Presse 2006
Münchner Merkur, 21.10.06

Auf dem Grat zwischen Schmerz und Kommerz

Ringsgwandl mit „Der schärfste Gang“ im Gautinger bosco
Von Freia Oliv

Gauting – Ringsgwandl spinnt einfach. Das haben wir ja schon lange gewusst. Aber dass spinnen so Spaß machen kann, das bewies er jetzt mal wieder in Gauting. Keiner sonst führt sich so ungeniert auf, jault zum Keyboard grässlichste Opern, entwickelt skurrilste Horrorszenarien aus dem Alltag und geistert über die Bühne wie Frankenstein.

Ringsgwandl spintisiert aber auch. Über eine bessere Welt, über ein Leben als Kuh und die Wiedergeburt als Landwirtschaftsminister mit grenzdebilem Gschau. Über die beängstigende Umwälzung im Null-Energie-Haus und über die endzeitliche Vergnügungssucht, bevor der Russ’ oder der Bush kommt. Ringsgwandl missioniert also. Der Modeverweigerer hat sich nicht eingefügt in die Konsumgesellschaft, aber er versteht sie bestens zu bedienen: Der Ruf des Revoluzzers eilt ihm weit voraus und er wird ihm auch heute noch, mit 57 Jahren, voll gerecht. Das ist genau das, was die Gesellschaft will: einen Verrückten, durch seine Vergangenheit als Arzt rehabilitiert, und mit seiner Musik auf dem Grat zwischen Schmerz und Kommerz.

„Der schärfste Gang“ heißt das neue Programm, und Ringsgwandl nimmt das zunächst wörtlich. Robotertänzchen und Rock zum Auftakt. Dann aber hat sich der Anti-Gewalt-Kurs doch bezahlt gemacht. Der zwischendurch so grundsolide Musiker und Zitherspieler freut sich heute, wenn der Staat via Strafzettel mit ihm spricht. Während in den Liedern das brave Leben und der garstige Kommentar dazu zumeist eingängig, balladesk bis rockig, zuweilen gen independent subsumiert werden, sind die Kabaretteinlagen und die Soloavancen die härtere Gangart. Im Blitzziegen-Seidenhemd aus den Endmoränen der Mongolei erinnert er sich an seine Murnauer Wertanlage-Moorleiche und träumt vom Urlaub im Gautinger Nagelstudio.

Die Improvisation, der schräge Ton und die Gesellschaftssatire sind fein abgestimmt und werden dialektisch derb präsentiert. Es ist eine Schau der Gegensätze. Ringsgwandl hat vorrangig Freude daran, Opern-Reisebusse im Stausee zu versenken. Hintergründig aber ist es die Lust am Laut, die ihn auf schräge Musikbahnen führt. Die Band unterstützt bestens und baut ebenso auf Kontraklischees: der brave Schlagzeuger Mani Wildenberger, der egozentrische Bassist Florian Schmidt und der „derhauene“ Gitarrist Nick Woodland. Ringsgwandl selbst fühlt sich beim Gangsta-Rap-Hoagascht so richtig sauwohl. Sein Publikum auch.

Linz, 16.10.06

Comedy im Posthof

Anarchie als der Weisheit letzter Schluss
Von Silvia Nagl

"Der schärfste Gang" heißt das neueste Oeuvre des bayrischen Rockkabarettisten Georg Ringsgwandl, mit dem er am Freitag im ausverkauften Linzer Posthof gastierte.

Der Herr Doktor, ehemals Kardiologe in Garmisch-Partenkirchen, hat 1993 das Skalpell endgültig gegen die Gitarre und den Krankenhausmief gegen Bühnenluft getauscht. Dort zieht er seine schräge, abgefahrene, irrwitzige Show samt choreographischen Bemühungen ab: vom fröhlich-rotzigen Rockkabarett ("Wäsch versaun") über ironisch-humoriges Landlertum mit Durchblicker-Philosophie ("Feng Shui Liad") bis hin zum hippen Gangsta-Rap an der Zither ... Alles mit den Bühnengefährten Manni Mildenberger (Schlagzeug), Florian Schmidt (Bass) und dem altgedienten Gitarrepoeten Nick Woodland.

