Pressearchiv
2001
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| TAZ Berlin lokal vom 29.12.01 |
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"Ruf
den Pizza Service an, heut leisten wir uns was, Ilse,
für dich mit allem, aber für mich bitte ohne Pilze":
Ringsgwandl singt im Quasimodo über armselige Kleinbürger
und davon, wie schwer es ist, vernügt zu bleiben.
Was kann das für ein Sänger sein, für den man spätabends noch ein solches Opfer
bringt und bei Schneegestöber rausgeht und mit der S-Bahn in ein anderes Stadtgebiet
fährt? Ringsgwandl, animiere ich eine Freundin mich zu begleiten, ist ein bayrischer
Liedermacher mit bösartigem Humor, aber auch wunderbaren Liebesliedern, erzähle
ich: "Ja was sog i Inge, das ist der Gang der Dinge, die Kinder sie wärn
groß, und wir wärn oid. Schau, wie den Hügel runter sie laufen flink und munter,
unser Kopf is schwer vom Denken und vom Rechnen kalt", rezitiere ich. Meine
Freundin grinst geniert. Ich fahre allein.
Es ist nicht ganz leicht zu erklären, was es mit Ringsgwandl auf sich hat, als
er aber die Bühne betritt, fällt mir wieder ein, warum ich hier bin. Er trägt
eine blonde Perücke mit Hut, seine zerbeulte Nase lässt ihn aussehen wie eine
verunglückte Mischung aus Steffi Graf und Otto Waalkes. In seine Gitarre steigt
er gern mit den Füßen zuerst, aber was heißt Füße, vergrätschte Haxen sind das,
mit denen er in der Luft stochert. Man meint, es knirschen zu hören in seinen
Gelenken, von unten setzt es sich fort in seine ganze hagere Gestalt hinein -
und wird schließlich nach oben transportiert, wo es krächzt wie ein altersschwacher
Rabe.
Die Lieder, die Ringsgwandl an diesem Abend bringt, sind von jedem Klimbim
bereinigt,
mit seinen drei Musikern hat er sie wieder auf ihr Gerüst reduziert - noch vor
kurzem war der Sänger aus Reichenhall eher mit abgehalftertem Tingeltangel befasst,
der Inszenierung von beeindruckend deprimierenden Musicals. Die Songs handeln
von armseligen Kleinbürgern, von unscheinbaren Versicherungsvertretern, die glücklich
zu werden versuchen mit zwei Zimmern, Küche, Bad und Fernsehapparat, vom Bruckenwirt,
der den Lebensmittelkontrolleur erschlägt oder vom Schluckspecht. Weit entfernt
von Sozialkitsch ist es eher die Trostlosigkeit des bundesdeutschen Durchschnitts,
die Ringsgwandl auf den Seziertisch legt, nicht hochnimmt, sondern kurz anleuchtet
und dann wieder sanft ins Dunkel gleiten lässt - der bleierne, ekelhafte Alltag
aus Buderus und Eternit, Ferrero, Maggi und Salamander, eine Welt, in der es
schwer ist, vergnügt zu bleiben: "Beim Aldi sind Geflügelwochen, und trotzdem
haben sie nichts zu lachen."
Man hat Georg Ringsgwandl, der 1993 sein bürgerliches Leben als Kardiologe im
Krankenhaus aufgegeben hat und Ende der Siebziger seine musikalische Laufbahn
mit einem Berliner Punk und der berühmten Nachtigall von Ramersdorf begann, mit
Karl Valentin verglichen: ein Arthur Miller in Noten sei er oder ein weißer Bruder
von Screaming Jay Hawkins. Ihn einen Clown, einen modernen Hofnarren, einen "schrägen
Vogel" zu nennen ginge genauso daneben wie all diese hinkenden Vergleiche.
Seine Parodie aller Klischees aus Kabarett und Kleinkunst entzieht sich jeglicher
Festlegung.
Es ist sein zynischer Menschenhass, der vielleicht an manchen Stellen
höchstens
noch an Thomas Bernhard erinnert, der Ringsgwandl kurz vorm Absturz in saure
Moral bewahrt. Immer mal wieder ist an diesem Abend von der Schlechtigkeit des
Gelds die Rede und davon, dass es zu wenig Liebe gibt in der Welt. Das rührt
peinlich an, genauso wie die seltsamen Charlottenburger, das mittelalte Publikum
im Quasimodo, das in solchen Momenten nachdenklich die Stirn in Falten und das
Kinn auf den Daumen legt, in anderen programmatisch johlt. All das wird von Ringsgwandl
aufgefangen. Jeden Versuch, Alternativen zu finden, lässt er auflaufen. Einen
Ausweg aus der Tristesse gibt es nicht: Der Garten-Nazi zum Besipiel probiert
es, indem er den Rasen mit der Nagelschere schneidet, ein anderer sagt zu seiner
Frau: "Ruf den Pizza Service an, heut leisten wir uns was, Ilse, für dich
mit allem, aber für mich bitte ohne Pilze."
Was an diesem Abend beinahe noch die Lieder Ringsgwandls übertrifft, sind seine
Ansagen zwischen den Liedern. Hier lässt er alles endgültig aus dem Ruder laufen,
jeder Sinn verliert sich in Blödelei, in komischen, sinnfreien Nonsens. Die Geschichte
seines hässlichen Hemds zum Beispiel. Das, erzählt
er, ist gewebt aus Blitzziegenfell. Blitzziegen haben ein drittes Horn auf dem
Kopf, durch das alle Tage wieder der Blitz einschlägt. In diesem Moment ist die
Luft so aufgeladen, dass das Fell der überlebenden Blitzziegen flauschig wird.
Susanne Messner |
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| Berliner Zeitung vom
29.12.01 |
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Und
Plastikhasen, die Miles Davis sein wollen: Ringsgwandl
im Quasimodo |
Was
soll man denken, wenn man so jemanden vor sich
hat: hellbraune Bundfaltenhose, kunsthandwerklicher
Metallgürtel, ein flaschengrünes Sakko, vielleicht
aus der Damenabteilung, weißblonde Schnittlauchlocken,
die unter einer verbeulten Kappe herabbaumeln.
Georg Ringsgwandl kommt dem beleidigten Auge
zuvor - "sauteuer" sei "die Jack'
g'wesen". Daraus entspinnt sich eine lang
und länger gezwirbelte Story: "Original
Smaragdbaumnatter" sei das
Sakko, die einzige existierende "Pelzschlange". So arbeitet er sich
tief hinein ins Feld unbekannter Tierarten; neben der Natter stellt er uns die
Blitzziege mit extrem feinem Fell vor und erinnert sich seiner Karriere als Fotomodell
im "Regenmantel-Bereich". Es endet damit, dass Karl Lagerfeld auf der
Flucht vor Mode-Paparazzi in einem kroatischen Kuhdorf landet. Ringsgwandl, der
aussieht wie ein heimlicher Zwilling von Steffi Graf, strickt sein abstruses
Märchen aus dem Hinterland der Haute Couture mit einer Dringlichkeit, dass seine
Zuhörer gebannt lauschen.
