Presse 2005
Kieler Nachrichten, 26.11.05

Georg Ringsgwandl betörte das Publikum im Schloss

Von Beate Jänicke
Kiel ­ "Bin I deppert in a depperten Welt?", singt Georg Ringsgwandl und macht dazu ein "vogelwuildes Gsicht". Die rot gemalten Lippen aufgestülpt, flattert er tänzelnd über die Bühne des Schlosses, dass das Publikum ganz verzückt kichert über diesen seltsamen bayrischen Paradiesvogel, den es an den "Förde-Busen" geweht hat. Ein Unikum ist er, ein Urviech geradezu, wie es nur (und schon immer) ganz wenige gibt und gab.

Seit 30 Jahren schon tingelt der 1948 geborene Musiker, Kabarettist, Autor, Theatermacher und Kardiologe über deutsche Bühnen. Richtig bekannt wurde er in den 80ern, als mit grellen Auftritten im Glitzerfummel die Lifestyle-Problemchen der Epoche konterkarierte. Danach wurde es stiller um ihn, Ringsgwandl schrieb und spielte Theater in München. Jetzt ist er wieder zurück auf der Rockbühne. Alte Reisser, frisches Gwachs heißt die Tour und versammelt alte und neue Songs und Geschichten.

Um Schubladen schert sich der freigeistige Freund ausgefallener Outfits wenig. Die für ihn passen würde, müsste sowieso erst gezimmert werden. Spindeldürr, leicht vorn übergebeugt, eilt er über die Bühne und spintisiert absurde Szenarien. Der Vergleich mit Karl Valentin, dem bayrischen Humor-Genius, stellt sich reflexartig ein; von den Zeitgenossen teilt noch am ehesten Helge Schneider mit Ringsgwandl diese Lust an der hintergründigen, anarchischen Narrenspiegelei.

Die Gitarre hängt er sich nicht einfach nur um die Schulter, sondern steigt umständlich mit den Füßen durch Gurt. Seine Jacke ist kein verbeultes grünes Pepita-Jackett, sondern aus "Smaragdbaumnatter, der einzigen Pelzschlange der Welt" genäht. In Tübingen, dieser "Fachwerk-Studenten-Kommune", hätten sie ihn einmal deswegen fast umgebracht, erzählt er. Eine übergewichtige Vegetarierin habe ihm ein Küchenmesser in den Rücken gerammt. Doch, Pech gehabt: "Zwischen der zwölften und 13. Rippe gibt es einen feinen Spalt, wo zufällig kein Gewebe ist."

Ein abgedrehter Fabulierer ist er auch in seinen Songs. Musikalisch meist zwischen krachend-rockig und bluesig angesiedelt, wird er spielfreudig unterstützt vom alt gedienten Gitarren-Haudegen Nick Woodland, auch ein Original, der wirkt wie aus dem Londoner Wachsfigurenkabinett für englische Rockmusiker ausgeliehen, und den beiden "Jungspunden" Florian Schmidt am E-Bass und Manfred Mildenberger an den Drums. Mit ihnen als Band besingt Ringsgwandl die ganz normale Spießerhölle des "Garten-Nazis", der seinen Hund jeden Freitag mit dem Hochdruckreiniger abstrahlt. Oder er macht sich lustig über den Siegeszug esoterischer Wohnphilosophien durch deutsche Reihenhäuser, wo der Sohn sein Zimmer nicht mehr aufräumen will, weil die dreckigen Pizzaschachteln "perfekt im Feng Shui liegen". Dazwischen tanzt er seitwärts wie ein Ägypter, hüpft wie Rocksaurier Mick Jagger zu seinen besten Zeiten und bezaubert die Leute mit verquerem Charme. Manchmal verkündet er auch fast so etwas wie "Botschaften". Dann singt er einen "Gangsta-Rap" zur Zither-Begleitung und verulkt als "Bremsklotz der Konjunktur" Berliner Politphrasen: "Ich hab den Aufschwung auf dem Gewissen, der Ringsgwandl hat's verschissen." Doch zum singenden Moralapostel taugt er auch dann nicht, sondern spottet lieber gleich weiter über den "orthopädisch angepassten Liedermacherhocker", den sie ihm fürs Solo hingestellt haben. Ihm, dem gescheiten Depp in einer bekloppten Welt.
Bayerwaldbote (Regen), 21.11.05

Der Rock'n'Roll-Clown mit den vielen Gesichtern

600 Zuhörer umjubeln Ringsgwandl & Band im Adam-Bräu
Von Johannes Fuchs

Bodenmais. Gelungener Einstand der "Kultur im Keller": Rund 600 sind am Samstag zum ersten Konzert der neuen Bodenmaiser Veranstaltungsreihe in den Adam-Bräu-Keller gekommen. Für Rock-Comedy-Altmeister Georg Ringsgwandl war auch Besuchern aus den umliegenden Landkreisen der Weg durch den Winter nicht zu weit.
"Alte Reißer und junges Gwachs" - das Motto der Tournee spiegelte schon das Personal auf der Bühne wider. Georg Ringsgwandl, seit gut 20 Jahren mal als Liedermacher, mal als schräger Rock-Kabarettist, mal als Musical-Macher unterwegs, hat auf seine alten Tage die Lust an der Schminke, der Travestie und der ekstatisch-zuckenden Bühnenshow wieder entdeckt. Ganz anders geschnitzt ist da sein alter Weggefährte Nick Woodland: Ein zurückhaltender Brite mit schwarzem Hut, ergrauten Alexis-Corner-Koteletten und entsprechend bluesigem Gitarrenstil.
Dass das Ganze aber keineswegs zu einem rein nostalgischen 80er-Jahre-Abend für gereiftere Semester gerät, dafür lässt der Meister seine beiden Nachwuchs-Leute sorgen. Bassist Flo Schmidt trägt Brille und Overall in Weltraum-Optik und beherrscht nicht nur die lyrischen Bass-Passagen, sondern genau so krachende Funk-Nummern. Manni Mildenberger, der barfuß am Schlagzeug sitzt, spielt mit solcher Power und Spielfreude, dass es ihn oft kaum auf seinem Schemel hält. Und hat spätestens mit seiner Hundeblick-Gesangsnummer die Herzen der weiblichen Zuhörer in der Tasche.
Dieses Quartett macht tatsächlich etwas Neues aus alten Ringsgwandl-"Reißern".
Etwa dem Klassiker "Nix mitnehma". Dessen lapidare Feststellung der Vergänglichkeit irdischer Güter ja zeitlos gültig ist: "Du kannst ein Popstar sein mit sechs goldenen LP, oder Fernsehquizmaster mit am teuren Toupé - aber des derfst du net mitnehma."
Reinster Rock 'n' Roll ist es, wenn Ringswandl schmachtet: "Radl-Mari, i denk so oft an di". Dann wieder wird er melancholisch und singt: "I suach ja gar nix bsonders, bloß a ganz normale Frau".
Ringsgwandl kann auch bissig sein. Den "Garten-Nazi" hat er in der Münchner Vorstadt entdeckt, wo die Straßen alle Vogelnamen haben und ein brauner Gartenzwerg den Weg weist. Wenig hält er von der Allianz-Arena ("Reiß de Hüttn weg") und natürlich vom Krieg. Denn er weiß: "Des war scho oiwei so, sterbn duad da kloane Mo". Während die Politiker daheim bleiben.
So weit Ringsgwandl, der Liedermacher. So eigentlich unvergleichlich ist er aber da, wo sein Kabarett improvisiert ist und er hart an der Grenze zwischen Hintersinn und Kalauer wandert. Da stülpt er sich etwa die Wollmütze über und wird mit Gefuchtel, "Yo, Yo" und "Hey Motherfucker" zum grimmigen Rapper. Um sich gleich darauf an die Zither zu setzen und über den Ort des Geschehens zu sinnieren. Schon der Mühlhiasl, so weiß er, hat prophezeit: Wenn in den Tiefgaragen des Bayerischen Waldes zu wenig Zither gespielt wird, kommen irgendwann die Rotjackerl aus dem Osten. Und der Seher riet weiter: Seid dankbar gegenüber dem rettenden Zitherspieler und bewirtet ihn mit kühlem Bier. Ein Hinweis, den das Schankpersonal des Adam-Bräu sofort aufnahm. Dann stimmt Ringsgwandl endlich die Zither an. Und besingt sein schlechtes Gewissen als Konsum-Muffel, der den Aufschwung bremst. "I hob koa Duschgel, i wasch mi mit da Bürschtn" - nur eins seiner vielen Versäumnisse. Das Ergebnis: "Die droben in Berlin, ja, die bemühen sich - aber der Ringsgwandl, der hat's verschissen."
Mit gewissen Tücken der langen Tiefgarage hatten die Soundtechniker ebenso zu kämpfen ("wir haben erst mal eine stärkere Anlage organisiert") wie manche Zuhörer, die hinter Pfeilern saßen. Dafür war die Akustik erstaunlich gut und die Lautstärke auch direkt vor der Bühne erträglich. In der mit Biertischen bestückten, angenehm temperierten Halle kam richtige Bierzelt-Stimmung auf. Ringsgwandl gewährte dem begeisterten Publikum fünf Zugaben. Und der neuen Konzerthalle seine Art der Anerkennung:"Ihr in Bodenmais seid das Las Vegas des Bayerischen Waldes".

Weilheimer Tagblatt, 18.11.05

Volle Breitseite vom Rabiatkomiker

Ringsgwandl begeisterte in der Stadthalle
VON ANDREAS BRETTING

Weilheim - "Ja, sowas muss man tragen können", ruft Georg Ringsgwandl. Denn normal gab sich der Entertainer am Mittwochabend in der Weilheimer Stadthalle nicht. Ob Strickmütze mit Teufelshörnchen oder Chiffonmantel: Schon auf optischer Ebene war der Seehausener eine Provokation.

Sprachlich erst recht. Da erklärte er flugs sein grünes Sakko zur Schlangenhaut von der Smaragdbaumnatter und nutzte die Illusion, um auf dem Jackett gleichviel wie auf der Ökobewegung herumzutrampeln. Meisterlich sprang der Rabiatkomiker zwischen öliger Ironie - "mein Sonnengeflecht muss mit ihrem Karma Kontakt aufnehmen" - und böser Breitseite: "Verschissene Ökosandalen."

So hatte das Publikum erst gar keine Chance sich zurückzulehnen. Kaum hatte man sich an eine Gangart des Humors gewöhnt, folgte schon ein Tempowechsel. Der konnte auch zum Langsamen hin gehen. So ließ sich Schlagzeuger Manfred Mildenberger mit einem weinerlich gebremsten Tränendrüsler a la Heintje hören, und Ringsgwandl selbst griff zur Zither. Nach einem derben Erguss in Balkandeutsch kam er zu einem Lied, das neu, ruhig und ernsthaft klang. "Ich hab kein Duschgel, ich wasch mich mit der Bürst`n" - mit einer bescheidenen Eindringlichkeit, wie sie wohl nur im Bayerischen zu finden ist, unterstrich der Song das Lob des einfachen
Lebens.

Selbstironisch verschrie sich Ringsgwandl als "Bremsklotz der Konjunktur" und
erntete Jubel für seine Konsumterror-Absage. Daneben gab es auch ausführlich Raum für eine Klamauk-Nummer nach Art von Helge Schneider. Als Diva im Falsett quiekend, mixte Ringsgwandl mögliche und unmögliche Einfälle rund um einen Besuch in der Arena di Verona. Die makabre Phantasie des Ex-Chirurgen reichte dabei bis hin zum blutigen Unfall eines Reisebusses. Am stärksten beeindruckte freilich das Rockerblut, das in der Band für Kraft und Genuss sorgte - schließlich war mit Nick Woodland ein Meister der Sologgitarre dabei. Immer noch begeisterte Ringsgwandls rockender Drive gegen den "Gartennazi", der vom Grashalm bis zum störenden Kind alles niedermäht, was ihn in seiner Kleinkariertheit stört.

Der brandende Beifall in der ausverkauften Stadthalle bewies, dass das bunt gemixte Publikum die gepfefferte Karikatur gerne goutierte. Unvermeidliche Klassiker wie Radl Mare sorgten in der "oquasterten Pendlermetropole" Weilheim bis zuletzt für Begeisterung.

DIE RHEINPFALZ, 04.11.05

Ein richtiger Rocker

Aber auch ein bisserl tuntig: Georg Ringsgwandl begeistert in der ausverkauften Kammgarn
VON JÜRGEN NORDMANN

Ein Hund ist er schon, würde man in Norddeutschland sagen. Ein Sauhund, würde man südlich der Mainlinie ergänzen. Und wieder hat er es allen gezeigt, der wahre Meister aus Bayern, dieses Unikat: Georg Ringsgwandl, am Mittwochabend in der Kammgarn.

Solche echt bayerischen Anarchisten wie ihn kriegt keine CSU klein. Er macht, was er will. Und besser macht er es sowieso. Kurz gesagt: Georg Ringsgwandl rockte und salbaderte mal wieder stundenlang auf Bayerisch, machte eine fummelige Modenschau und ließ sich von dem vollen Haus unzählige Zugaben abfordern.

