Pressearchiv 2002
Südkurier 9.12.02
Wem die sechste Stunde schlägt
"Gache Wurzn" - Georg Ringsgwandls Programm im Theaterstadel reißt Publikum vom Hocker
Trägt Anzüge aus Smaragtbaum-Natter, dem einzigen Reptil mit Pelz statt Schuppen. Georg Ringsgwandl verriet außerdem, dass Lagerfeld diese Anzüge auf dem Balkan von arbeitslosen Philosophieprofessorinnen schneidern lässt. Bild:Büsche

Der Camembert, die Stones und der Whiskey zeigen es. Was die Kenner ohnehin wissen. Dass richtige Reife erst mit dem Alter eintritt. Wenn vorher nichts dazwischen kommt. Dann wird es von einem bestimmten Grad an alles nur noch besser. So einfach ist das. Und für die Jungen, die erst noch altern müssen, bevor sie voll ausgereifte Rockstars werden, für die gibt's trotzdem einen Trost: "Rockstar sein, ist gar nicht so schwer - kann man lernen."

Das behauptet jedenfalls Georg Ringsgwandl. Der es wissen muss. Schließlich hat er einen Kursus besucht. Seither kennt er den Trick mit dem Kabel. Versierte Gitarristen schlingen die Leitung zum Verstärker zu einer Schlaufe, die sie dann unter dem Gitarrengurt festklemmen. Auf dass sie sich nicht mehr verheddern können - beim Mick-Jagger-mäßigen Über-die-Bühne-Hupfen. "Eine Sicherungsschlaufe", grinst Georg Ringsgwandel und springt tatsächlich. Weder so behend, noch so hoch wie der Ober-Stones - aber der Ringsgwandel ist ja auch jünger als der Mick Jagger.

Apropos Stones: Das Programm, mit dem Georg Ringswandel nun im Theaterstadel auftrat, heißt "Gache Wurzn". Ein Mundartausdruck aus dem Bayerischen, den Ringsgwandl mit "schlaues, respektloses Weibsbild" übersetzt. Jeder hat so seine Bianca. Nur den Ringsgwandl trifft es noch härter. Seine Frau ist Psychotherapeutin.

Die Szenen dieser Ehe verarbeitet "Gache Wurzn" auf der Bühne. Vor allem in den Pausen - zwischen den Liedern. Dann blickt Nick Woodland, der Mann mit der E-Gitarre vor sich hin. Seine Miene scheint aus Stein geschnitten, in grauer Vorzeit. Und Schlagzeuger Skip Thaller linst über den Beckenrand und süffelt am Bierseidel. Während Georg Ringsgwandel seine Geschichten erzählt. Im Tone unaufgeregter Abgeklärtheit; mit jener Gelassenheit, die sich erst nach namenlosem Leid einstellt.

Aber sie singen sogar von Schicksalsschlägen. Vom bösen Los, das die allermeisten nötigt, des morgens in frühester Früh aufzustehen. Und kaum dass sie sich aus dem Bett gequält, gefrühstückt, dies und jenes andere verrichtet haben, müssen sie schon losknattern auf ihren Mofas, müssen sie schon mit Stöckelschuhen übers Trottoir tackern oder entschlossenen Gesichtsausdrucks an der Bushaltestelle warten. All die normalen Menschen eben, die mit normalen Arbeitszeiten.

Woodlands Gitarre heult auf. Die gesamte Tragik der sechsten Stunde, das Aus-den-Träumen-in-den-Alltag-stürzen fasst dieser Mann mit ein paar Griffen. Unspektakulär, sehr knapp und sehr delikat - präzise bis in kleinste Nuancen. Woodlands Spiel ist destilliertes Diesseits, es ist der längst in höhere Sphären gewechselte Werktag.

Ein Werktag, an dem Musiker und Kritiker auch Esoteriker, vor allem aber Journalisten noch lange schlafen, während die andern eifrig tun. Weil die Musiker und die Kritiker ... "zu viel gelabert haben" am Abend zuvor. Zuviel getrunken wohl auch, singt Georg Ringsgwandl. Wem seine Sympathie gilt, verrät er nicht.