Im aktuellen Programm "Gache Wurzn" stellt er immer mal die Gitarre
zur Seite und entlässt seine kleine Band von der Bühne, um von heillosen Vorkommnissen
zu berichten. Diese sind so irre fantastisch, als improvisiere er sie - unwiederholbar.
Doch der Wahnsinn hat Methode. Am Ende der
surrealen Mär über einen lügenden Plastikhasen, der behauptet, Miles Davis zu
sein, marschiert die Band wieder auf, um einen ausgeschlafenen Blues-Rock hinzulegen:
Irgend ein Stichwort gibt's selbst bei der krausesten Fabel.
Ringsgwandl steuert nicht auf Pointen zu, der Weg ist ihm lieber als
das Ziel.
Dafür fräst er sich unerschrocken durch den Unsinn wie die Made durch den Speck.
Gedämpfter vollzieht er dies in seinen Liedern. Beobachtungen des Treibens auf
der Straße oder am Kiosk können von ätzender Genauigkeit sein, etwa wenn er dem "Garten-Nazi" in
dessen Wohnviertel folgt, "wo die Straßen
Vogelnamen haben". Diesmal überwiegt jedoch die Sympathie, die der Liedermacher
für seine Figuren hat: der Spießbürger, der die Mutti zum Bierholen in den Keller
schickt, die Frau, die zum unfrisierten "Küchentier" geworden ist,
der Kundendienstmonteur.
Ringsgwandl betrachtet Banales und findet daran vieles skurril, manches
in Ordnung,
einiges traurig. Die Spätnachrichten berichten von einem Unfall auf der Autobahn
mit Todesopfer: "Schon wieder einer abgeraucht", singt Ringsgwandl
im müden Tonfall des TV-Glotzers, um dann die Perspektive des Unfallfahrers folgen
zu lassen, des "unscheinbaren Verkaufsvertreters", dessen trostloses
Dasein in der nächtlichen Tragödie ein Ende findet. Der Mann mit dem Flohmarkt-Outfit
blickt auf das Alltägliche nie zynisch, eher gründlich melancholisch. Wenn da
einer im Publikum mehr Gaudi will, kann Ringsgwandl auch sauer werden. Auf den
Ruf "Ich versteh' dich nicht!" erwidert der Bayer in Berlin: "Meinst
du das ästhetisch oder rassisch?" Und legt nach: "Bist du Stefan-Raab-Fan?"
Angesichts der Schwemme an Brachial-Klamaukern wie Raab, Erkan & Stefan oder
Michael "Bully Herbig" ist die Luft für den bayrischen Musikkabarettisten
dünner geworden. Das kriegt Ringsgwandl zwar zu spüren, doch verlässt ihn seine
gesunde Standhaftigkeit nicht: "So ist das Leben, irgendwie wird's schon
werden."
Ulrike
Rechel |
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| HNA Hessische Allgemeine
vom 21.11.01 |
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Kassel.
Und da standen sie. Völlig unspektakulär. E-Gitarre,
Verstärker. Stühlchen daneben. Schlagzeug, ziemlich überschaubar.
E-Bass, Verstärker, Stühlchen daneben. Vor dem
ganzen Ensemble ein Wesen - ähnlich der Steffi
Graf mit nasenbetontem, scheuen Lächeln. Nur:
Es bewegte sich wie Otto. Merkwürdig.
Schon
lustig, wenn Georg Ringsgwandl, Clown, Musiker,
Oberarzt und Sarkast, dann im schrillen Outfit
und mit Akustikklampfe mit seiner Akademiker-Combo
zu musizieren beginnt. Rock, sagen sie - das
sei was für Deppen. Trotzdem, es ist sehr abgeschrägter
Rock mit zahlreichen Einflüssen von weiß der
Teufel woher, denn die Vier da von sich geben,
um die neueste Platte "Gache Wurzn" (so
etwa: wildes Weibsbild) vorzustellen. Lässt
sich gut mitwippen.
Verworrene
Texte
Nur
die Texte, die lassen einen dann schon aus
dem Takt geraten: Der Gesundheitsinspektor
reizt den entnervten Wirt schon mal bis aufs
Blut - das des Inspektors. Der Garten - Nazi
im Vorstadtbiotop wird natürlich verpönt -
die Geschichten und Assoziationen jedoch, die
Ringsgwandl um ihn aufbaut, sind von absurder
Grausamkeit und einer sarkastischen Schärfe,
die die Position des Liedermachers weit über
den Status der political correctness hinauskatapultiert.
Ringsgwandl, so meint man, singt, was er denkt.
Und damit es nicht zu harmonisch wird, grantelt
er herum. Es sind immer wieder die so genannten
Gescheiterten, die Ringsgwandl besingt, die
Frau mit der "inneren Schönheit" zum
Beispiel.
Oder
Rudolf Scharping, der neben Stoiber und Haider
(die Nähe ist erwünscht) in Ringsgwandls Walhalla
aufgenommen wird. Und wenn er dann mit explosiver
Fantasie beschreibt, wie Scharping über einer
Schickeria - Party am Starnberger See aus einem
Jagdflugzeug springt, am Gemächt kuriert werden
muss und der Geist von Miles Davis als mechanisches
Kaninchen made in Taiwan aus der Plastiktüte
springt - dann weiß man, dass es so weit ist:
Der absolute Irrwitz hat zugeschlagen. Woher
die Tränen kommen, die einem die Wangen herunterlaufen
- das weiß man jedoch nicht so genau.
Regina
Bärthel |
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| Delmenhorster Kreisblatt
vom 13.11.01 |
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Delmenhorst.
Irre geschminkt iss er. Eine lange blonde Perücke
umrahmt sein clowneskes Gesicht. Und dann diese
Nase. Geradezu prädestiniert, sie überall in
jeden Sondermüll der Gesellschaft reinzuhalten.
Ein Konzertbesuch ersetzt fast alle Spielarten
der Kleinkunst. Die Musik: Irgendwo zwischen
Mark Knopfler, schwarzem Blues und Bavaria-Zutaten.
Textlich kriegt jeder sein Fett weg. Auch das
Publikum. Der Mann ist schlichtweg genial.
Ringsgwandl passt in kein Klischee. Am 25. November
- dank ans KulturBüro - ist
das rockende "Gespenst aus Bayern" im Delmenhorster Kleinen Haus zu
Gast. Der Mann aus dem tiefsten Bayern, der Schrecken der Bausparer, Wohnmobilfahrer
und Lebensmittelprüfer im tiefsten Niedersachsen. Robin Hood in Northern Germany.
