Presse
2006
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Münchner
Merkur, 21.10.06
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Auf
dem Grat zwischen Schmerz und Kommerz
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Ringsgwandl
mit „Der schärfste Gang“ im Gautinger
bosco
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| Von
Freia Oliv |
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Gauting – Ringsgwandl
spinnt einfach. Das haben wir ja schon lange gewusst.
Aber dass spinnen
so Spaß machen kann, das bewies er jetzt mal
wieder in Gauting. Keiner sonst führt sich so
ungeniert auf, jault zum Keyboard grässlichste
Opern, entwickelt skurrilste Horrorszenarien aus
dem Alltag und geistert über die Bühne
wie Frankenstein.
Ringsgwandl
spintisiert aber auch. Über eine
bessere Welt, über ein Leben als Kuh und die
Wiedergeburt als Landwirtschaftsminister mit grenzdebilem
Gschau. Über die beängstigende Umwälzung
im Null-Energie-Haus und über die endzeitliche
Vergnügungssucht, bevor der Russ’ oder
der Bush kommt. Ringsgwandl missioniert also. Der
Modeverweigerer hat sich nicht eingefügt in
die Konsumgesellschaft, aber er versteht sie bestens
zu bedienen: Der Ruf des Revoluzzers eilt ihm weit
voraus und er wird ihm auch heute noch, mit 57 Jahren,
voll gerecht. Das ist genau das, was die Gesellschaft
will: einen Verrückten, durch seine Vergangenheit
als Arzt rehabilitiert, und mit seiner Musik auf
dem Grat zwischen Schmerz und Kommerz.
„Der schärfste Gang“ heißt
das neue Programm, und Ringsgwandl nimmt das zunächst
wörtlich. Robotertänzchen und Rock zum
Auftakt. Dann aber hat sich der Anti-Gewalt-Kurs
doch bezahlt gemacht. Der zwischendurch so grundsolide
Musiker und Zitherspieler freut sich heute, wenn
der Staat via Strafzettel mit ihm spricht. Während
in den Liedern das brave Leben und der garstige Kommentar
dazu zumeist eingängig, balladesk bis rockig,
zuweilen gen independent subsumiert werden, sind
die Kabaretteinlagen und die Soloavancen die härtere
Gangart. Im Blitzziegen-Seidenhemd aus den Endmoränen
der Mongolei erinnert er sich an seine Murnauer Wertanlage-Moorleiche
und träumt vom Urlaub im Gautinger Nagelstudio.
Die
Improvisation, der schräge Ton und die
Gesellschaftssatire sind fein abgestimmt und werden
dialektisch derb präsentiert. Es ist eine Schau
der Gegensätze. Ringsgwandl hat vorrangig Freude
daran, Opern-Reisebusse im Stausee zu versenken.
Hintergründig aber ist es die Lust am Laut,
die ihn auf schräge Musikbahnen führt.
Die Band unterstützt bestens und baut ebenso
auf Kontraklischees: der brave Schlagzeuger Mani
Wildenberger, der egozentrische Bassist Florian Schmidt
und der „derhauene“ Gitarrist Nick Woodland.
Ringsgwandl selbst fühlt sich beim Gangsta-Rap-Hoagascht
so richtig sauwohl. Sein Publikum auch. |
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Linz,
16.10.06
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Comedy
im Posthof
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Anarchie als der Weisheit letzter Schluss
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| Von
Silvia Nagl |
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"Der schärfste Gang" heißt
das neueste Oeuvre des bayrischen Rockkabarettisten
Georg Ringsgwandl, mit dem er am Freitag im ausverkauften
Linzer Posthof gastierte.
Der
Herr Doktor, ehemals Kardiologe in Garmisch-Partenkirchen,
hat 1993 das Skalpell endgültig gegen die Gitarre
und den Krankenhausmief gegen Bühnenluft getauscht.
Dort zieht er seine schräge, abgefahrene, irrwitzige
Show samt choreographischen Bemühungen ab: vom
fröhlich-rotzigen Rockkabarett ("Wäsch
versaun") über ironisch-humoriges Landlertum
mit Durchblicker-Philosophie ("Feng Shui Liad")
bis hin zum hippen Gangsta-Rap an der Zither ...