Er verrät aber, dass seine Schwester den Schwager kujoniert. Wenn er nach Haus kommt, muss er Starenkästen putzen, Rolladen-Lamellen sauber wischen oder in den Obi fahren, neue Eingangstüren gucken. Horror der Vorstädte, wo die grünen Witwen wohnen. Wohl dem, der da eine Gitarre hat und singen kann. Und wenn er's gut kann und reif wird an Jahren, dann haut es das Publikum von den Stühlen. Jörg Büsche

Dorfener Anzeiger 16.11.02
Verwandelbar, hintergründig und bissig
Ringsgwandl im Klement-Saal

Isen - Vielleicht lag es daran, dass er Geburtstag hatte. Jedenfalls präsentierte sich der Liedermacher und Songpoet Georg Ringsgwandl bei seinem Auftritt im Klement-Saal bestens aufgelegt. Zur Freude der rund 400 begeisterten Zuschauer gab es am Ende noch lautstark geforderte Zugaben.

Mehr denn je erwies sich Ringsgwandl als meisterhafter Erzähler von Geschichten, die sich um die Banalitäten und Absurditäten des Alltags drehen. So macht er sich schon mal einen "schönen Nachmittag bei den Haustürwochen beim OBI" oder lässt auf der Fahrt nach Italien seine Frau, die Diplompsychologin, ans Steuer und landet prompt in Hamburg.

Ob mit blonder Perücke oder geschminkt mit Hahnenkamm, Ringsgwandl liebt es nach wie vor, in verschiedene Rollen zu schlüpfen. So schiebt er clownesk ein Solo an der Heimorgel ein, wo er sich als "Hirtamadl, der Schlampn aus der Stod" gebärdet oder augenzwinkernd den Anton aus Tirol imitiert: "Ich bin pervers, ich bin frivol, ich bin der Georg aus - Leverkusen." Seine Texte sind meist hintergründig und haben an Bissigkeit gegenüber früher nichts eingebüßt: "Fußball ist ein Trinkersport für die breite Schicht, soweit ist es beim Golfsport, Gott sei Dank, noch nicht."

Das Konzert profitiert enorm von seiner Begleitband, den "alten Giftlern". Nick, Tak und Skip brachten besten Sound in den alten Isener Wirtshaussaal und zelebrierten lässig virtuos mit wenig Lautstärke Blues und Rock`n`Roll. Sonderapplaus erntete Gitarrist Nick Woodland für seine Chuck Berry Einlage.

Neben den neuen Stücken wie "Der unscheinbare Verkaufsvertreter", "Garten-Nazi" und "Hühnerarsch sei wachsam" brachte Ringsgwandl auch die alten Songs "Jedermann", "Unterhoserl", "hoaße Nudl" oder "Nix mitnehma". Einige Seitenhiebe aufs Popgeschäft konnte sich der ehemalige Oberarzt aus Garmisch dann doch nicht verkneifen. So bekamen unter anderem der Musikantenstadl ("wo die Rotkopferten im Kreis laufen") und Hansi Hinterseer ("wie kann ein Mensch in sieben Jahren so weit herunterkommen") ihr Fett weg. Mit dessen Verkaufszahlen, stellte Ringsgwandl ernüchternd fest, könne er allerdings nicht mithalten. Neunzig Prozent seiner CDs würden eh nur aus Versehen gekauft, "weil sie im Plattenladen zwischen Ricky Martin und Robbie Williams einsortiert sind".

Am Ende entließ er ein restlos zufriedenes Publikum mit dem hoffnungsfrohen "Ce la vie, es wird scho irgendwie wean!"

