Pressearchiv 2001
TAZ Berlin lokal vom 29.12.01
Schluckspecht und Blitzziege

"Ruf den Pizza Service an, heut leisten wir uns was, Ilse, für dich mit allem, aber für mich bitte ohne Pilze": Ringsgwandl singt im Quasimodo über armselige Kleinbürger und davon, wie schwer es ist, vernügt zu bleiben.

Was kann das für ein Sänger sein, für den man spätabends noch ein solches Opfer bringt und bei Schneegestöber rausgeht und mit der S-Bahn in ein anderes Stadtgebiet fährt? Ringsgwandl, animiere ich eine Freundin mich zu begleiten, ist ein bayrischer Liedermacher mit bösartigem Humor, aber auch wunderbaren Liebesliedern, erzähle ich: "Ja was sog i Inge, das ist der Gang der Dinge, die Kinder sie wärn groß, und wir wärn oid. Schau, wie den Hügel runter sie laufen flink und munter, unser Kopf is schwer vom Denken und vom Rechnen kalt", rezitiere ich. Meine Freundin grinst geniert. Ich fahre allein.

Es ist nicht ganz leicht zu erklären, was es mit Ringsgwandl auf sich hat, als er aber die Bühne betritt, fällt mir wieder ein, warum ich hier bin. Er trägt eine blonde Perücke mit Hut, seine zerbeulte Nase lässt ihn aussehen wie eine verunglückte Mischung aus Steffi Graf und Otto Waalkes. In seine Gitarre steigt er gern mit den Füßen zuerst, aber was heißt Füße, vergrätschte Haxen sind das, mit denen er in der Luft stochert. Man meint, es knirschen zu hören in seinen Gelenken, von unten setzt es sich fort in seine ganze hagere Gestalt hinein - und wird schließlich nach oben transportiert, wo es krächzt wie ein altersschwacher Rabe.

Die Lieder, die Ringsgwandl an diesem Abend bringt, sind von jedem Klimbim bereinigt, mit seinen drei Musikern hat er sie wieder auf ihr Gerüst reduziert - noch vor kurzem war der Sänger aus Reichenhall eher mit abgehalftertem Tingeltangel befasst, der Inszenierung von beeindruckend deprimierenden Musicals. Die Songs handeln von armseligen Kleinbürgern, von unscheinbaren Versicherungsvertretern, die glücklich zu werden versuchen mit zwei Zimmern, Küche, Bad und Fernsehapparat, vom Bruckenwirt, der den Lebensmittelkontrolleur erschlägt oder vom Schluckspecht. Weit entfernt von Sozialkitsch ist es eher die Trostlosigkeit des bundesdeutschen Durchschnitts, die Ringsgwandl auf den Seziertisch legt, nicht hochnimmt, sondern kurz anleuchtet und dann wieder sanft ins Dunkel gleiten lässt - der bleierne, ekelhafte Alltag aus Buderus und Eternit, Ferrero, Maggi und Salamander, eine Welt, in der es schwer ist, vergnügt zu bleiben: "Beim Aldi sind Geflügelwochen, und trotzdem haben sie nichts zu lachen."

Man hat Georg Ringsgwandl, der 1993 sein bürgerliches Leben als Kardiologe im Krankenhaus aufgegeben hat und Ende der Siebziger seine musikalische Laufbahn mit einem Berliner Punk und der berühmten Nachtigall von Ramersdorf begann, mit Karl Valentin verglichen: ein Arthur Miller in Noten sei er oder ein weißer Bruder von Screaming Jay Hawkins. Ihn einen Clown, einen modernen Hofnarren, einen "schrägen Vogel" zu nennen ginge genauso daneben wie all diese hinkenden Vergleiche. Seine Parodie aller Klischees aus Kabarett und Kleinkunst entzieht sich jeglicher Festlegung.

Es ist sein zynischer Menschenhass, der vielleicht an manchen Stellen höchstens noch an Thomas Bernhard erinnert, der Ringsgwandl kurz vorm Absturz in saure Moral bewahrt. Immer mal wieder ist an diesem Abend von der Schlechtigkeit des Gelds die Rede und davon, dass es zu wenig Liebe gibt in der Welt. Das rührt peinlich an, genauso wie die seltsamen Charlottenburger, das mittelalte Publikum im Quasimodo, das in solchen Momenten nachdenklich die Stirn in Falten und das Kinn auf den Daumen legt, in anderen programmatisch johlt. All das wird von Ringsgwandl aufgefangen. Jeden Versuch, Alternativen zu finden, lässt er auflaufen. Einen Ausweg aus der Tristesse gibt es nicht: Der Garten-Nazi zum Besipiel probiert es, indem er den Rasen mit der Nagelschere schneidet, ein anderer sagt zu seiner Frau: "Ruf den Pizza Service an, heut leisten wir uns was, Ilse, für dich mit allem, aber für mich bitte ohne Pilze."

Was an diesem Abend beinahe noch die Lieder Ringsgwandls übertrifft, sind seine Ansagen zwischen den Liedern. Hier lässt er alles endgültig aus dem Ruder laufen, jeder Sinn verliert sich in Blödelei, in komischen, sinnfreien Nonsens. Die Geschichte seines hässlichen Hemds zum Beispiel. Das, erzählt
er, ist gewebt aus Blitzziegenfell. Blitzziegen haben ein drittes Horn auf dem Kopf, durch das alle Tage wieder der Blitz einschlägt. In diesem Moment ist die Luft so aufgeladen, dass das Fell der überlebenden Blitzziegen flauschig wird.

Susanne Messner

Berliner Zeitung vom 29.12.01
Pelzschlangen und Blitzziegen
Und Plastikhasen, die Miles Davis sein wollen: Ringsgwandl im Quasimodo

Was soll man denken, wenn man so jemanden vor sich hat: hellbraune Bundfaltenhose, kunsthandwerklicher Metallgürtel, ein flaschengrünes Sakko, vielleicht aus der Damenabteilung, weißblonde Schnittlauchlocken, die unter einer verbeulten Kappe herabbaumeln. Georg Ringsgwandl kommt dem beleidigten Auge zuvor - "sauteuer" sei "die Jack' g'wesen". Daraus entspinnt sich eine lang und länger gezwirbelte Story: "Original Smaragdbaumnatter" sei das
Sakko, die einzige existierende "Pelzschlange". So arbeitet er sich tief hinein ins Feld unbekannter Tierarten; neben der Natter stellt er uns die Blitzziege mit extrem feinem Fell vor und erinnert sich seiner Karriere als Fotomodell im "Regenmantel-Bereich". Es endet damit, dass Karl Lagerfeld auf der Flucht vor Mode-Paparazzi in einem kroatischen Kuhdorf landet. Ringsgwandl, der aussieht wie ein heimlicher Zwilling von Steffi Graf, strickt sein abstruses Märchen aus dem Hinterland der Haute Couture mit einer Dringlichkeit, dass seine Zuhörer gebannt lauschen.