Alles mit den Bühnengefährten Manni Mildenberger
(Schlagzeug), Florian Schmidt (Bass) und dem altgedienten
Gitarrepoeten Nick Woodland.
Abstruse Gefilde
Er
versteigt sich in die Gefilde der Absurdität
oder gräbt im Sumpf des Alltagsfaschismus Typen
wie den "Garten-Nazi" aus. In der konsequenten
Stilisierung der Bühnen-Ikone Ringsgwandl ist
er inzwischen in einem Stadium angelangt, das ihm
alles erlaubt, ohne dass er ausgepfiffen wird. So
auch eine unglaublich blöde Ein-Mann-Oper. Nach
drei Stunden Ringsgwandl könnte man zur Überzeugung
kommen, dass der Weisheit letzter Schluss nur die
Anarchie sein kann. Furios, grandios, unvergleichlich!
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Münchner
Merkur, 12.10.06
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Verena in der Arona
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Einfach
gut: Ringsgwandl im Circus Krone
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| Von
Johannes Löhr |
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Es
kommt schon verdammt selten vor, dass Rockmusiker
nach einer 20-jährigen Karriere noch etwas von Belang
absondern. Warum also ist Georg Ringsgwandl an diesem
Abend im Münchner Circus Krone immer noch so gut?
Schlicht und einfach: Er pfeift auf Einordnungen.
Was ist er? Ein Rockmusiker gar nicht, dafür sind
seine Texte zu hintersinnig, seine sprachlichen Manierismen
zu komisch und seine ekstatisch ausufernden "choreographischen
Bemühungen" zu himmelschreiend überkandidelt. Als
versuche sich ein Waldorfschüler an einer James-Brown-Bühnenshow.
Für einen Kabarettisten wiederum macht er mit seiner
dreiköpfigen Begleitband schlicht zu mitreißende,
glücklich machend groovende Musik.
Eine
"Masche", die sich nicht abnutzt: Der grell Geschminkte
betrachtet zeitlos gültig die Abartigkeiten der modernen
Zivilisation - vom Hindukusch bis zum Murnauer Moos
- und rückt die Dinge ungeschminkt wieder zurecht.
Der Blickwinkel ist dabei im besten Sinne provinziell:
"Mei Betriebssystem is Boarisch", sagt er. Mit seiner
Informiertheit und Inteligenz verschmilzt dies zu
einer gelehrten Schrulligkeit. So besingt er die
männerhassende Politesse "Vroni von der verkehrberuhigten
Zone" als "Prinzessin von der Parkraumüberwachung"
oder den besoffenen Ehemann, der nicht aus der Kneipe
kommen kann - "er sitzt grad' so guat im Feng-Shui".
Ringsgwandl
selbst hockt sich mit Sonnenbrille und über die Ohren
gezogener Strickmütze als Vorzeige-Rapper "Flashmaster
R." an die Zither, um "some motherfuckin' Stubn-Musi"
zu spielen. Wie schmerzhaft ein Lachkrampf sein kann,
erfahren wir beim Bericht vom Ehekrach im Niedrigenergiehaus
und dem missglückten Opernprojekt bei der "Verena
in der Arona". Nicht bloße Nebenfiguren sind dabei
der irrwitzig lässig aufspielende Gitarrenvirtuose
Nick Woodland sowie Bassist Florian Schmidt und Schlagzeuger
Manfred Mildenberger. Was der genau ist, wissen wir
zwar nicht - aber er wird immer besser. |
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Schwäbische
Zeitung, 14.08.06
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Ringsgwandl
entzückt wieder sein Publikum
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ISNY-
Georg Ringsgwandl ist - ohne Blondhaarperücke
aber mit Band und seinem Programm "Alte Reißer & Frisches
Gwachs" - am Freitagabend als vorletzter Act
beim Theaterfestival aufgetreten. Draußen
tobte der Regen, drinnen das Publikum.