Main-Rheiner Allgemeine Zeitung vom 22.10.2002
Unzufriedenheit trotz Torfmullzeit
Georg Ringsgwandl präsentiert sein „Gache Wurzn“-Programm im Frankfurter Hof

wit. – „Gache Wurzn“ ist bayrisch und bedeutet so was wie „steiler Zahn“ oder „dufte Biene“. Genau ein solch bezeichnetes rassiges Weibsstück betritt die Bühne – groß, schlank, schlacksig, mit herben Gesichtszügen um eine auffällig ragende Nase und mit wasserstoffblonden Schnittlauchlocken. Es ist tatsächlich der Doktor Georg Ringsgwandl, der mit drei Mann Begleitband sein „Gache Wurzn“-Programm im bestens besetzten Frankfurter Hof präsentiert. Der seltsame Heilige – Patron der Verwirrten und Verirrten, Fürsprecher der Außenseiter und Randexistenzen, Beschützer all der kleinen Seltsamkeiten im allzunormalbürgerlichen Alltagsleben – beleuchtet mit seinem Heiligenschein die Grenze zwischen Kleinkunst und Bayern-Rock – manchmal in grellen Farben und Schlagschatten, manchmal in gedeckten, anrührenden Tönen.

Ringsgwandls Lieder sind treffende Beschreibungen der Alltagsverzweiflung oder der verzweifelten Heiterkeit, blicken auf der Suche nach dem Sinn ziellos umher, wandeln auf dem Grat zwischen exaktetesten Details der Lebensauthentizität und surrealistischen Abwegen. Seine (improvisierten?) Sprechtexte sind da nicht immer ganz so treffsicher: Die überzeichnende Zuspitzung seiner Erzählungen zu „Katastrophengeschichten" (à la H. H. Schmitz) mündet in manchem Kalauer; aber zwischendurch strahlt auch so manche nun erst zur Kenntlichkeit entstellte Einsicht auf.

Das Song-Repertoire speiste sich aus allen seinen Alben – von seinem ersten, das „Das Letzte“ heißt (davon war etwa das Vanitas-mahnende „Jedermann“ zu hören), bis eben zu „Gache Wurzn“, das vor knapp zwei Jahren erschienen ist. Dessen gelungene Skurillitäten glänzten besonders hell. Unser Klima ist schuld an Misslaunigkeit, stellt er in „Wia soin (de Leit gut drauf sein, wenn das Wetter grausig ist)“ fest: „Im Gartenmarkt ist Torfmullzeit / und trotzdem Unzufriedenheit." Solche Zeilen in einem ergreifenden Blues – unwiderstehlich!

Die Ballade vom „Unscheinbaren Verkaufsvertreter“ packt einen mit ihren Grautönen, während dem „Garten-Nazi“ eine bissige, schmutzig-harte Rocknummer gewidmet ist: Drummer Skip Thaler, Bassist Martin Talhammer und besonders Gitarrist Nick Woodland mit deftigen Slide-Soli und flirrenden Country-Licks sind nur zu loben. Stellte sich der Doktor einst selbst in Frage mit dem Lied „Kasperl oder Genie?“, können wir heute feststellen: zum Glück beides!

www.echo-online.de vom 05.08.2002
Was ist schon normal?
Kabarett: Der Liedermacher Georg Ringsgwandl braucht nur wenige Worte, um des Menschen arme Seele zu öffnen

BAD KÖNIG. Wie deprimiert muss ein Mensch sein, der so spotten kann wie Georg Ringsgwandl? Nichts, aber auch nicht die kleinste Schwäche des Menschen entgeht diesem tiefenpsychologischen Analytiker. Und niemand kann die zivilisatorischen Abgründe mit so wenigen Worten treffender beschreiben als der Bayer aus Bad Reichenhall.

Dabei spürt das Publikum auf der Bad Königer Freilichtbühne die Improvisation, mit der Ringsgwandl sein aktuelles Programm „Gache Wurzn“ (Frei übersetzt: steiler Zahn) gestaltet. 25 Jahre Bühnenerfahrung gestatten es dem Vierundfünfzigjährigen, seinen Humor nach Lust und Laune einzusetzen, auf Pointen weitgehend zu verzichten und jederzeit Neues einzustreuen. Ohne fertig erzählt zu haben, greift er wieder zur Gitarre, um mit seinen drei erstklassigen Musikern alte und neuere Lieder in Perfektion zu präsentieren.