Bei Ringsgwandl kann man sich auch nach Jahrzehnten noch fragen, was seine Kunst so großartig und originell macht. Weil er ja alles und nichts auf der Bühne bietet: Rockmusik, Chansons, Kabarett, Comedy - et cetera, et cetera, et cetera. Selbstredend sieht er in voller Montur - mit Feinstrumpfhosen, Badeanzug und neuerdings mit einem alten Borussia-Trikot - immer noch knackiger aus als Boy George in seinen besten Zeiten. Und dass Otto manche Gesten von Ringsgwandl abgekupfert hat, weiß jeder. Mit dem Unterschied, dass es bei Ringsgwandl witzig ist. Solche Äußerlichkeiten sind aber oft nur Extras. Das Tuntengehabe gehört bei ihm dazu, steht aber nicht im Zentrum.

Ein richtiger Rocker ist er wieder. Sein aktuelles Programm ist eine Mischung aus alt und neu - was bayerisch besser klingt, nämlich "Alte Reisser & Frisches Gwachs". Das heißt also, dass er nicht nur zu den scharfen Fummeln, sondern auch wieder zu einer richtigen "Rockmusikbeschäftigung" zurückgefunden hat. Er hatte ja vor Jahren ein Zwischenspiel mit einem ziemlich ruhigen Programm ohne Schminke und Band. Was zugegeben auch eine große Sache war. Aber wie nicht anders zu erwarten, wird Ringsgwandl im Alter kein Schmusebär, sondern ein zorniger und vor allem ein wilder Mann.

Seine Rockband ist einmal mehr exzellent bestückt: Nick Woodland an der E-Gitarre ist ein alter Meister, und Florian Schmidt am Bass sowie Manfred Mildenberger am Schlagzeug sind auf dem besten Weg dorthin. Die bekanntermaßen guten Songs haben so eine Eingängigkeit und Power, die nicht vom Verstärker, sondern vom Können kommt. Natürlich ist Ringsgwandl nach wie vor am besten, wenn er sich - in der Kammgarn bals Gangstarapper - an das Hackbrett oder die Zither setzt und eine zünftige Stubenmusik macht. Alles andere ist bestimmt nur Verstellung. Er ist halt ein Bayer! Wenn auch der einzig wahre.

Als solcher lebt er nicht nur von seinen Instrumenten und seiner schrillschönen Jodelstimme, sondern davon, dass er ein knallharter Sprachkünstler ist. Seine Texte sind nach wie vor das Non-Plus-Ultra der süddeutschen Welterklärung. Vom Arztbesuch über Nazis bis zum Golfkrieg werden die Wahrheiten ohne Schminke um die Ohren gehauen. Bis der Letzte im Saal vor Lachen zusammenbricht. Denn bei Ringsgwandl ist Satz für Satz so witzig wie illusionslos. In aller gebotenen Härte und mit geradezu optimistischer Resignation lässt sich die Wahrheit nur auf Bayerisch sagen. Mit Dialekt und noch dazu mit diesem, klingt alles ganz anders. Nicht harmloser oder niedlicher. Im Gegenteil.

Ringsgwandl formuliert die Dinge böser als all die Kabarettisten, die sich ständig nur fragen, wie weit sie gehen können. Fast will es scheinen, dass nur er das kann, ohne gesteinigt zu werden. Er ist halt der einzig wahre Bayer!

Kölnische Rundschau, 31.10. 2005

Die einzige Pelzschlange der Welt

Virtuoser "Multidilettant": Georg Ringsgwandl gastierte im Gloria
Von BARBRO SCHUCHARDT

Kaum donnern die ersten Gitarren-Riffs durch den Saal, steht das Gloria schon unter Strom. Dabei ist der Mann, der da wie Rumpelstilzchen auf der Bühne herumspringt, kein Heavy-Metal-Jungstar, sondern gestandene 56 Jahre alt.

Und was er macht, passt in keine Schablone. Einen "Multidilettanten" hat sich Georg Ringsgwandl selbst mal genannt. Ein verrenkter Karl Valentin des Showbusiness, vereint er Clownerie mit absurdem Theater, Rock-Songs mit Kabarett, Opernparodien mit trügerisch sanften Reggae-Klängen, denen stets eine rabenschwarze Pointe auf dem Fuß folgt. Seit 30 Jahren steht der Bayer auf der Bühne, obwohl er bis 1993 als Oberarzt der Kardiologie am Krankenhaus von Garmisch-Partenkirchen arbeitete.

Wie man Männer artgerecht hält

Dann vertauschte er den weißen Kittel endgültig mit schrillem Bühnen-Fummel und zappelt, fuchtelt, hopst und grimassiert sich seitdem über die Bühnen des Landes. In Köln hat er meist im Schauspielhaus gastiert, doch die Club-Atmosphäre im Gloria bekommt seiner schrägen Show entschieden besser. "Alte Reißer und frisches Gwachs" heißt sein Programm - ein immergrüner Titel, unter dem sich Bekanntes und Neues bündeln lässt. Wie der Storch im Salat stakst Ringsgwandl über die Bühne, um im nächsten Moment mit seinen drei fabelhaften Musikern Nick Woodland (Gitarre), Manfred Mildenberger (Schlagzeug) und Florian Schmidt (Bass) loszufetzen mit skurrilen Songs; über "Garten-Nazis" und skrupellose Profitmacher ("Reißt die Hütten weg"), über Feng-Shui-Hysterie und Frauen, die sich auf artgerechte Männerhaltung verstehen.

Er besingt seine grüne Jacke, die aus der Haut der "Smaragdbaumnatter, der einzigen Pelzschlange der Welt" gemacht ist, eine geschützte Tierart, die Prinz Charles im Privatdschungel des Sultans von Brunei entdeckt hat. Und er zelebriert seine für die "Verena von Arona" mit 85 Darstellern plus Elefanten komponierte Oper in einer elektronischen Ein-Mann-Sparfassung - ein Höhepunkt des Abends.

Doch Georg Ringsgwandl, auch ein Virtuose der Zither und Akustik-Gitarre, kann's nicht nur auf die harte Tour: Seine Bob Dylan-Coverversion von "You gotta serve somebody" ("Du kannst nix mitnehma"), rhythmisch präzis akzentuiert, geht unter die Haut. Und wenn er mit "Es war keine so wie du" schnulzige Schlagerromantik parodiert, kommt das dicke Ende garantiert nach: "Keine hatte so schlechte Abgaswerte wie du". Ein hinreißender Abend für Könner und Kenner.

Kölner Stadt-Anzeiger, 29.10. 2005

Bebend, zitternd und gesittet

ELKE BIESEL UND MARIANNE KOLARIK

Georg Ringsgwandl und die Vorleser begeistern beim Köln Comedy Festival.

Wenn es noch einen Beweis für den Erfolg generationen übergreifender Projekte bräuchte, Georg Ringsgwandl liefert ihn an diesem denkwürdigen Abend auf der Bühne des Gloria-Theaters. Zwei junge und zwei ältere Musiker auf der Bühne, Vater-Kind-Urlaub nennt Ringsgwandl das und lässt es heftig rocken. Wie ein Storch, der das Rappen gelernt hat, hüpft er über die Bühne. Er bebt und zittert, als stünde er unter Strom bei seinen Liedern, die zwischen Absurdität und bayerischer Bodenhaftung balancieren - über "Marion, dem Vulkan aus dem Waschsalon", über alte Straßenköter, falsche Ernährung und dem von ihm, Ringsgwandl höchstpersönlich verpatzten Aufschwung.

Das ist schweißtreibend, und es dauert nicht lange, da muss er das kostbare grüne Jackett aus "Smaragdbaumnatter, der einzigen Pelzschlange der Welt" ablegen. Mit Wollmütze und Sonnenbrille verwandelt er sich in einen Gangsta-Rapper, der Stubenmusi auf der Zither spielt - weil "die intelligenten Frauen nicht mehr so auf E-Gitarre stehen". Dann wird er schwarz bestrumpft im kurzen Glitzerkleid zur italienischen Operndiva und spielt gleich alle anderen Rollen mit - inklusive der 526 Elefanten, die nach jeder Arie die Arena wieder sauber spritzen. Vogelwild ist er geblieben, der verrückte Herr Ringsgwandl, aber manchmal liegt darin auch ein Schuss Weisheit.

Wesentlich gesitteter ging es bei der 6. Köln-Comedy- Lese-Nacht in der Comedia zu. Zwei Tische und vier Stühle genügen den Vorlesern völlig, um ihre Geschichten, Glossen und Gedichte in die Köpfe der Zuhörer zu transportieren. Als perfekter Gastgeber und Moderator schuf Jess Jochimsen ein angenehm lockeres Klima: "Wir lesen, Sie hören zu", stellte er zu Beginn klar - und mit Ralf Welteroth den ersten Gast vor. Der Ermittler der "Freiburger Geschmackspolizei" berichtete von einer Busreise nach Helmstedt und erzählte ein Fußballmärchen - zum Beispiel. Die aus Berlin angereiste Kolumnistin Sarah Schmidt gab praktische Tipps für Mütter, deren Zöglinge in der Pubertät sind, und fasste in der Rubrik "Männer und Alkohol" ihre unvergesslichen erotischen Erfahrungen mit einem Motorradfahrer in Worte ("Ich bin eine sehr gute Biertrinkerin"). Der aus Aschaffenburg kommende Satiriker Thomas Gsella ("Titanic") trug ebenso kurze wie prägnante "Gedichte mit Säugling" vor.

Leipziger Volkszeitung, 12.10. 2005

Rasender Bremsklotz

Von Jürgen Kleindienst

"Entzieht sich geschickt einer Einordnung in bestimmte Schubladen", heißt es im Munzinger-Archiv über Georg Ringsgwandl. Man könnte auch sagen, er flieht, rast, schreitet. Eben stapfte er noch knietief im Blues, jetzt hat er den Country. Dann gibt es hier ein bisschen Operette, da Heavy Metal, später Volksmusik.

Doch egal an welchem Fach er im Verlauf dieses ausverkauften und furiosen Konzerts in der Pfeffermühle auch zerrt, heraus kommt immer Ringsgwandl. 56 ist er jetzt. Ein gutes Alter, um Bundestagspräsident zu werden. Stattdessen tourt der Eulenspiegel mal wieder und schenkt dem Land seine Bizarresken zum eigenunartigen Sound.

Eindeutig zu eng ist die Pfeffermühlenbühne für den Hyperaktiven, der die Hosen und Hemden wechselt wie andere Rocker die Frauen. Ein grünes Jackett aus "Smaragdbaumnatter" trägt er anfangs, dazu ein Schweiß fressendes BVB-Hemd aus der Weltraumforschung. Später wird eine blickundichte Strumpfhose das dürre Gebein kleiden, während er über digitale Socken doziert, die "analog stinken", oder den "Garten-Nazi".

Ruhe findet er nur zwischendurch, auf einem "orthopädisch angepassten Reinhard-Mey-Liedermacherstuhl". Nebenan, an der Zither, setzt er famos zusammen, was nach Ringsgwandl nicht mehr zusammengehören wird: "Gangsta-Rap und Stubenmusik" zum Beispiel. Mit Sonnenbrille und Wollmütze frohlockt er vom einfachen Leben: "Für mich tut's später ein gebrauchter Fichtensarg." Und sieht ein: "Ich bin ein Bremsklotz für die Konjunktur."

Für die Show gilt das gar nicht. Dafür sorgt auch eine gute Band mit dem erstklassigen Gitarristen Nick Woodland. Der soll mal bei den Stones im Gespräch gewesen sein, hatte aber keine Lust. Jetzt zaubert er stoisch für Ringsgwandl und ein Publikum, das den Anarcho-Karneval erst nach mehreren Zugaben von der Bühne lässt. "Nix mitnehmen", lautet die Botschaft zum Abschied. Stimmt nicht.

Oberhessische Presse, 04.10. 2005

Humoristische Jagd aufs Publikum

Im grünen Karo-Sakko präsentierte sich das bayerische Gesamtkunstwerk Georg Ringsgwandl. Foto: de Batselier
Marburg. 350 Kabarett-Fans ließen sich am Freitagabend in der Stadthalle von Georg Ringsgwandls Best-of-Programm "Alte Reißer" königlich bezaubern.
Von Dennis Dippel

Die Marburger sind verwöhnt, zumindest in humoristischer Hinsicht - denn sie haben den Kabarett-Herbst. Und in dieser Reihe darf auch einer nicht fehlen, dessen Name auszusprechen auch Weißbier-liebenden Mittelhessen noch schwer fallen darf: Georg Ringsgwandl, bayerisches Gesamtkunstwerk, Valentin des Rock'n Roll und wie er sonst noch genannt wird. 350 Fans lockte er in die Stadthalle, deren Hoffnungen auf zotige Irrwitz-Geschichten, böse sarkastische Sozialkritik durch die geistige Hintertür und einer geballten Ladung Bluesrock nicht enttäuscht wurde.