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| Von
Lisa Contag |
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Dennoch
konnte einem mitunter melancholisch zumute werden,
schien es doch, als sehe man vor sich den wertvollen
Vertreter einer selten gewordenen Spezies. So sonderbar
es klingen mag, das immer schon gewesene Unikum Ringsgwandl
einer Art zuordnen zu wollen, so klar scheint, dass
der Blick, den der 57-Jährige auf die Welt und
die Dinge bewahrt hat, in einer Zeit grassierender
Sehen- und-Vergessen-Gewohnheit rar geworden ist.
Ringsgwandls
sprühende Schrägheit, seine
fahrig-lässigen Meander-Sätze waren wohl
wie immer. Und doch klang das Freche, Provokative,
Derbe oder Abstruse, das es zu hören gab, nun
oft auf eigentümliche Art leise weise. Wenn
Ringsgwandl Robbie Williams kategorisch zu "Robi
Wiliam" reduzierte, etwa, dann war das, als
würden die Prioritäten zurechtgerückt;
und wenn er wiederholt zu Geographie-Exkursen anhob,
um sicherzustellen, dass das Publikum sich auskennt,
in der eigenen Heimat, auch.
Keine blonden Haare, diesmal
Auf
sein Markenzeichen, Blondhaarperücke und
schrille Schminke, verzichtete Ringsgwandl in Isny.
Zwar gab es Kostümwechsel, doch die meiste Zeit
spazierte er (dezent bemalt) in Anzug und Hut über
die Bühne. Nicht, dass das Programm dadurch
in irgend einer Weise verloren hätte. Ganz und
gar nicht.
Es
gab wieder jede Menge Liedgut, zum Beispiel über
die "Vroni von der Verkehrsberuhigungszoni",
einen "Gängstarapperstubenmusizitherrap",
und auch ein historisch verbriefter Opiumplomben-Schwesternkuss
in der Justizvollzugsanstalt Kempten wurde am Mikrophon
nachgestellt.
Manchmal
führte Ringsgwandl den Zeitgeist an
der Nase herum: zappelte flapsige Choreographien
im Stile gängiger Video-Clips und sang dazu
Songs über Feng Shui und die kinderlose Gesellschaft;
oder hielt einen fachmännischen Angeber-Vortrag über
Markenkleidung - und Transpiration. Manchmal wurde
er grimmig, zum Beispiel in der traurigen "Volksmusik" über
den kleinen Mann im Irak und in Afghanistan.
Versiert
unterstützt wurde er von der Münchner
Studiolegende Nick Woodland (Gitarre), dem ambitionierten
Florian Schmidt (Bass) und dem viel versprechenden
Manfred Mildenberger (Schlagzeug), zusammen seine "Kapelle".
Hinter dem Vorhang verschwand diese, als Ringsgwandl
in Blumen-Strass-Pulli, eine Kissenbezug-Goldmütze
auf dem Kopf, zu seiner solistischen Meisterleistung
des Abends anhob, der gesungenen Geschichte von seiner
Oper "Verena in Arona". Zu blipsigem Synthesizer
trällerte in ringsgwandelschem Falsett eine
Prinzessin ihre Pferdearie, sank ein Drei-Sterne-Reisebus
voller Opern-Touristen bis auf den Grund eines Stausees
("blubblub"), wälzten sich 230 Elefanten
auf die Bühne. Gerne hätte man einen Rückspul-Knopf
gehabt, um sich das Ganze nochmal anzuschauen. Das
Publikum behalf sich stattdessen mit Handarbeit.
Ringsgwandl entlohnte es großzügig.
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Weserkurier,
14.01.2006
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Im
Kern des Clowns brodelt der Schmerz an der Welt
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Ein
Schelm, der Böses dabei denkt: Georg Ringsgwandl
und seine Band begeisterten im Theater am Goetheplatz
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| Von
Christian Emigholz |
| BREMEN.
Für Bestattungsunternehmer müssten Gastspiele von
Georg Ringsgwandl eigentlich Festtage sein. Kaum
ein anderer beschäftigt sich derart eingehend mit
Särgen, Tod und (bei Bedarf) Teufel, schielt auch
- schamhaft oder schamlos - auf Gott, stellt Fragen
nach dem Ende des Diesseits und liefert Ausblicke
auf das Jenseits, weiß sogar Antworten wie "Nix mitnehma".