Dabei singt der Karl Valentin der Neuzeit vom Gartennazi im Vorstadtbiotop, der den Rasen mit der Nagelschere stutzt, oder von Wohnmobilisten, die solides Eichendekor mögen. Vom harten Leben auf der Straße oder dass der Mensch am Ende nichts mitnehmen kann. Von armseligen Familienverhältnissen und dem schnellen, nächtlichen Unfalltod des Verkaufsvertreters. Alles mitten aus dem Leben, garstig aufbereitet. Klar, die Last der Hennen darf im Programm nicht fehlen: „Hühnerarsch, sei wachsam.“ Es folgen wieder haarsträubende, furztrocken erzählte Geschichten, etwa von der Ehefrau, die das mit dem Urlaubsgepäck vollgepackte Auto statt ans Mittelmeer nach Dänemark steuert, von Karl Lagerfeld, der seine neueste Kollektion in einem Hühnerstall bei Zagreb entwerfen lässt, um vor der Konkurrenz sicher zu sein, von der Schwester und dem Schwager, einem Chemiker, wie die ihr Wochenende gestalten. Was ist schon normal auf dieser Welt? Auf die Bad Königer Freilichtbühne kam Georg Ringsgwandl am Samstag an Krücken gehumpelt. Beim Fußballspiel, barfuß, habe er ins Gras getreten.

Wiederum knochentrocken erläutert er das Behandlungskonzept seiner Ärzte – die bekanntlich früher seine Kollegen waren – und wann er wieder auftreten könne. Dabei habe er für den Abend so eine schöne Choreografie einstudiert: „G’schissen drauf.“

Spaß hatte das Bad Königer Publikum dennoch, auch wenn der Bewegungsdrang des Künstlers eingeschränkt war. Mag sein, dass Dr. med. Georg Ringsgwandl nicht mehr ganz so überzogen grell agiert wie in früheren Jahren.

Aber auch seine Fans kommen in die Jahre – die ganz jungen fehlten auf der nicht ausverkauften Freilichtbühne, wo deren Förderkreis Veranstalter war.

Was wäre es doch so angenehm, könnte man sich selbst auch den Frust so sarkastisch von der Seele reden wie dieser Bayer. Geht nicht: Unsereinen würde man sogleich fragen, wie denn die Welt zu verbessern sei.

Reinhard Köthe

ALLGÄUER ZEITUNG, 11.07.02
Tollkühne Luftsprünge, nachdenkliche Seitenhiebe
Ringsgwandl hält sich und dem Publikum den Spiegel vor
Sieht so ein Spießbürger aus, der Kleingärtner und Taubenzüchter liebt? Georg Ringsgwandl hält sich auf der Bühne eher für ein "abschreckendes Beispiel". Foto: Hildebrand

Irsee. "Wia soin de Leit guat drauf sein, wenn das Wetter grausig ist", so klang es bei den "Irseer Kabarett- und Kleinkunsttagen" aus dem großen Rundzelt. Und tatsächlich: Der Regen prasselte auf die Zeltdecke, während der ehemalige Oberarzt Georg Ringsgwandl unter dem Titel "Gache Wurzn" schräge Comedy und anspruchsvolle Lieder in oberbayerischer Mundart präsentierte.

Wie konnten 700 Konzertbesucher schlecht drauf sein, wenn Ringsgwandl, ausgestattet mit amerikanischer Haarmütze und dick aufgetragener Schminke, die "netteste Tierhomöopathin von Mindelheim und Umgebung" besang oder die Abenteuer vom "Armen, kleinen Unterhoserl" zum Besten gab. Dazu verrenkte sich der Künstler, schnitt wilde Grimassen, vollführte tollkühne Luftsprünge.

Wie Ringsgwandl, so seien auch die Begleitmusiker allesamt "handverlesene Akademiker": "Dipl.-Ing. Skip" am Schlagzeug, "Prof. Tak" am Bass und die Gitarre bediente "Dozent Woodland". Augenzwinkernd bezeichnete Ringsgwandl seine Altherrenriege als "verrottete Musiker". Sie seien zwar "orthopädisch gehandicapt", doch "musikalisch Spitze". Kein Zweifel: Gitarrist Nick Woodland war bereits mit "The Clash" im Studio und jahrelanger Begleiter für Marius Müller-Westernhagen. Mit leicht-beschwingter Rhythm-and-Blues-Gitarre zeigte er Spielfreude. Unweigerlich an Mark Knopflers "Sultans of Swing" erinnerte die locker-flockige Geschichte vom "Unscheinbaren Verkaufsvertreter" aus dem aktuellen Ringsgwandl-Album "Gache Wurzn".