Abstruse Gefilde

Er versteigt sich in die Gefilde der Absurdität oder gräbt im Sumpf des Alltagsfaschismus Typen wie den "Garten-Nazi" aus. In der konsequenten Stilisierung der Bühnen-Ikone Ringsgwandl ist er inzwischen in einem Stadium angelangt, das ihm alles erlaubt, ohne dass er ausgepfiffen wird. So auch eine unglaublich blöde Ein-Mann-Oper. Nach drei Stunden Ringsgwandl könnte man zur Überzeugung kommen, dass der Weisheit letzter Schluss nur die Anarchie sein kann. Furios, grandios, unvergleichlich!

Münchner Merkur, 12.10.06

Verena in der Arona

Einfach gut: Ringsgwandl im Circus Krone
Von Johannes Löhr

Es kommt schon verdammt selten vor, dass Rockmusiker nach einer 20-jährigen Karriere noch etwas von Belang absondern. Warum also ist Georg Ringsgwandl an diesem Abend im Münchner Circus Krone immer noch so gut? Schlicht und einfach: Er pfeift auf Einordnungen. Was ist er? Ein Rockmusiker gar nicht, dafür sind seine Texte zu hintersinnig, seine sprachlichen Manierismen zu komisch und seine ekstatisch ausufernden "choreographischen Bemühungen" zu himmelschreiend überkandidelt. Als versuche sich ein Waldorfschüler an einer James-Brown-Bühnenshow. Für einen Kabarettisten wiederum macht er mit seiner dreiköpfigen Begleitband schlicht zu mitreißende, glücklich machend groovende Musik.

Eine "Masche", die sich nicht abnutzt: Der grell Geschminkte betrachtet zeitlos gültig die Abartigkeiten der modernen Zivilisation - vom Hindukusch bis zum Murnauer Moos - und rückt die Dinge ungeschminkt wieder zurecht. Der Blickwinkel ist dabei im besten Sinne provinziell: "Mei Betriebssystem is Boarisch", sagt er. Mit seiner Informiertheit und Inteligenz verschmilzt dies zu einer gelehrten Schrulligkeit. So besingt er die männerhassende Politesse "Vroni von der verkehrberuhigten Zone" als "Prinzessin von der Parkraumüberwachung" oder den besoffenen Ehemann, der nicht aus der Kneipe kommen kann - "er sitzt grad' so guat im Feng-Shui".

Ringsgwandl selbst hockt sich mit Sonnenbrille und über die Ohren gezogener Strickmütze als Vorzeige-Rapper "Flashmaster R." an die Zither, um "some motherfuckin' Stubn-Musi" zu spielen. Wie schmerzhaft ein Lachkrampf sein kann, erfahren wir beim Bericht vom Ehekrach im Niedrigenergiehaus und dem missglückten Opernprojekt bei der "Verena in der Arona". Nicht bloße Nebenfiguren sind dabei der irrwitzig lässig aufspielende Gitarrenvirtuose Nick Woodland sowie Bassist Florian Schmidt und Schlagzeuger Manfred Mildenberger. Was der genau ist, wissen wir zwar nicht - aber er wird immer besser.

Schwäbische Zeitung, 14.08.06

Ringsgwandl entzückt wieder sein Publikum

ISNY- Georg Ringsgwandl ist - ohne Blondhaarperücke aber mit Band und seinem Programm "Alte Reißer & Frisches Gwachs" - am Freitagabend als vorletzter Act beim Theaterfestival aufgetreten. Draußen tobte der Regen, drinnen das Publikum.
Von Lisa Contag

Dennoch konnte einem mitunter melancholisch zumute werden, schien es doch, als sehe man vor sich den wertvollen Vertreter einer selten gewordenen Spezies. So sonderbar es klingen mag, das immer schon gewesene Unikum Ringsgwandl einer Art zuordnen zu wollen, so klar scheint, dass der Blick, den der 57-Jährige auf die Welt und die Dinge bewahrt hat, in einer Zeit grassierender Sehen- und-Vergessen-Gewohnheit rar geworden ist.