Der Gurkenkönig von Mittenwald, der Doktor (der er lange Jahre real war), der
grimmige Polemiker, der Geheimtipp der Verirrten, der letzte Dadaist, der Anti-Star
aus Reichenhall - die Liste der Titulierungen ist lang und ständig in Erweiterung.
Wie kein anderer deutscher Liederschreiber läßt Ringsgwandl die Fantasie von
Kritikern und Publikum feste sprudeln.
Er selbst bezeichnet sich schlicht als einen "soziologischen Komposthaufen".
In seinen Songs sei die Gesellschaft verarbeitet wie die Sau in einer Wurst.
Wenn er von einem bayrischen Dorfwirt singt, der gleich mehrere Kontrolleure
beseitigt, weil sie ihm aus 150prozentiger Bürokratenlaune heraus die Luft zum
Atmen nehmen wollen, glaubt man ihm diesen Vergleich sofort.
Sein aktuelles Album "Gache Wurzn" ist zudem bester Beweis, das Musik
den Blick auf solch" einzigartigen, eigentlich ganz normalen Lebensgeschichten
nicht verstellen muss. Seine Band speckt die ganze Soundprotzerei des hochtechnisierten
Studiobetriebs ab. Nichts Geschraubtes rollt in die Gehörgänge, kein kompliziertes
Arrangement macht auf hehre Kunst. Und doch freut man sich schon diebisch auf
jene Dinge, die da am 25. November im Kleinen Haus passieren dürften.
Karl-Heinz
Montag |
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| Kleine Zeitung (Austria)
vom 10.11.01 |
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Bayerns
schrillstes Unikat triumphierte in Graz |
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Schriller
Kardiologe: Doktor Ringsgwandl ordinierte
wieder. |
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Mit
seiner Blondhaarperücke schaut er aus wie Barbie
zu Halloween oder Otto Waalkes auf Weißwurst-Trip.
Nichts ist dem gelernten Kardiologen und studierten
Lebenskünstler Georg Ringsgwandl aus "Staffabruck" (globaldeutsch: "Staufenbrück")
zu schräg, um gegen den rheumatischen Wind
von Winnern und anderen westlichen Wohlstands-Veteranen
anzufliegen. Das Herz des urigen Uhus pocht
für die Pechvögel. Langweilige Kanaris zitiert
er im jüngsten Programm "Gache Wurzn" zum
Aderlass.
Federleicht
wetzt der wohl überdrehteste Komiker aus
dem Freistaat Bayern die Schwingen am hohlen
Zeitgeist und pickt selbstgefälligen Bauspar-Bürgern
die Maden aus maroden Kartenhaus-Idyllen.
Mit bestem Rock und feinster Golden-Oldie-Band
beschwört der musikalische Nachfahre von
Karl Valentin die glücklich g'schlamperte
Lebensart, von der das begeisterte Publikum
am Donnerstag im Grazer Orpheum aus dem genannten
guten Gründen gar nicht genug haben konnte.
Elisabeth
Willgruber-Spitz |
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| Sylter Rundschau, 22.08.01 |
Der Rocker von der traurigen Gestalt
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Gepackt
hat er sie, und zwar alle, der Ringsgwandl
Schorschi. Gab es bei den ersten Liedern und
Geschichten des "Entertainers" noch
Skeptiker und Zweifler im blauen Zelt, so wandelte
sich die Stimmung spätestens nach der ersten
halben Stunde in langsam anschwellende Begeisterung
und wurde am Ende zum frenetischen Jubel. Fünf
Zugaben mussten der rockende Kabarettist und
seine Band spielen, bevor das Meerkabarett-Publikum
sie endlich ziehen ließ.
Natürlich hat sich der Ex-Arzt bemüht, hochdeutsch zu reden. Aber vor allem bei
seinen Liedern kam deutlich durch, wo seine Wiege stand. Wurden seine Lieder
vor Jahren noch als "schaurig-schön" bezeichnet, so kann man das "schaurig" heute
getrost weglassen. Schön ist auf jeden Fall seine Musik, zumindest für den, der
kräftigen, erdigen Rock mag.
Seine Stimme kann man zumindest als interessant bezeichnen. Aber bei dem, was
er singt und was er erzählt, ist eine wertende Kritik überflüssig: Die Denk-Art
des Georg Ringsgwandl, das "Von-hinten-durch-die-Brust-ins-Auge", erschließt
sich einem oder nicht. Sein Humor ist schräg, und ein Blatt nimmt er schon gar
nicht vor den Mund, auch nicht, wenn er sich über Dänemark belustigt.
Aus scheinbar heiterem Himmel erzählt er von seiner Begeisterung fürs "Radio
Tirol", wie er die Schwierigkeiten des Sender-Empfangs überwindet, und kommt
dann zu den vier Musikern vom "Alpen-Trio", die zwar Millionen damit
verdienen, denen ihre "Kunst" aber völlig wurscht ist, die die Käufer
ihrer Platten sogar verachten. Viel lieber wären sie Maurer, Elektriker oder
eben Sozialpädagoge geblieben.
Wenn er so erzählt, sich von einer Assoziations-Liane zur anderen schwingt, wirkt
er manchmal wie ein Rocker von der traurigen Gestalt, eine Art Don Quijote im
Kampf gegen den Comedy-Schwachsinn, der getreu seinem eigenen Credo intelligent
unterhält, ohne Plattheiten zu dreschen. In einigen Momenten erinnerte er gar
an den großen Karl Valentin, der zweifelsohne zu seinen Vorbildern zählt. Er
beschreibt umwerfend komische Situationen, stellt sich dabei aber nicht arrogant über
die Objekte seines Spotts, sondern neben sie. Er beobachtet erst sich, dann seine
gestresste Psychotherapeuten-Frau und erklärt am Schluss, warum Gerüstbauer manchmal
das Bedürfnis verspüren mögen, so zu reden wie Thomas Mann schrieb.
Vielleicht liegt darin das Geheimnis von Ringsgwandl: Er ist komisch, ohne Witze
zu erzählen, und er bleibt dabei er selbst. Seine Geschichten schwimmen auf keiner "Welle",
sondern sind aus sich heraus originell, vorausgesetzt, man hat Sinn für seine
kauzige Komik, die manchmal hemdsärmelig daherkommt, es aber nicht ist.
Manche seiner Liedtexte bildeten dabei ein schönes Humor-Kontrastprogramm denn
sie handelten zum Teil von erbarmungswürdigen, traurigen Existenzen. Und mit
seinen drei Mitmusikern machte er ordentlich Dampf, sodass am Ende auch diejenigen
zufrieden waren, die eigentlich nur ein Rock-Konzert erwartet hatten.