Das
bedeutet nun keineswegs, dass sich im Publikumsraum
Trauergesellschaften einfinden würden. Das genaue
Gegenteil ist jetzt beim Auftritt von Ringsgwandl
und seiner dreiköpfigen Band im Theater am Goetheplatz
der Fall gewesen. Das Publikum kichert und lacht,
bald laut, bald leise, johlt vor Begeisterung und
immer wieder gibt es donnernden Applaus, der zuletzt
gar nicht enden will. Keine Frage, der Clown auf
der Bühne ist auch zu komisch mit seinem feinen
Grinsen, seinen merkwürdigen Monturen und den eigenartigen
Körperverrenkungen, die unentschieden zwischen
bräsiger Rockpose und chiffonflatterndem Ausdruckstanz
changieren.
Aber
wie bei allen großen Clowns scheint auch tief in
Ringsgwandls innersten Kern die Galle des Melancholikers
zu brodeln, der den Schmerz an der Welt, der Gesellschaft
und ihren Gegebenheiten fühlt, dies alles nur schlicht
ins Komische wendet. So erscheint er uns als Schelm,
der Böses dabei denkt.
Ringsgwandl
reist nicht nur in Sachen Tod, seine Themen sind
vielschichtig durch die Gesellschaft verstreut.
Der Komödiant widmet sich allen möglichen Verhältnissen
unmd Zuständen, wichtigen Problemfeldern wie der
falschen oder richtigen Ernährung von Hunden, der
Bedeutung des Stofftaschentuchs für die Menschheitsgeschichte
oder die Entwicklung der bayrischen Sprache aus
Kuhlauten.
"Alte
Reißer und frisches Gwachs" hat er das Programm
genannt, in dem sich tatsächlich allerhand alte
Reißer von der legendären "Marion vom Waschsalong"
bis hin zum "Garten-Nazi" finden. Daneben aber
sind auch Neuigkeiten zu entdecken wie "Reiß' die
Hütten weg", für das Ringsgwandl eigens eine auf
Bremens Spacepark gemünzte Strophe ("Was steht
da rum in Walle?") geschrieben hat.
Aber
neu wirken bei dem Mann aus Murnau ohnehin auch
die alten Songs, denn die garniert er mit scheinbar
extemporierten Moderationen und variiert die Texte.
Zu einer Komödiantischen Sterstunde wird sein Solo,
bei dem er Einblicke in sein Schaffen als Opernkomponist
gewährt. - Tatsächlich hat er bereits einige Theaterstücke
geschrieben, warum also nicht auch bald eine Oper?
- Das ist ein wüstes Spektakel mit vorgeblich 250
Elefanten, Knabenchor und dramatischem Sopran,
wobei Ringsgwandl sämtliche Rollen singt, besser,
ansingt und zwar vom Rezitativ bis zum Arioso -
eine ausgemacht verstiegene, absurde und fantastische
Valentiniade.
Anders
als in frühen Jahren räumt Georg Ringsgwandl seiner
Begleitband während des Auftritts auch Raum für
Eigenes ein: Schlagzeuger Manfred Mildenberger darf
sich auch als sympatisch jungenhafter Sänger profilieren,
Gitarrist Nick Woodland erhält ebenso seinen Solopart
wie E-Bassist Florian Schmidt, womit zugleich die
Kleiderwechsel des Chefs geschickt überbrückt werden.
Ein fulminanter Abend! |
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FAZ,
09.01.2006
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Vierfach persönlich gespalten
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Georg
Ringsgwandl in der Alten Oper
|
| Von
Roman Weigand |
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Nachhaltig
lebt er, der Ringsgwandl Georg. Dem Katarrh, wie
der Bayer
altgriechisch zum Schnupfen sagt, begegnet die Ikone
des weißwurschtigen
Musikkabaretts umweltverträglich mit Großvaters
Stofftaschentüchern.
Hygienisch bereitet er die Erbstücke aus Weltkriegszeiten
immer wieder auf.