Beinahe alle Stücke des Abends bestritt Ringsgwandl aus diesem Album. Alltagsgeschichten, meist nachdenklich, unter die Haut gehend und strotzend vor ironischen Seitenhieben auf Esoterik, Musikbusiness, die High Society oder das bornierte Kleinbürgertum. Wie beim "Garten-Nazi", "wo der Papa jeden Tag auf d'Nacht den Gartenschuppen fest zusperrt, wo die Mama jeden Samstag früh im Küchenschurz den Gehsteig kehrt". Ringsgwandl bekennt: "Im wirklichen Leben gehöre ich zu den ehrlichen Spießbürgern mit der dazugehörigen Liebe zu Kleingärtnern und Taubenzüchtervereinen, eigentlich bin ich auf der Bühne ein abschreckendes Beispiel." Und damit hält er nicht nur sich selbst, sondern auch dem Publikum den Spiegel vor. "Warum wird hier nicht geraucht?", fragte der gelernte Mediziner provozierend die Konzertbesucher in Anspielung auf die Schilder "Bitte nicht rauchen" an der Zeltwand. Schließlich muss Ringsgwandl ja Partei ergreifen für seine ehemaligen Berufskollegen, denn er "weiß, wovon man lebt als Arzt".

Böse und skurrile Comedy am laufenden Band und eine reife musikalische Leistung für Ringsgwandls "Nischenklientel-Publikum", für das er doch noch ein paar Evergreens aus dem Ärmel schüttelte. "Nix mitnehma (von dem großen Müllhaufen)" könne man nach dem Tod, und gerne suhlte sich der schrille Entertainer im Kitsch bei "Gut Nacht, die Damen". Die nicht mehr ganz jungen Zeltbesucher jubelten. Mit regennassem Jackett kam Ringsgwandl von draußen auf die Bühne, mit einem durchschwitzten Glitzerhemd ging er wieder. Die düstere Prognose hat sich nicht bewahrheitet. Bei Ringsgwandl in Irsee hätte es eigentlich nur so heißen können: "Wia soin de Leit schlecht drauf sein, wenn das Wetter grausig ist".

CHRISTIAN GÖGLER

Donaukurier vom 25.02.2002
Kühler Blues, grausiges Wetter: Georg Ringsgwandl in der Fronte: Gach & gut

Ingolstadt (DK) Nur nicht voll schwitzen. Indonesische Smaragdbaumnatter ist schließlich selten und kostbar und muss daher mit Billigkarooptik getarnt werden. Georg Ringsgwandl faltet sein grünes Jackett, faltet und faltet in dieser 1318-Falttechnik - so wie man es ihm in einem speziellen Einführungskurs zum Umgang mit Pelzschlangenmaterial gezeigt hat.

Es sind völlig abstruse Geschichten, die Georg Ringsgwandl seinem Publikum auftischt. Zwei Mal ist er im Rahmen der Ingolstädter Kabaretttage zu Gast in der Fronte. Zwei Mal ist das Haus voll. Obwohl: Kabarett ist das eigentlich nicht, was der singende, kasperlnde, geschwätzige Dr. med., Jahrgang 1948, auf der Bühne da treibt. Als Rock 'n' Roller empfiehlt er sich mit Chuck Berrys "You never can tell": "So ist das Leben, sagen die Alten, irgendwie wird's schon werdn." Dazu swingt und bluest und groovt er mit seinen Mannen (Nick Woodland, "Rübenwissenschaftler" Skip Thaller und Martin Thalhammer), was das Zeug hält.