ANDREAS
PFLIEGER |
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| PNP vom Samstag, 14.
Juli 2001 Lokalteil Passau-Stadt |
Georg
Ringsgwandl: Banales und Geniales unterm
Hut
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Kein
Zweifel, genau so muss eine "Gache Wurzn" aussehen:
blonde Schnittlauch-Perücke, Schlapphut drauf,
darunter das schärfste
Knautschgesicht der deutschen Kabarettszene.
Schon rein optisch war Georg Ringsgwandls Konzert
im Eulenspiegel-Zelt am Donnerstagabend ein
Ereignis - künstlerisch war
es dies sowieso. Von "Unterhoserl" und "Kautschuktüterl" handeln
seine Lieder, aber auch vom banalen Alltag resignierter, hässlicher Menschen,
denen Mordphantasien nicht fremd sind, umso mehr dafür das Leben
und die eigene Frau mitsamt ihrer Liebe zu Feng Shui - und die dann zufällig
den Laster auf der Standspur übersehen. Anscheinend will Ringsgwandl keinen schnellen
Applaus, singt und erzählt in großen Bögen. Er überspielt Pointen, für die sich
RTL-Komiker minutenlang bejubeln lassen würden und schafft damit eine unerhörte
Intimität. Der Mann mit Hut fabuliert wunderbar ins absurde Blaue hinein, mit
einem Tonfall, dem sich keiner entziehen kann. Mit einer genialen Band und einem
Ausnahmegitarristen Nick Woodland, die wohl einfach weiter spielen würden, auch
wenn der nächste Sommersturm das Zelt in tausend Fetzen zerlegt. Man möchte stundenlang
zuhören, egal was er sagt. Die Zugaben sind gespielt, die Menschen glücklich,
Ringsgwandl knickst höflich und zieht den Hut vor seinem Publikum. Hätten die
Gäste Hüte getragen, sie hätten es ihm wohl gleichgetan.
Raimund
Maisenberger |
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| Heilbronner Stimme, 09.07.01 |
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Georg Ringsgwandl ist ein Ausnahmemusiker
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"Ich
steh um halber zwölfe auf", singt mit sirenenartiger
Falsettstimme das vogelscheuchenhafte Wesen.
Schulterlanges Blondhaar lugt unter dem olivgrünen
Hütchen hervor. Während es seine Gitarre feierlich
wie eine Monstranz herzeigt, vollführt es die
ungelenken Bewegungen einer absurden Choreographie.
Der Kardiologe Dr. med. Georg Ringsgwandl hat
das Stethoskop beiseite gelegt und seinem Alter
Ego das Feld geräumt: Auf der Bühne ist er Ringsgwandl,
schräger Vogel und Ausnahmeerscheinung der deutschsprachigen
Rockmusik.
Seine
Band hat den dubiosen Charme einer Kurkapelle.
Zu Unrecht weckt Nick Woodlands Physiognomie
("klassisch römisches Profil") Mitleid,
ist er doch ein wahrhaft begnadeter Gitarrist.
Hoch konzentriert: Professor Skip am Schlagzeug.
Bassist Tak erweist sich als unbeirrbarer Tiefbauarbeiter.
Fernab volkstümelnder Dumpfheiten zeigt Ringsgwandl
den Nuancenreichtum der Mundart. Seine Lieder
zielen hart an der Normalität vorbei und treffen
daher genau ins Schwarze. Sie sind bei aller
Skurrilität voll einfühlsamer Poesie.
Oft
lässt er seine Geschichten die schlimmste Wendung
nehmen. Wenn er vom "unscheinbaren Verkaufsvertreter" erzählt,
gehen Komik und Tragik nahtlos ineinander über.
Ringsgwandl wagt den Blick hinter bürgerliche
Fassaden, singt von der Brüchigkeit menschlicher
Beziehungen und von chancenlosen Verlierern.
Sein Humor ist bitter, aber nicht zynisch, und
seine Kunst besteht darin, seinen Protagonisten
ihre Würde zu lassen, auch wenn über sie gelacht
wird.
STEFAN
SCHAAL |
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| taz Nr. 6453 vom 23.5.2001,
Seite 6, 52 TAZ-Bericht |
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Bootleg-Jagden
auf Bajuwaren-Bob: Dylan und Fans im Internet |
"In
this age of fiberglass Im searching for a gem",
sang Dylan bereits vor Jahren. Allein beim
Begriff "dylanesque" zeigt die Altavista-Suchmaschine
1.761 Fundstellen an. Wo soll man anfangen?
Zum Beispiel
bei www.edlisgermany.de. Rechts unten geht
es zur "Webpilots Bob Dylan Tour",
die an zehn beliebten Internet-Adressen Station
macht. Die erste ist die offizielle Homepage www.bobdylan.com. Mit wunderbaren Zitaten
und sechs Live-Mitschnitten von 1999.
Als
Quelle für Raubpressungen ist Dylan seit langem unübertroffen
- den Bootleg-Jägern von www.dylanbase.com wird die Arbeit nicht
ausgehen. Zeitgemäßer sind MP3-Dateien, etwa
unter hometown.aol.com/ifdogsrunfree.
Bei members.nbci.com/elstongunn/audio.html stößt
man auf einen hübschen Ein-Minuten-Clip vom
1965er Newport Folk Festival, auf dem Dylan
den puristischen Teil seiner Fangemeinde elektrisierte.
Den
besten kommentierten Überblick über die Seiten
der Fangemeinde gibt es unter www.execpc.com/~billp61/dedicate.html.
Hier kann man eigene Konzertbesuche Revue passieren
lassen, die Garderobe des Meisters bewundern
oder sich auf eine virtuelle Reise nach Nordminnesota
begeben. Zu aktuellen Presseberichten kommt
man über die ausgezeichnete Adresse www.expectingrain.com.
Wer
sich für
Dylans Blues-Wurzeln interessiert, lese die
Kostprobe aus dem klugen 900-Seiten-Wälzer
von Michael Gray (bobdylan.com/etc/songdancemanch9.html).
Zwei Jahre alt, aber trotzdem einen Besuch
wert ist die Online-Bibliografie www.taxhelp.com/toc.html.
Ein
Schmankerl zum Schluss: Die bayerische Version
von "Gotta
Serve Somebody", die das Original um Längen
schlägt, gibt es in der "Diskographie" von www.ringsgwandl.de.