Im aktuellen Programm "Gache Wurzn" stellt er immer mal die Gitarre zur Seite und entlässt seine kleine Band von der Bühne, um von heillosen Vorkommnissen zu berichten. Diese sind so irre fantastisch, als improvisiere er sie - unwiederholbar. Doch der Wahnsinn hat Methode. Am Ende der
surrealen Mär über einen lügenden Plastikhasen, der behauptet, Miles Davis zu sein, marschiert die Band wieder auf, um einen ausgeschlafenen Blues-Rock hinzulegen: Irgend ein Stichwort gibt's selbst bei der krausesten Fabel.

Ringsgwandl steuert nicht auf Pointen zu, der Weg ist ihm lieber als das Ziel. Dafür fräst er sich unerschrocken durch den Unsinn wie die Made durch den Speck. Gedämpfter vollzieht er dies in seinen Liedern. Beobachtungen des Treibens auf der Straße oder am Kiosk können von ätzender Genauigkeit sein, etwa wenn er dem "Garten-Nazi" in dessen Wohnviertel folgt, "wo die Straßen
Vogelnamen haben". Diesmal überwiegt jedoch die Sympathie, die der Liedermacher für seine Figuren hat: der Spießbürger, der die Mutti zum Bierholen in den Keller schickt, die Frau, die zum unfrisierten "Küchentier" geworden ist, der Kundendienstmonteur.

Ringsgwandl betrachtet Banales und findet daran vieles skurril, manches in Ordnung, einiges traurig. Die Spätnachrichten berichten von einem Unfall auf der Autobahn mit Todesopfer: "Schon wieder einer abgeraucht", singt Ringsgwandl im müden Tonfall des TV-Glotzers, um dann die Perspektive des Unfallfahrers folgen zu lassen, des "unscheinbaren Verkaufsvertreters", dessen trostloses Dasein in der nächtlichen Tragödie ein Ende findet. Der Mann mit dem Flohmarkt-Outfit blickt auf das Alltägliche nie zynisch, eher gründlich melancholisch. Wenn da einer im Publikum mehr Gaudi will, kann Ringsgwandl auch sauer werden. Auf den Ruf "Ich versteh' dich nicht!" erwidert der Bayer in Berlin: "Meinst du das ästhetisch oder rassisch?" Und legt nach: "Bist du Stefan-Raab-Fan?"

Angesichts der Schwemme an Brachial-Klamaukern wie Raab, Erkan & Stefan oder Michael "Bully Herbig" ist die Luft für den bayrischen Musikkabarettisten dünner geworden. Das kriegt Ringsgwandl zwar zu spüren, doch verlässt ihn seine gesunde Standhaftigkeit nicht: "So ist das Leben, irgendwie wird's schon werden."

Ulrike Rechel

HNA Hessische Allgemeine vom 21.11.01
Vom Irrsinn das Beste

Kassel. Und da standen sie. Völlig unspektakulär. E-Gitarre, Verstärker. Stühlchen daneben. Schlagzeug, ziemlich überschaubar. E-Bass, Verstärker, Stühlchen daneben. Vor dem ganzen Ensemble ein Wesen - ähnlich der Steffi Graf mit nasenbetontem, scheuen Lächeln. Nur: Es bewegte sich wie Otto. Merkwürdig.

Schon lustig, wenn Georg Ringsgwandl, Clown, Musiker, Oberarzt und Sarkast, dann im schrillen Outfit und mit Akustikklampfe mit seiner Akademiker-Combo zu musizieren beginnt. Rock, sagen sie - das sei was für Deppen. Trotzdem, es ist sehr abgeschrägter Rock mit zahlreichen Einflüssen von weiß der Teufel woher, denn die Vier da von sich geben, um die neueste Platte "Gache Wurzn" (so etwa: wildes Weibsbild) vorzustellen. Lässt sich gut mitwippen.

Verworrene Texte

Nur die Texte, die lassen einen dann schon aus dem Takt geraten: Der Gesundheitsinspektor reizt den entnervten Wirt schon mal bis aufs Blut - das des Inspektors. Der Garten - Nazi im Vorstadtbiotop wird natürlich verpönt - die Geschichten und Assoziationen jedoch, die Ringsgwandl um ihn aufbaut, sind von absurder Grausamkeit und einer sarkastischen Schärfe, die die Position des Liedermachers weit über den Status der political correctness hinauskatapultiert. Ringsgwandl, so meint man, singt, was er denkt. Und damit es nicht zu harmonisch wird, grantelt er herum. Es sind immer wieder die so genannten Gescheiterten, die Ringsgwandl besingt, die Frau mit der "inneren Schönheit" zum Beispiel.

Oder Rudolf Scharping, der neben Stoiber und Haider (die Nähe ist erwünscht) in Ringsgwandls Walhalla aufgenommen wird. Und wenn er dann mit explosiver Fantasie beschreibt, wie Scharping über einer Schickeria - Party am Starnberger See aus einem Jagdflugzeug springt, am Gemächt kuriert werden muss und der Geist von Miles Davis als mechanisches Kaninchen made in Taiwan aus der Plastiktüte springt - dann weiß man, dass es so weit ist: Der absolute Irrwitz hat zugeschlagen. Woher die Tränen kommen, die einem die Wangen herunterlaufen - das weiß man jedoch nicht so genau.