Ringsgwandls sprühende Schrägheit, seine fahrig-lässigen Meander-Sätze waren wohl wie immer. Und doch klang das Freche, Provokative, Derbe oder Abstruse, das es zu hören gab, nun oft auf eigentümliche Art leise weise. Wenn Ringsgwandl Robbie Williams kategorisch zu "Robi Wiliam" reduzierte, etwa, dann war das, als würden die Prioritäten zurechtgerückt; und wenn er wiederholt zu Geographie-Exkursen anhob, um sicherzustellen, dass das Publikum sich auskennt, in der eigenen Heimat, auch.

Keine blonden Haare, diesmal

Auf sein Markenzeichen, Blondhaarperücke und schrille Schminke, verzichtete Ringsgwandl in Isny. Zwar gab es Kostümwechsel, doch die meiste Zeit spazierte er (dezent bemalt) in Anzug und Hut über die Bühne. Nicht, dass das Programm dadurch in irgend einer Weise verloren hätte. Ganz und gar nicht.

Es gab wieder jede Menge Liedgut, zum Beispiel über die "Vroni von der Verkehrsberuhigungszoni", einen "Gängstarapperstubenmusizitherrap", und auch ein historisch verbriefter Opiumplomben-Schwesternkuss in der Justizvollzugsanstalt Kempten wurde am Mikrophon nachgestellt.

Manchmal führte Ringsgwandl den Zeitgeist an der Nase herum: zappelte flapsige Choreographien im Stile gängiger Video-Clips und sang dazu Songs über Feng Shui und die kinderlose Gesellschaft; oder hielt einen fachmännischen Angeber-Vortrag über Markenkleidung - und Transpiration. Manchmal wurde er grimmig, zum Beispiel in der traurigen "Volksmusik" über den kleinen Mann im Irak und in Afghanistan.

Versiert unterstützt wurde er von der Münchner Studiolegende Nick Woodland (Gitarre), dem ambitionierten Florian Schmidt (Bass) und dem viel versprechenden Manfred Mildenberger (Schlagzeug), zusammen seine "Kapelle".
Hinter dem Vorhang verschwand diese, als Ringsgwandl in Blumen-Strass-Pulli, eine Kissenbezug-Goldmütze auf dem Kopf, zu seiner solistischen Meisterleistung des Abends anhob, der gesungenen Geschichte von seiner Oper "Verena in Arona". Zu blipsigem Synthesizer trällerte in ringsgwandelschem Falsett eine Prinzessin ihre Pferdearie, sank ein Drei-Sterne-Reisebus voller Opern-Touristen bis auf den Grund eines Stausees ("blubblub"), wälzten sich 230 Elefanten auf die Bühne. Gerne hätte man einen Rückspul-Knopf gehabt, um sich das Ganze nochmal anzuschauen. Das Publikum behalf sich stattdessen mit Handarbeit. Ringsgwandl entlohnte es großzügig.

Weserkurier, 14.01.2006

Im Kern des Clowns brodelt der Schmerz an der Welt

Ein Schelm, der Böses dabei denkt: Georg Ringsgwandl und seine Band begeisterten im Theater am Goetheplatz
Von Christian Emigholz

BREMEN. Für Bestattungsunternehmer müssten Gastspiele von Georg Ringsgwandl eigentlich Festtage sein. Kaum ein anderer beschäftigt sich derart eingehend mit Särgen, Tod und (bei Bedarf) Teufel, schielt auch - schamhaft oder schamlos - auf Gott, stellt Fragen nach dem Ende des Diesseits und liefert Ausblicke auf das Jenseits, weiß sogar Antworten wie "Nix mitnehma".