GERHARD
DILGER |
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| FAZ, Dienstag, 15. Mai
2001 |
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Wieder
mal gezynelt: Ringsgwandl singt im Sendesaal des
Hessischen Rundfunks |
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Nein,
dies ist nicht Bob Dylan, sondern Ringsgwandl,
nachdem er vorgestern beim Konzert im Hessischen
Rundfunk die blonde Langhaarperrücke abgenommen
hatte. Das erleichterte Publikum war sich endlich
sicher, nicht Otto gegenüberzusitzen und wurde
fortan mit den bewährten Granteleien und bajuwarischen
Bonmots des Sängerkabarettisten belohnt.
Foto: Anna Meuer |
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Ein
Auto prallt nachts auf einen Lastwagen, der unbeleuchtet
auf
der Standspur hält. Der Personenwagen brennt aus.
Der Fahrer, vorerst unbekannt, ist tot. Solche
Nachrichten liest man täglich und vergißt sie nach
einem leisen Schaudern. Manchmal will es der Zufall,
daß die Meldung einen talentierten Autor packt.
Dann kann ein ergreifendes Drama daraus entstehen,
ein Film, ein Roman, ein Lied: Die Freundin flüstert
einem ins Ohr, daß sie schwanger ist. Der, gutwillig,
schuftet nach der Heirat für Kind, Haus, Auto,
Tiefkühltruhe und Rente. Das läuft glänzend, solange
die Wirtschaft läuft. Als die den Stottergang einlegt,
laufen Einkommen und Ehe schleppend. Sie nörgelt,
verachtet, sucht Trost in Esoterik. Er, gehetzter
Verkaufsvertreter, findet irgendwo eine Nette,
bleibt von heute auf morgen bei ihr. Keine Nachricht
an zu Hause. Eine Zweizimmerwohnung mit Kochnische
und Balkon wird Kleinparadies. Dann die nächtliche
Autobahnfahrt. Als er an einen Kaffee denkt, der
die Müdigkeit vertreiben würde, kracht es.
Ringsgwandl,
den einige einen Barden, andere einen singenden
Clown,
dritte einen zweiten Karl Valentin, wieder andere
einen Kabarettisten und viele einen singenden Chirurgen
nennen (teils, weil er wirklich einer war, teils,
weil es heißt, er seziere Gott und die Welt), macht,
ein Arthur Miller in Noten, sogar die Schauplätze
seiner Ballade vom schnellen Tod namhaft. Zwischen
Düsseldorf und Heppenheim verpfuscht sein Handlungsreisender
schuldlos das Leben. Ein paar Minuten hört man
gebannt zu, bis einem dann der bayerische Zynler
wieder in seinen Bilderkreis aus gehobenem Mittelstandsfegefeuer
und "Underdog" - Romantik, gesehen durch
die Brille eines zeitgemäß illusionslosen Sozialarbeiters,
zwingt.
Ja,
wir haben alle unser Kreuzchen Selbsthaß zu tragen, verachten
die Baumärkte, in denen wir doch gelegentlich nach
Schnäppchen fahnden, um uns dann selbst ein Viertelstündchen
zu verachten. Unsereins hat die Geflügelwochen
von Penny im Kopf und den Salbei im Vorgarten,
der das billige Federvieh zum apulischen Braten
veredelt, weiß, wann Aldi seinen supergünstigen
Champagner bereithält, wann im Gartencenter draußen
die Torfmullzeit eingeläutet wird - und findet
sich so recht von Herzen und mit Scham elitär,
wenn ihn die vollgestopften asphaltstinkenden Parkplätze,
die Einkaufswagenschieber in Jogginganzügen sowie
die eigenen Leibesübungen und Sonnenstudioausflüge
anekeln. Bei soviel Einsicht bleibt nur Selbstmitleid,
getarnt als bittermandliger Spott.
Davon
hat Ringsgwandl mehr als genug. Pausenlos piekst
er den Solar plexus
aufgeklärter mittelständischer Inkonsequens, pausenloses
Gelächter und Applaussalven dabken es ihm. Und
weil das Ohr mithört und auch, weil der Sendesaal
des Hessischen Rundfunks ein bißchen viel kältende
Technik ausströmt, kam Ringsgwandl mit einer weißblonden
Langhaarperücke, schwarzem Schlapphut und schräg
drapiertem orangefarbenem Umhängetuch auf die Bühne.
Das war ein hübsch skurriler Effekt, weil er wechselnd
aussah wie der weiland Bluesgitarrist John Mayall,
dann wieder wie die gealterte Sängerin des Folktrios
Peter, Paul & Mary, am häufigsten aber wie
ein Otto - Double; zumal, wenn er, die Gitarre
unter der Achsel, wie der Friesenblödler unvermittelt
mit gegrätschten Beinen in die Höhe sprang. Weshalb
er aber sein erstes Lied - irgendetwas von Ballermentalität
zwischen Münchner Altbauwohnung und Starnberger
Seehatz - in schrillstem Falsett intonierte, blieb
sein Valentin - Geheimnis.
Dann
aber, ohne Perrücke und mit bajuwarischen Bariton, ging's
richtig los, mal mit einem Song - haarscharf vorbei
an Maffayscher Redlichkeit - vom schweren Leben
auf der Straße, meistens aber mit hübsch masochistischen
Doppelböden mitten hinein in die Gewissensnöte,
die einen zwischen Feminismusloyalität und Macholüsten,
Kühlschrank und Konzerthalle, Marienhof und Bella
Block, Homöopathie und Aspirin kitzeln. Die dreiköpfige
Band spielte beachtlich soliden County - Rock dazu.
Einmal, beim Song vom Altnazi im Vorstadthäuschen
mit Garten, streifte sie Hardrock. Ringsgwandl
hätte einen fast das Grauen gelehrt mit seinen
Reimen vom Fanatismus, der Rasen mangels Köpfen
köpft und doch auch unsere zaunlose Wildblumenwiese
hinterm Ökohaus spiegelt. Aber mit einigen schön
schrecklichen Worten über die Kinder, die einem
manchmal zum Hals heraushängen, ist dann die Tollhauswelt
wieder im Lot und der Cocktail aus Vitriol, Bierhefe
und rechtsdrehender Lactose wieder süffig. So läßt
sich's leben.
DIETER BARTETZKO |
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| Der Tagesspiegel, 02.05.2001 |
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Bayern-Country
goes Berlin: ein vergnüglicher Abend im Columbia-Fritz |
Ungewohntes
Ambiente im ColumbiaFritz: der Saal bestuhlt, bebierbankt.
Und das Publikum anders als das Rock-Publikum sonst. Kabarettzuschauer
eher, Theatergänger, Liebhaber von Klein- bis Großkunst. Ältere
Herrschaften. Ein Depp brüllt immerzu: "Anfangen,
anfangen!"