Regina Bärthel

Delmenhorster Kreisblatt vom 13.11.01
Schräger Vogel des Rockbiz

Delmenhorst. Irre geschminkt iss er. Eine lange blonde Perücke umrahmt sein clowneskes Gesicht. Und dann diese Nase. Geradezu prädestiniert, sie überall in jeden Sondermüll der Gesellschaft reinzuhalten. Ein Konzertbesuch ersetzt fast alle Spielarten der Kleinkunst. Die Musik: Irgendwo zwischen Mark Knopfler, schwarzem Blues und Bavaria-Zutaten. Textlich kriegt jeder sein Fett weg. Auch das Publikum. Der Mann ist schlichtweg genial.
Ringsgwandl passt in kein Klischee. Am 25. November - dank ans KulturBüro - ist das rockende "Gespenst aus Bayern" im Delmenhorster Kleinen Haus zu Gast. Der Mann aus dem tiefsten Bayern, der Schrecken der Bausparer, Wohnmobilfahrer und Lebensmittelprüfer im tiefsten Niedersachsen. Robin Hood in Northern Germany.
Der Gurkenkönig von Mittenwald, der Doktor (der er lange Jahre real war), der grimmige Polemiker, der Geheimtipp der Verirrten, der letzte Dadaist, der Anti-Star aus Reichenhall - die Liste der Titulierungen ist lang und ständig in Erweiterung. Wie kein anderer deutscher Liederschreiber läßt Ringsgwandl die Fantasie von Kritikern und Publikum feste sprudeln.
Er selbst bezeichnet sich schlicht als einen "soziologischen Komposthaufen". In seinen Songs sei die Gesellschaft verarbeitet wie die Sau in einer Wurst. Wenn er von einem bayrischen Dorfwirt singt, der gleich mehrere Kontrolleure beseitigt, weil sie ihm aus 150prozentiger Bürokratenlaune heraus die Luft zum Atmen nehmen wollen, glaubt man ihm diesen Vergleich sofort.
Sein aktuelles Album "Gache Wurzn" ist zudem bester Beweis, das Musik den Blick auf solch" einzigartigen, eigentlich ganz normalen Lebensgeschichten nicht verstellen muss. Seine Band speckt die ganze Soundprotzerei des hochtechnisierten Studiobetriebs ab. Nichts Geschraubtes rollt in die Gehörgänge, kein kompliziertes Arrangement macht auf hehre Kunst. Und doch freut man sich schon diebisch auf jene Dinge, die da am 25. November im Kleinen Haus passieren dürften.

Karl-Heinz Montag

Kleine Zeitung (Austria) vom 10.11.01
Ein verrückter Vogel

Bayerns schrillstes Unikat triumphierte in Graz

Schriller Kardiologe: Doktor Ringsgwandl ordinierte wieder.

Mit seiner Blondhaarperücke schaut er aus wie Barbie zu Halloween oder Otto Waalkes auf Weißwurst-Trip. Nichts ist dem gelernten Kardiologen und studierten Lebenskünstler Georg Ringsgwandl aus "Staffabruck" (globaldeutsch: "Staufenbrück") zu schräg, um gegen den rheumatischen Wind von Winnern und anderen westlichen Wohlstands-Veteranen anzufliegen. Das Herz des urigen Uhus pocht für die Pechvögel. Langweilige Kanaris zitiert er im jüngsten Programm "Gache Wurzn" zum Aderlass.

Federleicht wetzt der wohl überdrehteste Komiker aus dem Freistaat Bayern die Schwingen am hohlen Zeitgeist und pickt selbstgefälligen Bauspar-Bürgern die Maden aus maroden Kartenhaus-Idyllen. Mit bestem Rock und feinster Golden-Oldie-Band beschwört der musikalische Nachfahre von Karl Valentin die glücklich g'schlamperte Lebensart, von der das begeisterte Publikum am Donnerstag im Grazer Orpheum aus dem genannten guten Gründen gar nicht genug haben konnte.

Elisabeth Willgruber-Spitz

Sylter Rundschau, 22.08.01
Der Rocker von der traurigen Gestalt

Gepackt hat er sie, und zwar alle, der Ringsgwandl Schorschi. Gab es bei den ersten Liedern und Geschichten des "Entertainers" noch Skeptiker und Zweifler im blauen Zelt, so wandelte sich die Stimmung spätestens nach der ersten halben Stunde in langsam anschwellende Begeisterung und wurde am Ende zum frenetischen Jubel. Fünf Zugaben mussten der rockende Kabarettist und seine Band spielen, bevor das Meerkabarett-Publikum sie endlich ziehen ließ.
Natürlich hat sich der Ex-Arzt bemüht, hochdeutsch zu reden. Aber vor allem bei seinen Liedern kam deutlich durch, wo seine Wiege stand. Wurden seine Lieder vor Jahren noch als "schaurig-schön" bezeichnet, so kann man das "schaurig" heute getrost weglassen. Schön ist auf jeden Fall seine Musik, zumindest für den, der kräftigen, erdigen Rock mag.
Seine Stimme kann man zumindest als interessant bezeichnen. Aber bei dem, was er singt und was er erzählt, ist eine wertende Kritik überflüssig: Die Denk-Art des Georg Ringsgwandl, das "Von-hinten-durch-die-Brust-ins-Auge", erschließt sich einem oder nicht. Sein Humor ist schräg, und ein Blatt nimmt er schon gar nicht vor den Mund, auch nicht, wenn er sich über Dänemark belustigt.
Aus scheinbar heiterem Himmel erzählt er von seiner Begeisterung fürs "Radio Tirol", wie er die Schwierigkeiten des Sender-Empfangs überwindet, und kommt dann zu den vier Musikern vom "Alpen-Trio", die zwar Millionen damit verdienen, denen ihre "Kunst" aber völlig wurscht ist, die die Käufer ihrer Platten sogar verachten. Viel lieber wären sie Maurer, Elektriker oder eben Sozialpädagoge geblieben.
Wenn er so erzählt, sich von einer Assoziations-Liane zur anderen schwingt, wirkt er manchmal wie ein Rocker von der traurigen Gestalt, eine Art Don Quijote im Kampf gegen den Comedy-Schwachsinn, der getreu seinem eigenen Credo intelligent unterhält, ohne Plattheiten zu dreschen. In einigen Momenten erinnerte er gar an den großen Karl Valentin, der zweifelsohne zu seinen Vorbildern zählt. Er beschreibt umwerfend komische Situationen, stellt sich dabei aber nicht arrogant über die Objekte seines Spotts, sondern neben sie. Er beobachtet erst sich, dann seine gestresste Psychotherapeuten-Frau und erklärt am Schluss, warum Gerüstbauer manchmal das Bedürfnis verspüren mögen, so zu reden wie Thomas Mann schrieb.
Vielleicht liegt darin das Geheimnis von Ringsgwandl: Er ist komisch, ohne Witze zu erzählen, und er bleibt dabei er selbst. Seine Geschichten schwimmen auf keiner "Welle", sondern sind aus sich heraus originell, vorausgesetzt, man hat Sinn für seine kauzige Komik, die manchmal hemdsärmelig daherkommt, es aber nicht ist.
Manche seiner Liedtexte bildeten dabei ein schönes Humor-Kontrastprogramm denn sie handelten zum Teil von erbarmungswürdigen, traurigen Existenzen. Und mit seinen drei Mitmusikern machte er ordentlich Dampf, sodass am Ende auch diejenigen zufrieden waren, die eigentlich nur ein Rock-Konzert erwartet hatten.