Das bedeutet nun keineswegs, dass sich im Publikumsraum Trauergesellschaften einfinden würden. Das genaue Gegenteil ist jetzt beim Auftritt von Ringsgwandl und seiner dreiköpfigen Band im Theater am Goetheplatz der Fall gewesen. Das Publikum kichert und lacht, bald laut, bald leise, johlt vor Begeisterung und immer wieder gibt es donnernden Applaus, der zuletzt gar nicht enden will. Keine Frage, der Clown auf der Bühne ist auch zu komisch mit seinem feinen Grinsen, seinen merkwürdigen Monturen und den eigenartigen Körperverrenkungen, die unentschieden zwischen bräsiger Rockpose und chiffonflatterndem Ausdruckstanz changieren.

Aber wie bei allen großen Clowns scheint auch tief in Ringsgwandls innersten Kern die Galle des Melancholikers zu brodeln, der den Schmerz an der Welt, der Gesellschaft und ihren Gegebenheiten fühlt, dies alles nur schlicht ins Komische wendet. So erscheint er uns als Schelm, der Böses dabei denkt.

Ringsgwandl reist nicht nur in Sachen Tod, seine Themen sind vielschichtig durch die Gesellschaft verstreut. Der Komödiant widmet sich allen möglichen Verhältnissen unmd Zuständen, wichtigen Problemfeldern wie der falschen oder richtigen Ernährung von Hunden, der Bedeutung des Stofftaschentuchs für die Menschheitsgeschichte oder die Entwicklung der bayrischen Sprache aus Kuhlauten.

"Alte Reißer und frisches Gwachs" hat er das Programm genannt, in dem sich tatsächlich allerhand alte Reißer von der legendären "Marion vom Waschsalong" bis hin zum "Garten-Nazi" finden. Daneben aber sind auch Neuigkeiten zu entdecken wie "Reiß' die Hütten weg", für das Ringsgwandl eigens eine auf Bremens Spacepark gemünzte Strophe ("Was steht da rum in Walle?") geschrieben hat.

Aber neu wirken bei dem Mann aus Murnau ohnehin auch die alten Songs, denn die garniert er mit scheinbar extemporierten Moderationen und variiert die Texte. Zu einer Komödiantischen Sterstunde wird sein Solo, bei dem er Einblicke in sein Schaffen als Opernkomponist gewährt. - Tatsächlich hat er bereits einige Theaterstücke geschrieben, warum also nicht auch bald eine Oper? - Das ist ein wüstes Spektakel mit vorgeblich 250 Elefanten, Knabenchor und dramatischem Sopran, wobei Ringsgwandl sämtliche Rollen singt, besser, ansingt und zwar vom Rezitativ bis zum Arioso - eine ausgemacht verstiegene, absurde und fantastische Valentiniade.

Anders als in frühen Jahren räumt Georg Ringsgwandl seiner Begleitband während des Auftritts auch Raum für Eigenes ein: Schlagzeuger Manfred Mildenberger darf sich auch als sympatisch jungenhafter Sänger profilieren, Gitarrist Nick Woodland erhält ebenso seinen Solopart wie E-Bassist Florian Schmidt, womit zugleich die Kleiderwechsel des Chefs geschickt überbrückt werden. Ein fulminanter Abend!

FAZ, 09.01.2006

Vierfach persönlich gespalten

Georg Ringsgwandl in der Alten Oper
Von Roman Weigand

Nachhaltig lebt er, der Ringsgwandl Georg. Dem Katarrh, wie der Bayer altgriechisch zum Schnupfen sagt, begegnet die Ikone des weißwurschtigen Musikkabaretts umweltverträglich mit Großvaters Stofftaschentüchern. Hygienisch bereitet er die Erbstücke aus Weltkriegszeiten immer wieder auf. So demonstriert es Ringsgwandl in der Frankfurter Alten Oper: benutzen, auf die Heizung legen, ein paarmal kräftig auseinanderziehen, fertig! "Scho kost se ana Frau wieda obieten."