Pünktlich um acht kommt Georg Ringsgwandl mit langen semmelblonden Haaren unterm
Knautschhut, mit orangefarbenen und türkisen Vorhängen behängt. Mit Gitarre,
riesiger Nase, roten Lippen. Als wäre er der Außenminister als Kaschper. Singt
einen Blues-Ländler, Ländler-Blues, Bayern-Country. Schön und sparsam begleitet
von einer zurückhaltenden Band. Der Gitarrist sieht aus wie Guildo Horn, ist
aber Engländer. Ein anderer trägt einen 1500-Meter-Hut, ist aber Schlagzeuger.
Und der Bassist ist eigentlich Brauereiwissenschaftler: Er forsche an einem "Hefe-Genomprojekt",
erklärt Ringsgwandl, zur Stabilisierung des Bierschaums: "Nachat kannst
mitm Bierausschank fürs Oktoberfest scho im Mai ofanga! Und da Schaum bleibt
obn!"
Der Gitarrist knopflert wunderbar, und es klingt wie Bayer Straights. Bayerische
Geschichten in Balladen, Blues und Boogie. Funk. Geschichten übers Fernsehen, über
Frauen, Urlaubsreisen, Homöopathie. Und einen "Garten-Nazi", dessen
Hund nichts zu lachen hat: Denn "der Nazi ist sein Peiniger/jeden Freitag
spritzt er ihn ab mit dem Kärcher-Hochdruckreiniger." Grandiose Geschichten
erzählt Ringsgwandl auch zwischen den Songs, über den alltäglichen Wahnsinn.
Und kommt dabei vom Hundertsten übers Tausendste ins Zehntausendste. Bis es immer
wahnwitziger wird, absurd, grotesk. Und doch so wahr. Geschichten, die man genauso
wenig nacherzählen kann wie die von Helge Schneider. Oder die von Gerhard Polt.
Nach zweieinhalb Stunden brillanter Unterhaltung als Zugabe ein abgedrehter
Rock'n'Roll-Zwiefacher und eine grandios ringsgewandelte Version von Bob
Dylans "Serve Somebody": "Du
konnst nix mitnehma!" Doch: die Erinnerung an einen höchst vergnüglichen
Abend.
H. P. DANIELS |
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| Berliner Seiten, Frankfurter Allgemeine
Zeitung, 02.05.2001 |
Selig sind
die Wiehernden
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Ringsgwandl
ist und bleibt der König der Narren |
Es
mag wohl zwanzig Jahre her sein, da stand ein Mann in
einem
froschgrünen Overall auf der großen Theatron-Freilichtbühne
in München und gab den Pausenclown. Vor ihm spielten Rockbands,
nach ihm spielten Rockbands. Und der Himmel war so weiß-blau
wie eine bajuwarische Tischdecke. Wer die auf seine Kleidung
genähten Buchstaben nicht lesen konnte, erfuhr vielleicht
von kichernden Nachbarn, daß dieser Kauz mit Gitarre sich
Gurkenkönig nannte. Nur wegen dem schlaksigen Spinner mit
den spastischen Rock-'n'-Roll-Ausfallschritten war damals
ganz bestimmt niemand in den Olympiapark gepilgert.
Das
wäre
heute anders. Dreimal hintereinander hat Georg Ringsgwandl
das ColumbiaFritz gefüllt! Das ist das eigentliche Phänomen.
Der vom Mediziner zum Entertainer mutierte Typ überwand
den Weißwurstäquator Richtung Preußen und damit auch
das humoristische Nord-Süd-Gefälle, an dem die meisten
seiner Kleinkunst- und Komik-Kollegen scheitern. Dabei
gibt sich Ringsgwandl weder als Musiker, Sänger oder
Geschichtenerzähler Mühe, seine mundartlichen Nuscheleien
zu kaschieren und die absurden Erzählungen in ein auch
außerhalb seiner Heimat gebräuchliches Format zu bringen.
Er steht auf der Bühne wie ein alter bekiffter Indianer:
um die Schultern eine orangefarbene Decke und auf dem
Kopf einen Hut mit Napoleonkrempe, an dem eine lange
blonde Mähne hängt. Mit Schwung erklärt er seinem Publikum
die Welt, im Großen wie im Kleinen. Redet von einem Hefe-Genom-Projekt,
das dem Bierschaum endlich den nötigen Halt verschaffen
soll; von depressiven Dänen, die in Gegenden wohnen,
die sogar Beutelfuchs und Wanderratte verlassen haben,
und von seiner Ehefrau, die auf der Urlaubsreise ans
Mittelmeer den Wagen aus Versehen nach Hamburg lenkt.
Die
kompliziertesten Zusammenhänge werden auf einen einfachen Nenner gebracht: "Im
Gartenmarkt ist Torfmullzeit, trotzdem herrscht Unzufriedenheit." Das
ist typisch für Ringsgwandl, typisch für Bayern. Wo man
stundenlang im Biergarten sitzt, wird zwangsläufig die
Zunge schwerer und jedes Wort anstrengend - also muß man
sparsam damit umgehen und trotzdem das Wesentliche von
sich geben. Im Publikum zwar ist weder vermehrt bayerischer
Dialekt noch die übliche Berliner Coolness auszumachen.
Entweder sind diese Leute normalerweise nicht auf öffentlichen
Veranstaltungen anzutreffen, oder aber es liegt doch
an diesem poetischen Querkopf, dem man blind in jede
Nummer und jeden Song folgt. Befreiendes Lachen, Wiehern,
Lächeln liegt über dem Saal. Alle sind selig.
Nach
der Pause ist dann endlich auch die grauenvolle Perücke weg
und Ringsgwandl sieht mit seinen geschminkten Augen und
dem schwarzen Chaplin-Hütchen aus, als stamme er aus
einem Dr.-Mabuse-Film. Hinter dem Meister (an der Akustikgitarre)
seine drei Musiker: Bassist Tak sieht aus, als habe man
ihn hinter dem Bankschalter hervorgezerrt und in ein
Glitzerjackett gesteckt, Drummer Skip spielt an einem
Mini-Schlagzeug, das jeden Moment auseinanderzufallen
droht, und Gitarrist Nick Woodland war schon vor zwei
Dekaden einer der gefragtesten Münchner Studiomusiker.
Vor allem Blues spielen die vier. Auch Country, ein wenig
Rock, Folk, Boogie und Melodien, die Pointen haben oder
ein bajuwarisch-amerikanisches Flair. Während Ringsgwandl
von den Unscheinbaren und Häßlichen singt, vom "Garten-Nazi" oder
der Liebe in Zeiten des Vollzeit-Fernsehens, turnt er
von rechts nach links und karikiert mit seinen langen
Armen und Beinen die Kollegen aus dem Rockfach.