So demonstriert es Ringsgwandl in der Frankfurter
Alten Oper: benutzen, auf
die Heizung legen, ein paarmal kräftig auseinanderziehen,
fertig! "Scho kost
se ana Frau wieda obieten."
Ringsgwandl
selbst hat eine ähnlich lange Halbwertzeit.
Seit 30 Jahren
behandelt der frühere Kardiologe, der 1993 den
Arztkittel endgültig an den
Nagel hängte, die Herzen seiner Fans mit musikalischen
Mitteln
unterschiedlichster Rezeptur. Auch sein neues Programm "Alte
Reißer& Frisches Gwachs" kredenzt schrille Farben, schräge
Töne und schnelle
Wechsel. Ein buntes Gemisch aus Bekanntem und Neuem
erklingt im Mozart-Saal.
Rockige und bluesige Nummern stehen neben funkigen
Crossover-Hüpfeinlagen
und Verulkungen der Neuen Musik. Für seine "Gangsta-Rappa-Stuben-Musi" auf
der Zither zieht Ringsgwandl den Schritt der blau-weiß karierten
Hose nach
Ghetto-Art in die Knie. Nicht zu vergessen die Wollmütze
und die coole
Brille: "Yo, Yo".
Die
Band präsentiert sich in glänzender
Spiellaune. Bassist Florian Schmidt
sieht mit seinem silbergrauen Raumanzug aus, als
käme er aus einer fernen
Galaxie. Musikalisch ist er jedoch gut geerdet. Zusammen
mit Schlagzeuger
Manfred Mildenberger, der sich um sein abgespecktes
Instrumentarium windet
wie Keith Jarrett um den Flügel, erzeugt er
ein grooviges Fundament. Wenn es
darauf ankommt, geben die beiden richtig Gas, wechseln
schnell Tempo und
Stilistik, scheuen aber auch vor minimalistischen
Passagen nicht zurück.
Dabei greift der kauzige Gitarrist Nick Woodland
schon mal zur Mandoline,
wenn er nicht gerade ein leises Klavier-Intro mit
schneidender
Wah-Wah-Gitarre für beendet erklärt oder
seinem Chef mit wehmütigen
Bottleneck-Soli eine Atempause verschafft.
Die
Musiker harmonieren gut mit Ringsgwandl, dessen
Metier die Gegensätze
sind. Er palavert bajuwarisch und meint es kosmopolitisch,
textet wie ein
Mann und gestikuliert wie eine Frau, singt wie ein
Bayer und geht wie ein Ägypter. Androgyn ziert
er sich, tänzelt hin
und her, läßt die Hände
kreisen, kokettiert und beschwichtigt, verführt
und weist zurück. Augen und
Lippen sind kräftig geschminkt, die Kleidung
wechselt er im Flug: eben noch
Rapper, jetzt schon erstaunlich nahe am Transvestiten,
mit femininem
Blümchenoberteil, schwarzen Leggins und weißen
Schuhen, dazu einem orangen
Umhang mit blauem Schal. "Des muß ma fei
tragen können."
Auf
seinem Hocker schlägt er, eine Mischung
aus Sharon Stone und Lilo
Wanders, die Beine übereinander und pumucklt
laut aufjauchzend die Arien
seiner atonalen 16-Stunden-Oper. Er hat sie eigens
für die B-Prominenz des
deutschen Vorabendfernsehens und 260 ausgemusterte
Aida-Elefanten
komponiert.
"Ferdi" hätte
es nicht besser gemacht und Hape Kerkeling vermutlich"
gehurzt", was das Zeug hält, wäre
er nur dabeigewesen. Ringsgwandl betreibt
jedoch mehr als nur schöngeistige Kulturkritik.
Er geht ans Eingemachte, an
die Psyche: "Sog moi, bin i deppert, in einer
depperten Welt?" heißt es in einem Song, "bin
i schizophren, hot's mia des Hirn varrissn?" Wohl
eher ist
es sein bayerisches "Betriebssystem", mit
dessen Hilfe der nach eigenem
Bekunden vierfach persönlich Gespaltene manches
anders sieht als die
Menschen nördlich des Limes. "Des eigentliche
Lebn spuilt si im Dialekt ab",
sagt er und brüllt kehlig die Eigenarten der
dritten Lautverschiebung: "I
wui" reimt sich auf "pfui" und auf "Feng
Shui". Die Denkart des Bayern sei
dem Tier und dem Asiaten also ungleich näher
als dem deutschen
Hochsprachler, lautet die Schlußfolgerung.