Ringsgwandl selbst hat eine ähnlich lange Halbwertzeit. Seit 30 Jahren behandelt der frühere Kardiologe, der 1993 den Arztkittel endgültig an den Nagel hängte, die Herzen seiner Fans mit musikalischen Mitteln unterschiedlichster Rezeptur. Auch sein neues Programm "Alte Reißer& Frisches Gwachs" kredenzt schrille Farben, schräge Töne und schnelle Wechsel. Ein buntes Gemisch aus Bekanntem und Neuem erklingt im Mozart-Saal. Rockige und bluesige Nummern stehen neben funkigen Crossover-Hüpfeinlagen und Verulkungen der Neuen Musik. Für seine "Gangsta-Rappa-Stuben-Musi" auf der Zither zieht Ringsgwandl den Schritt der blau-weiß karierten Hose nach Ghetto-Art in die Knie. Nicht zu vergessen die Wollmütze und die coole Brille: "Yo, Yo".

Die Band präsentiert sich in glänzender Spiellaune. Bassist Florian Schmidt sieht mit seinem silbergrauen Raumanzug aus, als käme er aus einer fernen Galaxie. Musikalisch ist er jedoch gut geerdet. Zusammen mit Schlagzeuger Manfred Mildenberger, der sich um sein abgespecktes Instrumentarium windet wie Keith Jarrett um den Flügel, erzeugt er ein grooviges Fundament. Wenn es darauf ankommt, geben die beiden richtig Gas, wechseln schnell Tempo und Stilistik, scheuen aber auch vor minimalistischen Passagen nicht zurück. Dabei greift der kauzige Gitarrist Nick Woodland schon mal zur Mandoline, wenn er nicht gerade ein leises Klavier-Intro mit schneidender Wah-Wah-Gitarre für beendet erklärt oder seinem Chef mit wehmütigen
Bottleneck-Soli eine Atempause verschafft.

Die Musiker harmonieren gut mit Ringsgwandl, dessen Metier die Gegensätze sind. Er palavert bajuwarisch und meint es kosmopolitisch, textet wie ein Mann und gestikuliert wie eine Frau, singt wie ein Bayer und geht wie ein Ägypter. Androgyn ziert er sich, tänzelt hin und her, läßt die Hände kreisen, kokettiert und beschwichtigt, verführt und weist zurück. Augen und Lippen sind kräftig geschminkt, die Kleidung wechselt er im Flug: eben noch Rapper, jetzt schon erstaunlich nahe am Transvestiten, mit femininem Blümchenoberteil, schwarzen Leggins und weißen Schuhen, dazu einem orangen Umhang mit blauem Schal. "Des muß ma fei tragen können."

Auf seinem Hocker schlägt er, eine Mischung aus Sharon Stone und Lilo Wanders, die Beine übereinander und pumucklt laut aufjauchzend die Arien seiner atonalen 16-Stunden-Oper. Er hat sie eigens für die B-Prominenz des deutschen Vorabendfernsehens und 260 ausgemusterte Aida-Elefanten komponiert.