ANDREAS PFLIEGER

PNP vom Samstag, 14. Juli 2001   Lokalteil Passau-Stadt
Georg Ringsgwandl: Banales und Geniales unterm Hut

Kein Zweifel, genau so muss eine "Gache Wurzn" aussehen: blonde Schnittlauch-Perücke, Schlapphut drauf, darunter das schärfste
Knautschgesicht der deutschen Kabarettszene. Schon rein optisch war Georg Ringsgwandls Konzert im Eulenspiegel-Zelt am Donnerstagabend ein Ereignis - künstlerisch war es dies sowieso. Von "Unterhoserl" und "Kautschuktüterl" handeln seine Lieder, aber auch vom banalen Alltag resignierter, hässlicher Menschen, denen Mordphantasien nicht fremd sind, umso mehr dafür das Leben
und die eigene Frau mitsamt ihrer Liebe zu Feng Shui - und die dann zufällig den Laster auf der Standspur übersehen. Anscheinend will Ringsgwandl keinen schnellen Applaus, singt und erzählt in großen Bögen. Er überspielt Pointen, für die sich RTL-Komiker minutenlang bejubeln lassen würden und schafft damit eine unerhörte Intimität. Der Mann mit Hut fabuliert wunderbar ins absurde Blaue hinein, mit einem Tonfall, dem sich keiner entziehen kann. Mit einer genialen Band und einem Ausnahmegitarristen Nick Woodland, die wohl einfach weiter spielen würden, auch wenn der nächste Sommersturm das Zelt in tausend Fetzen zerlegt. Man möchte stundenlang zuhören, egal was er sagt. Die Zugaben sind gespielt, die Menschen glücklich, Ringsgwandl knickst höflich und zieht den Hut vor seinem Publikum. Hätten die Gäste Hüte getragen, sie hätten es ihm wohl gleichgetan.

Raimund Maisenberger

Heilbronner Stimme, 09.07.01
Dieser schräge Vogel

Georg Ringsgwandl ist ein Ausnahmemusiker

"Ich steh um halber zwölfe auf", singt mit sirenenartiger Falsettstimme das vogelscheuchenhafte Wesen. Schulterlanges Blondhaar lugt unter dem olivgrünen Hütchen hervor. Während es seine Gitarre feierlich wie eine Monstranz herzeigt, vollführt es die ungelenken Bewegungen einer absurden Choreographie. Der Kardiologe Dr. med. Georg Ringsgwandl hat das Stethoskop beiseite gelegt und seinem Alter Ego das Feld geräumt: Auf der Bühne ist er Ringsgwandl, schräger Vogel und Ausnahmeerscheinung der deutschsprachigen Rockmusik.

Seine Band hat den dubiosen Charme einer Kurkapelle. Zu Unrecht weckt Nick Woodlands Physiognomie ("klassisch römisches Profil") Mitleid, ist er doch ein wahrhaft begnadeter Gitarrist. Hoch konzentriert: Professor Skip am Schlagzeug. Bassist Tak erweist sich als unbeirrbarer Tiefbauarbeiter. Fernab volkstümelnder Dumpfheiten zeigt Ringsgwandl den Nuancenreichtum der Mundart. Seine Lieder zielen hart an der Normalität vorbei und treffen daher genau ins Schwarze. Sie sind bei aller Skurrilität voll einfühlsamer Poesie.

Oft lässt er seine Geschichten die schlimmste Wendung nehmen. Wenn er vom "unscheinbaren Verkaufsvertreter" erzählt, gehen Komik und Tragik nahtlos ineinander über. Ringsgwandl wagt den Blick hinter bürgerliche Fassaden, singt von der Brüchigkeit menschlicher Beziehungen und von chancenlosen Verlierern. Sein Humor ist bitter, aber nicht zynisch, und seine Kunst besteht darin, seinen Protagonisten ihre Würde zu lassen, auch wenn über sie gelacht wird.

STEFAN SCHAAL

taz Nr. 6453 vom 23.5.2001, Seite 6, 52 TAZ-Bericht
Digitale Dyanologen

Bootleg-Jagden auf Bajuwaren-Bob: Dylan und Fans im Internet

"In this age of fiberglass Im searching for a gem", sang Dylan bereits vor Jahren. Allein beim Begriff "dylanesque" zeigt die Altavista-Suchmaschine 1.761 Fundstellen an. Wo soll man anfangen?

Zum Beispiel bei www.edlisgermany.de. Rechts unten geht es zur "Webpilots Bob Dylan Tour", die an zehn beliebten Internet-Adressen Station macht. Die erste ist die offizielle Homepage www.bobdylan.com. Mit wunderbaren Zitaten und sechs Live-Mitschnitten von 1999.

Als Quelle für Raubpressungen ist Dylan seit langem unübertroffen - den Bootleg-Jägern von www.dylanbase.com wird die Arbeit nicht ausgehen. Zeitgemäßer sind MP3-Dateien, etwa unter hometown.aol.com/ifdogsrunfree. Bei members.nbci.com/elstongunn/audio.html stößt man auf einen hübschen Ein-Minuten-Clip vom 1965er Newport Folk Festival, auf dem Dylan den puristischen Teil seiner Fangemeinde elektrisierte.

Den besten kommentierten Überblick über die Seiten der Fangemeinde gibt es unter www.execpc.com/~billp61/dedicate.html. Hier kann man eigene Konzertbesuche Revue passieren lassen, die Garderobe des Meisters bewundern oder sich auf eine virtuelle Reise nach Nordminnesota begeben. Zu aktuellen Presseberichten kommt man über die ausgezeichnete Adresse www.expectingrain.com.

Wer sich für Dylans Blues-Wurzeln interessiert, lese die Kostprobe aus dem klugen 900-Seiten-Wälzer von Michael Gray (bobdylan.com/etc/songdancemanch9.html). Zwei Jahre alt, aber trotzdem einen Besuch wert ist die Online-Bibliografie www.taxhelp.com/toc.html.

Ein Schmankerl zum Schluss: Die bayerische Version von "Gotta Serve Somebody", die das Original um Längen schlägt, gibt es in der "Diskographie" von www.ringsgwandl.de.