Am
allerulkigsten wirkt er, als er einfach alles wegläßt: Band und Gitarre,
Songstruktur und Logik. Einsam steht er am Keyboard und
berichtet von "Flori", einem Jungen, der von
55 Kilogramm auf 4 Gramm Körpergewicht schrumpft und
deshalb von seiner Mutter in den Beautybeutel gesteckt
wird. Beim Erzählen dieses wahnwitzigen Märchens zeigt
sich die wahre Größe von Ringsgwandl, der in der Lage
ist, aus völlig verschrobenem Unsinn und unzusammenhängenden
Alltagspartikeln die tollsten Abenteuer zu machen. Anfangs
staunt man vielleicht noch über die immer absurder werdenden
Stories. Später dann wundert man sich noch nicht einmal
mehr darüber, daß Reinhard Mey und Jürgen Trittin zusammen
Tofu-Schnitzel grillen.
ANNA-BIANCA KRAUSE |
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| Die Welt - Hamburg Feuilleton
- 24.03.2001 |
Der Mann, der aus der Küche kam
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Ein
Porträt des bayerischen Allroundkünstlers Georg Ringsgwandl |
Es
muss was dran sein an dieser Küche im Münchner Stadtteil Untersendling:
Man geht durch den langen Flur, biegt ganz hinten rechts
ein, und dann öffnet sich der Raum in einen kleinen Saal
mit rundem Plaudertisch, Einbauzeile, Kühlschrank, Gartenzugang.
Hier saß er irgendwann mit seinem langjährigen Wegbegleiter,
dem Blues-Gitarristen Nick Woodland, und zwei befreundeten
Musikern - und als die einfach loslegten, hat ihn das
ziemlich umgehauen.
"Die haben gespielt, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist", schwärmt
er, "ich wollte die Band ja am Anfang nicht haben, weil das so verrottete
Musiker sind, aber dann hat das von Anfang an so einen angenehmen Sound gehabt." Da
hat er sich hingehockt und ein paar Songs geschrieben.
Jetzt hat Ringsgwandl eine neue Band, die Alten Giftler, und eines Tages
hatte er die nötigen Aufnahmeapparate in der Untersendlinger WG-Küche aufgebaut. "Gache
Wurzn", das Resultat dieser Aufnahmesession, zeigt Ringsgwandl wieder
einmal von seiner stilleren Seite. Zu den bluesgetränkten Grooves der Alten
Giftler "singt" er - wenn man das so nennen kann - seine melancholischen
Geschichten aus dem ganz normalen Leben.
Lernprozesse mit tödlichem Ausgang: über den Brucknwirt, die anmaßenden Kontrolleure
vom Amt und die Schluckspechte vor der Theke, die nach zehn Maß und 17 Kurzen
den Hals immer noch nicht voll haben. Über das junge Paar, das sich irgendwie
durchschlagen muss, und den fleißigen Vertreter, der in einer Aufwallung von
Liebe sein Leben an einem geparkten Lkw aushaucht.
Resignation? "Nee, nee", sagt Ringsgwandl, "wenn man so einen
Unterton in diesen Songs hört, dann kommt da was falsch rüber." In Wirklichkeit
ist der Moralist im bayerischen Janker immer noch auf einer Mission. Sein Lieblingsthema:
der Abgrund zwischen den bunten Bildern, wie sie die Medien in die Wohnstuben
spülen, und dem Gebräu aus Spaß und Trübsinn, das Leben heißt.
"Es geht nur noch um Erfolg, um Schönheit, Harmonie, um Perfektion, aber
erstens ist die Realität anders, und zweitens beleidigt das die Mehrheit der
Bevölkerung." Und damit fühlt sich Ringsgwandl persönlich angegriffen. Deshalb
spielt er den Piranha im Karpfenteich - als gewitzter Erzähler, sinnlich in seiner
Wortwahl, präzise in der Syntax, süffig und gespickt mit bayerischen Unartigkeiten.
Ringsgwandl ist ein Kind der Aufbaujahre, einer, der sich noch erinnern
kann, dass es auch ohne Rundumversicherung und Rentenanspruch geht. Zwei
Mal hat
er schon eine erfolgreiche Laufbahn umgebogen, weil er sich nach etwas anderem
sehnte. Da war einmal der Clown, als der er Anfang der neunziger Jahre durch
die Hallen des Landes zog: Ringsgwandl war einer der erfolgreichsten Vertreter
einer neuen, überdrehten Version des Kabaretts, jenseits der didaktischen Steifheit
und dies-seits des Wohlstandszynismus der Comedyszene.
Als die Hallen so groß geworden waren, dass er sein Publikum nicht mehr sehen
konnte, vollzog Ringsgwandl einen radikalen Schwenk und nahm lieber eine Platte
mit autobiografischen Songs auf. Etwa zur gleichen Zeit kündigte er seinen
gesicherten Brotjob als Oberarzt in Garmisch - er war ihm zum Klotz geworden.
Die Küche in Untersendling ist durch diese beiden Entscheidungen wieder verstärkt
zu ihrem Recht gekommen: Sie ist jetzt der Ort, wo die entscheidenden Dinge
passieren.
STEFAN HENTZ |
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| SZ
- Samstag, 17. Februar 2001 |
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Wenn
Georg Ringsgwandl am
Küchentisch philosophiert und musiziert, kommt dabei
eine Gache Wurzn heraus |
Was Georg Ringsgwandl über
seine Musiker sagt, kann man nur schlecht eins zu eins
drucken. Einerseits. Andererseits ist es ja so, dass
das Leute-Ausrichten, wie man es in Bayern nennt, wenn
man recht grob über andere herzieht, fest zum Ringsgwandlschen
Programm gehört, quasi eines seiner wichtigsten und unvermeidlichen
Kunstgriffe ist. Und so wird aus Skip, Nick und Tak halt
eine Krattler-Kombo: drei heruntergekommene Musikanten,
die der Ringsgwandl angeblich
irgendwo aufgesammelt hat und die sonst ganz gewiss überhaupt
keinen Job mehr bekommen hätten, wenn halt nicht zufällig
dieser bayerische Musik-Kabarettist vorbeigekommen wäre,
der dringend eine Begleitband brauchte.
So
ungefähr erzählt
er das, der Georg Ringsgwandl, auf der Bühne, auf seiner ziemlich nagelneuen
Website (www.ringsgwandl.de), aber auch am Küchentisch jener Wohnung
in Untersendling, in der er seit vielen Jahren gelegentlich übernachten
kann, wenn er gerade in München zu tun hat. Die Besitzerin
der Wohnung kennt er schon seit Ewigkeiten, sie macht
die Fotos für seine Platten, und jetzt hat er in ihrer
Wohnküche eine Platte gemacht, zusammen mit Nick, Skip
und Tak. Denn wo, bitte, sollte man mit derart verkrachten
Musikerexistenzen denn sonst etwas aufnehmen, im Studio
vielleicht? Da dürfen die doch nicht einmal rauchen,
vergiss es!