In der Erscheinung irgendwo zwischen Drag-Queen und Akrobat Schöön stürmte ein Mann zum wummernden Groove seiner vorzüglichen Band auf die Bühne, der mit knarzender Stimme kurz vor dem Plärren einen bayerischen Blues-Gesang anstimmte und mit minimal rhythmischer Bewegung über die Bühne wackelte.

Alles an Ringsgwandls ist Programm, vom grünen Karo-Sakko zum gelben Fußballtrikot bis zu den affektiert ausgespielten Rockerposen. Und damit setzt er zu einem wilden Ritt durch sein Anarcho-Universum an: Er singt vom Macho im Waschsalon, erzählt abstrus-anbiederisch, wie er von Marburg die Lahn abwärts bis in die Fulda gefahren sei um daran anschließend in die zucker-schöne Country-Ballade vom "Straßenköter" überzugehen.

Die Gäste im Saal sind gebannt, aber schwanken oft noch zwischen begeistertem Johlen und ungläubigem Staunen über die Schnelligkeit der Richtungsänderung von Ringsgwandls Gedankenwindungen. Der erklärt dafür auch sein Outfit: das grüne Sakko, Güteklasse Schlussverkauf, sei aus der kostbaren Haut der "Smaragd-Baumnatter, der einzigen Pelzschlange der Welt", und spinnt eine Odyssee der Geschichte bis zum Sultan von Brunei, der diese Tiere mit Jack-Russel-Terriern als Köder fange. Der Saal liegt ihm zu Füßen, auch wenn er auf der Zither das Lied eines tragischen Versagers anstimmt, dabei den Rotz hochzieht und singt "Für mich tut's später ein gebrauchter Fichtensarg".

Alle vier Männer auf der Bühne wirken unvereinbar, aber doch schafft Ringsgwandl eine so magische Stimmung mit kräftigem, hintersinnigen Witz und hervorragend komponiertem Rock, dass alles eine Einheit bildet. So bleibt die Bühne nach der Pause einige Minuten leer, der Saal mutiert zu einem dunklen Anarcho-Dschungel mit kicherndem Publikum, das nicht weiß, ob die im Düsteren gerufenen Zoten aus ihren Reihen oder von den Künstlern stammen - so wird die Abwesenheit zum Programm.

Aber auch eine irrwitzige Synthesizer-Opernarie, der Klassiker-Blues "Garten-Nazi" fehlen ebenso wenig wie ein Lied ganz in bajuwarischer Mundart. Nach mehr als zwei Stunden humoristischer Querfeldein-Jagd hält sich das Publikum johlend den Bauch, verneigt sich die Band und ein Handküsse werfender Blues-Rock-Wolpertinger verabschiedet sich mit einem süß-ironisch gesäuselten "Gute Nacht"-Countrysong.

Neue Osnabrücker Zeitung, 30.09. 2005

Zitherspieler in Strumpfhose, Ringsgwandl im Haus der Jugend

Von Susanne Fetter

"Ringsgwandl, was ist der denn?" Vor Beginn des Konzertes im Haus der Jugend gerät der Besucher in Erklärungsnot. Irrwisch, Paradiesvogel, moderner Hofnarr, Anarcho-Rocker, Punk-Qualtinger, Meister des schlechten Geschmacks:
Gar viele Schubladen wurden für ihn schon gezimmert - in keine lässt sich der 56-jährige Bayer aber bisher hineinzwängen. Ob man nach dem Auftritt schlauer ist?
"Alte Reißer und frisches Gwachs" lautet das Motto des Abends: ein Streifzug durch Georg Ringsgwandls Karriere. Dunkel wird es im Saal, die Bühne ist in bläuliches Licht gehüllt, bevor recht unspektakulär drei Musiker vors Publikum treten - leise setzten klassische Klavierklänge ein. Dann wird es "wuid": Der Hauptakteur des Abends schleicht sich in geduckter Haltung auf die Bühne. Mit zwei Filzhüten auf dem ergrauten Haupt, "schweißfressendem Raumfahrerhemd", einem grünen Sakko, gefertigt aus der Haut einer "Smaragdbaumnatter", die Beine verhüllt durch eine kleinkarierte Hose, wie sie sonst nur "japanische Getreidewissenschaftler" besitzen,
verwischtem Lippenstift und Rouge auf den Backen, gibt Ringsgwandl die Erscheinung eines Waldschrats. "Das muss man schon tragen können", lautet der Kommentar.
Ungelenk wirken seine Bewegungen. So schnallt sich ein Ringsgwandl nicht einfach die Gitarre um, sondern steigt umständlich durch den Haltegurt hindurch und zieht mühsam das Instrument nach oben. Ringsgwandl ist ständig in Aktion: Mit grotesken Bewegungen stolziert er über die Bühne - sinniert dabei über Politik, seine Nachbarn oder die Lebensqualität in Osnabrück.
Seine skurrilen Outfits wechselt er ebenso oft wie Mikrofon, Gitarre und Zither - dem "Instrument für echte Männer", das Ringsgwandl später in nicht ganz blickdichter Strumpfhose, glitzerndem Top und "Chiffonmantel" spielt. So wie es ihn nicht auf dem von Reinhard Mey geliehenen "Liedermacherstuhl" hält, zappelt sich Ringsgwandl musikalisch mit seinen drei hervorragenden und ebenfalls leicht durchgeknallt wirkenden Musikerkollegen durch die Stile: Jazz, Rap, Rock oder Oper. Hin und wieder bekommt der Zuhörer sogar den Eindruck, als bediene sich Ringsgwandl einiger Elemente atonaler Zwölftonmusik: Schnell wechselt er dann Tonhöhen, Lautstärke und Ausdrucksform. Ob als "Gangsta"-Rapper, harter Rocker oder launige Diva-, auch die Rollen, in die Ringsgwandl schlüpft, sind mannigfaltig. Seine Lieder, mal bissig, mal nachdenklich, aber oft fordernd, wenden sich gegen "Gartennazis", das Establishment und "den frommen Christen, dem nun der Irak gehört", oder propagieren einfach nur "die normale Frau". Nur ein Ringsgwandl kann in wenigen Minuten eine ganze Oper erzählen und spielen. Was er denn nun ist? Vieles und auf jeden Fall einzigartig.

Braunschweiger Zeitung, 29.09. 2005

"Ich bin pervers, ich bin frivol, ich bin der Schorschie aus Tirol"

Wie Otto Waalkes auf LSD: Der wilde Georg Ringsgwandl gestaltete den Abschluss des Festivals "Kultur im Zelt"
Von Benjamin Foitzik

"Sag a mal, bin i deppert?!" krakeelt der schrille Ringsgwandl bajuwarisch durch das gut gefüllte Kultur-Zelt. Und keiner will diese Frage ernsthaft verneinen.

Ringsgwandl trägt ein dunkelgrünes Sacko, das - so wird man später erfahren - eigentlich eine Jacke aus Smaragdbaumnatterpelz ist, darunter ein neongelbes T-Shirt, hat knallroten Lippenstift aufgetragen und ist bleich gepudert. Er singt, johlt, säuselt, tiriliert und schreit, rennt wie ein Wilder herum und wirft seine langen, dünnen Beine in die Luft.

Wie Otto Waalkes auf LSD, möchte man meinen. Seine Mitstreiter sind nicht minder schrill: Der Schlagzeuger ist in einen Paulchen-Panther-Gedenk-Anzug geraten, der Gitarrist eine Art Lindenberg-Klon, und der Bassist spielt im silbrig-schimmernden Ganzkörper-Jogginganzug. Mit anderen Worten: Wie spinnerte Mars-Menschen schauen die aus.

Plötzlich wird es ruhig, Ringsgwandls Zuckungen sind vorbei, der Rumpelstilzchen-Modus geht auf Stand-by. Und blockt den Applaus ab: "Klatschen Sie sich keinen Wolf, dadurch werden die Künstler so selbstgefällig."

Das wird ihm wohl nicht so schnell passieren, wirkt er doch bei seinen Zuckungen, Zoten und sonstigen Albernheiten immer noch authentisch und ambitioniert. Er referiert in bayrischem Kauderwelsch, und die Leute biegen sich.

Im Laufe des Abends wechselt der quickfidele 56-Jährige mehrmals sein furchtbares Outfit, mal ist er ein Boy-George-Klon im orangefarbenen Morgenmantel, dann wird er zum ordinären Hip-Hop-Gangster mit Kondommütze auf dem Kopf und tiefschwarzer Sonnenbrille, der an seiner Zither "HipHop-Stubenmusik" zelebriert. Mal zithert er, mal marodiert er wie ein Springfloh über die Bühne, bis er schließlich an seinem Keyboard eine Oper für Verona komponiert, in der alle arbeitslosen Politiker mitsingen können, wenn die Koalitionsverhandlungen vorbei sind. "Hühnerarsch, sei wachsam!", intoniert der Barde und übersetzt für den Robbie Williams-Part gleich mit: "Chicken-ass, be watchful!"

Je länger der Abend, desto mehr begeistert Ringsgwandl die Zuschauer mit seiner clownesquen Performance. Und er singt weiter über den "Garten-Nazi", klagt mit humoristischer Präzision die Kriegstreiberei an und belfert Gesänge wie "Ich bin pervers, ich bin frivol, ich bin der Schorschie aus Tirol!"

Tosender Beifall für einen außergewöhnlichen Künstler, irgendwo zwischen Politkabarett und Bierzeltposse. Wie Helge Schneider als Transvestiten-Nummer. Welch ein schaurig schöner Abgesang auf drei pralle Wochen Kultur im Zelt!

Nordsee-Zeitung, 26.09. 2005

Der Zither spielende Gangsta-Rapper

Ringsgwandl läuft im TiF zu Höchstform auf
Von Ulrich Müller

Bremerhaven. 20.05 Uhr im bis auf den letzten Platz gefüllten Theater im Fischereihafen (TiF) wird erwartungsvoll getuschelt. Der Ringsgwandl Schorsch ist in der Stadt, heuer zum fünften Mal. Diesmal wieder mit Band, ja, aber wirklich noch der Alte? 56 ist er jetzt, hat im Urlaub auf Langeoog Krabben gepult. Und, schon gehört?, behauptet, er sei eigentlich normaler als seine Nachbarn.

Keine Angst: Georg Ringsgwandl, gerade mit dem "Prix Pantheon" in der Sparte "Reif und Bekloppt" geehrt, ist auf der Bühne nach wie vor ein absolut schräger Vogel. Arbeitet weiter an sich als Gesamtkunstwerk, stürmte mit "Bin i deppert" das TiF, rockte jodelnd los und schob sofort zwei weitere Kracher in Ohrwurmqualität nach. Keine Atempause, keine Zeit für Applaus: "A Wahnsinn." Und eine Band, in der Florian Schmidt (Bass) und Manfred Mildenberger (Schlagzeug/Keyboard) als Neulinge mit viel Spaß bei der Sache waren, während Gitarrist Nick Woodland wie von einem anderen Stern aufspielte - musikalischer Hochgenuss.

Auch optisch wurde einiges geboten: Herr Doktor (zuletzt Oberarzt für Kardiologie) trug anfangs das Smaragdbaumnattersakko, ein schweißfressendes Nasa-Hemd und eine japanische Mönchshose, dazu Formel-1-Schuhe und einen arabischen Gürtel. Schlüpfte aber bald ins extravagant Geblümte: "Ja, das muss man tragen können", bekannte er.

"Verreckte Geschichten"

Seiner Devise - "Ich verwurste, was um mich herum passiert" - getreu, gab es "Alte Reißer" wie "Straßenköter" und jede Menge bizarr "verreckte Geschichten". Höhepunkt des ersten Teils war die Verwandlung in einen Zither spieklenden Gangsta-Rapper, kongenial dazu "Bad-Bad-Motherfucker" Woodlands Begleitung auf der Mandoline.

Nach der Pause legte Ringsgwandl modemäßig noch nach, storchte, tanzte und sprang weiter wie aufgedreht durch die Songs. Ein Husten oder Schnäuzen im Publikum, schon war er wiedxer mitten in einem ätzenden Exkurs. Spielte "Wuide unterwegs", widmete "Hühnerarsch, sei wachsam" samt englischer Übersetzung Frau Merkel. Die Zugaben spiegelten seine grandiose Mischung aus Tiefsinn, Melancholie und bloßer Gaudi: die Reise nach Bremerhaven - "von Bremen an ging's nur noch mit der Draisine" - hatte sich wieder einmal für alle gelohnt.

Tölzer Kurier 30.07.2005

Mit sechsundfuchzig noch kein bisschen weise

Bei Georg Ringsgwandl ist von Altersmilde nichts zu spüren

Bad Tölz - Weit hat er`s ja nicht gehabt. Es war sozusagen ein Heimspiel am Donnerstagabend im Zirkuszelt beim Hillside-Festival: Von Murnau Richtung Osten über "Gsindelsdorf" und "Bad Geilbrunn" nach Bad Tölz - dieses geradezu mondäne, vornehme "Gelenk-Rheuma-Bad", wie der Künstler meint. Und schon ist er da, der Ringsgwandl. Tobt, lärmt, stolziert, klampft und speit - ganz wie in alten Zeiten. Damals in den 80-er Jahren des vorigen Jahrhunderts, als der Ringsgwandl noch "das Letzte" spielte und ganz "Trulla, Trulla" war.