GERHARD DILGER

FAZ, Dienstag, 15. Mai 2001

Wieder mal gezynelt: Ringsgwandl singt im Sendesaal des Hessischen Rundfunks

Nein, dies ist nicht Bob Dylan, sondern Ringsgwandl, nachdem er vorgestern beim Konzert im Hessischen Rundfunk die blonde Langhaarperrücke abgenommen hatte. Das erleichterte Publikum war sich endlich sicher, nicht Otto gegenüberzusitzen und wurde fortan mit den bewährten Granteleien und bajuwarischen Bonmots des Sängerkabarettisten belohnt. 

Foto: Anna Meuer

Ein Auto prallt nachts auf einen Lastwagen, der unbeleuchtet auf der Standspur hält. Der Personenwagen brennt aus. Der Fahrer, vorerst unbekannt, ist tot. Solche Nachrichten liest man täglich und vergißt sie nach einem leisen Schaudern. Manchmal will es der Zufall, daß die Meldung einen talentierten Autor packt. Dann kann ein ergreifendes Drama daraus entstehen, ein Film, ein Roman, ein Lied: Die Freundin flüstert einem ins Ohr, daß sie schwanger ist. Der, gutwillig, schuftet nach der Heirat für Kind, Haus, Auto, Tiefkühltruhe und Rente. Das läuft glänzend, solange die Wirtschaft läuft. Als die den Stottergang einlegt, laufen Einkommen und Ehe schleppend. Sie nörgelt, verachtet, sucht Trost in Esoterik. Er, gehetzter Verkaufsvertreter, findet irgendwo eine Nette, bleibt von heute auf morgen bei ihr. Keine Nachricht an zu Hause. Eine Zweizimmerwohnung mit Kochnische und Balkon wird Kleinparadies. Dann die nächtliche Autobahnfahrt. Als er an einen Kaffee denkt, der die Müdigkeit vertreiben würde, kracht es.

Ringsgwandl, den einige einen Barden, andere einen singenden Clown, dritte einen zweiten Karl Valentin, wieder andere einen Kabarettisten und viele einen singenden Chirurgen nennen (teils, weil er wirklich einer war, teils, weil es heißt, er seziere Gott und die Welt), macht, ein Arthur Miller in Noten, sogar die Schauplätze seiner Ballade vom schnellen Tod namhaft. Zwischen Düsseldorf und Heppenheim verpfuscht sein Handlungsreisender schuldlos das Leben. Ein paar Minuten hört man gebannt zu, bis einem dann der bayerische Zynler wieder in seinen Bilderkreis aus gehobenem Mittelstandsfegefeuer und "Underdog" - Romantik, gesehen durch die Brille eines zeitgemäß illusionslosen Sozialarbeiters, zwingt.

Ja, wir haben alle unser Kreuzchen Selbsthaß zu tragen, verachten die Baumärkte, in denen wir doch gelegentlich nach Schnäppchen fahnden, um uns dann selbst ein Viertelstündchen zu verachten. Unsereins hat die Geflügelwochen von Penny im Kopf und den Salbei im Vorgarten, der das billige Federvieh zum apulischen Braten veredelt, weiß, wann Aldi seinen supergünstigen Champagner bereithält, wann im Gartencenter draußen die Torfmullzeit eingeläutet wird - und findet sich so recht von Herzen und mit Scham elitär, wenn ihn die vollgestopften asphaltstinkenden Parkplätze, die Einkaufswagenschieber in Jogginganzügen sowie die eigenen Leibesübungen und Sonnenstudioausflüge anekeln. Bei soviel Einsicht bleibt nur Selbstmitleid, getarnt als bittermandliger Spott.

Davon hat Ringsgwandl mehr als genug. Pausenlos piekst er den Solar plexus aufgeklärter mittelständischer Inkonsequens, pausenloses Gelächter und Applaussalven dabken es ihm. Und weil das Ohr mithört und auch, weil der Sendesaal des Hessischen Rundfunks ein bißchen viel kältende Technik ausströmt, kam Ringsgwandl mit einer weißblonden Langhaarperücke, schwarzem Schlapphut und schräg drapiertem orangefarbenem Umhängetuch auf die Bühne. Das war ein hübsch skurriler Effekt, weil er wechselnd aussah wie der weiland Bluesgitarrist John Mayall, dann wieder wie die gealterte Sängerin des Folktrios Peter, Paul & Mary, am häufigsten aber wie ein Otto - Double; zumal, wenn er, die Gitarre unter der Achsel, wie der Friesenblödler unvermittelt mit gegrätschten Beinen in die Höhe sprang. Weshalb er aber sein erstes Lied - irgendetwas von Ballermentalität zwischen Münchner Altbauwohnung und Starnberger Seehatz - in schrillstem Falsett intonierte, blieb sein Valentin - Geheimnis.

Dann aber, ohne Perrücke und mit bajuwarischen Bariton, ging's richtig los, mal mit einem Song - haarscharf vorbei an Maffayscher Redlichkeit - vom schweren Leben auf der Straße, meistens aber mit hübsch masochistischen Doppelböden mitten hinein in die Gewissensnöte, die einen zwischen Feminismusloyalität und Macholüsten, Kühlschrank und Konzerthalle, Marienhof und Bella Block, Homöopathie und Aspirin kitzeln. Die dreiköpfige Band spielte beachtlich soliden County - Rock dazu. Einmal, beim Song vom Altnazi im Vorstadthäuschen mit Garten, streifte sie Hardrock. Ringsgwandl hätte einen fast das Grauen gelehrt mit seinen Reimen vom Fanatismus, der Rasen mangels Köpfen köpft und doch auch unsere zaunlose Wildblumenwiese hinterm Ökohaus spiegelt. Aber mit einigen schön schrecklichen Worten über die Kinder, die einem manchmal zum Hals heraushängen, ist dann die Tollhauswelt wieder im Lot und der Cocktail aus Vitriol, Bierhefe und rechtsdrehender Lactose wieder süffig. So läßt sich's leben.

DIETER BARTETZKO

Der Tagesspiegel, 02.05.2001
Kaschper Joschka

Bayern-Country goes Berlin: ein vergnüglicher Abend im Columbia-Fritz

Ungewohntes Ambiente im ColumbiaFritz: der Saal bestuhlt, bebierbankt. Und das Publikum anders als das Rock-Publikum sonst. Kabarettzuschauer eher, Theatergänger, Liebhaber von Klein- bis Großkunst. Ältere Herrschaften. Ein Depp brüllt immerzu: "Anfangen, anfangen!"