Das
alles klingt natürlich
recht abenteuerlich, ist aber nicht völlig falsch. Die
abgerissenen Musiker sind zwar keineswegs so tragische
Gestalten, wie Georg Ringsgwandl sie
zeichnet; immerhin zählt Nick Woodland zu ihnen, und
der ist der wohl beste lebende Blues-Gitarrist zwischen
Reichenhall und Flensburg. Und die Platte wurde zwar
tatsächlich im vergangenen Jahr an zwei Novembertagen
in der Untersendlinger Wohnküche aufgenommen, kommt aber
trotzdem am 5. März mit dem Titel Gache Wurzen (was
sich mit steile Wurzel nur sehr unzureichend übersetzen
lässt) in den Handel und ist schlichtweg ein Meisterwerk
geworden. Denn Ringsgwandl hat
hier wieder einmal zurückgefunden zum Einfachen, Ungekünstelten,
Unsentimentalen: etwas, das schon seine 93er-Platte Staffabruck ausgezeichnet
hatte. Elf Stücke gibt es auf Gache Wurzn,
entspannter, vermeintlich unspektakulärer Rhythm & Blues,
geadelt durch Woodlands ungemein flüssige Soli, und alles
groovt so locker daher wie schon lange nicht mehr auf
irgendeiner Platte aus deutscher Produktion. Wenns
langt. So etwas kriegt man wohl in einem sterilen Studio
wirklich nicht hin, da darf es vielleicht gar nicht mehr
sein als zwei kleine Verstärker für Gitarre und Bass,
eine Snare-Drum und eine kleine Trommel, damit das so
klingt.
Was
könnte besser passen
zu den Geschichten, die Georg Ringsgwandl erzählt,
und zu der Art, wie er sie erzählt? Es scheint, als ob
er wieder zurückgefunden hätte zu den einfachen, undramatischen
Geschichten über Menschen, die immer irgendwie
furios scheitern, das aber mit einer gewissen Eleganz.
So etwas beobachtet er schon immer mit großem Interesse,
das fasziniert ihn. Und so kommen die kleinen Leute auf
die Platte: der Brucknwirt, der den nervenden
Lebensmittelkontrolleur mit dem Schnitzelhammer erschlägt,
der unscheinbare Verkaufsvertreter (er heißt Peter
Schmidt, und genauso schaut er aus), der sein Leben
unfreiwillig beendet, indem er nachts mit dem Auto in
einen liegen gebliebenen Lkw rauscht, und der Harley-Sepp
aus dem Schluckspecht, der mit den Spezln
drüber streitet: Wer hat den schlimmsten Unfall
gehabt, wer die meisten Kilometer.
Wenn Ringsgwandl erzählt,
in seinen Liedern, auf der Bühne oder am Küchentisch,
dann ist er kaum zu bremsen. Auch noch die größten Absonderlichkeiten
kommen da ganz lakonisch und zugleich saukomisch daher,
weil er sie eben vermeintlich emotionslos beschreibt.
Er schaut zu und sagt: So ist es halt; wie
ein Krankenhausarzt, der er ja 15 Jahre lang bis 1993
gewesen ist, diagnostiziert er die gesellschaftlichen
Krankheitsbilder, mit trockenem Witz und immer wieder
amüsiertem Erstaunen über die menschliche Komödie um
ihn herum.
Das
war schon immer sein Ding. Wer ihn nur für den schrillen bayerischen
Musikclown hält, kennt ihn nicht. Die Sympathie für die
Verlierertypen, die verkrachten Existenzen und die Durchschnittsfiguren
zieht sich durch seine Programme, seit er 1977 im damaligen MUH zum
ersten Mal auf einer Bühne stand, bis hin zu seinen beiden
Musicals Tankstelle der Verdammten und letztlich
auch zu König Ludwig II. Die volle Wahrheit,
das bis vor einem Jahr höchst erfolgreich an den Kammerspielen
lief. Denn ist nicht auch der königliche Ludwig eine
irgendwie tragische Nummer gewesen? Ein Verlierer, der
gerne ein absolutistischer Herrscher gewesen wäre und
sich stattdessen ständig mit Geldmangel, Ministern und
Hofschranzen herumschlagen musste, wenn er eben mal ein
Schloss bauen wollte?
Auch Ludwig zwei wollte
es halt krachen lassen, so wie es Ringsgwandl auf
der Bühne krachen lässt, und wie es seine Figuren gerne
krachen ließen, wenn sie es denn könnten und sich nicht
doch von Zeit zu Zeit mit zehn Halben und 17 Kurzen begnügen
müssten, weil das Leben sonst nicht mehr hergibt als
zwei Zimmer, Küche, Bad und einen Fernseher. Weil es
halt Leute gibt, die machen einen Laden auf und
kein Geschäft. Wenns nicht gar schlimmer
kommt, wie es in einem Lied auf Gache Wurzn beschrieben
ist: Für manche ist das Leben vorbei, bevor es
losgeht, es schleppt sich so dahin, und dann ists
aus.
Das
klingt recht traurig und trostlos, ist es aber nicht,
denn so der Doktor Ringsgwandl alles
ist letztlich eine Frage des Stils, und die Lebensfreude
gibt es nicht für Geld, dafür am allerwenigsten. Fast
schon programmatisch ist da das erste Stück auf der Platte,
das wunderschöne Chuck-Berry-Cover You Never Can
Tell, das von einem jungen Paar erzählt er
Kundendienstmonteur, sie Starfriseuse beim Dorffriseur ,
und dessen Refrain die Ringsgwandlsche Philosophie schön
auf den Punkt bringt: So kanns gehen, sagen
die Alten, irgendwie wirds schon werdn.
Freilich,
das muss einmal deutlich gesagt werden, gibt es natürlich
auch Arschlöcher
unter den Menschen. Auf Gache Wurzn ist das
der Gartennazi aus dem sauberen Vorstadtviertel
scharf rechts hinterm Mond, wo die Straßen Vogelnamen
haben, Amselstraße, Finkenweg, und die Mama jeden
Samstag früh im Küchenschurz den Gehsteig kehrt. Da hört
sich einfach jede Sympathie auf. Und mit einem Mal versteht
man es, warum der ehemalige Kardiologe und Intensivmediziner
Georg Ringsgwandl so gerne RocknRoll
macht, mit seinen verlebten Musikern im Kombi zu den
Auftritten fährt und Platten in Wohnküchen aufnimmt.
Das echtere Leben ist das allemal, und wenn man dann
noch etwas Glück hat, kommt dabei auch ein Meisterwerk
wie Gache Wurzn heraus. (Georg Ringsgwandl spielte
mit seiner Band am 1. und 2. März in der Elserhalle.)
FRANZ KOTTEDER |
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