Jetzt ist er sechsundfuchzig und kein bisschen weise. Spitzzüngiger vielleicht, philosophischer, das mag sein - aber von Altersmilde ist nichts zu spüren. Das Knie tut dem einstigen Oberarzt schon länger weh, und dass Ringsgwandl kein Papst heilig ist, weiß man auch schon seit ewigen Zeiten. Den Garten-Nazi hasst er wie den Garmischer ("so was Reinrassiges") - und dem Publikum gefällt`s, weil er so gradlinig, so direkt, so derb ist.

Respekt hat der Künstler ohnehin nur vor einfachen, ehrlichen Leuten, vor "einer ganz normalen Frau, wie eines seiner Lieder heißt. Alles Künstliche lehnt er ab, indem er`s zur Schau trägt. Als Mann im Anzug, den er beim Bulgaren am Bahnhof Süd gekauft hat, mit einem Hemd geschneidert aus der Unterhose einer Prinzessin. So blödelt er sich durch sein Programm, bis zur Verena von Arona, vulgo Arena von Verona, wo er allein mit seinem Klein-Synthesizer eine komplette Oper in einem Akt aufführt, mit Elefanten und allem, was dazu gehört.

Seine Kostümierung würde jeder amerikanischen Pop-Diva zur Ehre gereichen: Dem schon erwähnten Anzug folgt ein Blümchen-Shirt und jede Menge Mützen und Hüte. Und nach der Pause trägt der Herr Doktor dann eine hautenge Leggins. Und man muss zugeben: Diese Beine kann man herzeigen. Spindeldürr auch das restliche Gestell, das sich bisweilen wie eines der Monster aus dem Kinoschocker "Krieg der Welten" über die Bühne stelzt.

Musikalisch ist Ringsgwandl vielseitig wie lange nicht: Vom trockenen Blues bis zum Liebeslied, vom Rock à la Spider Murphy Gang bis zum Landler, den er als "Motherfucker-Gangsta-Rapper" mit Sonnenbrille und Mütze auf der Zither auffährt. Begleitet wird er von zwei hoch motivierten jungen Musikern - Florian Schmidt am E-Bass und Manfred Mildenberger (Schlagzeug) - und von seinem Freund aus Kindertagen, dem grandiosen Gitarristen Nick Woodland. Dass der auch sehr gut singen kann, war eine der schönsten Erkenntnisse des Abends. Joachim Braun

Eßlinger Zeitung 25.07.2005

Schätze aus dem reichen Fundus des Absurden

ESSLINGEN: Georg Ringsgwandl beschert dem Burgfest der Dieselstraße ein tolles Finale
Von Alexander Maier

Selbst in der schillernden Welt der Rockmusik muss man weit laufen, um einem wie ihm zu begegnen. Sehr weit. Er ist ein bayerisches Urviech, rockt für sein Leben gern, ist originell wie nur wenige, und er kennt sich aus im Innersten unserer Gesellschaft. Kein Wunder, Georg Ringsgwandl ist gelernter Kardiologe, doch sein Herz schlägt längst für die Musik. Und für die Menschen. Wo andere wegschauen, guckt er genau hin. Wo andere schönreden, was hässlich ist in unserer Welt, nimmt er kein Blatt vor den Mund. Und er bescherte dem Esslinger Burgfest-Publikum am Samstag ein tolles Festival-Finale.
Wenn ihn manche, die ihn nicht so mögen, als Spinner abqualifizieren, kontert Ringsgwandl ebenso cool wie überzeugend: Es gibt viele, die sich ganz normal finden und in Wahrheit viel verrückter sind als ich. Und wer seine Lieder hört, wird ihm kaum widersprechen. Georg Ringsgwandl nimmt die Irrungen und Wirrungen moderner Architektur aufs Korn und fordert ultracool: Reißt die Hütten weg. Er schüttelt den Kopf über hirnlose Sportskanonen, die gaggerlfidel und vogelwild durch die Welt radeln, climben oder gleiten und darüber ganz vergessen, was wirklich zählt im Leben. Er legt einen eurythmischen Schlangentanz hin und plaudert sich vom Esoterik-Boom über die Urlaubsvorbereitung bis zur Kinderwunschbehandlung, um gleich darauf im Rhythmus eines bayerischen Heavy-Metal-Ländlers über das abenteuerliche Leben eines Wohnmobil-Besitzers zu spötteln.
Was hat man ihm nicht schon für Etiketten angeheftet: Paradiesvogel, Anarcho-Rocker, Irrwisch, Punk-Qualtinger, Valentin des Rock 'n' Roll und, und und. Wahrscheinlich ist er von alledem ein bisschen und alles zusammen ergibt ein Unikat: Ringsgwandl. Er erzählt von alltäglichen Menschen und deren ganz alltäglichen Geschichten: der Esoterik-Jüngerin, die nicht recht weiß, wie ihr geschieht, als sie sich in irgendeinen Straßenköter-Typen verguckt und plötzlich merkt, wie all ihre Prinzipien nichtig und klein werden. Von zwei Siebzehnjährigen, die immer wieder an die Grenzen ihrer eigenen Träume stoßen. Oder von bornierten Schickeria-Angebern, die gar nicht sehen, was um sie herum in der Welt passiert.
Keine Chance für Denkverbote
Vielleicht ist gerade das eines der wichtigsten Erfolgsgeheimnisse von Georg Ringsgwandl: Er kennt keine Denkverbote und wehrt sich gegen Totschlag-Argumente, die durch vermeintliche political correctness notdürftig verbrämt werden. Er spielt lustvoll mit den Tabus der Gutmenschen-Zunft, findet sich selbst kein bisschen besser als die anderen und setzt sich bereitwillig die Hofnarren-Kappe auf, weil er weiß, dass nur der Hofnarr den anderen derart ungeniert den Spiegel vorhalten darf. Er zieht das Star-Gehabe des Showbiz' durch den Kakao und treibt das manierierte Gehabe vieler seiner Musikerkollegen derart ungeniert auf die Spitze, bis auch dem letzten klar wird, was dahintersteckt. Und er spürt begeistert den Absurditäten unseres Alltags nach, wobei er aus einem immer größeren Fundus schöpfen kann.
Im Handumdrehen schlüpft Georg Ringsgwandl von einer Haut in die nächste, wechselt perfekt die Charaktere und hat selbst den meisten Spaß daran. Nicht minder vielseitig ist er auch musikalisch: Ob Heavy Metal, Country, Ländler, Rap oder grundsolider Rock - Ringsgwandl lässt nichts aus. Und er hat mit Christian Diener (Bass), Gerwin Eisenhauer (Schlagzeug) und vor allem dem großartigen Gitarristen Nick Woodland drei Musiker im Schlepptau, die wie geschaffen sind für dieses Gesamtkunstwerk.
Jede Menge schräger Vögel
Am Esslinger Burgfest muss Georg Ringsgwandl seine helle Freude gehabt haben, denn der dritte Festival-Abend präsentierte neben dem bayerischen Anarcho-Rocker noch jede Menge anderer schräger Vögel. Und egal, ob das Theater Irrwisch nochmal seine Gatschpletzn von der Leine ließ, ob der köstliche Herr Blahatsch als menschliches Mofa über den Platz knatterte, ob das Trio Grande seine ganz eigene Musik machte oder ob der Drunken MastEr Noah in schwindelnder Höh' auf einer Laterne balancierte - selten hat ein Abend auf der Esslinger Burg derart viel Spaß gemacht.

Nürnberger Nachrichten 18.07.2005

Georg der Groteske

Ringsgwandl begeisterte in der Katharinenruine

Sieht so die neue Herrenmode aus? Zur formlosen Getreidewissenschaftlerhose passt das giftgrüne Smaragdbaumnatter-Jackett, dazu ein arabisches Prinzessinnen-Top (großgeblümt), quietschgelbe Formel1-Schuhe und digitale Socken. Das ist die aktuelle Mode-Kreation von Georg Ringsgwandl, dem unnachahmlichen Verkleidungs- und Unterhaltungskünstler. Wie jeder große Komiker hat er im Laufe der Jahre seine Kunst- zur Kultfigur stilisiert. Äußere Erscheinung und innere Wahrheit sind nicht voneinander zu trennen. Mit abgründigem Humor, "alten Reißern und frischem Gwachs" begeisterte der Meister des schlechten Geschmacks das Nürnberger Publikum in der ausverkauften Katharinenruine - Echt irre!

Ringsgwandl arbeitet weiter an seinem Gesamtkunstwerk zur menschlichen Tragikomödie. Und wird dabei immer besser. Als Sänger, Songschreiber und Geschichtenerzähler. Begleitet wird er von einer famosen Band mit dem Engländer Nick Woodland an der Gitarre, dem Ex-Nürnberger Christian Diener am Bass und dem Regensburger Schlagzeuger Gerwin Eisenhauer. Sie verwandeln die oft sperrigen Songs in federleichte Ohrwörmer.

Ringsgwandl verrenkt seinen Körper auf ebenso groteske Weise wie er mit der Sprache und seiner Stimme spielt. Ob durchgeknallter Operntenor, cooler Bayern-Rapper, eigensinniger Volkssänger, gnadenloser Witzereißer, Möchtergern-Rockstar - der Wahnsinn hat Methode.

Im Zickzack geht's durch die Absurditäten und Aktualitäten des Alltags. "Was macht eigentlich die Busenwitwe, das einstige Wahrzeichen von Nürnberg", fragt er unvermittelt und fängt aus dem Stegreif zu frozzeln an, wie nur er es kann.

Wer sich von dem Gezappel und Gezeter nicht ablenken lässt, entdeckt hinter der schrillen Maskerade einen Moralisten, der sich auskennt mit den Nöten der Zukurzgekommenen und Verlierern der Gesellschaft. Ringsgwandl macht sich über Modetorheiten lustig und steigert die Widersprüche und Ungerechtigkeiten des Systems ins komische Extrem. Das kann der grassierende Fengshui-Wahn sein oder Tier-Homöopathie. Er ätzt über Garten-Nazis oder den Bomben-Bush, macht sich Gedanken über Wirtschaftsaufschwung und Konsumstreik. "Mein Hund wird falsch ernährt" behandelt eines der Hauptprobleme unserer Zeit.

Mit Hohngelächter und Sirenengeheul bittet Ringsgwandl zum Tanz auf dem Vulkan. Ja, ist der deutsche Spießer bzw. die Menschheit noch zu retten? Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst. Deshalb serviert der Anarcho-Clown zum Schluss noch seine heimlichen Hits "Jedermann" und "Nix mitnehma". Das Leben ist zum Totlachen. Vom Ringsgwandl lassen wir uns das nicht nur zwei Mal sagen. STEFFEN RADLMAIER

Nürnberger Zeitung 18.07.2005

Ringsgwandl in der Katharinenruine

Irrwisch in sechs Hosen

In der ausverkauften Katharinenruine muss am Samstagabend so mancher stehen. Doch der Herr Doktor hat Manieren: Einer Zuschauerin bietet Georg Ringsgwandl seinen "Zitherstuhl" an; der frühere Kardiologe braucht ohnehin keine Sitzgelegenheit. Wie ein Irrwisch flitzt er die ganze Zeit über die Bühne, manchmal auch im Walking-Schritt, den er bei der "AOK Dingolfing" gelernt hat: Ringsgwandl, Jahrgang 1948, kokettiert mittlerweile auch schon mit seinem Alter.

Dazu passt sein neues Programm: "Alte Reisser, frisches Gwachs" will der philosophische Clown präsentieren und somit - unterstützt von Nick Woodland (E-Gitarre), Gerwin Eisenhauer (Schlagzeug) und Christian Diener (Bass) - einen Rückblick auf 30 Jahre als Musikkabarettist geben.

Doch zunächst doziert er mal wieder über seine Kleidung: über das grüne Jackett aus Smaragdbaumnatter, das "Arabische-Prinzessinnen-Top" und die Getreidewissenschaftlerhose, die er später auszieht und in die Ruine befördert. "Ich ziehe immer fünf bis sechs Hosen übereinander an", klärt Ringsgwandl auf.

Das ist aber beileibe nicht das Abstruseste, was Ringsgwandl an diesem Abend erzählt. Später berichtet er von einem Ausflug Jürgen Trittins und Ludwig Stieglers in die Arena von Verona, wo die beiden ein Lied über Coladosen sangen, bevor die aus Verdis "Aida" übrig gebliebenen Elefanten die Arena stürmten und die Zuschauer mit "Powasser aus der Arschebene" vollspritzten. Das Wasser, berichtet Ringsgwandl, wäre freilich sauberer gewesen, wenn Trittin auch in Italien Umweltminister wäre. Noch Fragen?