Pünktlich um acht kommt Georg Ringsgwandl mit langen semmelblonden Haaren unterm Knautschhut, mit orangefarbenen und türkisen Vorhängen behängt. Mit Gitarre, riesiger Nase, roten Lippen. Als wäre er der Außenminister als Kaschper. Singt einen Blues-Ländler, Ländler-Blues, Bayern-Country. Schön und sparsam begleitet von einer zurückhaltenden Band. Der Gitarrist sieht aus wie Guildo Horn, ist aber Engländer. Ein anderer trägt einen 1500-Meter-Hut, ist aber Schlagzeuger. Und der Bassist ist eigentlich Brauereiwissenschaftler: Er forsche an einem "Hefe-Genomprojekt", erklärt Ringsgwandl, zur Stabilisierung des Bierschaums: "Nachat kannst mitm Bierausschank fürs Oktoberfest scho im Mai ofanga! Und da Schaum bleibt obn!"

Der Gitarrist knopflert wunderbar, und es klingt wie Bayer Straights. Bayerische Geschichten in Balladen, Blues und Boogie. Funk. Geschichten übers Fernsehen, über Frauen, Urlaubsreisen, Homöopathie. Und einen "Garten-Nazi", dessen Hund nichts zu lachen hat: Denn "der Nazi ist sein Peiniger/jeden Freitag spritzt er ihn ab mit dem Kärcher-Hochdruckreiniger." Grandiose Geschichten erzählt Ringsgwandl auch zwischen den Songs, über den alltäglichen Wahnsinn. Und kommt dabei vom Hundertsten übers Tausendste ins Zehntausendste. Bis es immer wahnwitziger wird, absurd, grotesk. Und doch so wahr. Geschichten, die man genauso wenig nacherzählen kann wie die von Helge Schneider. Oder die von Gerhard Polt.

Nach zweieinhalb Stunden brillanter Unterhaltung als Zugabe ein abgedrehter Rock'n'Roll-Zwiefacher und eine grandios ringsgewandelte Version von Bob Dylans "Serve Somebody": "Du konnst nix mitnehma!" Doch: die Erinnerung an einen höchst vergnüglichen Abend.

H. P. DANIELS

Berliner Seiten, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.05.2001
Selig sind die Wiehernden

Ringsgwandl ist und bleibt der König der Narren

Es mag wohl zwanzig Jahre her sein, da stand ein Mann in einem froschgrünen Overall auf der großen Theatron-Freilichtbühne in München und gab den Pausenclown. Vor ihm spielten Rockbands, nach ihm spielten Rockbands. Und der Himmel war so weiß-blau wie eine bajuwarische Tischdecke. Wer die auf seine Kleidung genähten Buchstaben nicht lesen konnte, erfuhr vielleicht von kichernden Nachbarn, daß dieser Kauz mit Gitarre sich Gurkenkönig nannte. Nur wegen dem schlaksigen Spinner mit den spastischen Rock-'n'-Roll-Ausfallschritten war damals ganz bestimmt niemand in den Olympiapark gepilgert.

Das wäre heute anders. Dreimal hintereinander hat Georg Ringsgwandl das ColumbiaFritz gefüllt! Das ist das eigentliche Phänomen. Der vom Mediziner zum Entertainer mutierte Typ überwand den Weißwurstäquator Richtung Preußen und damit auch das humoristische Nord-Süd-Gefälle, an dem die meisten seiner Kleinkunst- und Komik-Kollegen scheitern. Dabei gibt sich Ringsgwandl weder als Musiker, Sänger oder Geschichtenerzähler Mühe, seine mundartlichen Nuscheleien zu kaschieren und die absurden Erzählungen in ein auch außerhalb seiner Heimat gebräuchliches Format zu bringen. Er steht auf der Bühne wie ein alter bekiffter Indianer: um die Schultern eine orangefarbene Decke und auf dem Kopf einen Hut mit Napoleonkrempe, an dem eine lange blonde Mähne hängt. Mit Schwung erklärt er seinem Publikum die Welt, im Großen wie im Kleinen. Redet von einem Hefe-Genom-Projekt, das dem Bierschaum endlich den nötigen Halt verschaffen soll; von depressiven Dänen, die in Gegenden wohnen, die sogar Beutelfuchs und Wanderratte verlassen haben, und von seiner Ehefrau, die auf der Urlaubsreise ans Mittelmeer den Wagen aus Versehen nach Hamburg lenkt.

Die kompliziertesten Zusammenhänge werden auf einen einfachen Nenner gebracht: "Im Gartenmarkt ist Torfmullzeit, trotzdem herrscht Unzufriedenheit." Das ist typisch für Ringsgwandl, typisch für Bayern. Wo man stundenlang im Biergarten sitzt, wird zwangsläufig die Zunge schwerer und jedes Wort anstrengend - also muß man sparsam damit umgehen und trotzdem das Wesentliche von sich geben. Im Publikum zwar ist weder vermehrt bayerischer Dialekt noch die übliche Berliner Coolness auszumachen. Entweder sind diese Leute normalerweise nicht auf öffentlichen Veranstaltungen anzutreffen, oder aber es liegt doch an diesem poetischen Querkopf, dem man blind in jede Nummer und jeden Song folgt. Befreiendes Lachen, Wiehern, Lächeln liegt über dem Saal. Alle sind selig.

Nach der Pause ist dann endlich auch die grauenvolle Perücke weg und Ringsgwandl sieht mit seinen geschminkten Augen und dem schwarzen Chaplin-Hütchen aus, als stamme er aus einem Dr.-Mabuse-Film. Hinter dem Meister (an der Akustikgitarre) seine drei Musiker: Bassist Tak sieht aus, als habe man ihn hinter dem Bankschalter hervorgezerrt und in ein Glitzerjackett gesteckt, Drummer Skip spielt an einem Mini-Schlagzeug, das jeden Moment auseinanderzufallen droht, und Gitarrist Nick Woodland war schon vor zwei Dekaden einer der gefragtesten Münchner Studiomusiker. Vor allem Blues spielen die vier. Auch Country, ein wenig Rock, Folk, Boogie und Melodien, die Pointen haben oder ein bajuwarisch-amerikanisches Flair. Während Ringsgwandl von den Unscheinbaren und Häßlichen singt, vom "Garten-Nazi" oder der Liebe in Zeiten des Vollzeit-Fernsehens, turnt er von rechts nach links und karikiert mit seinen langen Armen und Beinen die Kollegen aus dem Rockfach.