Im vergangenen Jahr hat man Ringsgwandl den "Prix
Pantheon" in der Kategorie"
Reif und Bekloppt" verliehen. Seine Kapriolen
um Smaragdbaumnattern und
Luxusschnalln, um Gartennazis, Konsumverweigerer
und falsch ernährte Hunde
seien "frei von ideologischen Einflüssen",
heißt es unmißverständlich in der
Laudatio. Sofern das Bayerische keine Ideologie ist,
möchte man ergänzen." Aber so is hoit's Lebn, irgendwie wird's scho wern."
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Frankfurter
Rundschau,
09.01.2006
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Der Vogelwilde
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Georg
Ringsgwandl lässt
in der Alten Oper die Ohren klingeln
|
| Von
Michael Neuner |
| Beinah
wär das ältere Paar im falschen Saal der
Alten Oper gelandet: Die Kartenkontrolleurin hat's
gemerkt, sie zu Sinatra & Co. in den Großen
Saal bugsiert und Schlimmeres verhindert. Denn Hochglanzunterhaltung
hat Dr. Georg Ringsgwandl (Kardiologe!) nicht zu
bieten, vielmehr ein "Dreikönigstreffen
der Irrsinnigen-Partei". Auch das ein Gesamtkunstwerk,
aber ein bitterböses. Mit Garten-Nazis und Vegetarierschlampen,
Hühnerärschen und VHS-Leiterinnen. Ein
Abend, der endlich mal wieder anständiges Musikkabarett
nach Frankfurt brachte. Böse sind die Geschichten um kleinbürgerliche
Idyllen und die Hoffnung auf Lebensglück; aber
verletzend gegenüber den Frustrierten, Bekloppten
und Abgehalfterten wird Georg Ringsgwandl nie. Seine
Feindbilder sind: Die Trenchcoatträger, die
Reichen, die Nichtskönner, die Aufgeblasenen.
Gern setzt der Bayer seinen Dialekt ein sowie alpenländische
Brauchtumsgegenstände (er spielt glänzend
Zither, wenigstens in F-Dur).
Gewiss, wenn Ringsgwandl im Gaze-Fummel über
die Bühne springt, ein vogelwildes Gesicht macht
und schreit, dass einem die Ohren klingeln, wird's
schon befremdlich. Aber so exaltiert er sein kann,
so politisch auch, so sehr nimmt er sich dann wieder
zurück mit pointenlosen Geschichten, bei denen
alle Seligkeit im Erzählen liegt.
Das musikalische Niveau steht Ringsgwandls
choreografischen und wortartistischen Bemühungen in nichts nach.
Gitarrist Nick Woodland, Bassist Florian Schmidt
und Schlagzeuger Manfred Mildenberger sorgen für
Unterhaltung, wenn der Chef sich mal abtrocknen
oder umziehen muss. Ansonsten verleiht das Trio
den Songs
von Ringsgwandl ein Blues-, Country- oder Rock'n'Roll-Fundament,
angereichert mit groovigen Gitarrensoli und Schlagzeugeinlagen,
die allein das Geld schon wert sind.
Direkt vors Schienbein
Gerade weil sich Ringsgwandl weder
um Moden noch um Ideologien schert, kann er seine
Alltags-Prototypen
und ihre Deformationen so schön beleuchten.
Das rückt ihn in die Nähe der großen
Menschen-Sezierer Karl Valentin und Helmut Qualtinger.
Seine Kunst, entlarvende Details mit erbarmungsloser
Freude zu beschreiben - und dabei den Richtigen vors
Schienbein zu treten -, ist so vital wie großartig.
Für Vegetarier und Anthroposophen war der Abend
nur bedingt geeignet; auch das Feng Shui im Mozartsaal
dürfte gelitten haben. Aber bis zum nächsten
Streichquartettauftritt müsste das wieder
in Ordnung sein.