Gesungen wurde auch noch

Ach ja, gesungen wurde auch noch, vornehmlich im zweiten Teil des Konzerts: Da gibt Ringsgwandl dann unter dem Jubel des Publikums seine Klassiker zum Besten: "Jedermann", "Wuide unterwegs", "Hühnerarsch, sei wachsam". Und er zeigt sich von seiner bissigen Seite: Etwa, wenn er sein Lied über den "Garten-Nazi" aus dem preisgekrönten Album "Gache Wurzn" anstimmt, mit dem er die Doppelmoral des Großbürgertums entlarvt, oder wenn er im Hinblick auf das neue Münchener Fußballstadion fordert: "Reißt's die Hütten ei'."

Ringsgwandl singt auch über den "frommen Christen", dem nun der Irak gehöre und der "mit Kampfgas spritzt" und "auf Kinder schießt". Doch der Kabarettist spart dabei nicht mit Selbstironie: Er habe sich für dieses ernste Thema eigens den Liedermacherstuhl von Reinhard Mey ausgeliehen, erzählt er treuherzig.

Das Lied "Sepp", mit dem er in den neunziger Jahren die Familienpolitik des damaligen Kardinals Joseph Ratzingers kritisierte, fehlt in Ringsgwandls "Best-of-Programm". Aber einen kleinen Seitenhieb auf "Ratzl-Spatzl" kann er sich zum Schluss dann doch nicht verkneifen: "Wir danken Benedikt XVI. für das schöne Wetter." Marco Puschner

Heilbronner Stimme 04.07.2005

Rive gauche

Von Claudia Ihlefeld

Wäre er eine fesche junge Frau, Ringsgwandl würde den Zitherspieler dem selbst ernannten Rotweinkenner vorziehen. Als "Bad motherfucker" mit Gangsta-Strickmütze und Sonnenbrille schlüpft Georg Ringsgwandl verkehrt herum ins smaragdbaum-nattergrüne Jackett und lässt die Saiten des "geilen" Instruments schwingen. Mit harschem Humor watet der Paradiesvogel mit dem Faible für ausgefallene Kopfbedeckungen und Beinkleider durch unsere depperte Welt. "Rive gauche", vom linken Ufer eben: außen friedlich, innen herrscht Krieg, rockt und röhrt das Gesamtkunstwerk aus Garmisch-Partenkirchen über die Bühne, ein Hofnarr, der die anderen zum Narren macht. Spöttisch zieht er die rot geschminkten Lippen nach unten, verdreht die melancholischen Augen und seinen bemerkenswerten Zinken. Subversiv, absurd, schräg, schrill, vulgär und auf der aktuellen Höhe der Niederungen von Politik und selbst verliebter globaler Zivilgesellschaft, ist Ringsgwandl ein dadaistischer Wiedergänger. Mit exaltierter Falsettstimme und hintersinnigen Texten trifft der exzellente Rockmusiker und gelernte Kardiologe den Nerv und seziert unsere Lebenswelt. Dass, wo der Gartennazi wohnt, kein Bühnenhochdeutsch gesprochen wird, haben wir vermutet. Ringsgwandl ist ein Geschichtenerzähler und Menschenfreund, dem nichts fremd ist. Den Deutschen auf Reisen schickt er von der Arena in Verona in den Po und lässt ihn in Venedig als zeitgenössische Kunst zur Biennale an Land gehen, bevor er bei der nächsten documenta ausgestellt wird. Beiläufig und blitzg'scheit rechnet der Außerirdische aus Bayern ab. "Jedermann, deine Tage sind gezählt". Ein herrlich verrückter Kerl.

Süddeutsche Zeitung 02.07.2005

Anarchos Urschreitherapie

"Alte Reisser, verreckte Geschichten" Georg Ringsgwandl sucht seine Wurzeln
Von Franz Kotteder

Unseren so genannten "Kleinkünstlern" droht ja neuerdings, ab einem gewissen Alter zumindest, das schwere Schicksal, zum halbamtlichen Staatskabarettisten zu werden. Auch Georg Ringsgwandl scheint davor nicht ganz gefeit zu sein, hat er doch die vergangenen Jahre weniger auf Konzert- und Kabarettbühnen zugebracht als in den Kammerspielen und im Residenztheater. In Letzterem ist er noch immer zugange; sein" Prominentenball" ist nach wie vor ausverkauft, die letzte Vorstellung findet am 20. Juli statt, danach ist erst mal Schluss mit dem Staatstheater.

Nein, sagt Georg Ringsgwandl, unglücklich sei er deshalb gewiss nicht, "aber das Theater ist halt eine komplett andere Geschichte als der Rock 'n' Roll". Da sei man sehr stark eingebunden in Zuständigkeiten hier und dort, für jeden Handgriff gibt es Spezialisten, es gibt Bühnenverträge und Tarife und lauter so Dinge, die man gar nicht groß beeinflussen kann. Als Musiker hingegen steht man eben auf der Bühne, muss fast alles selber machen, und wenn es dann blöd läuft, ist man allein dafür verantwortlich. Das hat seinen Reiz, findet Ringsgwandl, das macht ihm Spaß. Und auch wenn die Stücke am Staatsschauspiel, bei einem ganz anderen Publikum als draußen in den Kleinkunstkneipen und Festivalzelten, sehr erfolgreich waren: "Es behindert einen dann doch bei anderen Aktivitäten."

Die anderen Aktivitäten des bayerischen Songpoeten und Anarcho-Rockers Ringsgwandl sollen jetzt wieder ihren Platz bekommen. An einer neuen CD arbeitet er gerade, und gewissermaßen als Rückblick und Magentratzer sind vor kurzem eine DVD mit Konzertaufnahmen und eine CD, überwiegend mit Wortbeiträgen von ihm, erschienen. "Alte Reisser, verreckte Geschichten" heißt die CD, und neben ein paar älteren, bislang unveröffentlichten Liedern besteht sie im wesentlichen aus jenen Anmoderationen und skurrilen Geschichten, für die Ringsgwandl berühmt ist. "Früher dachte ich, ein ordentliches Konzert besteht aus einer Reihe von Songs, die möglichst sauber gespielt werden", schreibt Ringsgwandl im Booklet, "als ich dann auf die Bühne ging, war unsere Musik so windig, dass die Leute für eine launige Ansage zwischen den Songs ganz dankbar waren." Hier handelt es sich natürlich um Understatement, was selbst dem unbedarften Ersthörer schnell klar werden dürfte, und noch viel deutlicher, wenn er dazu die DVD mit Konzertmitschnitten aus den Jahren 1991 bis 1998 ansieht. Da merkt man nicht nur, dass die Songs möglichst sauber gespielt werden, sondern auch, was der Ringsgwandl für ein wilder Hund war auf der Bühne, wie er ständig in neue, wüste Rollen und vor allem auch Kostüme schlüpfte. In den vergangenen Jahren ist er da schon etwas ruhiger, gesetzter geworden.

Ist er das wirklich? Klar, sagt Ringsgwandl, auch er habe ein bisschen gestutzt, als er die alten Aufnahmen für die DVD wieder angeschaut hat." Damals gab es ja einen starken Kollektivdruck, vernünftig und normal zu sein", sagt er, "und deshalb waren die Programme auch umso besser, je abgedrehter und radikaler sie waren." So etwas, meint er, vergesse man leicht, wenn man ein paar Jahre lang im Theaterbetrieb unterwegs sei. Inzwischen habe er aber wieder gemerkt, dass es ihm nur gut gehe, "wenn ich richtig Radau machen kann. Das ist halt meine Urschrei-Therapie." Und deshalb wird es jetzt auch wieder ein bisschen heftiger, verspricht er. Gerade hat er seine Tournee begonnen; das Tollwood-Festival, bei dem er am Samstag (Beginn: 19.30 Uhr) in der Musik-Arena auftritt, ist eine der ersten Stationen. Wieder gibt es "Alte Reisser", aber eben auch "frisches Gwachs", wie der zweite Teil des Tournee-Titels lautet. Nicht nur, weil Ringsgwandl einige neue Nummern live ausprobieren will, sondern weil auch ganz neue Musiker dabei sind. Nick Woodland, der wunderbare Gitarrist, ist natürlich geblieben, "der gehört ja schon zum Inventar". Ein junger Keyboarder und ein Bassist, Manni Mildenberger und Florian Schmidt, sind dazugestoßen: "Die sind beide so um die 20, die hab ich bei einer Band vom Land, irgendwo da hinter Erding, aufgegriffen." Das mache die Sache recht vital, sagt der Meister, normales Volksliedgut dürfe man sich also nicht erwarten, "sondern eher wuides Zeug". Nick Woodland sei richtig aufgelebt, grinst Ringsgwandl und sagt: "Der dreht jetzt richtig auf, der spürt den frischen Wind der Jugend! Und der Nick spielt gerne mit, weil er hat ja selber keine Kinder."

Da scheint Ringsgwandl nun also wieder ein wenig an seine Anfänge anzuknüpfen. Über die neuen Stücke und Lieder will er noch nicht allzu viel verraten "klar, es sind wieder "gesellschaftliche Schnappschüsse", wie er sagt. So gesehen hat sich ja im Vergleich zu seinen Theaterstücken nicht viel verändert. Lauter wird's halt werden, verspricht er, und wilder, eher nichts für die Freunde des Abonnement-Theaters. Die, das will Ringsgwandl nicht ausschließen, kommen irgendwann schon auch mal wieder auf ihre Kosten. Vorerst aber ist wieder die Zeit für verreckte Geschichten auf der
Rockbühne.

Aachener Zeitung 27.06.2005

Skurriles Spiel mit den bitteren Wahrheiten des Lebens

Kabarettist Georg Ringsgwandl zeigt sein ungewöhnliches Programm auf Burg Wilhelmstein. Bizarre Szenen und gute Band.
Von Sabine Rother

Würselen. Er ist ein Eulenspiegel, ein melancholischer, kluger Narr, der seine zum Teil sehr bitteren Weisheiten in urigen Verpackungen unter die Leute mogelt: Mit dem bayerischen Kabarettisten Georg Ringsgwandl hat Veranstalter Ulrich Pesch auf der Open-Air-Bühne von Burg Wilhelmstein einen Ausnahmekünstler präsentiert, der sich mit niemandem im großen Kreis der heiter-kritischen Kollegen vergleichen lässt. Ringsgwandl ist ein Ereignis. Und man staunt immer neu, was diesem energiegeladenen Mann so einfällt und wie er es dramaturgisch gekonnt umsetzt. Von Anfang an sind seine Zuschauer hingerissen, hören gespannt zu, reagieren auf feine Zwischentöne, obwohl die herzhafte Mundart eines Ringsgwandl in unseren Breiten nicht unbedingt jedem geläufig ist.
Ringsgwandl liebt den heftigsten Mummenschanz. Das ist nicht einfach "Dekoration" es ist jener Schutzwall, hinter dem er Skurrilität und abstrusen Witz auslebt. Seine Gedanken und Ideen verdichten sich zu einem anspruchsvollen Programm, das zwischen Heiterkeit, Ironie, Traurigkeit und kummervoller Kritik pendelt. Er zeigt mit genialer Leichtigkeit, wie Skurrilität im schlichten Alltag lauert - wenn man nur hinschaut. Und so findet er immer wieder neue Erklärungen für irgendwelche Lebenskrisen, etwa im Refrain: "Mein Hund wird falsch ernährt", oder der entsetzte Blick auf die Machenschaften der Politiker: "Mir hoams gwählt..." Entwaffnend und
zärtlich, doch nicht ohne Biss, sind seine "Liebeslieder - etwa für jene eigenwillige Dame, der man alle Schlamperei verzeiht, weil: "Sie is halt a schene Frau". Bodenständig, dunkel und hintergründig ist Ringsgwandl selbst in seiner Musik. Da taucht er zusammen mit dem grandiosen Gitarristen Nick Woodland und den beiden jungen flotten Kollegen Florian Schmidt (E-Bass) und Manfred Mildenberger (Schlagzeug) gern ab und zu in wuchtige Rock-Gefilde ab. Den mächtigen Blues hat er im kleinen Finger, und dieses starke Gefühl kommt von Herzen.
Hatte sich Ringsgwandl zunächst für ein schrilles gelb-grünes Outfit entschieden, so sorgt er im zweiten Teil des Konzertes, frisch geschminkt, für eine Steigerung: schwarze Strumpfhosen, die keinesfalls "blickdicht" sind, ein knappes Shirt, darüber in orangefarbener Mantel aus durchsichtigem Stoff und dazu ein spitzer Hut. Und wenn er die langen Beine kreuzt, tänzerische Posen ausprobiert, erinnert er an jene bizarren und bis heute geheimnis-umwitterten Figuren, die einst ein Erasmus Grasser im 15. Jahrhundert als kunstvolle und gestenreiche "Moriskentänzer" schuf und die man im Münchner Rathaus bis heute in ihrem Reigen bewundern kann.
Vielleicht hat sich Ringsgwandl ja hier inspirieren lassen, denn in seiner Kunst wird sichtbar, was auf den Marktplätzen vergangener Jahrhunderte und an den Höfen der Könige die Menschen fasziniert, amüsiert oder schockiert hat. Diese Fähigkeit, die Gesellschaft zu durchleuchten, lebt mit Ringsgwandl auf. Begeisterter Applaus, das Publikum versteht ihn - jedenfalls das meistens.