"Gache Wurzn" heißt sein Programm und erzählt von Alltagsgeschichten jenseits der Nachrichten und Statistiken: Einsamkeit und Verlust, Angst, Armut und Heuchelei, Dummheit und Kummer. Ringsgwandl schaut genau hin. Deshalb hat er was zu sagen. Und das tut er bairisch-rustikal, scharf, erbarmungslos, boshaft-klug (genial: "Garten-Nazi") und voll trotziger Melancholie. Dazwischen: Nachrichten aus Absurdistan. Gspinnerte Improvisationen in unterschiedlicher Qualität. Aber doch mit so viel Charme und zappelig-preziöser Choreografie präsentiert, dass man sogar bei Ausreißern Nachsicht walten lässt. Wir lachen und applaudieren und merken uns ein Lied für schlechte Zeiten: "Wia soin de Leit gut drauf sein, wenn das Wetter grausig ist."


Anja Witzke

PNP vom Montag, 14. Januar 2002   Lokalteil Altötting
Die Suche nach dem versteckten Unsinn
Georg Ringsgwandl am Freitagabend im Bürgersaal zu Gast - Kabarettist anderer Art

Burghausen. Große Nase, rotgeschminkte Lippen und der eingesprungene Knicks - diese drei Dinge kombiniert können die Markenzeichen keines anderen als Georg Ringsgwandl sein. Sehen kann man sie als pure Wiedererkennungsmerkmale oder, mehr symbolisch, als programmatische Wegweiser: Die Nase - die "Gache Wurzn", nach der auch das aktuelle Programm benannt ist - hebt sich bei Ringsgwandl so weit vom Rest seiner Gesichtszüge ab, wie er selbst sich von anderen Kabarettisten und Liedermachern. Seine verschlungene Beinhaltung steht dem Kurvenreichtum seiner Hirnwindungen in nichts nach.
Ob im klassischen Sinne auch von einem Programm gesprochen werden kann, wenn Ringsgwandl auftritt, daran mag man leise Zweifel hegen. Wenn er mit seinen Geschichten und Liedern verqueren Gedanken nachspürt, überkommt einen bisweilen das Gefühl, er weiß selbst nicht so recht, worauf er hinaus will.
Er kommt zwar vom Hundertsten in Tausendste, auf den Punkt aber nicht. Auch beim Gastspiel am Freitagabend im Bürgersaal war das nicht anders. War es das, was eine Zuhörerin beim Après-Ringsgwandl meinte, als sie sagte: "Das war schon ein an den Haaren herbeigezogener Schwachsinn" ? Dass Schwachsinn - zumindest wenn er dank ins Extrem getriebener Absurdität in solche Exklusivität wie bei Ringsgwandl verpackt ist - Konjunktur hat, zeigte sich bei der von der Kleinkunst-Koopertive organisierten
Veranstaltung: Sie war mit 300 Zuschauern restlos ausverkauft. Angesichts solch ungebrochener Popularität dürfte Ringsgwandls eigene Einschätzung - "90 Prozent meiner Platten werden aus Versehen gekauft, weil sie zwischen Ricky Martin und Robbie Williams stehen" - nicht stimmen.
Gestimmt hat im Bürgersaal indes die Chemie zwischen einem auffallend locker agierenden Künstler und dem Publikum. Der Aufforderung, "sich keinen Wolf zu klatschen", kam letzteres nur teilweise nach. Gelegen haben dürfte dies unter anderem auch daran, dass zwischen neuen Nummern und alten Gassenhauern wie dem "Wohnmobil" zwei Stücke kamen, die ungeahnte Aktualität hatten: In ihnen hatte just am Tag der Entscheidung in der K-Frage Edmund Stoiber seine Auftritte - einmal als "Durchrassungs"- Gegner, einmal als Gast einer High- Society-Gesellschaft, wo er sich wadelbeißerische Kommentare gegenüber Angela Merkel nicht verkneifen kann.
Frei von der Suche nach zwischen genialer Übersteigerung und Verrücktheit verstecktem (Un-)Sinn, die Ringsgwandl-Publikum bei dessen Wortbeiträgen immer schwer beschäftigt, war der musikalische Teil. Dabei konnte man - sofern man auf die Texte nicht hörte - unbeschwert genießen: mal Klänge, die an Mark Knopfler erinnerten, mal Rock, mal Funk-Anleihen. Eine ausgesprochen gute Figur machten dabei Ringsgwandls drei Musiker.

Stephan Hölzlwimmer