"Ferdi" hätte es nicht besser gemacht und Hape Kerkeling vermutlich" gehurzt", was das Zeug hält, wäre er nur dabeigewesen. Ringsgwandl betreibt jedoch mehr als nur schöngeistige Kulturkritik. Er geht ans Eingemachte, an die Psyche: "Sog moi, bin i deppert, in einer depperten Welt?" heißt es in einem Song, "bin i schizophren, hot's mia des Hirn varrissn?" Wohl eher ist es sein bayerisches "Betriebssystem", mit dessen Hilfe der nach eigenem Bekunden vierfach persönlich Gespaltene manches anders sieht als die Menschen nördlich des Limes. "Des eigentliche Lebn spuilt si im Dialekt ab", sagt er und brüllt kehlig die Eigenarten der dritten Lautverschiebung: "I wui" reimt sich auf "pfui" und auf "Feng Shui". Die Denkart des Bayern sei dem Tier und dem Asiaten also ungleich näher als dem deutschen Hochsprachler, lautet die Schlußfolgerung. Im vergangenen Jahr hat man Ringsgwandl den "Prix Pantheon" in der Kategorie" Reif und Bekloppt" verliehen. Seine Kapriolen um Smaragdbaumnattern und Luxusschnalln, um Gartennazis, Konsumverweigerer und falsch ernährte Hunde
seien "frei von ideologischen Einflüssen", heißt es unmißverständlich in der Laudatio. Sofern das Bayerische keine Ideologie ist, möchte man ergänzen." Aber so is hoit's Lebn, irgendwie wird's scho wern."

Frankfurter Rundschau, 09.01.2006

Der Vogelwilde

Georg Ringsgwandl lässt in der Alten Oper die Ohren klingeln
Von Michael Neuner
Beinah wär das ältere Paar im falschen Saal der Alten Oper gelandet: Die Kartenkontrolleurin hat's gemerkt, sie zu Sinatra & Co. in den Großen Saal bugsiert und Schlimmeres verhindert. Denn Hochglanzunterhaltung hat Dr. Georg Ringsgwandl (Kardiologe!) nicht zu bieten, vielmehr ein "Dreikönigstreffen der Irrsinnigen-Partei". Auch das ein Gesamtkunstwerk, aber ein bitterböses. Mit Garten-Nazis und Vegetarierschlampen, Hühnerärschen und VHS-Leiterinnen. Ein Abend, der endlich mal wieder anständiges Musikkabarett nach Frankfurt brachte.

Böse sind die Geschichten um kleinbürgerliche Idyllen und die Hoffnung auf Lebensglück; aber verletzend gegenüber den Frustrierten, Bekloppten und Abgehalfterten wird Georg Ringsgwandl nie. Seine Feindbilder sind: Die Trenchcoatträger, die Reichen, die Nichtskönner, die Aufgeblasenen. Gern setzt der Bayer seinen Dialekt ein sowie alpenländische Brauchtumsgegenstände (er spielt glänzend Zither, wenigstens in F-Dur).

Gewiss, wenn Ringsgwandl im Gaze-Fummel über die Bühne springt, ein vogelwildes Gesicht macht und schreit, dass einem die Ohren klingeln, wird's schon befremdlich. Aber so exaltiert er sein kann, so politisch auch, so sehr nimmt er sich dann wieder zurück mit pointenlosen Geschichten, bei denen alle Seligkeit im Erzählen liegt.

Das musikalische Niveau steht Ringsgwandls choreografischen und wortartistischen Bemühungen in nichts nach. Gitarrist Nick Woodland, Bassist Florian Schmidt und Schlagzeuger Manfred Mildenberger sorgen für Unterhaltung, wenn der Chef sich mal abtrocknen oder umziehen muss. Ansonsten verleiht das Trio den Songs von Ringsgwandl ein Blues-, Country- oder Rock'n'Roll-Fundament, angereichert mit groovigen Gitarrensoli und Schlagzeugeinlagen, die allein das Geld schon wert sind.

Direkt vors Schienbein

Gerade weil sich Ringsgwandl weder um Moden noch um Ideologien schert, kann er seine Alltags-Prototypen und ihre Deformationen so schön beleuchten. Das rückt ihn in die Nähe der großen Menschen-Sezierer Karl Valentin und Helmut Qualtinger. Seine Kunst, entlarvende Details mit erbarmungsloser Freude zu beschreiben - und dabei den Richtigen vors Schienbein zu treten -, ist so vital wie großartig.

Für Vegetarier und Anthroposophen war der Abend nur bedingt geeignet; auch das Feng Shui im Mozartsaal dürfte gelitten haben. Aber bis zum nächsten Streichquartettauftritt müsste das wieder in Ordnung sein.