Am allerulkigsten wirkt er, als er einfach alles wegläßt: Band und Gitarre, Songstruktur und Logik. Einsam steht er am Keyboard und berichtet von "Flori", einem Jungen, der von 55 Kilogramm auf 4 Gramm Körpergewicht schrumpft und deshalb von seiner Mutter in den Beautybeutel gesteckt wird. Beim Erzählen dieses wahnwitzigen Märchens zeigt sich die wahre Größe von Ringsgwandl, der in der Lage ist, aus völlig verschrobenem Unsinn und unzusammenhängenden Alltagspartikeln die tollsten Abenteuer zu machen. Anfangs staunt man vielleicht noch über die immer absurder werdenden Stories. Später dann wundert man sich noch nicht einmal mehr darüber, daß Reinhard Mey und Jürgen Trittin zusammen Tofu-Schnitzel grillen.

ANNA-BIANCA KRAUSE

Die Welt - Hamburg Feuilleton - 24.03.2001
Der Mann, der aus der Küche kam

Ein Porträt des bayerischen Allroundkünstlers Georg Ringsgwandl

Es muss was dran sein an dieser Küche im Münchner Stadtteil Untersendling: Man geht durch den langen Flur, biegt ganz hinten rechts ein, und dann öffnet sich der Raum in einen kleinen Saal mit rundem Plaudertisch, Einbauzeile, Kühlschrank, Gartenzugang. Hier saß er irgendwann mit seinem langjährigen Wegbegleiter, dem Blues-Gitarristen Nick Woodland, und zwei befreundeten Musikern - und als die einfach loslegten, hat ihn das ziemlich umgehauen.

"Die haben gespielt, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist", schwärmt er, "ich wollte die Band ja am Anfang nicht haben, weil das so verrottete Musiker sind, aber dann hat das von Anfang an so einen angenehmen Sound gehabt." Da hat er sich hingehockt und ein paar Songs geschrieben.

Jetzt hat Ringsgwandl eine neue Band, die Alten Giftler, und eines Tages hatte er die nötigen Aufnahmeapparate in der Untersendlinger WG-Küche aufgebaut. "Gache Wurzn", das Resultat dieser Aufnahmesession, zeigt Ringsgwandl wieder einmal von seiner stilleren Seite. Zu den bluesgetränkten Grooves der Alten Giftler "singt" er - wenn man das so nennen kann - seine melancholischen Geschichten aus dem ganz normalen Leben.

Lernprozesse mit tödlichem Ausgang: über den Brucknwirt, die anmaßenden Kontrolleure vom Amt und die Schluckspechte vor der Theke, die nach zehn Maß und 17 Kurzen den Hals immer noch nicht voll haben. Über das junge Paar, das sich irgendwie durchschlagen muss, und den fleißigen Vertreter, der in einer Aufwallung von Liebe sein Leben an einem geparkten Lkw aushaucht.

Resignation? "Nee, nee", sagt Ringsgwandl, "wenn man so einen Unterton in diesen Songs hört, dann kommt da was falsch rüber." In Wirklichkeit ist der Moralist im bayerischen Janker immer noch auf einer Mission. Sein Lieblingsthema: der Abgrund zwischen den bunten Bildern, wie sie die Medien in die Wohnstuben spülen, und dem Gebräu aus Spaß und Trübsinn, das Leben heißt.

"Es geht nur noch um Erfolg, um Schönheit, Harmonie, um Perfektion, aber erstens ist die Realität anders, und zweitens beleidigt das die Mehrheit der Bevölkerung." Und damit fühlt sich Ringsgwandl persönlich angegriffen. Deshalb spielt er den Piranha im Karpfenteich - als gewitzter Erzähler, sinnlich in seiner Wortwahl, präzise in der Syntax, süffig und gespickt mit bayerischen Unartigkeiten.

Ringsgwandl ist ein Kind der Aufbaujahre, einer, der sich noch erinnern kann, dass es auch ohne Rundumversicherung und Rentenanspruch geht. Zwei Mal hat er schon eine erfolgreiche Laufbahn umgebogen, weil er sich nach etwas anderem sehnte. Da war einmal der Clown, als der er Anfang der neunziger Jahre durch die Hallen des Landes zog: Ringsgwandl war einer der erfolgreichsten Vertreter einer neuen, überdrehten Version des Kabaretts, jenseits der didaktischen Steifheit und dies-seits des Wohlstandszynismus der Comedyszene.

Als die Hallen so groß geworden waren, dass er sein Publikum nicht mehr sehen konnte, vollzog Ringsgwandl einen radikalen Schwenk und nahm lieber eine Platte mit autobiografischen Songs auf. Etwa zur gleichen Zeit kündigte er seinen gesicherten Brotjob als Oberarzt in Garmisch - er war ihm zum Klotz geworden.

Die Küche in Untersendling ist durch diese beiden Entscheidungen wieder verstärkt zu ihrem Recht gekommen: Sie ist jetzt der Ort, wo die entscheidenden Dinge passieren.

STEFAN HENTZ

SZ - Samstag, 17. Februar 2001
Die Eleganz des Scheiterns

Wenn Georg Ringsgwandl am Küchentisch philosophiert und musiziert, kommt dabei eine „Gache Wurzn“ heraus

Was Georg Ringsgwandl über seine Musiker sagt, kann man nur schlecht eins zu eins drucken. Einerseits. Andererseits ist es ja so, dass das Leute-Ausrichten, wie man es in Bayern nennt, wenn man recht grob über andere herzieht, fest zum Ringsgwandlschen Programm gehört, quasi eines seiner wichtigsten und unvermeidlichen Kunstgriffe ist. Und so wird aus Skip, Nick und Tak halt eine Krattler-Kombo: drei heruntergekommene Musikanten, die der Ringsgwandl angeblich irgendwo aufgesammelt hat und die sonst ganz gewiss überhaupt keinen Job mehr bekommen hätten, wenn halt nicht zufällig dieser bayerische Musik-Kabarettist vorbeigekommen wäre, der dringend eine Begleitband brauchte.

So ungefähr erzählt er das, der Georg Ringsgwandl, auf der Bühne, auf seiner ziemlich nagelneuen Website (www.ringsgwandl.de), aber auch am Küchentisch jener Wohnung in Untersendling, in der er seit vielen Jahren gelegentlich übernachten kann, wenn er gerade in München zu tun hat. Die Besitzerin der Wohnung kennt er schon seit Ewigkeiten, sie macht die Fotos für seine Platten, und jetzt hat er in ihrer Wohnküche eine Platte gemacht, zusammen mit Nick, Skip und Tak. Denn wo, bitte, sollte man mit derart verkrachten Musikerexistenzen denn sonst etwas aufnehmen, im Studio vielleicht? Da dürfen die doch nicht einmal rauchen, vergiss es!