HNA.de 26.06.2005

Faustdick hinter den Ohren

Von Juliane Sattler

KASSEL. Was für eine schräge Mischung, dieser Ringsgwandl. Steht auf der Bühne im Kasseler Kulturzelt und sieht aus, als ob er ein bisschen deppert wär. Dabei hat er es faustdick hinter den Ohren, der Herr Doktor aus Bad Reichenhall. Ringsgwandl ist Programm, sein Name steht für schwarzhumorige Kleinbürgergeschichten, über das alltägliche Scheitern, die großen, längst zu klein gewordenen Gefühle, Männer- und Frauengeschichten, die irgendwie nicht zusammen passen. Und singen kann er auch: Mit seiner virtuosen dreiköpfigen Band "Die alten Giftler" liefert er Anarcho-Pop der besten Sorte, schreibt gefühligen Country-Rock und Folk-Blues in seine Sprache um. Vor allem schrill und schräg.

Den Hut auf dem Kopf, die Gitarre in der Hand, die Lippen rot geschminkt: Im voll besetzten Sternenzelt am Fuldaufer brütet die Hitze, und das bayerische Urgestein heizt seinem Kasseler Publikum so richtig ein. Springt über die Bühne, als sei er eine Mischung aus Otto, Mick Jagger und Udo Lindenberg, irrlichtert zwischen Travestie und Kabarett und bringt doch alles auf den Punkt, mal erzählend, mal singend.

Das bayerische Urgestein ist ein böser Knabe. Doch wenn er den Finger auf die Wunde legt, tuts nicht weh. Oder man lacht darüber hinweg, wenn er vom bösen Mief singt, der in deutschen Vorgärten lauert - Garten-Nazis nennt er die Leut' - oder sich auf die Suche nach einer ganz normalen Frau begibt, eine, die sich auskennt mit der Spezies Mann. Ringsgwandls schräge Philosophie schlägt immer wieder virtuos den Haken in unser aller Alltagsleben: Verlierer und Möchtegerne, Arbeitslose und Big Bosse. Er singt deftige Bürokraten-Moritaten, verrockt den guten "Jedermann", lässt die Endlichkeit aufscheinen mit "Nix mitnehma" oder stimmt mit schmeichelnder 20-Jahre-Stimme sein "C'est la vie" an. Es werd' schon wer'n.

Wenn dieser Ringswandl sinniert und dazu seine beiden Zeigefinger in die Luft bohrt, mit einem Ententanz-Sprung über die Bühne hüpft, dann kann man den Alltag vergessen. Doch genau um den geht's. Wie gesagt, er hat es faustdick hinter den Ohren. Vorsicht Ringsgwandl. E DVD: Ringsgwandl: Trulla! Trulla! Alte Reißer live. CD Ringsgwandl. Alte Reisser. Verreckte Geschichten. Sony BMG. www.ringsgwandl.de

Mittelbayerische Zeitung - Kultur, 06.06.2005

Paradiesvogel in der Spitzenpfalz

Das rockige Clowngenie Ringsgwandl betörte die Zuhörer beim Zeltfestival
Von Susanne Wiedamann
Ringsgwandl schreibt Pophistory. Foto: altrofoto.de

REGENSBURG. Um ein Haar wär' er gar nicht da gewesen. In Tübingen hätten ihn "greane WG-Schlamp'n" wegen seines Sackos aus Smaragdbaumnatter (einziger Schlangenpelz auf Erden) fast mit einem Sushi-Messer erstochen, erzählt Georg Ringsgwandl. Rund 580 Zuhörer hängen am Freitag im Festivalzelt mitten im Schlosshof von "derer Esscellenz", die er nur aus der Bunten kennt, an seinen Lippen. Verzückt verfolgen sie jede seiner von spastischer Rhythmik geprägten Zuckungen, himmeln ihn an, ihr Idol, das Genie, diese durchgeknallte, freigeistige, vogelwilde, schrille, grellbunte, erdverbundene Lichtgestalt. Diesen Einzigartigen, dessen Musik packt, egal ob er es bluesig, rockig, volksmusik-zither-ig oder diskofiebrig angeht. Dessen Wort-Endlosschleifen so wahr sind, wie die Ausdrucksweise schräg und die Denke bayerisch-valentinesk.

Schlangenmensch eingekabelt

Ringsgwandl ist eine Naturgewalt, optisch irgendwo zwischen g'scheckertem Grashüpfer, spillerigem Boandlkramer und Zauberer Catweazle. Ein Schlangenmensch, der in seine Gitarre einsteigt, statt sie sich einfach umzuhängen, der sich auf eine Weise mit Kabel umgarnt, die laut Ringsgwandl in zehn Jahren Pophistory geschrieben haben wird: 3.Juni 2005, Thurn & Taxis Zeltfestival im Schlosspark zu Regensburg, Ringsgwandls "Kabelflechtvolkstanz".
Mit weit ausgebreiteten Armen segelt er traumtänzerisch über die Bühne und betört sein Publikum. Was für ein Publikum! Ringsgwandl hat eines, das ihn umschwärmt, seine Songs laut einfordert und mitsingt, das ihn so feiert, dass er die Oberpfalz kurzerhand zur "Spitzenpfalz" erhebt.
"Wuide unterwegs" wollen sie hören: Und diese abgefahrenen Wilden, Ringsgwandl an der akustischen Gitarre, Zither und Keyboard, E-Gitarrist Nick Woodland, der Abensberger Christian Diener (E-Bass) und der Regensburger Drummer Gerwin Eisenhauer, liefern zwei Stunden lang eine Spitzenshow mit Songs vom "Straßenköter" über "Roulett in Monte Carlo", "Mein Hund wird falsch ernährt" bis zu "Chicken ass, be watchful!" ("Hühnerarsch, sei wachsam!" für die weniger Polyglotten unter uns): "Passt du nicht auf, Poularde, rupft dich wer, und das wär' schad'."

Sitzen im Feng Shui

Vom "Garten-Nazi", der seinen Hund mit dem Hochdruckreiniger abduscht, erzählt der Avantgarde-Barde mit dem tiefen Einblick in die Volksseele. Und, in Fortentwicklung von "Der Wind", vom durchschlagenden Erfolg des Feng Shui, das den Besoffenen im Wirtshaus festhält, denn er sitzt gerade so schön "im Feng Shui".
Im Ringsgwandl'schen Kosmos der hemmungslosen Spintisiererei kennt die Gedankengalaxie keine Grenzen. Vom Feinstaub-Verbrechen bis zum Akt in der Samenspende-Kabine ("Hab' scho' früher Angst g'habt, dass mi' beim Wixen da Blitz daschlogt") wird nichts und niemand ausgelassen. Sängerin Nicki nicht, die "Sprechstundenhilfe des Choppers", die nach einer Geschlechtsumwandlung zu Küblböck mutiert sei. Und auch nicht DJ Ötzi: "Ich bin pervers, ich bin frivol, i' bin da Ötzi aus Tirol" sängelt Ringsgwandl zur Anton-Musik - und das Publikum rast. Von den Wolga-Unterwasser-Kosaken erzählt er, diesen "verstrahlten Tschernobyl-Kosaken: Die treten nachts auf, die brauchen gar keine Beleuchtung."
Auch Ringsgwandl strahlt von innen heraus: dieser groovende Paradiesvogel mit einem Hirn aus zerbröselndem Smaragd, verehrt und geliebt in der Spitzenpfalz.

Hamburger Morgenpost, 13.05.2005

Die Loreley der Reeperbahn

Einfach unheimlich gut - Ringsgwandl

Die Mütze tief ins Gesicht gezogen, darunter verdeckt eine Sonnenbrille den Rest all dessen, was nicht leuchtend roter Mund ist. "Ey motherfucker, ey, babe", nuschelt er und nickt lässig mit dem Kopf, grinst dann und stellt sich als die bayerische Antwort auf Udo Lindenberg vor. Aber des is woit g'fehlt! Georg Ringsgwandl ist Diva, Rocker, Rapper und alles, was sonst noch geht. Das Publikum im St. Pauli-Theater lag ihm zu Füßen.
Welch Bühnenwunder, welch Talent! Seine Hirngespinste: zynisch, ironisch, selten lieblich. Egal, ob er blödelte, pöbelte oder tiefschürfend analysierte, seine eigene Begeisterung, sein garstiger Humor und derber Wortschatz fixten jeden an. Ein Karl Valentin stand da, und bei dem borgte er sich auch schon mal ein Späßchen.
Mit Leidenschaft zog Ringsgwandl über seine Band her, die er entsprechend den "Sehnsüchten der Frauen" zusammengestellt hatte: den Bassisten für die Normalen ("benutzt Zahnseide"), den Gitarristen für das Abgründige in der Frau ("Mein Körper ist ein Labor"), und den Schlagzeuger ("die Krankenschwester") für die Perversen. Er selbst? "Ich bin die Loreley der Reeperbahn." Besonderen Spaß hatte er daran, Nick Woodland (Gitarre) ob seiner Starallüren aufzuziehen, immerhin ist der ein ganz Großer und spielt sonst bei Westernhagen. Hier wusste der die Aufmerksamkeit allerdings nicht zu schätzen und quittierte sie mit Stinkefinger. Aber sonst ein absolut großartiger Abend! Nicht mehr steigerungsfähig.

DIE WELT, 13.05.2005

Ringsgwandl auf St. Pauli - Prêt-à-Porter auf bayrisch

Reden wir aus gegebenem Anlaß mal kurz nicht über obszön-bajuwarische Kleinkunst, sondern über ungleich obszönere Bad Reichenhaller Herrenmoden. Denn eine Augenweide waren sie ja nicht gerade, die Farbauswahl und die Abendgarderobe vom Herrn Doktor Ringsgwandl. Der ellenlange Entertainer, der am Mittwoch abend im gut gefüllten St. Pauli-Theater gastierte, kam nach der Pause in folgendem Outfit auf die Bühne gestorcht: roter Lippenstift, blaues Tüchlein, neon-orangefarbener, halbdurchsichtiger Trenchcoat, glitzerweinrotes Kurzshirt, quietschgelbe Turnschuhe. Dazu anstelle einer Hose eine schwarze Nylonstrumpfhose.

Vor der Pause hatte er noch so geprahlt mit seinem feinen grünen Jackett, gefertigt aus Smaragdbaumnatter, "der einzigen Pelzschlange der Welt". Von dem seltenen Reptil besäße sonst nur der Sultan von Brunei noch ein paar Exemplare in seinem Privatdschungel. Nun darf sich in einem freien Land selbstverständlich jeder so gewanden, wie er mag. Und jeder darf sich drüber mokieren, Ringsgwandl vorneweg. Seine eigentliche kabarettistische Spezialität sind normalerweise die Machtgierigen, die Korrupten und die Leo-Kirch-Momente im Leben: Drei Uhr morgens in Monte Carlo, und der Jaguar ist schon lange verspielt. Und doch kann er es nicht lassen: Wahre Abgründe in der scheinbar harmlosen Welt der Herrenoberbekleidung tun sich auf, wenn das "Ex-Model im Regenmantelbereich" (Ringsgwandl über Ringsgwandl) mit seinem Publikum einen perfekten Sonnabend nachmittag bei der Schwester in Freilassing durchlebt: Wo es den Schwager zunächst in Bottropper Tracht (bunter Trainingsanzug, braune Slipper) in den Baumarkt zieht. Später wird er zum gemütlichen Teil übergehen - im Bärli-Kostüm: grauer Stretchfrottee, mit Ausnahme der Halsöffnung eher turnbeutelartig geschnitten, versehen mit Eingriffen auf Taillenhöhe rechts und links, eben wegen der Gemütlichkeit. Schlimmer noch als jedes Modeverbrechen in Herrentaschen: Ringsgwandls Ode an die Haltbarkeit von Herrentaschentüchern wird Virusverängstigte erst recht weiterhin pro Leben Papiertücher im Gegenwert zweier stattlicher Buchen verschneuzen lassen - sehr, sehr guten Gewissens. "So Jungs, Disco!", befiehlt Ringsgwandl in regelmäßigen Abständen seiner kleinen Band, bestehend aus dem totengräbergleichen Rocker Nick Woodland, dem smarten Bassisten Christian Diener und dem Schlagzeuger Gerwin Eisenhauer. Eine dezent-verläßliche Truppe, die ihren Meister nur in cyberweltlich- modephilosophischen Fragen einmal im Stich läßt. Denn darauf hatten auch sie keine Antwort: Können digitale Socken eigentlich analog stinken?

Welt am Sonntag, 08.05.2005

Grellste Eleganz für den Kiez

Der Kabarettist Georg Ringsgwandl gastiert im St. Pauli-Theater
Von Simone Meyer

Eines Tages habe ihn der Teufel geritten, erzählt er. Da schmiß Dr. Georg Ringsgwandl seinen weißen Kittel hin und verließ das Klinikum Garmisch, ohne sein Büro aufzuräumen, ohne sich umzudrehen. "Diesen Schritt habe ich nie bereut", sagt Georg Ringsgwandl, 56, heute. Seit zwölf Jahren operiert der Arzt nun hauptberuflich auf Bühnen. Nächsten Mittwoch gibt der Musiker und Kabarettist in Hamburg "Bescheid": ein "lohnender Abend für Kleinkriminelle".