Wiesbadener Kurier, 09.01.2006

Als Paradiesvogel getarnter Zyniker

Alte Oper: Performance von Georg Ringsgwandl
Von Peter Müller
FRANKFURT "Grüne Smaragdbaumnatter, die einzige Pelzschlange der Welt", wahlweise Strumpfhose, orange-seidenener Morgenmantel, Schlapphut und giftiger Lippenstift - das ist der Stoff, aus dem seine tuntigen Outfits sind. "Multidilettantismus", versetzt mit absurdem Theater, gepflegtem Krautrock oder Blues und munterem Anarcho-Kabarett - das sind die Zutaten, aus denen seine schrille Kunst gebacken ist. Jedes Mal neu, jedes Mal unberechenbar. "Deppert in einer depperten Welt?", wie es der Opener verspricht? Ein Otto Walkes auf LSD oder nur ein durchgeknallter Anwalt der Normalverlierer? Vielleicht, vielleicht auch von allem ein bisschen. Jedenfalls kommen Songs und Denk-Kapriolen jenseits bekannter Schubladen dabei heraus: dezent apokalyptisch, lakonisch wurschtig, exzentrisch bis irritierend doppelbödig. Georg Ringsgwandl bleibt ein tief bajuwarisches, und irgendwo doch universelles Gesamtkunstwerk des Schrägen. Einer, der gar nicht wissen will, wer er ist, weil diese Entdeckung ihm wohl Weltschmerz bescheren würde. Also lässt er die Analyse und probt seine Narreteien öffentlich, was ihm gerade noch den "Prix Pantheon, Kategorie "reif und bekloppt" brachte.

Statt am offenen Herzen zu operieren, tingelt der Ex-Kardiologe nun schon seit gut zwei Jahrzehnten vorzugsweise mit seiner "Krattler-Combo" über die Bühnen der Republik, conferiert sich durch den Irrsinn des Alltags, ironisiert die eigene Performance und verschmilzt Jango Edwards mit Dire-Straits-Rock zum undefinierbaren Ganzen. Das immerhin korrespondiert mit einem Dialekt, der sich im ausverkauften Mozartsaal der Alten Oper erst nach erklecklicher Eingewöhnungszeit als niederbayerisch-tirolerisches Kauderwelsch verorten lässt. "Alte Reisser & Frisches Gewachs" titelt die Test-Tour zur für Mai avisierten CD/DVD. Da gibt es nun in der Münchner Vorstadt, wo die Straßen Vogelnamen tragen und braune Gartenzwerge den Weg weisen, wieder den alten "Garten-Nazi" zu entlarven, "Hüttn" - will heißen: die Allianz-Arena - "wegz´reißen" oder Wollmütze und Sonnenbrille überzustreifen, um als grimmig "Motherfucker" murmelnder Gangstarapper (mit Zither!) sich selbst mitsamt aller Berliner Polit-Phrasen als "Bremsklotz der Konjunktur" zu outen.

Dazwischen verulkt Ringsgwandl mit vorsätzlich verquerem Bewegungsvokabular Rocksaurier wie Jagger und Co., er fabuliert über "Vegetarier-Schlamp´n in der "Fachwerk-Studenten-Kommune" Tübingen, konstatiert "Mein Hund wird falsch ernährt" oder referiert über die Aufbereitung vollgerotzter Taschentücher. Witzig sind die mit optimistischer Resignation verkündeten Anekdötchen des als Paradiesvogel getarnten Zynikers nur selten, eher schon makaber, illusionsfrei und giftig-bissig. Ringsgwandl - brillant unterstützt vom alten Stoiker-Kumpel Nick Woodland (Gitarre) nebst den Youngstern Flo Schmidt (Bass) und Manni Mildenberger (Schlagzeug) - erklärt das globale Absurdistan auf seine Art, mal melancholsch, mal wild, fröhlich zornig, als erschreckend kluger Depp in einer depperten Welt.