Das alles klingt natürlich recht abenteuerlich, ist aber nicht völlig falsch. Die abgerissenen Musiker sind zwar keineswegs so tragische Gestalten, wie Georg Ringsgwandl sie zeichnet; immerhin zählt Nick Woodland zu ihnen, und der ist der wohl beste lebende Blues-Gitarrist zwischen Reichenhall und Flensburg. Und die Platte wurde zwar tatsächlich im vergangenen Jahr an zwei Novembertagen in der Untersendlinger Wohnküche aufgenommen, kommt aber trotzdem am 5. März mit dem Titel „Gache Wurzen“ (was sich mit „steile Wurzel“ nur sehr unzureichend übersetzen lässt) in den Handel – und ist schlichtweg ein Meisterwerk geworden. Denn Ringsgwandl hat hier wieder einmal zurückgefunden zum Einfachen, Ungekünstelten, Unsentimentalen: etwas, das schon seine 93er-Platte „Staffabruck“ ausgezeichnet hatte. Elf Stücke gibt es auf „Gache Wurzn“, entspannter, vermeintlich unspektakulärer Rhythm & Blues, geadelt durch Woodlands ungemein flüssige Soli, und alles groovt so locker daher wie schon lange nicht mehr auf irgendeiner Platte aus deutscher Produktion. Wenn’s langt. So etwas kriegt man wohl in einem sterilen Studio wirklich nicht hin, da darf es vielleicht gar nicht mehr sein als zwei kleine Verstärker für Gitarre und Bass, eine Snare-Drum und eine kleine Trommel, damit das so klingt.

Was könnte besser passen zu den Geschichten, die Georg Ringsgwandl erzählt, und zu der Art, wie er sie erzählt? Es scheint, als ob er wieder zurückgefunden hätte zu den einfachen, undramatischen Geschichten über „Menschen, die immer irgendwie furios scheitern, das aber mit einer gewissen Eleganz“. So etwas beobachtet er schon immer mit großem Interesse, das fasziniert ihn. Und so kommen die kleinen Leute auf die Platte: der „Brucknwirt“, der den nervenden Lebensmittelkontrolleur mit dem Schnitzelhammer erschlägt, der unscheinbare Verkaufsvertreter („er heißt Peter Schmidt, und genauso schaut er aus“), der sein Leben unfreiwillig beendet, indem er nachts mit dem Auto in einen liegen gebliebenen Lkw rauscht, und der Harley-Sepp aus dem „Schluckspecht“, der mit den Spezln drüber streitet: „Wer hat den schlimmsten Unfall gehabt, wer die meisten Kilometer“.

Wenn Ringsgwandl erzählt, in seinen Liedern, auf der Bühne oder am Küchentisch, dann ist er kaum zu bremsen. Auch noch die größten Absonderlichkeiten kommen da ganz lakonisch und zugleich saukomisch daher, weil er sie eben vermeintlich emotionslos beschreibt. Er schaut zu und sagt: „So ist es halt“; wie ein Krankenhausarzt, der er ja 15 Jahre lang bis 1993 gewesen ist, diagnostiziert er die gesellschaftlichen Krankheitsbilder, mit trockenem Witz und immer wieder amüsiertem Erstaunen über die menschliche Komödie um ihn herum.

Das war schon immer sein Ding. Wer ihn nur für den schrillen bayerischen Musikclown hält, kennt ihn nicht. Die Sympathie für die Verlierertypen, die verkrachten Existenzen und die Durchschnittsfiguren zieht sich durch seine Programme, seit er 1977 im damaligen „MUH“ zum ersten Mal auf einer Bühne stand, bis hin zu seinen beiden Musicals „Tankstelle der Verdammten“ und letztlich auch zu „König Ludwig II. – Die volle Wahrheit“, das bis vor einem Jahr höchst erfolgreich an den Kammerspielen lief. Denn ist nicht auch der königliche Ludwig eine irgendwie tragische Nummer gewesen? Ein Verlierer, der gerne ein absolutistischer Herrscher gewesen wäre und sich stattdessen ständig mit Geldmangel, Ministern und Hofschranzen herumschlagen musste, wenn er eben mal ein Schloss bauen wollte?

Auch Ludwig zwei wollte es halt krachen lassen, so wie es Ringsgwandl auf der Bühne krachen lässt, und wie es seine Figuren gerne krachen ließen, wenn sie es denn könnten und sich nicht doch von Zeit zu Zeit mit zehn Halben und 17 „Kurzen“ begnügen müssten, weil das Leben sonst nicht mehr hergibt als zwei Zimmer, Küche, Bad und einen Fernseher. Weil es halt Leute gibt, „die machen einen Laden auf und kein Geschäft“. Wenn’s nicht gar schlimmer kommt, wie es in einem Lied auf „Gache Wurzn“ beschrieben ist: „Für manche ist das Leben vorbei, bevor es losgeht, es schleppt sich so dahin, und dann ist’s aus.“

Das klingt recht traurig und trostlos, ist es aber nicht, denn – so der Doktor Ringsgwandl – alles ist letztlich eine Frage des Stils, und die Lebensfreude gibt es nicht für Geld, dafür am allerwenigsten. Fast schon programmatisch ist da das erste Stück auf der Platte, das wunderschöne Chuck-Berry-Cover „You Never Can Tell“, das von einem jungen Paar erzählt – er Kundendienstmonteur, sie Starfriseuse beim Dorffriseur –, und dessen Refrain die Ringsgwandlsche Philosophie schön auf den Punkt bringt: „So kann’s gehen, sagen die Alten, irgendwie wird’s schon werd’n.“

Freilich, das muss einmal deutlich gesagt werden, gibt es natürlich auch Arschlöcher unter den Menschen. Auf „Gache Wurzn“ ist das der „Gartennazi“ aus dem sauberen Vorstadtviertel scharf rechts hinterm Mond, „wo die Straßen Vogelnamen haben, Amselstraße, Finkenweg“, und die Mama jeden Samstag früh im Küchenschurz den Gehsteig kehrt. Da hört sich einfach jede Sympathie auf. Und mit einem Mal versteht man es, warum der ehemalige Kardiologe und Intensivmediziner Georg Ringsgwandl so gerne Rock’n’Roll macht, mit seinen verlebten Musikern im Kombi zu den Auftritten fährt und Platten in Wohnküchen aufnimmt. Das echtere Leben ist das allemal, und wenn man dann noch etwas Glück hat, kommt dabei auch ein Meisterwerk wie „Gache Wurzn“ heraus. (Georg Ringsgwandl spielte mit seiner Band am 1. und 2. März in der Elserhalle.)

FRANZ KOTTEDER