Aber paßt Schorschi, der Gurkenkönig, seine Figur aus dem tiefen Bayern, in den hohen Norden? "Speziell vorbereiten müssen wir uns nicht", sagt er. Er habe schließlich Norderfahrung: Ringsgwandl studierte in Kiel und nahm 1996 seine Platte "der Gaudi-Bursch vom Hindukusch" in der Altonaer Fabrik auf. Sein Eindruck: "Die Hanseaten sind doch ein weltoffenes Volk, mit allen Wassern gewaschen."

Deswegen tritt er in Hamburg mutig auf: Grellste Eleganz will der Transvestit auf dem Kiez vorführen. "Den orangefarbenen Chiffonmantel zieh' ich auf alle Fälle an, dazu ein paar fesche Hüte." Seine weißblonde Perücke, das Markenzeichen, habe dann Pause. Was nicht bedeute, daß der schrille Vogel nun brav werde. Zwar habe er zwischendurch mal überlegt, ein dezenteres Image an den Tag zu legen. "Das war eine verdeckte Midlife-Krise, da dachte ich, es wäre besser, normal aufzutreten." Doch schnell kam die Erkenntnis: "Dann sehe ich ja genauso öde aus wie jeder Hanswurst."

Manche nennen Georg Ringsgwandl den Karl Valentin des Rock'n'Roll, den intellektuellen Robin Hood. Er selbst bezeichnet sich als soziologischen Komposthaufen. "Das bezieht sich auf meine Arbeit", sagt er. "Ich verwurste, was um mich herum passiert, beobachte zum Beispiel übergewichtige Kinder am Kaugummiautomaten."

Ringsgwandls Herz gehört den Gestörten, Gescheiterten und Quertreibern. "Ich bin durch meine Biographie mit einer gewissen Riege an gebeutelten Personen zusammen gewesen", erzählt er. In dem Glasscherben-Viertel, aus dem er komme, hätten alle gestrampelt. Und auch in den 20 Jahren als Arzt habe er überwiegend mit Leuten zu tun gehabt, denen es eher schlecht gehe. Doch die Strauchelnden böten den interessanteren Stoff. "Deswegen gehe ich auch in keinen Golf-Club, weil da nur Leute sind, die ihr Leben im Griff haben."

Im April bekam Georg Ringsgwandl den Bonner Prix Pantheon 2005, einen der wichtigsten deutschen Kabarettpreise, der sein Lebenswerk als "reif und bekloppt" adelt. Im vergangenen Jahr wurde Helge Schneider damit ausgezeichnet, davor auch Harald Schmidt, Dieter Hildebrandt und Gerhard Polt. "Respektable Ahnenreihe", findet Ringsgwandl. Die Jury würdigte ihn als Kultfigur mit inhaltlichem Tiefgang, als "einen, der sich einen Teufel um die gerade herrschenden Moden schert, der aufrecht auf dem doppelten Boden der Moral steht".

Eine gute Show muß für ihn witzig sein und geistige Substanz haben. "Wie ein irischer Eintopf." In dieser Beziehung habe sich die deutsche Kabarettlandschaft in den vergangenen Jahren sehr verändert: Professioneller sei die Szene geworden. "Als ich 1977 zum ersten Mal auf der Bühne stand, kam man mit allen möglichen lausigen Sachen durch", erinnert er sich. Mit "harmlosem Gestöpsel" müsse man jetzt nicht mehr anfangen. "Die Leute sind viel informierter, schneller, pfiffiger." Natürlich sei auch immer mal Schrott dabei. "Noch halte ich mich ganz zäh' wie ein sturer Ochse."

Und sollte seine Gratwanderung zwischen Blöd- und Tiefsinn einmal keinen Nerv mehr treffen - "dann geh ich wieder ins Krankenhaus und guck mir Krampfadern an."

General-Anzeiger, Bonn 28.04. 2005

Schlange mit Pelz

Georg Ringsgwandl nimmt den Sonderpreis "Reif & Bekloppt" des Prix Pantheon Bonn entgegen und bedankt sich mit einem fast dreistündigen Programm
Von Bernhard Hartmann

Bonn. Nach vier Songs und einigen wilden Tänzen fühlt sich Georg Ringsgwandl soweit erhitzt, dass er ablegen kann. "So, i zieh mi jetzt aus", kündigt er in breitem Bayerisch an und steigt etwas umständlich aus seiner bizarr schwarzweiß gemusterten Hose, unter der ein Paar langer dünner Beine zum Vorschein kommt, das wiederum in schwarzen Nylonstrumpfhosen steckt. Es schließt sich ein Monolog über sein grünes Jackett an, das er ebenfalls abstreift und sorgfältig zusammenlegt.

"Wann i die duachschwitz. . .", sorgt er sich. Die "Jack`" sei nämlich "sauteuer" gewesen, erklärt Ringsgwandl wortreich dem Pantheon-Publikum, echte "Smaragdbaumnatter", die einzige Pelzschlange der Welt, wie das rheinische Publikum staunend aus dem Munde des gebildeten Bayern erfährt.

Im Verlauf des Abends wird er noch häufiger darauf zu sprechen kommen, dass Nordrhein-Westfalen bei der Pisa-Studie weit hinter Bayern rangiere. Seine Heimat, meint er, liege da schon eher mit Finnland gleichauf: "Das muss am Alkohol liegen", analysiert Ringsgwandl mit bajuwarischer Geistesschärfe.

Ringsgwandl ist ein würdiger Träger des Prix-Pantheon-Sonderpreises "Reif & bekloppt", den er zum Auftakt der diesjährigen "11. German-Spaß-und-Satire-Open" aus der Hand von Rita Baus und Reiner Pause entgegennahm. Der 56-jährige, in einem Vorort von Bad Reichenhall geborene Musiker, Kabarettist, Musical-Autor, Kardiologe und ehemalige Oberarzt ist bei seinem Jahrzehnte währenden Feldzug gegen Spießbürgertum, geistige Trägheit, Langeweile immer den unbequemen Weg gegangen, hat sich nie auf Erfolgen ausgeruht.

Für die Münchner Kammerspiele schrieb er ein Musical über Ludwig II. und für Köln 1994 die "Tankstelle der Verdammten" mit Gerd Köster in der Hauptrolle, eine "lausige Operette", wie ihr Schöpfer meinte. Und er ist immer wieder mit Solo-Programmen auf Tour gegangen. Auch wenn er die Schminke nicht mehr gar so grell aufträgt und die weißblonde Perücke in der Requisite bleibt, ist er noch lange nicht leise geworden. Und hat immer noch mehr Biss als die meisten seiner Kollegen, wie er in Songs wie dem vom "Garten-Nazi" zeigt, der dort wohnt, "wo die Straßen Vogelnamen haben".

In Bonn trat er mit musikalischer Unterstützung des Nick Woodland Trios auf, das den Songs von Ringsgwandl ein amerikanisches Blues-, Country und Rock'n'Roll-Fundament verlieh, angereichert mit groovigen Soli des in existenzialistischem Schwarz gewandeten Gitarristen Woodland. Mitreißend etwa die Cover-Version von Chuck Berrys "You Never Can Tell" vor der Pause des fast dreistündigen Programms.

Gelegentlich muss das fulminante Trio dem Meister die Bühne überlassen. Dann, wenn Ringsgwandl zu langen, absurden Erzählungen anhebt, oder sich mit seinen Stelzenbeinen vor ein Keyboard stellt und zu improvisieren beginnt: "Ich spiel auf dem Keyboard eine Oper, die wo ich im Waldorfkindergarten gelernt hab`. . .", nuschelt er ins Mikrophon. Die Augen blinzeln, und seine lange Nase ragt unter dem Rand einer seltsamen Wollmütze hervor. Als er einmal rückwärts vom hohen "Liedermacherstuhl" fällt, glaubt er, das sei der "Fluch von Reinhard Mey".

Ähnlich wie bei seinem Vorgänger als Sonderpreis-Träger des Bonner Prix Pantheon, Helge Schneider, ist in Ringsgwandls Geschichten der Weg das Ziel, sie brauchen keine Pointe und sind dennoch zum Brüllen komisch. Die Jury des Prix Pantheon, heißt es in der Begründung, zeichne mit Georg Ringsgwandl einen Musik-Kabarettisten aus, der "aufrecht auf dem doppelten Boden der Moral steht". Ringsgwandl selbst würde es vielleicht so sagen: "Hühnerarsch, sei wachsam." Und sich mit gekreuzten Beinen und der Eleganz einer Ballerina verbeugen.

Süddeutsche Zeitung 26.04. 2005
Seit 30 Jahren auf der Bühne

Der Vogelwilde

In Bonn wird heute der Kabarettist Georg Ringsgwandl mit dem Prix Pantheon ausgezeichnet

Von Christina Maria Berr

München - Angefangen hat alles mit Frau Kranawittvogel. Frau Kranawittvogel kam aus dem zehn Kilometer enfernten Urwies nach Staufenbrück geradelt. Es war kalt, windig und es war der 15. November 1948. In dieser Nacht sollte die englische Königin ihren Sohn Charles auf die Welt bringen. Dem Prinzen standen die Ohren ab, aber ansonsten war alles normal an der königlichen Geburt. Von all dem wusste Frau Kranawittvogel nichts, und es hätte sie vermutlich ohnehin nicht interessiert, denn sie war selbst beschäftigt mit einer Geburt. Frau Kranawittvogel war Hebamme und sollte an diesem Tag in Staufenbrück, einem Vorort von Bad Reichenhall, Georg Ringsgwandl auf die Welt bringen.

Und Prinz Charles? "Der weiß das gar nicht, deswegen stochert er so ziellos herum", sagt Ringsgwandl und grinst. Der Kabarettist sitzt in seiner leer geräumten Münchner Wohnung und malt mit dem Finger ein Schlagzeug in die Luft. Normalerweise probt hier seine Band, aber sie würden nicht viel proben, sagt er, "den Endschliff bekommen die Lieder auf der Bühne". Zeit genug also, um zwischendurch die Wohnung zu weißeln. "Ich hab einen bayerischen Handwerker beauftragt." Ringsgwandl sitzt an einem leuchtblauen Tisch, auf dem eine quietschgelbe Kaffeekanne und eine grüne Milchtüte stehen. Ein bisschen sieht es aus, als säße er in einem Bühnenbild.

Hauptberuf Kardiologe

Ringsgwandl, der mit seiner Familie in Murnau lebt, ist Kardiologe, Schauspieler, Musiker und ein begnadeter Kabarettist. Das fand auch die Jury des Prix Pantheon und verleiht ihm am heutigen Dienstag im Bonner Pantheontheater die Auszeichnung in der Kategorie "reif und bekloppt". Der Künstler erhält damit einen wichtigen Kabarettpreis, mit dem schon Harald Schmidt, Gerhard Polt und Dieter Hildebrandt geehrt wurden.

Seine Augen blicken hektisch umher, während er erzählt, und dann springt er auf und rennt mit seinem Stuhl in die Küche, weil dort nun die Sonne durchs Fenster scheint. "Das ist eine Wechselwohnung." Ringsgwandl spricht bayerisch und manchmal, wenn er nicht mehr verstanden wird, bemüht er sich auch hochdeutsch zu sprechen, was aber sehr künstlich klingt. "Man muss ja nicht dem Omnipotenzwahn unterliegen", findet er. "Ich bin ohnehin kein massenverwertbarer Artikel."

Ringsgwandl ist ein Star der 80er Jahre. Kaum jemand hat diese Zeit so gut beschrieben wie er. "Wir waren eine Insel der ungestörten Glückseligen und Wohlhabenden. Wir hatten ja nur Lifestyle-Probleme." Dann erzählt er, dass er eine Depression hatte, die niemand bemerkte. Eine Bühnen-Depression. Und weil er Arzt ist, sagt er "eine larvierte Depression". Ein bisschen hat er Ähnlichkeit mit dem Monaco Franze. Die Depression sei jetzt vorbei. Im Laufe der Jahre ist er bei seinen Auftritten dezenter geworden und stiller und ungeschminkt. Damit ist nun Schluss. "Jetzt wird's wild." Schminke, Klamotten, Lärm, alles wieder da. Neue Glitzeroase, Damenschuhe, Badeanzüge hat er schon besorgt. Gleich um die Ecke ist so ein Ringsgwandl-Laden. "Zwischen all den Tinten, Showgesten und ausgetickten Hausfrauen fall ich gar nicht auf." Wenn er eine Idee hat, irgendwo im Auto oder in der Badewanne, schreibt er sie auf einen Zettel und steckt ihn in die Hosentasche. Von dort wandert er irgendwann in eine Kiste hinein. Fertig. Erst wenn er wieder einen neuen Song braucht, wühlt er in der Kiste. Die Idee, das ist die erste Zeile. "Danach fängt ja erst die Arbeit an", sagt Ringsgwandl. Wenn einer der Musiker dann in der ersten Probe sagt: "Wie hast du das gemeint?", landet der Song sofort wieder in der Mülltonne. Seine Band, das sind Christian Diener am Bass, schlank und jungenhaft. Umso dicker dagegen Gerwin Eisenhauer am Schlagzeug, der meist so aussieht, als würde er im nächsten Moment in die Trommel fallen. An der Gitarre sitzt Nick Woodland, mit dem er seit 1992 zusammen arbeitet. Woodland blickt fast immer zu Boden, den Mund offen, ein Fuß schlägt im Takt mit, und er sieht dabei so aus, als ginge ihn das alles gar nichts an.

