der Sänger selbst die Parole ausgibt, "nicht nur Gaudi zu machen", sondern eine Art Seminar abzuhalten- ein Seminar über Sitten seiner Heimat. Und man kann bei ihm einiges lernen. Etwa über den legendären Räuber Mathias Kneissl, ein bayerischer Robin Hood, der 1902 in Augsburg unter dem Fallbeil starb.
Es fällt auf, dass sich Ringsgwandl insgeheim Gedanken über das Älterwerden macht. Seine Zielgruppe, sagt er scherzhaft, sind die 18- bis 28-jährigen Mädels. Der Eroberungsdrang eines Mannes in der Midlife-Crisis? Wenn die Rede auf ewig-junge Pseudo-Machos wie Dieter Bohlen Kommt, inszeniert er einen Wutanfall: So eine wie die Naddel, die auf Befehl Schnitzel brät, hätte er wohl auch gerne.
Das Derbe, das Chaotische ist noch immer da in seinen Songs, überlagert wird es aber von einer melancholischen Weltsicht. Obwohl er gerne vom Ficken redet oder davon, die ganze Volksmusik-Szene mit einem Schlag aufzumischen. Manche seiner Lieder sind irgendwie leiser als früher, auch wenn die Geschichten skurril geblieben sind. Das kommt an: Gauting war ein Heimspiel für Ringsgwandl, und sein Fanclub dürfte nach diesem Auftritt noch gewachsen sein.

CHRISTIAN MAYER