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Wiesbadener
Kurier, 09.01.2006
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Als
Paradiesvogel getarnter Zyniker
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Alte Oper: Performance von Georg
Ringsgwandl |
| Von
Peter Müller |
| FRANKFURT "Grüne Smaragdbaumnatter, die
einzige Pelzschlange der Welt", wahlweise Strumpfhose,
orange-seidenener Morgenmantel, Schlapphut und giftiger
Lippenstift - das ist der Stoff, aus dem seine tuntigen
Outfits sind. "Multidilettantismus", versetzt
mit absurdem Theater, gepflegtem Krautrock oder Blues
und munterem Anarcho-Kabarett - das sind die Zutaten,
aus denen seine schrille Kunst gebacken ist. Jedes
Mal neu, jedes Mal unberechenbar. "Deppert in
einer depperten Welt?", wie es der Opener verspricht?
Ein Otto Walkes auf LSD oder nur ein durchgeknallter
Anwalt der Normalverlierer? Vielleicht, vielleicht
auch von allem ein bisschen. Jedenfalls kommen Songs
und Denk-Kapriolen jenseits bekannter Schubladen dabei
heraus: dezent apokalyptisch, lakonisch wurschtig,
exzentrisch bis irritierend doppelbödig. Georg
Ringsgwandl bleibt ein tief bajuwarisches, und irgendwo
doch universelles Gesamtkunstwerk des Schrägen.
Einer, der gar nicht wissen will, wer er ist, weil
diese Entdeckung ihm wohl Weltschmerz bescheren würde.
Also lässt er die Analyse und probt seine Narreteien öffentlich,
was ihm gerade noch den "Prix Pantheon, Kategorie "reif
und bekloppt" brachte. Statt
am offenen Herzen zu operieren, tingelt der Ex-Kardiologe
nun schon seit gut zwei Jahrzehnten
vorzugsweise mit seiner "Krattler-Combo" über
die Bühnen der Republik, conferiert sich durch
den Irrsinn des Alltags, ironisiert die eigene Performance
und verschmilzt Jango Edwards mit Dire-Straits-Rock
zum undefinierbaren Ganzen. Das immerhin korrespondiert
mit einem Dialekt, der sich im ausverkauften Mozartsaal
der Alten Oper erst nach erklecklicher Eingewöhnungszeit
als niederbayerisch-tirolerisches Kauderwelsch verorten
lässt. "Alte Reisser & Frisches Gewachs" titelt
die Test-Tour zur für Mai avisierten CD/DVD.
Da gibt es nun in der Münchner Vorstadt, wo
die Straßen Vogelnamen tragen und braune Gartenzwerge
den Weg weisen, wieder den alten "Garten-Nazi" zu
entlarven, "Hüttn" - will heißen:
die Allianz-Arena - "wegz´reißen" oder
Wollmütze und Sonnenbrille überzustreifen,
um als grimmig "Motherfucker" murmelnder
Gangstarapper (mit Zither!) sich selbst mitsamt aller
Berliner Polit-Phrasen als "Bremsklotz der Konjunktur" zu
outen.
Dazwischen verulkt Ringsgwandl mit
vorsätzlich
verquerem Bewegungsvokabular Rocksaurier wie Jagger
und Co., er fabuliert über "Vegetarier-Schlamp´n
in der "Fachwerk-Studenten-Kommune" Tübingen,
konstatiert "Mein Hund wird falsch ernährt" oder
referiert über die Aufbereitung vollgerotzter
Taschentücher. Witzig sind die mit optimistischer
Resignation verkündeten Anekdötchen des
als Paradiesvogel getarnten Zynikers nur selten,
eher schon makaber, illusionsfrei und giftig-bissig.
Ringsgwandl - brillant unterstützt vom alten
Stoiker-Kumpel Nick Woodland (Gitarre) nebst den
Youngstern Flo Schmidt (Bass) und Manni Mildenberger
(Schlagzeug) - erklärt das globale Absurdistan
auf seine Art, mal melancholsch, mal wild, fröhlich
zornig, als erschreckend kluger Depp in einer depperten
Welt.
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