Charmant und ordinär

Seit 30 Jahren steht Ringsgwandl auf der Bühne - zunächst allein mit der Gurkenkönigs Hausfrauenshow, dann tingelte er mit einem Trio durch die Lande. 1988 erschien das Programm "Trulla! Trulla!", das ihn bekannt machte. Er schrieb Musicals, zuletzt "König Ludwig - Die volle Wahrheit" und "Tankstelle der Verdammten", die an den Münchner Kammerspielen aufgeführt wurden. Seine Show "Prominentenball" am Residentheater läuft noch.

Bei seinen Bühnenstücken ist jeder Witz aufgeschrieben. Wenn er jedoch mit seiner Band unterwegs ist, dann schimpft er über die Grünen und über Stoiber und erzählt von seinem Schlagzeuger, der ihm auf einer Tournee abhanden gekommen ist. Dann kommt Skurriles aus dem Leben der Schwester: Wenn sein Schwager ein Fledermäuschenhäuschen im Garten aufstellen muss, steht der Kabarettist daneben und betrachtet amüsiert die Szene. So zumindest stellt man sich das vor, wenn er es erzählt, später, auf der Bühne.

Wie eine Damentasche hängt Ringsgwandl dann die Mikrofonschnur über die Schulter und packt eine Zeitung aus. Lokalnachrichten. Bayerns griabigstes Wirtshaus gesucht. Hochzeitsmesse. Ringsgwandl fabuliert über solche Nachrichten, improvisiert über jedes Thema, das er findet. Witzig, charmant, manchmal heftig und ordinär. Dabei schiebt er seine Lippen hin und her, bläst sie weit auf. Im nächsten Moment saugt er sie an, so dass nur ein schmaler Strich bleibt. Irgendwann kreuzt er ein Bein nach hinten und verbeugt sich wie eine Ballerina: "Ihr dürft Schorschi zu mir sagen. Tschau."

Traunsteiner Tagblatt 20.04. 2005

Es brennt kein Licht am Arsch der Welt

Georg Ringsgwandl zu Gast in der Traunsteiner Kulturfabrik NUTS

Eine Preisverleihung steht an, das Programm sitzt, ist aber noch nicht getestet. Nicht vor Publikum. Was also macht ein Künstler, der etwas auf sich hält, in so einem Fall? Richtig, er ersucht um einen Auftritt im NUTS. Denn dort findet sich das schärfste Publikum, der unbestechlichste Kritiker, das beste Pils. Also auf nach Traunstein, dachte sich Georg Ringsgwandl, und ich weiß, was Sache ist, so oder so.

Er hat's nicht bereut, glaube ich. Und das NUTS, das an diesem Abend aus allen Nähten zu platzen drohte, auch nicht. Wobei ich hinzufügen muss, dass sein Gastspiel auch für mich eine Premiere war, dass ich den Musiker und Kabarettisten bislang nur aus dem Fernsehen kannte. Und da dominierte eher sein wunderliches, clowneskes Erscheinungsbild, sein Image als schriller, abgefahrener Hund der Szene. Was er also wirklich auf dem Kasten hatte, wie er live rüberkommen würde, keine Ahnung.

Somit war die erste Überraschung des Abends: von überdrehter, egomanischer Performance keine Spur. Ganz im Gegenteil: unterstützt von drei hervorragenden Musikern (Nick Woodland, Gitarre; Gerwin Eisenhauer, Schlagzeug; Christian Diener, Bass) bot Ringsgwandl ein rundes, temporeiches Programm, das mühelos grundsolide Rockmusik mit kabarettistischen Einlagen vermischte, wobei ihm letztere häufig als Ansagen bzw. Überleitungen dienten, die dann in teils improvisierte Reflexionen zu allen möglichen (und unmöglichen) Themen ausuferten. "Alte Reißer und frisches Gwachs" nennt er sein Programm, und entsprechend legte er los, der agile Mittfünfziger, um das Publikum heiter-ironisch zu belehren, wo's langgeht. Oder auch, wo's herkommt. Das, wovor wir uns fürchten sollen. Denn "Hühnerarsch, sei wachsam". Zum Beispiel, wenn Papa ein Jähzorn-Gen intus hat. Das über Nacht zum Sektierer-Gen mutieren kann, oder wie sonst wäre es zu erklären, dass die Schwester bei den Zeugen Jehowas gelandet ist. Da hilft dann auch kein Feng Shui mehr, oder ein Bärli-Schlafanzug. Nicht verschmähen sollten wir hingegen den Gebrauch von Stofftaschentüchern. Die legt man getaner Rotzarbeit einfach über die Heizung und schüttelt sie am nächsten Morgen kurz aus. Und wie man eine lapidare Zeitungsmeldung über eine betrügerische Russin in Wien zu einem wahnwitzigen Exkurs über Namensgebung inklusive Polit-Theater ausweiten kann, auch das demonstrierte Ringsgwandl so unnachahmlich wie pointensicher.

Musikalischer Einstieg war "Um sechse in der Früh, da stehst du ned auf." Stimmt. Aber auch die Garten-Nazis, die mit der Nagelschere den Rasen schneiden, wurden in "Nimmer Stadt und noch nicht Land"" aufs Korn genommen, und Ringsgwandl selbst präsentierte sich im "Lied eines Unangepassten" als Bremsklotz für die Konjunktur, ("den Aufschwung auf dem Gewissen, der Ringsgwandl hat`s verschissen.") Prall und leicht makaber seine "Jedermann"-Version, und einfach grandios seine eingedeutschten Fassungen von Chuck Berrys 50er Jahre-Hit "You Never Can Tell" (bekannt aus der Tanzszene in "Pulp Fiction") mit "Irgendwie werd's scho wern" und von Bob Dylans "Gotta Serve Somebody" mit "Du derfst nix mitnehma". Zwar hatten die Texte mit dem Original nurmehr wenig zu tun, Stimmung und Poesie aber blieben aufs Feinste erhalten.

Nach etlichen Zugaben meinte Ringsgwandl zum Abschied dann noch: "Geile neighbourhood hier in Traunstein." Ja dann.

Wolfgang Schweiger

Der Standard.at 16.03.05

Georg Ringsgwandl nun offiziell "reif und bekloppt"

Die Jury des Kabarettpreises Prix Pantheon 2005: Der Bayer steht "aufrecht auf dem doppelten Boden der Moral"

Bonn - Der bayrische Musiker und Kabarettist Georg Ringsgwandl (56) erhält den Bonner Kabarettpreis Prix Pantheon 2005. Die Jury würdige mit Ringswandl eine "Kultfigur" mit inhaltlichem Tiefgang und einen Musik-Kabarettisten, "der sich einen Teufel um die gerade herrschenden Moden schert", teilte das Kleinkunsttheater Pantheon am Donnerstag in Bonn mit. Der Satirepreis gilt als einer der angesehensten Kleinkunst- und Comedyauszeichnungen im deutschsprachigen Raum.

"Wurschtiger Witz"

Ringsgwandl stehe "aufrecht auf dem doppelten Boden der Moral", hieß es in der Jury-Laudatio. In seinen Liedern beschreibe er die verzweifelt kämpfende Kreatur, mit erbarmungsloser Freude am entlarvenden Detail. In Bayern werde er für seinen "wurschtigen Witz" geschätzt, in anderen Landstrichen gelte er als "schrill und abgefahren". Mit weißblonder Perücke und seltsamen Hutkreationen erscheine er wie ein Besucher von einem anderen Stern. "Doch weit gefehlt: hier steht einer, der die ganz normale Absurdität des Alltags kennt - ein Gegenentwurf zu all jenen, die ängstlich durchs Leben huschen."

"Reif und Bekloppt"

Ringsgwandl wird mit dem mit 4.000 Euro dotierten Pantheon-Sonderpreis "Reif und Bekloppt" ausgezeichnet. Im Vorjahr hatte der Komiker Helge Schneider die seit 1995 vergegebene Auszeichnung erhalten, mit der Künstler gewürdigt werden, die "seit langen Jahren sich selbst und ihrer Kunst treu geblieben" sind. Zu früheren Preisträgern zählen unter anderem die bayrischen Kabarettisten Gerhard Polt und Dieter Hildebrandt sowie TV-Entertainer Harald Schmidt.

Die Gewinner in zwei weiteren Kategorien des Prix Pantheon werden bei den "11. German Spass- und Satire-Open" ("Comedy- und Kabarett-Olympiade") im Pantheon vom 27. bis 28. April 2005 im direkten Wettstreit von Jury und Publikum ermittelt. Die Preisverleihung an Ringsgwandl erfolgt bei einer Gala am 26. April im Pantheon. (APA/dpa)

Kölner Stadt-Anzeiger 11.03. 2005

Portrait - Zweite Karriere eines Kardiologen

Ehrung für Musikkabarettist Ringsgwandl

Er bezeichnet sich selbst als einen "soziologischen Komposthaufen", der 1948 in einem Vorort von Bad Reichenhall geborene Musikkabarettist Georg Ringsgwandl. Ende April wird er mit dem Sonderpreis des Bonner Kabarettpreises "Reif & Bekloppt" ausgezeichnet. Wenn jemand beide Eigenschaften in sich vereint, dann der gelernte Kardiologe, der seinen Beruf 1993 aufgibt - zugunsten einer Bühnenlaufbahn.
Den Grundstein dazu hat Ringsgwandl allerdings schon in frühen Jahren gelegt. Als Achtjähriger bekommt er eine Zither geschenkt, mit 14 lernt er Posaune. Weil er mit 18 Jahren an Tuberkulose erkrankt, ist es aus mit dem Blasinstrument. Stattdessen lernt er Gitarre spielen - was seinen Lungen wesentlich besser bekommt. Drei Jahre nach seiner Promotion 1975 hat der Mann seinen ersten abendfüllenden Bühnenauftritt. "Gurkenkönigs Hausfrauenshow" heißt das Programm, das ihm bis heute den Spitznamen Gurkenkönig eingetragen hat.
Tatsächlich schafft er es - man fragt sich, wie -, während seiner Arbeit als Oberarzt für Kardiologie und Intensivtherapie ein zweites abendfüllendes Programm auf die Beine zu stellen: die "luxuriöse Unterhaltung mit Dr. Muschnik". 1988 nimmt er den Deutschen Kleinkunstpreis entgegen. Ohne zu übertreiben, darf man wohl behaupten, dass es sich bei Ringsgwandl um den gründlichsten aller Menschen-Sezierer handelt.
In seinen Liedern beschreibt er "die verzweifelt kämpfende Kreatur mit erbarmungsloser Freude am entlarvenden Detail", heißt es in der Begründung der Jury des Prix Pantheon, die den Preis vergibt. Anders gesagt: Ringsgwandl guckt in die Vorgärten, beobachtet den Kleinbürger beim Grillen und Häuslebauen, treibt sich in der Münchener Schickimicki-Szene rum, beschreibt die frustrierte Galeristin und den abgehalfterten Möchtegern-Künstler. Ein erfolgloser Rockmusiker stand im Mittelpunkt der "Tankstelle der Verdammten", seiner "lausigen Operette", die am 30. Dezember 1994 mit Gerd Köster in der Hauptrolle Premiere in der Halle Kalk hatte und 60-mal vor ausverkauftem Haus gespielt, gesungen und gerockt wurde.
Wenn er selber - angetan mit einer weißblonden Perücke und höchst seltsamen Hutkreationen - Luftsprünge vollführend auf der Bühne steht und dabei seine Kopfstimme in die Höhe schraubt, könnte man meinen, ein außergewöhnlicher Vogel treibe hier sein Spiel mit dem Publikum. Und doch ist Ringsgwandl alles andere als abgehoben. Er schert sich weder um Moden noch Ideologien, sondern gehört zu denen, die das bayerische Idiom dazu benutzen, die Prototypen des Alltags in all ihren Ausformungen vorzustellen.
Sein Herz gehört den Gestörten und Desillusionierten, den Träumern und im Leben zu kurz Gekommenen. Sein Kosmos ist bevölkert von achtlos weggeworfenen Unterhoserln und affigen Designerbetten, von Einkaufswagenschiebern und Lebensmittelkontrolleuren, von Müll-Trennern und Hühnerärschen.
Kurz: von allem, was das ganze verrückte Leben so schön macht - nicht nur in Bayern.

MARIANNE KOLARIK